Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Désirée Bender, Annemarie Duscha u.a. (Hrsg.): Transnationales Wissen und Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Leonie Wagner, 02.12.2013

Cover Désirée Bender, Annemarie Duscha u.a. (Hrsg.): Transnationales Wissen und Soziale Arbeit ISBN 978-3-7799-2810-2

Désirée Bender, Annemarie Duscha, Lena Huber, Kathrin Klein-Zimmer (Hrsg.): Transnationales Wissen und Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-2810-2. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Der Band verknüpft zwei gegenwärtig vieldiskutierte Perspektiven, die jedoch in der Sozialen Arbeit noch wenig zur Kenntnis genommen werden: Transnationalität und Wissensforschung. Der Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Menschen sich Wissen zunehmend in unterschiedlichen (nationalstaatlichen) Zusammenhängen aneignen sowie in einem spezifischen Kontext erworbenes Wissen in einen anderen – mit ggf. anderen Rahmenbedingungen – transferieren. Mit dem Band wird der Versuch unternommen, die Kategorie transnationales Wissen für die Soziale Arbeit zu systematisieren und die Erkenntnisse für Forschung und Praxis fruchtbar zu machen.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich nach der Einleitung in zwei Schwerpunkte:

  1. Theoretische Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Wissensforschung,
  2. Empirische Dimensionen und Forschungsfelder transnationalen Wissens.

Die Herausgeber_innen diskutieren in der Einleitung zunächst ihren Begriff transnationalen Wissens, der sich durch eine große Offenheit bezogen auf die Träger („Träger transnationalen Wissens können dabei sowohl Individuen und Kollektive als auch Dinge, sprich Objekte und Artefakte sein.“ S. 10) und „Handlungen“ („Handlungen – in einem sehr weiten Verständnis – können hierbei sowohl Praktiken als auch Deutungen sein.“ S.11) auszeichnet. Dabei betrachten sie transnationales Wissen in Abgrenzung zu hybridem, in dem sich „keine nationalen Bezugsrahmen (mehr) erkennen lassen.“ (S. 10). Transnationales Wissen zeigt sich entsprechend in drei Ausprägungsformen (S.12):

  1. Wissen über transnationale Phänomene
  2. Erzeugung, Aneignung, Modifizierung oder Tradierung in transnationalen Räumen
  3. Transnationalisierung im Zuge der Aushandlung verschiedener als national gedeuteter Referenzrahmen

Unterschieden wird zudem zwischen Genese/Generierung, Tradierung und Transformation sowie hinsichtlich der Folgen und Funktionen. Ziel ist es, die Bedeutung transnationalen Wissens für die Soziale Arbeit zu erschließen.

Im ersten inhaltlichen Teil (Theoretische Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Wissensforschung) werden in 4 Texten unterschiedliche theoretische Zugänge auf die Kategorie transnationales Wissen bezogen. Désirée Bender setzt sich mit den wissenssoziologischen Konzeptionen von Bourdieu und Berger/Luckmann auseinander, Dominik Bohl mit Alfred Schütz und an ihn anschließend Berger/Luckmann und bezieht schließlich die Theorie der Weltkultur in seine Überlegungen ein. Désirée Bender und Sandra Eck versuchen die Schwierigkeit, mit dem Begriff Tansnationalität einerseits nationale Grenzen zu überschreiten, sie andererseits darin aber erneut zu errichten, mit dem Konzept der Gouvernementalität von Foucault aufzulösen. Stefan Köngeters Beitrag weicht von diesen theoretisch inspirierten Positionen ab. Er untersucht die „Bedeutung religiöser Verbindungen für die grenzüberschreitende Verbreitung der Settlement-Bewegung“ (S.80).

Der zweite inhaltliche Teil des Bandes (Empirische Dimensionen und Forschungsfelder transnationalen Wissens) ist deutlich umfangreicher und versammelt konkretere Perspektivierungen und Untersuchungen. Lena Huber betrachtet „Bedeutung und Formen transnationalen Wissens unter Asylbedingungen“ (S.98), Kathrin Klein-Zimmer untersucht Generationenbeziehungen, Ursula Apitzsch und Irini Siouti zeichnen die Entstehung von Familienbiographien nach, Tina Hollstein und Caroline Schmitt betrachten „Migrantenökonomien“, Claudia Olivier stellt transnationales Wissen in den Zusammenhang der Rückkehr-Migration, Annemarie Duscha beschreibt transnationale Wissensgenerierung und -weitergabe am Beispiel einer Selbstorganisation von Migrantinnen und Christian Schröder und Hans Günther Homfeldt untersuchen transnational agierende Nichtregierungsorganisationen. In all diesen Beiträgen werden unterschiedliche Nutzungsweisen von Erfahrungen und konkreten Einrichtungen bzw. gesellschaftlichen Verhältnissen skizziert und damit ein facettenreiches Bild transnationalen Wissens und teilweise auch von dessen Bedeutung für die Soziale Arbeit herausgearbeitet.

Den Abschluss des Bandes bildet ein kurzer „Ausblick“ (S.151) von Wolfgang Schröer und Cornelia Schweppe. Sie klammern die Perspektive transnationalen Wissens und damit auch die verschiedenen Beiträge noch einmal in ihrer Bedeutung für Disziplin und Profession Sozialer Arbeit.

Diskussion

Der Band stellt eine Suchbewegung rund um die verknüpften Themen Transnationalität und Wissen dar. Dabei sind die Konzepte recht breit und offen angelegt, was den Vorteil hat, dass eine große Palette von Ansätzen Berücksichtigung findet. Gleichzeitig aber werden damit auch Klärungen umgangen. So ist z.B. der Wissensbegriff nicht besonders stark konturiert und auch was denn unter „national“ zu verstehen ist, bzw. von den AutorInnen verstanden wird, bleibt diffus. Dieses Problem wird in einigen Texten zwar thematisiert bzw. hinsichtlich der Vorstellung eines homogenen Wissensbestandes kritisiert, die „Antworten“ aber sind nicht in jedem Fall auch schlüssig.

Der Container „Nation“ ist der Pferdefuss des Ansatzes. Denn was ist „nationales“ Wissen? Wissen um nationalstaatlich spezifische gesetzliche Regelungen oder institutionelle Ordnungen (z.B. Schulsystem) leuchtet hier noch vergleichsweise ein. Doch jenseits dieser Bezüge wird es schon schwieriger, da „Wissen über“ in heterogene Milieus, Klassen, Schichten, Szenen etc. zerfällt. „Nation/national“ suggeriert hingegen Homogenität, auf deren Imaginität bereits vielfach hingewiesen wurde. Zudem stellt dies im biographischen Zusammenhang auch höchstens eine Variable unter weiteren dar. Gleiches gilt für das Label „trans“, das eine Übertragung andeutet, wobei deren Grenzen (im Sinne des Verschwindens der Herkunftsbezüge) unklar bleibt. In einigen Beiträgen entsteht eher der Eindruck, dass Erfahrungswissen auf neue Kontexte bezogen wird, dabei aber nicht transformiert wird, sondern ungebrochen z.B. in die Interpretation aktueller Situationen und Erlebnisse eingeht, also eher als bi-national zu kennzeichnen wäre. Hinzu kommen methodologische Fragen bzw. Probleme hinsichtlich der Konstruktion bzw. Produktion „des Transnationalen“ in der Untersuchungssituation (S.116-118).

Vorteile des Transnationalitätskonzeptes werden dabei aber ebenso deutlich: Es stellt eine Perspektiverweiterung dar, in der die Erfahrungen und das Wissen von Migrant_innen aus anderen Kontexten überhaupt wahr- und ernstgenommen und nicht im Sinne eines Assimilationsansatzes als unnütze und abzulegende Traditionsreste betrachtet werden. Schröer und Schweppe beschreiben transnationales Wissen insofern als einen „Verflechtungszusammenhang“, „der durch die Bearbeitung verschiedener Referenzrahmen hervorgebracht wird, in die die AkteurInnen eingebunden sind. Das Wissen in diesen verschiedenen sozialen Welten ist keineswegs identisch und geht mit unterschiedlichen Bedeutungen oder Funktionen einher.“ (S. 251) Die Aufsätze des Bandes bieten – gerade in ihrer teilweise verwirrenden und widersprüchlichen – unterschiedlichen Anlage des Begriffs jedenfalls interessante Beispiele für mögliche Ausprägungen und Bedeutungen.

Fazit

Der Untertitel der Einleitung „Spurensuche aus Sicht der Soziale Arbeit“ charakterisiert den vorliegenden Band nicht ganz. Tatsächlich handelt es sich eher um eine Spurlegung, in der verschiedene Pfade angedeutet werden, die die Diskussion um transnationales Wissen und die Bedeutung die diese Konzeption in der Sozialen Arbeit haben kann. Damit werden durchaus unterschiedliche Perspektiven auf Transnationalität und Wissen geworfen, die dazu anregen können, sich mit diesen Fragen weiter zu beschäftigen – sowohl auf theoretischer Ebene als auch hinsichtlich der Konsequenzen für eine stärkere Berücksichtigung solcher Ansätze in der Sozialen Arbeit. Dem Band bzw. den Herausgeber_innen und Autor_innen kommt damit der Verdienst zu, diese Perspektive für die Soziale Arbeit zu erschließen.

Rezension von
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
Mailformular

Es gibt 14 Rezensionen von Leonie Wagner.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 02.12.2013 zu: Désirée Bender, Annemarie Duscha, Lena Huber, Kathrin Klein-Zimmer (Hrsg.): Transnationales Wissen und Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2810-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14625.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht