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Sandra Richter: Mensch und Markt

Cover Sandra Richter: Mensch und Markt. Warum wir den Wettbewerb fürchten und ihn trotzdem brauchen. Murmann Verlag (Hamburg) 2012. 284 Seiten. ISBN 978-3-86774-128-6. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.
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„It's the economy stupid“

Der bekannte Ausstoß Bill Clintons findet in dem Meinungs- und Machtgefüge der Welt Zustimmung und heftige Ablehnung. Wirtschaft als Himmel und Hölle ist die Spannweite, wie der homo oeconomicus sein Denken und Handeln sortiert. Über Macht der Ökonomie als eine natur- und menschgegebene Lebensform wird argumentiert und gestritten, seit Menschen sich auf dem Markt begeben haben, und über Machtmissbrauch ebenso. Der griechische Philosoph Aristoteles bezieht sich z. B. in seiner Bestimmung über „oikonomia“, als Hausverwaltung und Haushaltsführung, auf die politischen und gesellschaftlichen Aspekte des Wirtschaftens und sieht in der „ktêtikê“, der Erwerbskunde, die wesentliche Bedeutung menschlichen Wirtschaftsdenkens und -handelns, während er der „chrêmatistikê“, dem Gelderwerb und der Absicht, durch Handel Reichtum zu erwerben, eine andere, unbegrenzte Funktion zuweist (vgl. dazu: R.Geiger, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 390f ). Der Münchner Unternehmer und Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler setzt sich in Romanen vor allem mit der Bedeutung und den Folgen des zeitgenössischen Kapitalismus auseinander und kritisiert die neokapitalistischen „Immer-mehr“- Einstellungen und Triebfedern. Dabei unternimmt er den Versuch, das ökonomische Prinzip dort zu kritisieren, „wo sie niemand sonst finden will“, im literarischen und poetischen Denken (Ernst-Wilhelm Händler: Wenn wir sterben. Roman, Frankfurt a. M. 2002, 480 S.).

In der sich immer interdependenter, entgrenzender und sich ungerechter entwickelnden (Einen?) Welt stellt sich Wirtschaftskritik (auch) als Gesellschaftskritik dar, wie dies mittlerweile wissenschaftlich, fachspezifisch und interdisziplinär in vielfacher Weise geschieht (Eva Hartmann, u.a., Hrsg., Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen Oekonomie, 2009; alle hier aufgeführten Texte sind als Rezensionen in www.socialnet.de/rezensionen erschienen). Die im ökonomischen (Saral Sarkar, Hrsg., Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere Studie der politischen Ökonomie, 2010) und ökologischen Diskurs (Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011) reflektierten Aspekte, wie die Menschheit zu einem ökonomischen Ethos finden kann, bewegt politische und ökonomische Analysten (Tomáš Sedláček, Die Ökonomie von Gut und Böse, 2012) genau so wie Philosophen (Luc Ferry, Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung, 2009). Spätestens seit den ersten Berichten in den 1970er Jahren an den Club of Rome, den Prognosen, wie sie von den Weltkommissionen für Umwelt und Entwicklung und den Berichten zur Lage der Welt (Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2010. Einfach besser leben. Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil, 2010) publiziert werden, sollte deutlich geworden sein, dass die Menschheit so, wie sie überwiegend eingerichtet hat, nicht existenzfähig ist. Der dramatische Appell der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995), dass die Menschheit vor der Herausforderung stehe, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, Bonn 1997), wird ergänzt durch die Aufforderung zum revolutionären Handeln (Peter M. Senge, u.a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, 2011). Das Ende der Oikodizee verdeutlicht sich spätestens bei dem berechtigten Zweifel, „dass Wachstum Beschäftigung schafft, Privatisierung Versorgungsstandards verbessert, der Markt auf fairen Wettbewerb baut und Konkurrenz überhaupt zur allgemeinen Verteilung von Wohlstandseffekten beiträgt“ (Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 2010). Die Neubesinnung auf eine humane Existenz der Menschen muss auch eine Neuvermessung sein (Ulrich Beck, Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen, 2008). Der „gute Kapitalismus“, wenn es ihn denn jemals gab, ist tot (Sebastian Dullien, u.a., Der gute Kapitalismus. … und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, 2009). Es gilt, aus der Krise zu lernen (Elmar Altvater, Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur, 2010); den Globalisierungsmachern (Edition Le Monde diplomatique, Die Globalisierungsmacher. Konzerne, Netzwerke, Abgehängte, 2007) und den verbrecherischen Praktiken in der Wirtschafts- und Finanzwelt (Loretta Napoleoni, Die Zuhälter der Globalisierung. Über Oligarchen, Hedge Fonds, ´Ndrangheta, Drogenkartelle und andere parasitäre Systeme, 2008) gilt es, ein eindeutiges Stopp entgegenzusetzen (Frank Ettrich / Wolf Wagner, Hrsg., KRISE und ihre Bewältigung in Wirtschaft, Finanzen, Gesellschaft, Medizin, Klima, Geschichte, Moral, Bildung und Politik, 2010). Es gilt kritisch zu fragen, was die Welt im Innersten zusammen hält (Konrad Paul Liessmann, Hrsg., Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält? 2009). Es ist notwendig, den gesellschaftlichen Störanfälligkeiten auf die Spur zu kommen und Gefahren- und Bedrohungssensibilität in den modernen Gesellschaften zu entwickeln (Herfried Münkler, u.a.,Hg., Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge, 2010). Der „Gier“ der Menschen nach materiellen Gütern, nach „throughput growth“, wirtschaftlichem Durchflusswachstum, wie dies die erste Weltkommission für Umwelt und Entwicklung mit dem Brundtland-Bericht 1987 bezeichnet hat, wird mittlerweile in vielfacher Weise der Kampf angesagt (Bernhard H. F. Taureck, Gleichheit für Fortgeschrittene. Jenseits von "Gier" und "Neid", 2010); die „Täuschgesellschaft“ wird sogar psychoanalytisch enttarnt (Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers, 2012); auf die Wechselbeziehungen von Liberalismus, Kapitalismus und religiösem Ethos wird verwiesen (Michael Hochgeschwender / Bernhard Löffler, Hg., Religion, Moral und liberaler Markt. Politische Ökonomie und Ethikdebatten vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 2011; sowie: Richard Edtbauer, Alexa Köhler-Offierski, Hrsg., Welt- Geld – Gott, 2012). Ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungen dürfen nicht voneinander abgespalten und gegeneinander aufgewogen werden (Andreas Fischer, Hrsg., Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit. Beziehungsgeflecht zwischen Nachhaltigkeit und Benachteiligtenförderung, 2010). Die Unternehmensgewinne von heute sind die Spekulationseinsätze von morgen (Stefano Liberti, Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus, 2012). Es geht um Lebens- und Nahrungssicherheit für alle Menschen auf der Erde (Paul Collier, Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern, 2011); darum, wie lokal und global Überfluss vermieden und Mangel behoben werden kann ( Stefan Kreutzberger / Valetin Thurn, Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, 2011); wie den Ursachen der Entfremdung in der Arbeitswelt zu begegnen ist (Karl König, Arbeit und Persönlichkeit, 2011); wie die Bodenlosigkeit der Welt überwunden und Verlässlichkeit und Vertrauen hergestellt werden können (Charlotte Jurk / Reimer Gronemeyer, Hrsg., Bodenlos. Vom Verschwinden des Verlässlichen, 2011); welche Veränderungen notwendig sind, um gegen die strukturierte Verantwortungslosigkeit vorzugehen (Herbert Kalthoff / Uwe Vormbusch, Hrsg., Soziologie der Finanzmärkte, 2012); welche Denk- und Handlungsprozesse eingeleitet werden müssen, um zwischen Preis und Wert unterscheiden zu können (Michael J. Sandel, Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, 2012); zu lernen, Geld als Realität und Fiktion zu verstehen (Jacques Le Goff, Geld im Mittelalter, 2011). Im weiten Diskurs, wie ein Perspektivenwechsel vom homo oeconomicus zum homo empathicus (Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010) vollzogen werden kann, ist die Erforschung (und damit die Veränderung) von menschlichem Verhalten unabdingbar (Siegfried Schumann: Individuelles Verhalten. Möglichkeiten der Erforschung durch Einstellungen, Werte und Persönlichkeit, 2012); und der Blick zu richten darauf, wie Humanismus als Weltethik wirksam werden kann (Rainer Funk, Entgrenzung des Menschen, 2012); es geht um die Herausforderung, den Lebensraum der Menschen auf der Erde als EINE WELT zu begreifen (Josef Nußbaumer / Andreas Exenberger, Hrsg., Unser kleines Dorf. Eine Welt mit 100 Menschen, 2010), und daran zu arbeiten, Macht als humanes Mittel für ein friedliches und gerechtes Miteinander der Menschen zu begreifen (Joseph Nye,: Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die (ausgewählte) Fülle der wissenschaftlichen Konzepte und Strategien, wie menschliches Leben human gestaltet werden kann, soll aufzeigen, dass das Nachdenken über ein anderes Leben und Wirtschaften der Menschen notwendig und möglich ist. Dabei werden den gängigen, scheinbar unantastbaren und angeblich logischen Begründungen für ein auf wirtschaftliches Wachstum ausgerichtetes ökonomischen Denkens und Handelns Positionen gegenübergestellt, in denen deutlich wird: Eine andere, bessere und gerechtere Welt ist möglich! In Abwandlung der Rezension „Die Wut der Banker“ könnte man formulieren: „Das Verräterische an Kapitalisten ist, dass sich ihr Denken und Tun künstlerisch kaum darstellen lässt. Ihr Geschäft ist nicht spielbar, dazu ist es selbst dem Spiel zu nahe. Man kann nicht zeigen, was ein Kapitalist tut. Aber man kann zeigen, wie sein Tun ihn deformiert“ (Peter Kümmel, Die Wut der Banker. Andres Veiels Theaterstück „Das Himbeerreich“ wagt die Psychoanalyse der Wirtschaftskrise, in: DIE ZEIT, Feuilleton, 17. 1. 2013, S. 39).

Die Literatur- und Politikwissenschaftlerin von der Universität Stuttgart, Sandra Richter, macht sich an eine knifflige Aufgabe: Sie befragt die boomende und beinahe sakrosankte Auffassung – „Je mehr Wettbewerb, desto größer der Wohlstand“ – auf ihre Wirkmächtigkeit, Gültigkeit und Ursprünglichkeit. Die Anforderungen, wie sie die Kategorien Markt und Macht an die Verantwortlichkeit menschlichen Denkens und Handelns stellen, wachsen proportional zu den Taten der Macht (Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit, 2010). Dabei geht sie einen anderen Weg als die meisten der oben genannten Studien: Sie „will Stärken und Schwächen wettbewerblicher Konstellationen … am Beispiel literarischer Texte ausloten und von dort mit systematisierendem Anspruch auf Ökonomie und Ethik blicken“. In ihrer semantischen und etymologischen Nachschau zum Begriff „Wettbewerb“ fällt ihr auf, dass der Umgang mit dem Begriff sich als äußerst schwammig darstellt und eher negativ konnotiert wird, z. B. als „Konkurrenz“. Ihre These aber: Konkurrenz und Kooperation sind die beiden Seiten derselben Medaille.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Untersuchung in acht Kapitel.

Im ersten Teil geht es darum, wie sich „Wettbewerb (als) Allheilmittel und (gleichzeitig) Fluch“ darstellt; im zweiten Kapitel geht es darum, wie sich historisch und ideengeschichtlich „Wettbewerb vor der Erfindung des Wettbewerbs“ zeigt; im dritten um „metaphorische(n) Wettbewerb“; im vierten um „perfekte(n) Wettbewerb“; im fünften darum, was „Wettbewerbskritik und emanzipatorischer Wettbewerb“ miteinander zu tun haben; im sechsten Kapitel thematisiert die Autorin „ästhetischer Wettbewerb“; im sieben „kooperativer Wettbewerb“, und im achten Teil wird „komplexer Wettbewerb“ diskutiert.

Weil in den literarischen Erzählungen (oft) Alltags-, Mentalitäts- und Gesellschaftsgeschichte sowohl realistisch als auch utopisch dargestellt wird, ist die Nachschau danach interessant und aufschlussreich, wie in den Zeitläuften und Lebenssituationen der Menschen der Wettbewerbsgedanke zelebriert, personalisiert, gesellschaftlich und politisch interpretiert wird. Während meist Aspekte des ökonomischen Wettbewerbs in Märchen nicht vorkommen, erscheinen sie gehäuft in Kaufmanns-, Angestellten-, Industrieromanen und Unternehmergeschichten, aber auch in Finanzkrimis, Novellen, Kurzgeschichten und Dramen. Und die Moral von der Geschicht‘? „Wir scheinen uns in einer Konkurrenzbeschleunigungsfalle zu befinden… die Literatur vermittelt … Ideen über eine Zukunft, in der die Konkurrenzbeschleunigungsfalle nicht mehr zuschnappt“.

Der bereits oben angedeutete Rückgriff auf die griechischen, römischen und biblischen Auffassungen über den Händler und den Handel als unmoralisches Tun wird im zweiten Kapitel aufgenommen, mit einer Geschichte der ökonomischen Konkurrenz vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert komplettiert und den Markt-, Handelsdynamiken und Konzepten des Idealismus im 18. Jahrhundert, und mit dem Humboldt?schen individualistischem und metaphorischem Wettbewerbsdenken gewissermaßen gesellschaftsfähig gemacht.

Auf dieser Grundlage entwickelte sich im 19. Jahrhundert die bis heute tragende Idee Adam Smith?s von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. Im Verlauf dieser zwischen Smith und Heinrich Friedrich von Storch kontrovers diskutierten Auffassungen über die Natürlichkeit und Macht des Marktes kristallisierte sich ökonomietheoretisch die Bedeutung des Tausch-Begriffs als „direktestes Mittel, um des begehrten Objekts habhaft zu werden“ heraus. Mit Goethe und Schiller, Tieck und Achim von Arnim (vgl. dazu auch: Herward Sieberg, Elisabeth von Heyking. Ein romanhaftes Leben, 2012): „Es ist die Konkurrenz der ökonomischen, sozialen und moralischen Deutung und Orientierungsangebote, die Konkurrenz zwischen neuer Wirtschaft und alter Ordnung, welche die Autoren der Romantik beschäftigt“.

Die Unantastbarkeit der klassischen Ökonomie wird zwar durch Arbeitsteilung und Industrialisierung eher zaghaft und wenig erfolgreich in Frage gestellt, aber die gesetzten Werte und Normvorstellungen des „ehrbaren Kaufmanns“ finden sich beinahe unangetastet und unkritisch in den Kaufmannsromanen des 19. Jahrhunderts wieder. Immerhin entwickeln sich dabei auch utopische, zukunftsorientierte Vorstellungen, denen die Autorin jedoch attestiert, „dass ausgerechnet in der utopischen Literatur des 19. Jahrhunderts, wo man Kritiker des Wettbewerbs vermuten konnte, entschiedene Befürworter anzutreffen sind“. Im utopischen Roman findet die Lehre vom perfekten Markt eine fast direkte Nachahmung.

Die literarischen Auseinandersetzungen um Wettbewerb entwickeln sich daraufhin zu einer Kapitalismuskritik, und gleichzeitig zu einer Verteidigung des Wirtschaftssystems: Die Janusköpfigkeit in diesem Pro und Contra, die bis heute den Kapitalismus umgibt, wurde geboren, etwa in Balzacs Menschlicher Komödie und im Marxschen Kapital, bei Fontane und Dickens, bei Hauptmann und Zola: „Des einen Aufstieg ist des anderen Abstieg – und der einmal durch Wettbewerb Aufgestiegene kann sich nicht sicher sein, ob er im Wettbewerb mit hungrigen Neuaufsteigern seine Position wahren kann“.

Um 1900 war es die Mittelschicht, die sich zur Konkurrentin der Oberschicht entwickelte. Innovationsbereitschaft und -fähigkeit wurden gewissermaßen zum Motor eines Aufstiegswillens. In Thomas Manns Buddenbrook kommen die Eigenschaften des großbürgerlichen Lebens zum Ausdruck. Die Metapher und gleichzeitig die Analyse von „Soll und Haben“ wird zum Triumph von wirtschaftlichen Fähigkeiten und zum Menetekel für Rücksichtslosigkeit und Korruption (Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, 2012). In Heinrich Manns Romanen „Im Schlaraffenland“ und „Der Untertan“ sind es die Merkmale der Sehnsucht des „kleinen Mannes“ nach Wohlstand und die Instrumente der Anpassung; in der amerikanischen und englischen Literatur werden die gesellschaftlichen Szenarien von „Aufstieg und Fall“ thematisiert, die bei Bert Brecht im „Alabama Song“ so drastisch zum Ausdruck kommen. Ludwig van Mises und Ayn Rand stritten in ihren Romanen über die Alternativen Pro und Contra Sozialismus und entwickelten jene Bilder von Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Differenzierungen nicht benötigten oder von vorn herein darauf verzichteten.

Die Einsicht, dass Wettbewerb sich egoistisch entwickeln, aber auch kooperativ gestalten kann, öffnet die Türen des ökonomischen Denkens und Tuns für die ökonomische Neoklassik, in der die Frage des Profits mit der der Ethik verbunden wird; etwa beim Gründungsvater der marktliberalen Chicago School Frank H. Knight und dem österreichischen Nobelpreisträger Friedrich August Hayek, die sich in Arthur Millers Roman „Tod eines Handlungsreisenden“ konkret und schicksalhaft darstellen und im „Wirtschaftswunderlanddenken“ und seinen Ideologien willige Aufnahmen finden. „Wohlstand für alle“, als irdische Paradiesvorstellung, findet freilich seine Kritiker in der Literatur, etwa in Martin Walsers Roman „Ehen in Philippsburg“ und in Michael E. Porters Analysen.

Die sich lokal und global auswirkenden Wirtschafts- und Finanzkrisen in der Gegenwart erfordern eine neue Betrachtung von Wettbewerb. Gier, Skrupellosigkeit und Neid entwickeln sich zu negativen Charakterbildern. Im Roman „Ein anarchistischer Banker“ von Fernando Pessoa werden die Dilemmata eines kapitalistischen Lebens und Strebens deutlich und mündet in die lapidare und beinahe entwaffnende Einsicht: „Wettbewerb lässt sich … aus der menschlichen Gesellschaft nicht wegdenken“. Burkhard Spinnen schildert in einem Roman „Der schwarze Grat (2003), ebenso wie Bernd Cailloux in „Das Geschäftsjahr 1968/69“ (2005), die Unmöglichkeit, gewissermaßen „zweckfrei“ leben zu können, weder in „Seilschaften“ noch in einer „Mußegesellschaft“. Die Nachschau in der nordamerikanischen Literaturszene der „American-Dream-Kritik“ zeigt zudem, z. B. in „Der große Crash“ (2011) auf, dass die „psychischen Deformationen des wettbewerbsfixierten Menschen“ es kaum ermöglichen, der Problematik zu entkommen, dass der Wettbewerb der Wettbewerb ist, der der Wettbewerb ist.

Fazit

„Wer mit dem Zustand der Welt und mit sich selbst nicht zufrieden ist, muss philosophieren“ – nachdenken und lesen! Die Frage, wie Realität entsteht und verändert werden kann, lässt sich nicht per Ordre Mufti, nicht ex autoritas und schon gar nicht ex cathedra beantworten, sondern indem ich „ nicht nur die Art, wie ich die ‚Dinge‘ in der Welt wahrnehme und darauf reagiere (sondern) ich tue dasselbe mit mir selbst und mit meinen Beziehungen zu anderen Menschen“ (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012). In dem Bericht „Ein Bankier steigt aus“ (Fritz Deppert, 2012) wird dramatisch und sehr konkret geschildert, wie (freiwillig und bewusst) ein Reicher zum Penner wird.

Im langsam ansteigenden, deutlich vernehmbaren Konzert für diejenigen, die hören wollen, hat der Begriff „Perspektivenwechsel“ eine besondere Bedeutung. Die vielfältigen Warnungen, dass der homo oeconomicus endlich erkennen muss, dass es Alternativen zum kapitalistischen und neoliberalen „Raubtierkapitalismus“ (Peter Jüngst, 2004) und „Kamikaze-Kapitalismus“ (David Graeber, 2012) gibt, diese gedacht und individuell und gesellschaftlich umgesetzt werden müssen.

Aber „Aussteigen“, das ist leichter gesagt als getan; und für diejenigen, die sich in ihrem Leben an ein gewisses Maß an Wohlstand gewöhnt, sich im Immer-mehr-immer-höher-immer-schneller eingerichtet haben, gehört es zu den Undenkbarkeiten, die auch nicht überlegt werden müssen. Das business as usual hat längst von ihnen Besitz ergriffen – und in ihrem Bewusstsein ist meist kein Platz für alternatives Denken; es sei denn, es dient der Vermehrung ihres Besitzstandes und ihrer Macht. In der Wochenzeitung DIE ZEIT erscheint regelmäßig die Rubrik „Was bewegt…“, in der jeweils Menschen vorgestellt werden, die in ihrem Denken und Handeln nicht der stromlinienförmigen und in den Kreisen der Wohlhabenden angesagten Lebensgestaltung folgen, sondern ein Gespür von sozialer Gerechtigkeit in der Gesellschaft entwickeln und gewissermaßen vorbildhaft verantwortungsbewusst handeln und deutlich machen, was die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin von 2009 mit der Entdeckung benennt: „Was mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom, 2011).

Sandra Richter zieht aus ihrer Analyse und Erzählung über literarische Quellen zur Thematik „Wettbewerb“, bei denen sie sich immer wieder auf real existierende und konkret vorfindbare ökonomische Entwicklungen in der Gesellschaft beruft, die Erkenntnis: „Will man nicht allein auf die janusköpfige Regulierungsmacht der Staaten vertrauen, bleibt uns nur der komplizierte, anstrengende, täglich neu zu erprobende Akt der Balance zwischen Konkurrenz und Kooperation“. Damit knüpft sie an die Erkenntnis an, dass Teilen mehr Wert und ein „Commons“-Ruck notwendig ist (Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.02.2013 zu: Sandra Richter: Mensch und Markt. Warum wir den Wettbewerb fürchten und ihn trotzdem brauchen. Murmann Verlag (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-86774-128-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14642.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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