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Roland Reichenbach: … für die Schule lernen wir

Cover Roland Reichenbach: … für die Schule lernen wir. Plädoyer für eine gewöhnliche Institution. Klett-Kallmeyer (Hannover) 2013. 144 Seiten. ISBN 978-3-7800-4968-1. D: 16,95 EUR, A: 16,40 EUR.
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„Die Schule wird's schon richten!“ und „Die Schule muss es richten!“,

das sind schon immer, seit es Schule gibt, die unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Vorstellungen von Bildung (weniger von Erziehung) in der Institution, die der Staat für den Bildungsauftrag eingerichtet hat. Der theoretische Diskurs und die praktischen Ausführungen über Bildungsprozesse füllen Bibliotheken. Die in den Bildungslexika und Handbüchern annoncierten und ausformulierten Definitionen und Handlungsanweisungen zeigen, wie Bildung sich in der jeweiligen Gesellschaft und Kultur darstellt und gehandhabt wird (vgl. dazu: Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php).

Bildung ist ein Menschenrecht, wie dies in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Artikel 26/2 definiert ist: „Die Bildung soll auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung und Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie soll Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Völkern und allen rassischen oder religiösen Gruppen fördern und die Tätigkeit der Vereinten Nationen zur Aufrechterhaltung des Friedens unterstützen“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 53). Mit dieser Festlegung erhält Bildung einen immens bedeutsamen politischen Charakter; während die andere Definition die individuelle Bedeutung von Bildung herausstellt: „Bildung ist … die individuelle Gestaltung, Prägung und Entfaltung einer Person mit dem Ziel, in Wechselwirkung mit der Natur und den jeweiligen historisch bedingten kulturellen Gegebenheiten die eigenen Anlagen in möglichst umfassender Weise zu entwickeln, so dass diese Person einerseits den an sie gerichteten Anforderungen zu entsprechen vermag, wie sie andererseits sich frei zu diesen Anforderungen verhalten kann (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 23. vollständig neu bearb. Auflage, S. 98, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8564.php).

Der Mensch ist ein auf Anpassung und Widerstand angelegtes Lebewesen, wobei die Reihenfolge nicht als Präjudiz verstanden wird; es kann genau so gut aufgezähl werden. Fest jedenfalls dürfte stehen, weil der anthrôpos, der Mensch, ein mit Verstand und Vernunft ausgestattetes Lebewesen ist, dass er, wie dies bereits der griechische Philosoph Aristoteles zum Ausdruck brachte, nach einem guten, erfüllten Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen strebt. Das Idealbild eines guten, sittlichen und moralischen Lebens“ freilich klafft in den Vorstellungen der Menschen und Mächte auseinander. Es sind dabei immer die in der jeweiligen Gesellschaft verfassten, gewohnten, erworbenen, diktierten oder erkämpften Werte und Normen, die ein „gutes Leben“ symbolisieren. Die zahlreichen Kontroversen, wie Bildung vermittelt werden soll – pädagogisch, anthropologisch, psychologisch, militärisch, ideologisch, autoritär oder freiheitlich… – machen deutlich, wie umstritten Bildungsvermittlung im gesellschaftlichen Diskurs bis heute ist (vgl. dazu z. B. die Provokation von Bueb zur „Disziplin“: Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4096.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Schule ist eine gewöhnliche Institution? Das ist erst einmal eine eigenwillige Interpretation. Schaut man sich aber die vielfältigen Synonyme zum Begriffs „gewöhnlich“ an, werden schnell die unterschiedlichen Bedeutungsgehalte deutlich, etwa im Sinne von: herkömmlich, meistens, alltäglich, bekannt, regelmäßig, normalerweise, gängig, altbewährt, normal, gebräuchlich, durchschnittlich…, aber auch: unanständig, unwichtig, banal… (http://synonyme.woxikon.de/synonyme/gewöhnlich.php). Der bekannte Spruch „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!“ ist ja die Umkehrung einer uralten Kritik am institutionalisierten Lernen, wie ihn der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca in seiner Schulkritik formulierte: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernt Ihr“. Über die Institution „Schule“ als Anstalt und Lernort wird immer wieder reflektiert, argumentiert und demagogisiert. Die „Abschaffung der Schule“ wird gefordert, und der Zumutung wird heftig widersprochen (Edith Kohn, Der ganz andere Ivan Illich. Wie ein Priester zum Verkünder wurde, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13823.php); über die Rätsel der Lernanstalt wird fabuliert (Karl-Josef Pazzini, Hrsg., Lehren bildet? Vom Rätsel unserer Lehranstalten, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10560.php); eine humane Schule wird gefordert (Wilfried Baur, Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13481.php), wie gleichzeitig darauf gezeigt wird, dass es möglich ist, gute Schulen zu führen (Jörg Dräger, Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12102.php); auch dass es Best Practice Projekte gibt (Margret Rasfeld, "Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin", 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11659.php). Nationale und internationale Vergleichsuntersuchungen bestätigen der „deutschen Schule“ regelmäßig, dass bei ihr einiges im Argen liegt (Tamara Carigiet Reinhard, Schulleistungen und Heterogenität. Eine mehrebenenanalytische Untersuchung der Bedingungsfaktoren der Schulleistungen am Ende der dritten Primarschulklasse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13495.php). Schulreformmaßnahmen werden gefordert und ihre Auswüchse gegeißelt (Stefan Wellgraf, Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13484.php); Autorität wird eingefordert und ihr Missbrauch aufgespießt (Peter Dudek, "Liebevolle Züchtigung". Ein Missbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12807.php). In Ratgebern wird für eine kindgerechte Erziehung geworben (Herbert Renz-Polster, Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11729.php); und eine zukunftsfähige Bildung ist angesagt (Johannes Tschapka, Bildung und Nachhaltige Entwicklung. Die Vermittlung einer zerbrechlichen Zukunft, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11129.php). „Die Schule muss es richten!“ und „Die Schule wird?s schon richten!“, das sind nicht nur Biertisch- und vom Fernsehsessel aus ausgestoßene Parolen, sondern gehen auch Bildungspolitikern allzu leicht über die Lippen. „Wir alle wissen, dass Schule und Bildung (für den Einzelnen und die Gesamtgesellschaft) sehr bedeutsam sind, aber was an der Schule und Bildung es genau ist, das so bedeutsam ist, wissen ‚wir‘ offenbar zunehmend weniger“.

Der Erziehungswissenschaftler von der Universität Zürich, Roland Reichenbach, eröffnet die neue Reihe des Klett-Kallmeyer Verlags „Bildung kontrovers“ mit einem „Plädoyer für eine gewöhnliche Institution“. Dabei verweist er auf ein Paradox: Die Institution Schule entwickelt sich in einer zunehmend verschulten Gesellschaft zu einem immer größer werdenden Unsicherheitskandidaten. Die Analyse des Autors gestaltet sich als ein auf Flaschen gezogener Zwischenruf und eine Bestandsaufnahme des vielfältigen Diskurses um Schule und Bildung.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Ausblick gliedert Reichenbach sein Büchlein in fünf Kapitel. Im ersten geht es um „Lernen im Kollektiv“, im zweiten um „Personalität des Lehrers“, im dritten um den „unklaren Erziehungsauftrag“, im vierten um die „demokratische Dimension der Schule“ und im fünften Kapitel um das Paradoxon „Schule als Ort des Tausches und der Täuschung“.

Schule ist eine Lern- und Erziehungsanstalt, was bedeutet, dass die Lernenden als Individuen in Gemeinschaft mit anderen Individuen zusammen sind und gemeinsam ein in der Gesellschaft geprägtes und gelebtes Sozialverhalten und gefordertes Wissen erwerben. Der Autor bringt dabei den Wesensgehalt der „Zivilität“ in den Diskurs, gewissermaßen als Vorstufe und Voraussetzung für moralisches und sittliches Denken und Handeln. Wir sind dabei weit entfernt vom „Nürnberger Trichter“, einem Symbol von egoistischer, kognitiver Wissensaneignung; vielmehr geht es in wohlverstandener Individualität, frei nach Kant darum zu lernen, selbst zu denken, das Denken des anderen mitzudenken und mit seinem Denken im Einklang mit sich selbst und der Welt zu sein (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php). Zivilgesellschaftliches Denken und Handeln beinhalten die Verhaltenskategorien „Anstand“ und „Gemeinsinn“ und sollten stärker als bisher in Schulgestaltung und -kritik einbezogen werden.

Die professionelle Kompetenz des Lehrers und der Lehrerin, Wissen und Leben lernen zu vermitteln, beinhaltet auch und mit gleicher Intensität die Personalität im Lehrberuf. Schule ist so gut oder schlecht, wie Lehrerinnen und Lehrer in ihr gut oder schlecht sind! An dieser Stammtischweisheit ist etwas dran und vieles falsch. Der Lehrer und die Lehrerin brauchen, um einen guten Unterricht zu gestalten, Wissen über den Lerngegenstand; sie benötigen aber auch die Fähigkeit, den Lerninhalt zu durchdringen und zu mögen, wie auch die Empathie, als Lehrender den Mitlernenden Mut und Demut zu vermitteln.

Der Bildungs- und Erziehungsort Schule ist keine Technologieanstalt; vielmehr stellen „Anpassung und Widerstand“ die beiden konkurrenten und kongruenten Herausforderungen (auch) für schulisches Lernen dar. Das Ethos des Lehrberufs gründet in der Autonomie des Lehrens und Lernens, „die jeweils situationell und individuell klugen und pädagogisch versprechenden Handlungsentscheidungen zu treffen“ und mit der Ganzheit der Person zu unterrichten.

Der Mensch ist, nach Aristoteles, ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen, das in seiner Vernunft- und Gemeinschaftsbezogenheit nach einem „guten Leben“ strebt. Das geht nicht ohne Gerechtigkeit und demokratischem Bewusstsein. Schule muss also eine auf Partizipation ausgerichtete Institution sein. Demokratie aber erwirbt der Mensch (im allgemeinen) nicht durch Wissensaneignung, sondern durch Erfahrung: „Schule ist keine Polis und auch keine Gesellschaft im Kleinen, sondern konstitutiver Teil der Gesellschaft“. Die Illusion der 68er, mit Schule Gesellschaft zu verändern, bedarf der Korrektur insofern, als es notwendig ist, Gesellschaft und Schule zu verändern!

Die Kategorien Tauschen und Täuschen formuliert Reichenbach nun interessanterweise um, indem er nach der institutionellen und pädagogischen Bedeutung von Schule Ausschau hält. Denn Schule ist eine Zwangseinrichtung, weil es – zumindest überwiegend – eine Schulpflicht gibt. Nimmt man den eher negativ konnotierten Begriff und drückt ihn als „Vor- und Nachahmung“ aus, erhalten Tausch und Täuschung die Bedeutung von „strategischer Kompetenz bzw. der Geschicklichkeit der Schülerinnen und Schüler (und der Lehrpersonen“, und damit eine weitere Anforderung für die Schule: Geschicklichkeit im Umgang mit Lehr-Lern-Zumutungen.

Fazit

Roland Reichenbach unternimmt mit seinem Zwischenruf den Versuch, Schule vom Olymp herunter-, aber auch aus der Gosse herausholen. Weil Bildung Personwerdung bedeutet, kommt der Bildungseinrichtung Schule eine besondere Bedeutung zu. Im theoretischen Kanon des Wissens-Denkens stellen Verfügungswissen, Reflexionswissen und Sozialisationswissen die drei tragenden Säulen des Bildungshauses dar. Es dürfte dem Autor gelungen sein, diese nicht in Frage zu stellenden Komponenten mit seinem Text zumindest hinterfragt und deutlich gemacht zu haben, dass es in der Schule von Heute und Morgen darum geht, „Bildung als Horizont zu verstehen und nicht als Arsenal“.

Das provokant getitelte „Für die Schule lernen wir“ will ja herausfordern, Lernen als Verhaltensänderung zu begreifen und die schwierige, anspruchsvolle und existentielle „Menschwerdung“ nicht als egoistisches Unterfangen zu begreifen (Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php), sondern in den Zeiten der Unsicherheiten (siehe dazu auch: Rainer Funk, Entgrenzung des Menschen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14189.php) gerechte und humane Halte- und Orientierungspunkte und -orte zu erkennen. Damit Schule einer davon werden kann, bedarf es des kritischen Nachdenkens, Formulierens und Diskutierens. Roland Reichenbach zeigt das mit seinem Text, der sich an Studierende, Referendare und Lehrpersonen in allen Schulstufen und -formen wendet, sowie an alle, die direkt oder indirekt mit den Transformationsprozessen in der Schule involviert sind.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.01.2013 zu: Roland Reichenbach: … für die Schule lernen wir. Plädoyer für eine gewöhnliche Institution. Klett-Kallmeyer (Hannover) 2013. ISBN 978-3-7800-4968-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14609.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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