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Dean Buonomano: Brain Bugs. Die Denkfehler unseres Gehirns

Cover Dean Buonomano: Brain Bugs. Die Denkfehler unseres Gehirns. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 317 Seiten. ISBN 978-3-456-85151-8. 24,95 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

In diesem Buch behandelt Dean Buonomano die Funktionsweise des menschlichen Gehirns,wobei er den Begriff „Bugs“ für die Vielfalt der Fehler, Schwächen, Voreingenommenheiten und der daraus resultierenden Beschränkungen des Gehirns verwendet.

Autor

Der Autor ist Professor für Neurobiologie und Psychologie am Brain Research Institute der University of California, Los Angeles.

Aufbau und Inhalt

  • Einleitung
  • Bugs und Methode
  • Die Evolution ist ein Pfuscher
  • Kapitel 1: Das Gedächtnis-Netzwerk. Das semantische Gedächtnis – Assoziative Architektur – Verknüpfungen herstellen – Priming: Wie wir in Stimmung kommen – Erinnerungsfehler – Implizite Assoziationen - Verhaltenspriming
  • Kapitel 2: Gedächtnis-Upgrade erforderlich. Fehlerhafte Erinnerungen – Schreiben und neu schreiben - Erinnerungen: Bildung und Einbildung – Wo ist der Löschbefehl? - Speicherplatz – Gedächtniskünstler – Selektive Erinnerungen
  • Kapitel 3: Wenn das Gehirn abstürzt. Die Körperillusion – Neuronen verabscheuen das Schweigen - Die fantastisch plastische Hirnrinde – Eleganter Abbau und katastrophaler Zusammenbruch
  • Kapitel 4: Zeitliche Verzerrungen. Verzögerungsblindheit – Abzinsung der Zeit – Subjektives Zeitempfinden – Zeitliche Illusionen – Woher kennt das Gehirn die Zeit
  • Kapitel 5: Der Angstfaktor. Fest verdrahtete und erlernte Angst – Die neuronalen Grundlagen der Angst - Auf Angst vorbereitet – Fremdenfeindlichkeit – Fernangst - Amygdala-Politik
  • Kapitel 6: Unvernünftige Vernunft. Kognitive Verzerrung – Framing-Effekt und Ankerheuristik - Risikoaversion – Wahrscheinlichkeitsblindheit – Neurobiologie der Einseitigkeit
  • Kapitel 7: Der Werbe-Bug. Werbung bei Tieren – Künstliche Assoziationen – Assoziationen sind keine Einbahnstraße – Köder
  • Kapitel 8: Die Übernatürlichkeitsmacke. Die Nebenprodukt-Hypothese – Die Hypothese der Gruppenselektion – „Die Weisheit, den Unterschied zu erkennen“ – Götter im Gehirn
  • Kapitel 9: Fehlerbeseitigung. Übereinstimmung von Macken des Gehirns – Zwei Ursachen - Fehlerbeseitigung
  • Danksagungen
  • Anmerkungen
  • Literatur

In den ersten drei Kapiteln dieses Buches stellt der Autor zwei Erkenntnisse über das Gehirn vor, die die Voraussetzungen dafür bieten, dass „Bugs“ des Gehirns überhaupt entstehen können:

  • Die Speicherung von Kenntnissen über Tatsachen und über Bedeutungen erfolgt in der Form von Gedankenverbindungen. Dies führt dazu, dass zusammenhängende Begriffe miteinander verknüpft sind.
  • Wird an einen bestimmten Begriff gedacht, so erinnert man sich mit größerer Wahrscheinlichkeit an andere Begriffe, die mit diesem Begriff verwandt und somit verknüpft sind. Dieses Phänomen wird Priming genannt, ist unbewusst und erfolgt automatisch.

Buonomano vergleicht die Speicherung von Erinnerungen mit dem Aufbau des World Wide Web und dem der Sozialen Netzwerke. Er bezeichnet das Gehirn als neuronales Betriebssystem und als Neuronennetzwerk.

Durch das Priming kann es zu Erinnerungsfehlern kommen. Das bedeutet, dass beispielsweise etwas erinnert wird, das zwar mit dem betreffenden Ereignis im assoziativen Netzwerk verbunden ist, aber in dem konkreten Kontext des erinnerten Ereignisses tatsächlich nicht stattgefunden hat. Die Struktur des assoziativen Netzwerkes führt nicht nur dazu, dass Erinnerungsfehler auftreten. Sie kann auch dazu führen, dass die Meinung eines Menschen und möglicherweise die daraus resultierenden Entscheidungen beeinflusst werden können, ohne dass er sich dessen bewusst sein muss.

Auch das Verhalten einer Person kann durch das Priming beeinflusst werden. Verhaltenspriming bedeutet die Manipulation des Fühlens und Verhaltens durch Wörter. So wurde in einer Studie festgestellt, dass die Aktivierung neuronaler Verbindungen, die mit Begriffen von Unhöflichkeit oder Höflichkeit assoziiert waren, im Verhalten der Versuchsteilnehmer zu vorhersagbaren Veränderungen führte und zwar in die Richtung eines eher höflichen oder in die Richtung eines eher unhöflichen Verhaltens.

Als weitere Beispiele für „Bugs“ nennt der Autor Phantomschmerzen und Tinnitus, wobei er Tinnitus als Phantomton bezeichnet. Phantomschmerzen und Tinnitus können durch Verletzungen des Gehirns verursacht werden.

Da das Gehirn über eine spezielle Strategie der Zeitmessung verfügt, kommt es auch in diesem Zusammenhang zu Denkfehlern. Im vierten Kapitel erläutert Buonomano die Abzinsung der Zeit (der potentielle Wert einer zu erwartenden Belohnung nimmt mit der Zeit ab) und begründet, warum beim Fußball Abseitspositionen in bis zu 25% der Fälle falsch beurteilt werden.

Inwieweit der Angstfaktor bei der Entstehung von Denkfehlern mitwirkt, führt Buonomano im fünften Kapitel aus. So gebe es eine genetisch bedingte Veranlagung zum Erlernen der Angst vor bestimmten Objekten. Diese Veranlagung führe dazu, dass sich beispielsweise Phobien vor Schlangen und Spinnen viel leichter entwickeln können als Phobien vor Schusswaffen oder vor defekten Elektrokabeln, die im evolutionären Verlauf als noch junge Gefahren zu sehen sind. Er erwähnt in diesem Zusammenhang Al Gores Begriff der Amygdala-Politik, der damit die Erzeugung von Angst meinte, um Meinungen und Stimmungen beeinflussen zu können.

Im sechsten Kapitel stellt der Autor den Framing-Effekt vor, eine Art der kognitiven Verzerrung. Er meint, dass die Art und Weise, in der eine Frage gestellt wird – in welchem frame (Rahmen) sie gestellt wird – die Antwort beeinflussen kann. Auch seien mögliche Kunden eher durch eine Preisangabe in der Form „10% weniger“ statt „nur noch 90%“ und bei einer Kalorienangabe „50% weniger Kalorien“ statt „jetzt 50% der Kalorien“ zu gewinnen.

Eine Methode, die von Sportkommentatoren häufig benutzt wird, um die Sportberichterstattung interessanter zu gestalten, ist laut Buonomano die Wahrscheinlichkeitsblindheit. Konkret sieht dies so aus, dass zu einer Aussage weitere Bedingungen hinzugefügt werden und somit mehr Verbindungen hergestellt werden können. Die genannte Kombination von Ereignissen wird dadurch immer unwahrscheinlicher. Ein Beispiel aus der Fußballkommentation verdeutlicht dies: „Er ist der erste Spieler unter 25 in den letzten 33 Jahren, der in einer Saison drei Elfmeter geschossen hat und in drei Spielen je dreimal getroffen hat“.

Im siebten Kapitel untersucht der Autor zwei Merkmale des neuronalen Betriebssystems, die von Marketingexperten für die Vermarktung von Produkten genutzt werden:

  • Das Lernen durch Beobachtung und Nachahmung, das sich in der Form des Sozialen Lernens und der kulturellen Überlieferung in einer sozial übertragenen Nahrungspräferenz äußern kann.
  • Die Fähigkeit des Gehirns zur Assoziationsbildung. Gedankenverbindungen, die durch Musik oder durch das Logo, den Namen, die Verpackung und auch durch den Preis eines Produktes aktiviert werden, beeinflussen die Bewertung dieses Produktes.

Die Anfälligkeit für Werbung wird durch die Neigung des Gehirns erleichtert, durch Imitation zu lernen und Assoziationen zwischen den Objekten und Begriffen aufzubauen, mit denen es in Berührung kommt.

Im achten Kapitel stellt der Autor Hypothesen vor, die die biologische Herkunft von Glauben und Religion annehmen. So geht die Nebenprodukthypothese davon aus, dass Religion ein Nebenprodukt des spezifischen Aufbaus des Gehirns ist. Die kognitiven Ressourcen des Gehirns seien durch die Religion vereinnahmt worden. Vereinfacht worden sei dies durch die menschliche Vorliebe für das Geschichtenerzählen, die Vorliebe für die romantische Liebe, Autoritätsgläubigkeit etc. Die Hypothese der Gruppenselektion meint, dass die Selektion im Verlauf der Evolution religiöse Überzeugungen begünstigte. Die durch die gemeinsamen religiösen Überzeugungen erfolgte Einigung der Gruppe führte zu höherer Kooperationsbereitschaft und dadurch zu Vorteilen im Überlebenskampf.

Auf die Fehlerbeseitigung geht der Autor im neunten Kapitel ein.

Fazit

Der Autor Dean Buonomano gibt in seinem Buch „Brain Bugs. Die Denkfehler unseres Gehirns“ einen umfassenden Überblick über die Entstehung, die Wirkungsweise und die Konsequenzen dieser Denkfehler, wie beispielsweise die Beeinflussbarkeit durch Werbung oder durch politische Propaganda. Mit „Bugs“ bezeichnet er die besonderen Schwächen und Voreingenommenheiten sowie die sich daraus ergebenen Beschränkungen des Gehirns. Durch die informativen Anmerkungen und Quellenangaben, die Beschreibung wissenschaftlicher Untersuchungen und einer Vielzahl von Beispielen gestaltet er sein Buch gut lesbar und verständlich. Viele der beschriebenen Phänomene geben dem Leser die Möglichkeit, diese im Alltagsleben wieder zu erkennen und zu bestätigen.


Rezensentin
Dr. Barbara Mahmoud
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Zitiervorschlag
Barbara Mahmoud. Rezension vom 30.07.2013 zu: Dean Buonomano: Brain Bugs. Die Denkfehler unseres Gehirns. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. ISBN 978-3-456-85151-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14643.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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