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Reiner Andreas Neuschäfer: Inklusion in religionspädagogischer Perspektive

Cover Reiner Andreas Neuschäfer: Inklusion in religionspädagogischer Perspektive. Annäherungen, Anfragen, Anregungen. Garamond Verlag (Jena) 2013. 238 Seiten. ISBN 978-3-944830-01-8. 18,90 EUR.
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Thema

Inklusion, ein relativ junger Begriff, mit Verve in die gesellschaftliche Diskussion eingebracht sowie mit einem guten Schuss Vision versetzt, beherrscht die gegenwärtige Bildungslandschaft auf ganzer Linie: Obgleich der Inklusionsbegriff zumeist auf die gemeinsame Beschulung behinderter und nichtbehinderter Kinder verengt wird, ist es jedoch das Ziel einer inklusiven Schule, alle Schülerinnen und Schüler individuell und in Gemeinschaft zu fördern. Doch nicht nur bei der praktischen Umsetzung dieses Gedankens, zu der sich die Bundesrepublik durch die Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet sieht, zeigt sich in den organisatorischen und finanziellen Herausforderungen die eigentliche Tragweite der Idee. Vielmehr wird deutlich, wie sehr der Begriff „Inklusion“ auf der konzeptionellen Ebene einer sorgfältigen Reflexion bedarf. Diese wird in der Regel durch die säkulare Erziehungswissenschaft geleistet. Inklusion als Werthaltung und Produkt der abendländischen Kulturgeschichte weist jedoch eine große Schnittmenge mit christlichen Ideen und Werten auf. Von daher ist es ebenso naheliegend wie begrüßenswert, dass Reiner Andreas Neuschäfer den Versuch unternimmt, dieses ubiquitäre Schlagwort der gegenwärtigen Bildungsdiskussion aus theologischer bzw. religionspädagogischer Perspektive zu hinterfragen. Darüber hinaus möchte der Autor Anregungen für eine inklusive Religions- und Gemeindepädagogik beisteuern.

Autor

Dr. Reiner Andreas Neuschäfer ist Pfarrer und Dozent am Religionspädagogischen Institut Loccum. Er unterrichtet an nordrhein-westfälischen Gymnasien und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und Materialien zum Religionsunterricht.

Aufbau

Der Autor gliedert den Textteil seiner Veröffentlichung in fünf Teile. Nach dem Vorwort geht es im ersten Teil – „Annäherungen“ – auf rund 35 Seiten um den Begriff der Inklusion und seine gesellschaftlichen und bildungspolitischen Implikationen. Der Autor konstatiert zunächst, dass es sich dabei um einen vagen Begriff handele, der die Gefahr des ideologisierenden Missbrauches mit sich bringe. So bescheinigt er den Wortführern der Inklusionsdiskussion: „Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen ist man letztlich nicht auf Verständnis, Dialog und Austausch aus, sondern in verschiedenen Facetten und Nuancen auf Folgsamkeit hin ausgerichtet“ (Seite 13). Neuschäfer zufolge tauge die Inklusionsidee nicht dazu, gesellschaftliche Ausdifferenzierungsprozesse zu kompensieren: Ganz klar erteilt er damit einer säkularen Heilsbotschaft eine Absage, die seiner Meinung nach eine Überforderung darstelle. Vielmehr könne es Inklusion nur in Teilbereichen geben. Ebensowenig gehe es nur um die Integration von Menschen mit Behinderung – ein Aspekt, auf den dieses Konzept allgemein verengt wird. Neuschäfer betrachtet Inklusion vielmehr als ein Konzept, welches er auf drei Ebenen: kulturell, strukturell und praktisch reflektiert wissen möchte – und dies vor allem ideologiekritisch, ohne sich im Vorwege vereinnahmen lassen zu wollen.

Die „Einschätzungen zum Menschsein in christlicher Perspektive“ des zweiten Teils bringen dann die kritische Verschränkung von christlichem und inklusionspädagogischem Menschenbild. Dazu problematisiert Neuschäfer zunächst die Art und Weise, wie die Diskussion um Inklusion zurzeit geführt werde: Nämlich mit dem Ergebnis, dass der herbeigesehnte Vollzug der Inklusion die Exklusion der Andersdenkenden herbeiführe. Er weist zu Recht auch darauf hin, dass Menschen mit „komplexen Behinderungen“ (Seite 50) in dieser Diskussion quasi „verschwiegen“ werden. Neuschäfer spannt den Bogen über die Welt des Neuen und Alten Testaments hin zum Konstruktivismus und gelangt dann zum christlichen Menschenbild der Bibel. Des Weiteren listet der Autor Bibelstellen auf, die auf verschiedene Formen von Behinderungen Bezug nehmen. In diesem Sinne analysiert Neuschäfer den „fragmentarischen Charakter der christlichen Existenz“ und kommt auch auf den Einsatz von „leichter Sprache“ in der Religionspädagogik zu sprechen. Weiterhin geht es um die Einzigartigkeit der menschlichen Existenz sowie die Nichtverfügbarkeit der eigenen Existenz als Gabe Gottes – nach christlichem Verständnis. Insgesamt sind es wohl die Offenheit sowie die Betonung von Fragment und Prozess im christlichen Menschenbild, die als erstes Zwischenergebnis dieser „Einschätzungen“ zu verbuchen sind.

Da laut Neuschäfer Inklusion letztlich nicht in einem geschichtsfreien Umfeld diskutiert werde, schließt sich der dritte Teil mit dem Titel: „Integration und Inklusion in historischer Perspektive – eine Skizze“ an. Es bleibt, wie die Überschrift bereits ankündigt, allerdings nur bei einer fünfseitigen, sehr skizzenhafte Darstellung der Inklusionsbewegung vor dem Hintergrund der jüngsten Geschichte des Bildungswesens, hauptsächlich der empirischen Bildungsforschung und der so genannten Output-Orientierung, die durch Studien wie PISA, TIMSS oder biju markiert wird. Der Autor reißt ganz interessante Stichpunkte an, wie z.B. sinkende Schülerzahlen oder „Industrialisierung“ von Schule. Auch wirft er noch einmal die Frage nach einer immanenten „Entwicklungslogik“ – von der Separation hin zur Inklusion – auf, wobei er keinen der genannten Gesichtspunkte weiter ausführt.

Anfragen“ lautet dann der vierte Teil der Veröffentlichung, in dem der Autor begriffliche Hürden skizziert sowie Sprachspiele der aktuellen Diskussion identifiziert und das Verhältnis von Inklusion und Integration anreißt. Des Weiteren analysiert Neuschäfer das Verhältnis von Inklusion und Religionsunterricht anhand eines Bildungsbegriffes in evangelischer Lesart und erörtert die Rolle und die Aufgaben des Religionsunterrichtes in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Daraufhin vertieft Neuschäfer das Thema in Richtung der allgemeinen Didaktik entlang der Auflistung von zahlreichen Aussagen zu einer inklusiven Unterrichtsgestaltung, wobei er u.a. am Rande die Zugangs- und Aneignungsweisen einbezieht, die in der inklusiven Religionsdidaktik u.a. durch Schweiker propagiert werden. In diesem Kapitel finden sich überdies zahlreiche Gelingenshinweise für einen inklusiven Unterricht, wie die folgenden (Seite 144): „Das Wissen und die Kompetenzen sind nicht nur zu nutzen, sondern auch zu erweitern“, „Die Aufgabenstellungen haben in sachlogischer Abfolge zu erfolgen“ oder: „Möglichkeiten des Singens und Musizierens oder des Tanzens sollten als ausgesprochen ansprechende und entspannende Betätigung und Bewegung nicht zu kurz kommen“. Nach einer Erörterung der möglichen Investitionskosten für das Projekt Inklusion widmet sich Neuschäfer ab Seite 149 dann „Anfragen, Infragestellungen und Provokationen“, die er als drei Dutzend Statements unverbunden hintereinander schaltet, etwa: „Wozu ist der Begriff der Inklusion so schwer zu verstehen?“ (Seite 150), „Ist es genauso zu beachten, wenn jemand sich ausgegrenzt fühlt oder ausgegrenzt wird?“ (Seite 151) oder: „Wie sollen Pädagogen heilpädagogisch umfassend Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben, für die bislang ein eigenes Studium notwendig war?“ (Seite 151).

Von hier aus gelangt der Autor in Teil fünf – „Anregungen“ – dann zur Beschreibung gemeindepädagogischer Impulse unter inklusiver Perspektive, die auf der Praxisebene den Abschluss seines Textes bilden. Dazu skizziert Neuschäfer ganz praxisorientiert mit vielen Materialien und Fotos ein konfirmandenunterrichtliches Projekt zum Thema „Segen“, ohne hier aber dezidiert auf inklusorische Aspekte einzugehen. Daran schließt sich ein gemeindepädagogischer Impuls zur Arbeit mit Filmen der Initiative „It works!“ an, in denen es um Behinderung und Inklusion geht.

Den Schlussteil des Buches bilden ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister.

Diskussion

Wie bereits in der Einführung angemerkt, verbindet Inklusion und Theologie mehr als nur der schulische Religionsunterricht. Da sie beide der abendländischen Geistestradition entstammen, haben sie sich etwas zu sagen. Von daher ist eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion ein spannendes Unterfangen – nicht nur für Christinnen und Christen. Doch ehrlich gesagt lässt mich dieses Buch nach der Lektüre ratlos zurück: Was bei mir als persönlicher Eindruck haften bleibt, lässt sich am ehesten mit „ein Kessel Buntes“ umschreiben. Neuschäfer reißt viele wichtige Gedankengänge an: Standardorientierung und Inklusion, der veränderte Bildungsbegriff und Wege der inklusiven (Religions-)Didaktik, Inklusion als säkulare Heilsvision, der Platz von Menschen mit schweren Behinderungen, die weniger leicht zu inkludieren sind, der zukünftige Ort der Heilpädagogik innerhalb dieses Konzeptes usw. Der Stil der Veröffentlichung mischt Wissenschaftliches mit Prosa, Impulsfragen und Lyrik. Das Ganze wird garniert mit überwiegend unbeschrifteten Grafiken und netten Fotografien, deren Bedeutung man in einem Teil der Fälle erschließen kann, die mir zumindest in einigen Fällen rätselhaft bis gar hermetisch erschienen (so z.B. die Fotos auf den Seiten 100-102).

Viele wichtige Aspekte werden andererseits beim Namen genannt: Inklusion darf weder eine top-down-verordnete Veranstaltungen sein, noch geht es allein um die gemeinsame Beschulung Behinderter und Nichtbehinderter. Dennoch: „Wer Fragen stellt, will nicht unbedingt immer eine Antwort …“ (Seite 18) – Dieses Zitat ist in gewisser Weise symptomatisch für das gesamte Buch.

Ich möchte das an einem Beispiel auf Seite 113 ff. verdeutlichen, wo Neuschäfer das Verhältnis von Inklusion und Integration in der Überschrift erörtern zu wollen ankündigt. Was allerdings nicht geschieht, sondern m.E. nur auf Inklusion als ideologische Worthülse hingewiesen wird, welcher ideologiefrei zu begegnen sei. Oder die geballte Ladung an Statements zu einer inklusiven Didaktik bzw. die knapp drei Dutzend Anfragen, von denen viele ein eigenes Kapitel der Aufarbeitung verdient hätten. Diese hinterlassen bei mir Fragezeichen, zumal ich den Zusammenhang einiger Anfragen nicht verstehe, da ich den genauen Hintergrund nicht erfahre. Mehr Fragen anzuregen als Antworten zu liefern ist ja womöglich vom Autor auch intendiert.

Die Stärke dieses Buches liegt für mich daher in dem „Geist“, in dem es geschrieben wurde und der im besten Sinne reformatorisch-kritisch und anregend zu bezeichnen ist. Es ist das Verdienst des Autors, ideologisierende Sprachspiele im gegenwärtigen Diskurs aufzudecken, etwa die Entsorgung des Behinderungsbegriffes, religionspädagogische „correctness“ oder die so genannte „Euphemismus-Tretmühle“ (Seite 117). Von daher setzt sich das Buch mit dem Inklusionsbegriff bereits im Teil „Annhäherungen“ auf einem anspruchsvollen Niveau auseinander, was eine gewisse Vertrautheit mit der aktuellen Diskussion erfordert, womit sich das Buch weniger als Einstiegslektüre für die Erstbegegnung mit dem Inklusionskonzept empfiehlt.

Letztlich versucht das Buch einen Spagat zwischen der theologischen Analyse eines säkularen Themas und einem Praxisbuch, welches praktische Impulse für die religionspädagogische Arbeit zu liefern sucht. Die Aussagen des Buches mäandern daher über Ebenen mit ganz unterschiedlicher Reichweite – dies ist ja auch vom Autor intendiert –, und so bekommt man von den „Segen-Pfeifenputzer-Männchen“ der inklusiven Konfer-Praxis ebenso Kunde wie von den Kosten, mit denen bei der bundesweiten Umsetzung der Inklusionsidee zu rechnen ist oder von den manipulativen Sprachspielen des gegenwärtigen Inklusions-Diskurses.

Was das Buch als Arbeitsbuch und inspirierende Quelle für die theologische Auseinandersetzung mit Inklusion empfehlenswert macht, ist das umfangreiche Literaturverzeichnis sowie das Personenregister. Ergänzend dazu hätte ich mir ein Stichwortregister gewünscht, welches mir für die fachliche Arbeit mit dem Buch noch wichtiger erscheint.

Also: Wenn es etwas aus diesem Buch mitzunehmen und zu lernen gibt, dann ist es Neuschäfers erfrischendes Bekenntnis zur Ideologiefreiheit im Umgang mit dem Thema „Inklusion“ sowie die Leidenschaft, Etiketten zu hinterfragen und Mechanismen der Diskussion aufzudecken. Inklusion sollte im Sinne Neuschäfers auf der gesellschaftlichen, konzeptionellen und praktischen Ebene als Prozess begriffen werden, nicht als fertiges Ergebnis. Eine Einsicht, die in der gegenwärtigen Diskussion manches erleichtern würde.

Fazit

Neuschäfer zeigt mit seinem Buch, dass Inklusion ein Thema ist, das aufgrund seines kulturellen Entstehungshintergrundes durchaus eine Schnittmenge mit christlich-theologischen Perspektiven aufweist. Die Veröffentlichung spricht viele dieser Aspekte ohne ideologische Scheuklappen an, lässt mitunter jedoch den roten Faden und eine vertiefende Auseinandersetzung vermissen.


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 10.07.2014 zu: Reiner Andreas Neuschäfer: Inklusion in religionspädagogischer Perspektive. Annäherungen, Anfragen, Anregungen. Garamond Verlag (Jena) 2013. ISBN 978-3-944830-01-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14612.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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