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Annette Plankensteiner, Werner Schneider u.a. (Hrsg.): Flexible Erziehungshifen

Cover Annette Plankensteiner, Werner Schneider, Michael Ender (Hrsg.): Flexible Erziehungshifen. Grundlagen und Praxis des »Augsburger Weges« zur Modernisierung der Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-2824-9. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Der vorgestellt Sammelband beschreibt anhand des Augsburger Modells „trägerbezogenes Leistungsvolumen“ detailliert eine mögliche Veränderung der klassischen Jugendhilfelandschaft hin zu einem passgenauen auf den Klienten abgestimmten Hilfeangebot, untermauert durch ausführliche Dokumentationen des gesamten Helfersystems.

AutorInnen und Autoren

  • Michael Ender, Regionalleiter des Bereichs „Bedarfsgerechte Erziehungshilfen“ der St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
  • Manfred Klopf, stellvertretender Amtsleiter und Leiter des Sozialdienstes des Amtes für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Augsburg
  • Uschi Koller, Controlling St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
  • Professor Peter- Christian Kunkel, Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl
  • Maria Lüttringhaus, Geschäftsführerin des Instituts für Sozialraumorientierung, Quartier- und Case Management (DGCC) in Essen
  • Annette Plankensteiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Werner Schneider an der Universität Augsburg.
  • Jürgen Reichert, Direktor der St. Georg Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
  • Professor Dr. Werner Schneider, Professor für Soziologie unter Berücksichtigung der Sozialkunde an der Philosophisch- Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg
  • Ingrid Wiedorn, Regionalleitung des Sozialdienstes Mitte beim Amt für Kinder, Jugend und Familie in Augsburg

Aufbau

Der Sammelband lässt sich in sieben Abschnitte unterteilen.

  1. Der erste Abschnitt stellt eine Zusammenfassung der gesellschaftsrelevanten Entwicklung dar, aus der die Notwendigkeit einer Veränderung resultiert.
  2. Der zweite Abschnitt beinhaltet Interviews, zum einen mit dem Leistungsträger, in Form von Rudolf Nowak und zum anderen mit dem Leistungsanbieter Jürgen Reichert. So werden aus unterschiedlichen Perspektiven die Erfahrungen zum Modellprojekt veranschaulicht.
  3. Im dritten Teil vergleicht Maria Lüttringhaus den Ansatz der Sozialraumorientierung mit der Gemeinwesenarbeit. Sie schafft eine fachliche Grundlage zur Realisierung des Projektes.
  4. Michael Ender beschreit im vierten Abschnitt den Prozess der Umgestaltung hin zu flexibleren Hilfeangeboten. Gefolgt von der Klärung der rechtlichen Fragen durch Peter-Christian Kunkel.
  5. Der fünfte Abschnitt bildet das Kernstück. Das „Augsburger Modell“ wird erläutert und die Erfahrungen der Umsetzung in den letzten drei Jahre werden vorgestellt.
  6. Anhand von Interviews werden diese im sechsten Teil aus Sicht der Klienten verglichen. Ergänzt werden diese Auswertungen von Ingrid Wiedorn, Kathrin Ostermar und Uschi Koller, die das Projekt aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten.
  7. Abschließend gibt Werner Schneider einen möglichen Ausblick zur Evaluation.

Inhalt

In der Einleitung wird zunächst der Wandel der Sozialpolitik beschrieben, der notwendiger Weise eine veränderte Herangehensweise an soziale Problemlagen erfordert. Aus dieser Sicht liegt der Fokus auf einer Hilfestellung zur Selbstregulation. Das beinhaltet, dass die Jugendhilfe eine Dienstleistung im Sinne einer aktivierenden Sozialarbeit ist. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Eingriff in die Lebenswelt der Klienten, sondern auf dem Individuum im Kontext seiner biographischen Lebenssituation. Der Qualitätsnachweis läuft nicht mehr über den Aufwand der Fachkräfte, sondern über die Wirkung auf der Adressatenebene. Rigide Hilfeformen sind nicht mehr zeitgemäß, vielmehr gilt es individuell flexible Hilfen zu gestalten, die den Adressaten gerecht werden und sie in ihrer bisherigen Lebensgestaltung ernst nehmen. Im Folgenden wird kurz das Augsburger Modellprojekt skizziert, das Kernthema des Buches ist. Ziel ist die Realisierung bedarfsorientierter Hilfen gepaart mit einer Kostensenkung. In diesem Rahmen werden die Hilfen passgenau auf die Klientel abgestimmt. Das Augsburger Modell orientiert sich nicht mehr an vorgegebenen Zeit- und Rahmenstrukturen, sondern kann durch eine variable Modulgestaltung und zeitnahe Modifizierung an den Hilfeprozess auf den Hilfebedarf eingehen. Für die Fachkräfte bedeutet dies ein hohes Maß an Flexibilität. Für die Adressaten bedeutet das, dass sie sich permanent in einem Prozess befinden und aktiv die Form ihrer Hilfe mitbestimmen. Dabei soll nicht ihre gesamte Lebensgestaltung in Frage gestellt werden, sondern es soll ihnen ermöglicht werden, eigenständig ihr Leben zu gestalten. Demzufolge ist eine Partizipation der Klienten am Hilfeplanverfahren unabdingbar. Sie sind nicht länger das Produkt der Hilfe, über das geredet wird, sondern werden aktiv in den Hilfeprozess eingebunden. Der Hilfeempfänger wird vom Objekt zum Subjekt. Aufgabe der Fachkräfte ist es nun, die Adressaten dazu zu befähigen, das zu erreichende Ziel der eigenverantwortlichen Lebensführung erreichen zu wollen.

Der erste Teil beginnt mit der Entstehungsgeschichte der modernen Sozialstattlichkeit auf Basis der Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft. Lebensläufe waren nicht mehr länger alleine durch Herkunft und Stand determiniert, sondern konnten aktiv gestaltet werden. Damit einhergehend veränderte sich auch das Verständnis zwischen Staat und Bürgern. Die Bevölkerung war Instrument der Regierung und somit nicht mehr durch den Staat lediglich reglementierbar. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Sozialstaat. Im Zuge der Industrialisierung entstehende soziale Problemlagen werden zentrale Themen des modernen Sozialstaates. Der Staat hatte die Aufgabe für die soziale Sicherung zu sorgen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Wohlfahrtssektor ausgebaut. Sozialversicherungen werden über das Beschäftigungsverhältnis gewährleistet, um einer Verarmung durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter vorzubeugen. Immer mehr Institutionen zur Bearbeitung von Problemlagen werden nötig. Durch den demographischen Wandel und finanzielle Mehrbelastungen wegen hoher Arbeitslosigkeit und den damit einhergehenden Belastungen des sozialen Sicherheitssystems gerät der Sozialstaat in eine Krise. Erwerbstätigkeit ist nicht mehr selbstverständlich. Es entstehen neue Arten der Beschäftigungen wie Zeit- oder Leiharbeit. Die klassische Normalfamilie befindet sich auf dem Rückzug. Diese Veränderungen führen dazu, dass der Sozialstaat reformiert werden muss. Eine notwendige Konsequenz ist, dass jeder individuell Verantwortung für sein wirtschaftliches Handeln übernimmt. Der Staat orientiert sich somit am Markt. Ein Ziel ist die Objektivierung der Wettbewerbsfähigkeit des öffentlichen Sektors. Private Vorsorge tritt an die Stelle staatlicher Versorgung. Öffentliche Ausgaben werden in die Verantwortung der Gesellschaft verlagert. Leistungsvereinbarungen im sozialen Sektor werden denen der ökonomischen Prinzipien angepasst. War früher der Staat für die Behebung der Problemlagen benachteiligter Bevölkerungsgruppen verantwortlich, so sind die Betroffenen heute selber aktive Gestalter ihrer sozialen Bedingungen.

Anfang der 1990er Jahre vollzog sich ein erster Paradigmenwechsel weg vom rein versorgenden Jugendwohlfahrtsgesetz hin zum Kinder- und Jugendhilfegesetz. Eltern hatten nun ein Recht auf Hilfen zur Erziehung mit dem Ziel, sie in ihren Erziehungskompetenzen zu stärken. Aufgrund der immer komplexeren Zusammenhänge der einzelnen Hilfeprozesse können keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden. Der Prozess und seine Wirksamkeit muss zukünftig in den Blick genommen werden. Fachkräfte sind gefordert, ihre Hilfeangebote flexibel zu gestalten und immer wieder zu hinterfragen. Sie agieren als Unternehmer, die permanent ihr Leistungsangebot optimieren und somit auch Einfluss auf Organisationen und Institutionen haben. Plankensteiner beschreibt den aktivierenden Sozialstaat in diesem Zusammenhang als eine Leistungsaktivierung auf allen Ebenen.

Im zweiten Teil wird anhand von 2 Interviews, die Plankensteiner durchführt die Motivtation zu diesem Projekt hinterfragt. Zum einen wird ein Leistungsanbieter interviewt und zum anderen der Leiter des zuständigen Jugendamtes. Plankensteiner führt so durch die Interviews, dass sie Notwendigkeit einer Umstrukturierung und der darauf folgende Prozess deutlich wird, ohne dabei den politischen Auftrag aus den Augen zu verlieren.

Lüttringhaus vergleicht im dritten Teil das Konzept der Sozialraumorientierung mit dem Arbeitsprinzip der Gemeinwesenarbeit. Sie betont, dass nicht nur die Nutzung der Ressourcen des Klientels von Bedeutung ist, sondern auch die Nutzung der Möglichkeiten im sozialen Umfeld. Als Beispiel führt sie die ortsansässigen Vereine und Institutionen an. Solche Angebote begünstigen, dass das Klientel auch nach Beendigung der Unterstützung sein neu gewonnenes Netzwerk aufrechterhalten kann. Zur Veranschaulichung wird im Folgenden der Verlauf einer Fallbearbeitung kurz skizziert. Dabei wird in drei Falleinordnungen unterschieden. Der Freiwilligenbereich, der Kinderschutz – Graubereich und der Kinderschutz – Gefährdungsbereich. Die ressourcenorienteirte kollegiale Fallberatung baut darauf auf, alle am Fall beteiligten Fachkräfte an einen Tisch zu setzen, um möglichst umfassende Ideen zur Bearbeitung des Falls zu entwickeln. Des Weiteren wird der Fokus nicht nur auf die professionelle Hilfe gelegt, sondern vielmehr das Umfeld der Hilfesuchenden. Um das zu gewährleisten fasst Lüttringhaus mögliche Herangehensweisen zusammen, die Fachkräfte befähigen können, den Sozialraum zunächst selber kennen zu lernen, um dann entsprechend die Adressaten mit Vereinen, etc. zu vernetzen. Auf der anderen Seite macht sie aber auch deutlich, dass es Aufgabe des ASD ist, entsprechende Angebote falls nicht vorhanden einzufordern, bzw. zu installieren. Zuletzt setzt sie sich dafür ein, dass zur Gewährleistung einer gelingenden sozialen Arbeit in diesem Sinne fortwährende Weiterbildungen unabdingbar sind.

Im vierten Teil macht Ender anhand seiner persönlichen beruflichen Entwicklung seine Motivation deutlich, eine Veränderung in der sozialpädagogischen Hilfelandschaft zu bewirken. Aus seiner Sicht ist insbesondere die eigene Haltung maßgeblich für das Gelingen des Modellprojekts und die Integration in den pädagogischen Alltag ausschlaggebend. Es geht weniger um pragmatische Umstrukturierung der Hilfeangebote, sondern vielmehr um einen Perspektivwechsel. Ender beschreibt unter diesem Hintergrund die Entwicklung der St. Gregor Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Beginnend im 16. Jahrhundert als Waisenhaus, hat sich eine Institution entwickelt, die neben stationären Angeboten teilstationäre und seit 1999 auch ambulante Hilfen anbietet. Die Hilfen orientierten sich am KJHG, waren klar strukturiert und gegeneinander abgegrenzt. Im Jahr 2002 wurde zunehmend deutlich, dass dieses rigide System der drei Säulen zu statisch und nicht zielführend war. Im engen Austausch mit dem Jugendamt wurden die Hilfen zunehmend flexibler gestaltet, die Arbeit mit den Eltern hatte einen anderen Stellenwert. Der Grundstein für das Modellprojekt war gelegt. Die Fachkräfte wurden gefordert, aktiv die Veränderung mitzugestalten, was zu Unsicherheiten führte, da die gebundenen Strukturen Orientierung gaben. Der Veränderungsprozess hin zu einer teamübergreifenden Kooperation bedarf insbesondere einer Veränderung der inneren Haltung. Die Arbeit der Fachkräfte muss auf Augenhöhe mit den Klienten stattfinden und deren Lebensleistung anerkennen. Ender beleuchtet in seinem Resümee die Bedeutung des Ansatzes. Sowohl für die Fachkräfte, als auch für die Adressaten bedeutet das ein Umdenken. Diese Form der Klientenaktivierung beinhaltet eigenverantwortliches Handeln ohne die Sicherheit des Rahmenkorsetts. Das permanente ausloten der Rahmenbedingungen und der Passgenauigkeit der Hilfe fordert von den Mitarbeitern ein hohes Maß an Reflexionsvermögen und für die betroffenen Familien ein bis dahin vielleicht nie gekanntes Gefühl der Selbstwirksamkeit. Auch aus finanzieller Sicht ist das Loslösen von einem stabilen, planbaren System eine Herausforderung, die aber letztendlich durch individuellere Hilfen, die schneller greifen können eine Entlastung bedeuten kann. Folgerichtig schließt sich dem Fazit Enders eine in 12 Aspekte aufgeteilte Ausführung Kunkels an, die sowohl die rechtlichen, als auch die damit verbundenen finanziellen Betrachtungsweisen berücksichtigt.

Im fünften und ausführlichsten Teil schließlich wird das Augsburger Modell ausführlich vorgestellt. Nachdem die Notwendigkeit zur Veränderung erkannt wurde, vereinbarten Leistungsträger und Leistungserbringer ein Leistungsvolumen. Zielvorgabe hierzu waren (S.90):

  • Die weitgehende Auflösung der Versäulung in der Hilfepraxis.
  • Ökonomische Effizienz durch Flexibilisierung und konsequente Orientierung an den Ressourcen, Bedarfen und dem Willen der Klienten.
  • Re- Investition der erwirtschafteten Freiräume in primärpräventive, sozialräumliche Angebote mit dem Ziel der qualitativen Verbesserung der Jugendhilfeleistungen.

Parallel zu dem Projekt wurde eine „Implementationsstudie“ (S.91) in der Zeit von 2007 – 2009 angelegt, die sich permanent im Austausch mit den Akteuren des Projekts befand, um evtl. Modifizierungen vornehmen zu können und den Prozess dynamisch zu halten. Wesentliche Aufgaben waren die ausführliche Information der Entwicklung, die Analyse der Veränderungsprozesse, was akut bei den Klienten wirkt und welche Perspektiven entwickelt werden. Und die Überprüfung der Kosten/ Nutzen anhand einer detaillierten Dokumentation des gesamten Verlaufes. Zunächst wurde eine Organisationsanalyse erstellt, um die bestehenden Organisationsstrukturen an die flexiblen Leistungsangebote anpassen zu können und das starre sich an den drei Säulen orientierende System aufzuweichen. Eine Konsequenz war die Umstrukturierung der drei Bereichsebenen hin zu einem Regionalleiter, dem zwei Fallberater an die Seite gestellt wurden. Um für die Klienten Kontinuität zu erreichen, wurde ein „Bezugsbetreuersystem“ (S.101) installiert. Es gab eine verantwortliche Fachkraft, die den Adressaten auch teamübergreifend begleitete. Viele neue Herausforderungen ergeben sich hier für die Mitarbeiter. Nicht nur die Aktivierung der Klienten steht im Mittelpunkt, sondern die Aktivierung von Netzwerkstrukturen, der eine Analyse und eine bedarfsorientierte Modifizierung voransteht. Zur Gewährleistung passgenauer Hilfen mussten die bestehenden Maßnahmen überprüft und bewertet werden. Es kristallisierten sich drei Falltypen heraus: (S.106)

  • Alt-, Neu- bzw. Übergangsfälle, die klassische Jugendhilfe im Sinne der Leistungsnormierungen des KJHG adressieren.
  • Alt- bzw. Übergangsfälle, die in eine flexible bedarfsgerechte Hilfeform überführt werden konnten.
  • Beobachtungsfälle, die vermutlich das Potential für eine bedarfsgerechte Hilfegestaltung in sich trugen.

Hierzu führen die Autoren anschauliche Beispiele an. Im Folgenden wird anhand von Graphiken die Entwicklung während des Modellprojekts dargestellt. Es wird deutlich, dass der Anteil der flexibilisierten Hilfen stetig angestiegen ist und dadurch eine Kostensenkung bewirkt werden konnte. Abschließend werden anhand von 10 Thesen die Kerngedanken des Modellprojektes veranschaulicht. Der Ausblick macht deutlich, dass diese neue Herangehensweise des trägerbezogenen Leistungsvolumens sich Regionen übergreifend noch nicht durchsetzen konnte. Die Vereinbarung zwischen dem Jugendamt und Träger werden nach Beendigung des Pilotprojektes fortgesetzt und befinden sich weiterhin im Prozess.

Der sechste Teil beinhaltet die Auswertung des Modellprojekts aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Plankensteiner konzentriert sich auf die Sicht der Klienten, die sie durch Interviews veranschaulicht. Aus ihrer Sicht lassen sich die Hilfeempfänger in drei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe kontaktiert das Jugendamt lediglich, um dem Umfeld, das auf die Problemlage aufmerksam macht, genüge zu tun. Bei der zweiten Gruppe fühlen sich die Eltern als Konsumenten einer Dienstleistung durch das Jugendamt. Sie selber sehen keine Eigenbeteiligung an der Problemlage. Häufig haben sie selbst schon eine Jugendhilfekarriere hinter sich und glauben, dass die Erziehung des Kindes ohne das Jugendamt gar nicht möglich ist. Die dritte Gruppe sieht das Wahrnehmen von Hilfe begründet im eigenen Versagen. Allen drei Gruppen ist gemein, dass sie die Jugendhilfe als eine Instanz erleben, die entscheidet wie die Ziele aussehen sollen Eine Beteiligung an der Formulierung der Ziele erleben die Klienten als hilfreich. Plankensteiner beschreibt anhand der Interviews sehr ausführlich die positiven Auswirkungen einer Partizipation der Klienten am Hilfeprozess mit der Möglichkeit, Hilfeangebote immer wieder zu modifizieren. Von Klopf wird im Anschluss hieran die notwendige Veränderung der Struktur, als auch der Haltung des Jugendamtes beschrieben, die das Augsburger Modell ermöglicht. Wiedorn veranschaulicht diese Veränderung anhand einer exemplarischen Fallskizze. Sie arbeitet deutlich die Vorteile heraus, macht aber auch auf mögliche Fallen aufmerksam. Als Grenze zeigt sie auf, dass beispielsweise Eltern aufgrund ihrer psychischen Disposition oder einer Suchtproblematik nicht in der Lage sind, mit zu arbeiten. In diesen Fällen muss der Fokus weiterhin wie bisher auf der Arbeit mit dem Kind liegen, was aber eine Einbeziehung des gegebenen Netzwerks im Sozialraum nicht ausschließt. Zum Ende des sechsten Teils wird von Ostermayr und Koller der rechtliche Aspekt der flexiblen Hilfen beleuchtet. Da die Hilfen nicht wie bisher in einem Angebotskatalog klar kategorisierbar sind, ergeben sich bei der Finanzierung Unsicherheiten, die für die Jugendämter, die das Modell für sich nutzen wollen, eine Herausforderung bedeuten. Eine mögliche Herangehensweise ist das im Anschluss an die Hilfe folgende Rückführen in das drei Säulen Modell, um so durch die Zuordnung eine genaue Kostenabrechnung erstellen zu können. Die Autorinnen machen aber auch deutlich, dass unterm Strich durch die Flexibilisierung eine Kostensenkung erzielt werden kann.

Der siebte Teil stellt eine Art Ausblick für die weiteren Evaluationsmöglichkeiten dar. Schneider macht zunächst auf die Schwierigkeit der Messbarkeit von menschlichen Interaktionen aufmerksam. Er arbeitet anhand eines Beispiels die Merkmale personenbezogener Dienstleistungen heraus, um sie dann für Jugendhilfemaßnahmen zu differenzieren. Mit diesem Hintergrund stellt Schneider die für die Wirkung wesentlichen „Wirk- Dimensionen“ (S. 181) vor: die Subjekt-Ebene, die Mirko-Ebene, die Meso-Ebene und die Macro-Ebene. In seinem Ausblick wirbt er dafür, aufgrund der von ihm aufgeführten Problematik, eine Auswertung der Maßnahmen immer prozesshaft zu gestalten und warnt davor, voreilig lineare Schlüsse zu ziehen, da diese dem Gesamtbild nicht gerecht werden können.

Diskussion

Der Sammelband setzt sich sehr umfassend und auf allen beteiligten Ebenen mit dem Augsburger Weg des „trägerbezogenen Leistungsvolumens“ auseinander. Dabei werden die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen dieser Umstrukturierung der Jugendhilfelandschaft verdeutlicht. Die zentrale Frage, die von allen Autoren immer wieder aufgegriffen wird ist die nach der Haltungsmodifizierung des Helfersystems. Aufgabe der Fachkräfte ist es, einen Kontext zu schaffen, in dem Eltern aktiviert werden, Verantwortung für ihre Familie übernehmen zu können. Der Sozialpädagoge soll nicht mehr länger die Adressaten einer festgelegten Angebotspalette zuordnen, sondern die Angebote bedarfsgerecht auf den Hilfeempfänger modifizieren. Die Adressaten partizipieren am Prozess und werden befähigt, Verantwortung zu übernehmen. Ein Paradigmenwechsel hin zu einem Hilfeverständnis, das sich an den Wirklichkeitskonstruktionen der Klienten orientiert muss stattfinden. Das beinhaltet eine deutliche Ausdifferenzierung der Hilfeangebote. Die Aufgabe des Jugendamtes ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Familien eine gelungene Alltagsgestaltung ermöglichen. Aufgabe der Fachkräfte ist es, die Lebensräume der Klienten zu akzeptieren und ihnen neue Möglichkeiten und Räume zu schaffen, eigene Handlungsfähigkeit zu erleben. Das impliziert, dass die Hilfeangebote sich nicht nur lediglich auf die Problemlagen beschränken, vielmehr gilt es auch die alltagspraktischen Ressourcen in den Blick zu nehmen, die nicht unmittelbar mit der Erziehungsfähigkeit der Eltern in Verbindung stehen und sie nutzbar zu machen, um die Handlungsfähigkeit zu erweitern. In diesem Zusammenhang wird in dem Sammelband eine mögliche Lösung zur praktikablen Umgestaltung der Hilfeangebote weg von dem kategorisierenden Dreisäulenmodell angeboten.

Fazit

Der Sammelband kann als eine Ausführung des von Plankensteiner geschriebenen Buches: „Aktivierende Sozialstaatlichkeit und das Praxisfeld der Erziehungshilfen“ verstanden werden, in dem das Modellprojekt des „trägerbezogenen Leistungsvolumens“ kurz skizziert worden ist.

Den Autoren ist es gelungen ein sehr umfassendes Bild dieses neuen Weges aufzuzeigen. Durch die konsequente Beteiligung aller am Hilfeprozess Mitwirkenden werden mögliche bestehende Zweifel gut aufgegriffen und bearbeitet. Die Argumente für eine Veränderung der Jugendhilfelandschaft sind überzeugend und könnten dazu führen, dass auch andere Jugendämter einen solchen Versuch wagen und damit eine längst überfällige Modifikation des sozialen Sektors in gang setzen.


Rezensentin
M.Sc. Angelika Alieff-Sliepen
Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin Supervisorin (M.Sc.) (DGSv.) Invisio. Praxis für systemische Beratung, Supervision und Coaching, Münster


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Zitiervorschlag
Angelika Alieff-Sliepen. Rezension vom 28.03.2014 zu: Annette Plankensteiner, Werner Schneider, Michael Ender (Hrsg.): Flexible Erziehungshifen. Grundlagen und Praxis des »Augsburger Weges« zur Modernisierung der Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2824-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14624.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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