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Alexander-Kenneth Nagel (Hrsg.): Diesseits der Parallelgesellschaft

Cover Alexander-Kenneth Nagel (Hrsg.): Diesseits der Parallelgesellschaft. Neuere Studien zu religiösen Migrantengemeinden in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2013. 270 Seiten. ISBN 978-3-8376-2230-0. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Parallel- oder Tangentengesellschaft?

Begrifflichkeiten haben es in sich. Sie können Richtpunkte oder Irrlichter sein. Sie können als Schlagwörter im übertragenen und im direkten Wortsinn daherkommen. Sie werden erfunden und eingesetzt, um entweder eine Situation zu benennen oder sie zu diskriminieren. Sie sind Hilfskonstruktionen oder haben Ge- und Verbotscharakter. Sie können zur Alltagssprache gehören , sich als Kunstwörter entwickeln oder zu No-Names werden. Der Begriff „Parallele“ kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus „para“ = „neben“ und „alleon“ = „einander“ zusammen. In der Geometrie sind das zwei Gerade, die nebeneinander verlaufen und sich nicht nähern. Dahinter steht das Menetekel der nicht überwindbaren Trennung – „Sie können zueinander nicht kommen“- in der mittelalterlichen Ballade waren es zwei Königskinder, die nicht zusammen kommen konnten, weil der trennende, reißende Fluss dies verhinderte. In der teils humoristischen, sarkastischen oder veralbernden Interpretation des Liedtextes wird daraus gemacht: Weil er nicht schwimmen kann; weil er kein Schiff oder Floß bauen kann; weil er keine Lust hat, sich anzustrengen; weil er die Bademütze vergessen hat…

Der Begriff „Parallelgesellschaft“ bezeichnet in der deutschen Migrationsdebatte die Situation, dass bei der Zuwanderung von Fremden in die Mehrheitsgesellschaft Probleme der Eingliederung gibt und die eingewanderten Minderheiten in eigenen Gruppierungen zusammenfinden, sich also gewissermaßen außerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Organisationsformen selbständig formieren. Diese an sich normale und logische Form, dass in der Fremde die sich ethnisch und kulturell einander näher fühlenden Menschen Kontakt zueinander suchen, wird bei den Auseinandersetzungen um Einwanderungsgesellschaft(en) jedoch verstanden als Abgrenzung und Verweigerung zur Integration (wobei nicht selten die Forderung nach Assimilation gemeint ist) und als Bedrohung der eigenen kulturellen Identität empfunden. Der Bielefelder Soziologe und Migrationswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer hat den Begriff Anfang der 1990er Jahre in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt. Spätestens seit Nine-Eleven wird der Bildung von Parallelgesellschaften in nationalen Mehrheitsgesellschaften eine deutliche, öffentliche Aufmerksamkeit zugewendet und den (legitimen) Gemeinschaftsbildungsprozessen das Etikett „Terrorismusverdacht“, zumindest aber „Integrationsunwilligkeit“ angeheftet.

Der ehemalige Direktor des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Berliner Politikberater Klaus J. Bade hat im „Manifest der 60“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Politikerinnen und Politiker zusammen gebracht, um (1994) auf die unklare und unlogische Gesellschaftspolitik hinzuweisen, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Die 60 warnen vor den gesellschaftlichen Folgen der politischen Versäumnisse, und sie zeigen auf, welche Integrationsmaßnahmen im nationalen und internationalen Rahmen notwendig sind (Klaus J. Bade, Hrsg., Das Manifest der 60. Deutschland und die Einwanderung, München 1994, 231 S.). In einem Interview mit Spiegel Online im November 2004 stellt Klaus J. Bade fest, dass es Parallelgesellschaften eigentlich in Deutschland gar nicht gibt: „Die Parallelgesellschaften gibt es in den Köpfen derer, die Angst davor haben: Ich habe Angst, und glaube, dass der andere daran Schuld ist. Wenn das ebenso simple wie gefährliche Gerede über Parallelgesellschaften so weitergeht, wird sich die Situation verschärfen. Dieses Gerede ist also nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems“. Die Diskussion werde bestimmt von Verzerrungen und Vereinfachungen; nicht Schuldzuweisungen, Klagen vom „Untergang des Abendlandes“ und rassistische Parolen wie „Das Boot ist voll“ seien die adäquaten Antworten darauf, sondern Empathie, globale Solidarität und das Bewusstsein, dass, wie es in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember als allgemeingültige und nicht relativierbare globale Ethik der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert ist, „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 48).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Es sind Differenzerfahrungen, die eigene kulturelle Anschauungen und Identitäten irritieren (Sylke Bartmann / Oliver Immel, Hrsg., Das Vertraute und das Fremde. Differenzerfahrung und Fremdverstehen im Interkulturalitätsdiskurs, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12833.php). „Fremd ist nicht einfach nur das Andere, sondern das Andere, das als störend empfunden wird“; diese eher tautologisch anmutende Aussage bestimmt die Auseinandersetzung um Konflikt und Begegnung von Menschen, um Ablehnung und Zustimmung, wenn Menschen aufeinander treffen, die sich fremd sind in Aussehen, Auffassung und Herkunft (Max Matter / Anna Caroline Cöster, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, www.socialnet.de/rezensionen/12023.php). Wanderbewegungen hat es bei Menschen schon immer gegeben. Die so genannten Pull- und Push-Faktoren, wie sie in der Migrationsforschung als Begründungen und Erklärungsmuster herangezogen werden, sind uralte Phänomene (vgl. dazu: Jochen Oltmer, Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, 2012,www.socialnet.de/rezensionen/14206.php). Ethnozentrierte, populistische und rassistische Argumente gegen Einwanderung verunsichern die oft nicht informierte und aufgeklärte Öffentlichkeit. Dagegen wehren sich mittlerweile eingewanderte und in die Gesellschaft integrierte Menschen (z. B.: Zafer Senocak, Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10870.php; Hilal Sezgin, Hrsg., Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11392.php; Mehmet Gürcan Daimagüler, Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12723.php), und wissenschaftliche Analysen haben längst bewiesen, dass Einwanderung keine Belastung für Mehrheitsgesellschaften sind, sondern vielfach eine Bereicherung und Chance zur Weiterentwicklung darstellen (Doug Saunders, Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14487.php; Niklas Reese / Judith Welkmann, Hrsg., Das Echo der Migration. Wie Auslandsmigration die Gesellschaften im globalen Süden verändert, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10775.php); was ja nicht bedeutet, im gesellschaftlichen Diskurs auf „Friede-Freude-Eierkuchen“ zu machen; vielmehr kommt es darauf an, die in diesen Wandlungsprozessen auch auftretenden Probleme zu erkennen, diskutieren (Nilüfer Keskin, Probleme der Integration türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation. Ein Vergleich der Integrationslage türkischer Migranten in Deutschland, Großbritannien und Australien, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11975.php; Yvonne Riaño / Janine Dahinden, Zwangsheirat. Hintergründe, Maßnahmen, lokale und transnationale Dynamiken, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11860.php) und gemeinsam Ausschau nach Möglichkeiten zur Bewältigung der Schwierigkeiten zu halten (Jens Wassenhoven, Europäisierung deutscher Migrationspolitik. Policy-Wandel durch Advocacy-Koalitionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11890.php; Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12676.php; Elisabeth Rangosch-Schneck, Lehrer – Lernen – Migration. Außen- und Innenperspektiven einer "interkulturellen Lehrerbildung", 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14006.php).

Die Menschen auf der Erde gehören einer Menschheitsfamilie an. Sie bilden in ihrer Verschiedenheit eine Einheit, und „Rasse“ als Klassifizierungs- und Differenzierungsmerkmal ist abgeschafft (Susan Arndt, Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14286.php). Es ist die kulturelle Vielfalt, die gleiche Rechte schafft (vgl. dazu: UNESCO-Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen vom 20. Oktober 2005, Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn, o. J., 111 S.), und Differenz als Alleinstellungsmerkmal der Menschheit muss in der sich immer interdependenter, entgrenzender (und ungerechter) entwickelnden (Einen?) Welt neu wahr genommen werden (Dominique Grisard / Ulle Jäger / Tomke König, Hrsg., Verschieden sein. Nachdenken über Geschlecht und Differenz, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus 2013, 332 S.).

Das Netzwerk von jungen (Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, „Religion vernetzt“, das an der Ruhr-Universität Bochum beheimatet ist, mit dem Centrum für Religionswissenschaftliche Studien, CERES, zusammenarbeitet und vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung gefördert wird, will nicht die Klagen, Anwürfe und Schuldzuweisungen wiederholen, die allenthalben den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen; vielmehr sollen Verbindungen, Beziehungen, Zusammenhänge und Unterschiede bei Zusammenschlüssen von Migrantinnen und Migranten in Deutschland, den „Migrantengemeinden“, analysiert und aufgewiesen werden, mit all den Problemen, Konflikten, aber auch den Erfolgen und positiven Entwicklungen.

Der Juniorprofessor für Sozialwissenschaftliche Religionsforschung am CERES und Koordinator der Nachwuchsforschungsgruppe „Religion vernetzt“, Alexander-Kenneth Nagel, gibt den Sammelband heraus mit dem Ziel, empirisch die Arbeiten und Wirkungen von religiösen Migrantengemeinden in Deutschland exemplarisch darzustellen und gewissermaßen die Diaspora-Situation im Zusammenhang mit Migration und Religion zu beleuchten.

Aufbau und Inhalt

Im Sammelband kommen acht junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Wort. Neben dem Vorwort und dem Fazit macht sich der Herausgeber mit dem Beitrag „Diesseits der Parallelgesellschaft. Religion und Migration in relationaler Perspektive“ auf die Suche nach Alternativen zu Parallelgesellschaften. Der Figur der „Parallele“ als Symbol für ein Nebeneinander und nicht zu erreichendem Miteinander setzt er die „Tangente“ entgegen. „Tangere“, aus dem Lateinischen, bedeutet „Berühren“, und zwar nicht von Vornherein und Sofort, sondern im Laufe eines Prozesses, der sich konstruktiv im Gesellschaftsdiskurs ergibt. Die „Relationale Soziologie“ liefert die Sicherheitsnadel für gesellschaftliche Analysen im Spannungsverhältnis von Religion und Migration: „Akteure und Entitäten gelten nicht als Träger und Beweger sozialen Handelns, sondern erhalten ihre Bedeutung erst im Zuge wechselnder funktionaler Rollen im Rahmen einer ‚Transaktion‘“. Die Situation von Diaspora-Gemeinden ist ja bestimmt von Metaphern wie: Verlust, Erinnerung, Verstreuung, Verunsicherung, Verabschiedung, aber auch von Bewahrung, Wiederfindung, Neubeginn, Mythenbildung und gelegentlich auch Fundamentalisierung.

Die Bochumer Promovendin zur Thematik „sozial-, zivilgesellschaftlich und politisch engagierte Muslime in Deutschland“, Karin Hitz, geht in ihrem Beitrag auf „Engagierte Muslime in Deutschland“ ein, indem sie über Vernetzungs- und Legitimationsdynamiken im Kontext sozialer und zivilgesellschaftlicher Arbeit“ informiert. Sie zeigt den aktuellen Forschungsstand auf und berichtet über ihre Forschungsmethoden und -ergebnisse. Dabei arbeitet sie verschiedene Netzwerkpraktiken auf und verdeutlicht anhand von individuumszentrierten und narrativen Dynamiken Gefährdungen, Verunsicherungen wie Brückenschlag- und Vermittlungsaktivitäten.

Der Diplom-Soziologe Piotr Suder, Doktorand am CERES, berichtet über sein Forschungsgebiet „Repräsentative Moscheen, Legitimität und kommunales Networking“ und stellt seine Untersuchungen zur Al-Muhajirin Gemeinde in Bonn vor. Wie bei vielen Moschee-Initiativen in Deutschland vollzog sich auch dort der Umzug von einer Hinterhof-Existenz in den öffentlichen, repräsentativen Stadtraum. Auch dort: Konflikte von Bürgern in der Nachbarschaft über die Neubauplanungen, ebenso kommunal-politische Auseinandersetzungen über Moscheebau und Kulturzentrum; immerhin: Die Konflikte wurden nicht unter der Gürtellinie, sondern im bürgerschaftlichen und politischen Dialog ausgetragen, so dass der Autor „von einer (zumindest kurzfristigen) Integration durch Konflikt“ sprechen kann. Die Einschränkung verdeutlicht zwar, dass von einem endgültigen integrativen Erfolg noch nicht gesprochen werden kann, aber die kommunikativen Wechselbeziehungen und Kontakte zwischen der muslimischen Gemeinde und anderen Teilen der Stadtgesellschaft weisen einen Weg hin zu einer erfolgreichen Eingliederung der Initiative in die Bürger- und Stadtkultur.

Der Religionswissenschaftler Frederik Elwert setzt sich mit „Religionsgemeinschaften als Integrationsagenten“ auseinander, indem er über Russlanddeutsche Gemeinden zwischen Binnenorientierung und Außenwirkung schreibt, einer bisher in der Migrationsforschung und -politik wenig beachteten Gruppe der Russlanddeutschen Aussiedler Die vorgestellten Fallbeispiele zeigen auf, dass, im Gegensatz zu Muslimen mit Migrationshintergrund, „die religiöse Orientierung … keine Beschränkung des Lebenslaufs auf eine religiöse Norm“ darstellt; vielmehr entwickeln sich neue Perspektiven für eigene Lebensplanungen – allerdings auch einschränkende Optionen in der Biographie der religiös Orientierten.

Die Religionswissenschaftlerin Eva-Maria Döring forscht über religiöse Praxis von lateinamerikanisch-brasilianischen Pfingstlern in Deutschland: „¡Ven, ven Espiritu Santo ven!“. Die verschiedenen, pfingstlich-charismatisch und gemäßigt charismatisch orientierten Gemeinden (in der Rhein-Ruhr-Region) kennzeichnen sich durch eine besondere Handlungs-, Verhaltens- und Sprachregelung aus. Sie basiert auf Vereinbarungen, die von der Gemeinde „vor Ort“ getroffen werden und es dadurch den Gläubigen gebieten, die Regeln entweder einzuhalten oder Veränderungsprozesse mitzugestalten und dialogisch dabei mitzuwirken. Als Charakteristikum dafür kann gelten: „Die den Dialog führen, sind die Menschen, nicht die Wörter“.

Sabrina Weiß forscht über koreanisch-christliche Gemeinden in Nordrhein-Westfalen. Ihren Beitrag titelt sie: „Gemeinschaft als Prozess“. Die Einwanderung von koreanischen Krankenschwestern, Bergarbeitern, StudentInnen und Geschäftsleuten in zeitlichen Schüben seit Ende der 1950er Jahre, hat zur Entstehung von koreanischen Gemeinden, beginnend als Hauskreise und Gruppentreffen, vor allem in den Ballungszentren und Städten in Deutschland geführt. Die Autorin beschreibt verschiedene Organisationsprozesse, bis hin zu institutionalisierten Glaubensgemeinschaften und religiösen Orten, die soziale Kommunikation, existentiellen Halt und Glaubensheimat sein können.

Sandhya Marla hat im Rahmen der Nachwuchsforschergruppe „Religion vernetzt“ über Religiosität der zweiten Generation in Nordrhein-Westfalen lebenden tamilischen Hindus promoviert. Sie setzt sich in ihrem Beitrag „Diaspora- Hinduismus 2.0“ mit christlich-hinduistischen Kontaktmomenten bei jungen Tamilen in Deutschland auseinander. Weil Migration immer ein mehrgenerationaler Prozess ist, kommt den biografischen Fallbeispielen bei der Erforschung, ob und wie Integration gelingen oder scheitern kann, eine große Bedeutung zu.

Nelly Caroline Schubert interessiert sich bei ihrem Forschungsgebiet dafür, welche kulturellen und strukturellen Einfluss- und Präsentationsformen bei religiös annotierten Einrichtungen und Institutionen zustande kommen und wirken und welche Auswirkungen sie auf die inner- und außerstrukturellen Verläufe haben. In ihrem Beitrag „‘Gatekeeper‘ und ‚Broker‘ als Schnittstellen zwischen religiösen Organisationen“ diskutiert sie die verschiedenen (neuen) wissenschaftlichen Forschungsmethoden zur Ermittlung von personellen und institutionellen Präsentations- und Repräsentationsfaktoren und zeigt auf, dass sie sowohl auf soziale und symbolische Grenzen stoßen, aber auch, wie sie dazu beitragen können, die interreligiösen Beziehungen zwischen Organisationen und der kommunalen Öffentlichkeit zu verbessern.

Den Schlussbeitrag „Vernetzte Vielfalt: Religionskontakt in interreligiösen Aktivitäten“ liefert Alexander-Kenneth Nagel, indem er auf die religiöse Pluralisierung zwischen Topographie und Vernetzung verweist. Aus den vorangegangenen Diskursen und den vorfindbaren Forschungsergebnissen differenziert der Autor sechs Typen interreligiöser Aktivitäten heraus und verdeutlicht damit die vielfältigen interreligiösen Initiativen: Da ist zum einen der „Interreligiöse Nachbarschaftstreff“ als meist von einzelnen Meinungsbildnern privat organisiertes Projekt; dann der „Interreligiöse Dialog“ (z. B. in der Region Hildesheim „Abrahams Runder Tisch“); das „Interkulturelle Friedensgebet“; der „Interreligiöse Schulgottesdienst“; „Tag der offenen Tür“; und schließlich das „Interreligiöse Event“, etwa Sportveranstaltungen, u.a.

Fazit

Die Bochumer (Jung-)Forschergruppe „Religion vernetzt“ bietet mit dem Sammelband zahlreiche Einblicke in aktuelle, wissenschaftliche Forschungsinitiativen über Fragen, wie sich religiöse Migrantengemeinden in Deutschland etablieren, mit welchem Verständnis sie arbeiten und welche Möglichkeiten der Information und Kooperation sie nutzen, um jeweils „vor Ort“ wahrgenommen, akzeptiert zu werden und eigenständig wirken zu können. Im Rahmen der zivilgesellschaftlichen Herausforderungen, eine verlässliche und humane Integrationspolitik lokal und global zu gestalten, sind Fragen von Migration und Integration von besonderer Bedeutung (vgl. dazu auch Harald Kleinschmidt, Migration und Integration, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12424.php). Dabei sind wissenschaftliche Analysen darüber wichtig, wie Organisationssysteme von Migrantinnen und Migranten entstehen und arbeiten ( Gundula Müller, Arrangement und Zwang. Zur Reproduktion patriarchaler Strukturen durch türkische Migrantinnen in Deutschland, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14470.php), freilich nicht mit dem ethno-, germano- und eurozentrierten Zeigefinder, sondern mit dem religions- und gesellschaftskritischen Blick ( Maxi Berger / Tobias Reichardt / Michael Städtler, Hrsg., „Der Geist geistloser Zustände“. Religionskritik und Gesellschaftstheorie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13711.php) – dies vermisst der Rezensent in den Beiträgen; ebenso fehlen Hinweise auf die vom Ökumenischen Vorbereitungsausschuss (ÖVA) alljährlich bundesweit und dezentral ausgerufene „Interkulturelle Woche“ (19. 9. bis 3. 10. 2013); nicht zuletzt deshalb, weil dies eine institutionalisierte Möglichkeit darstellt, dass sich die religiösen Migrantenorganisationen mit ihren Zielen und Aktivitäten einbringen können.

Trotz dieser Einschränkungen lässt sich sagen, dass die Initiative der Nachwuchsforschergruppe „Religion vernetzt“ ein wichtiger Baustein ist, um die vielfältigen individuellen, weltanschaulichen, ideologischen und gesellschaftlichen Wechselwirkungen zu diskutieren, die in religiösen Gemeinden, Vereinen und Zusammenschlüssen von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland vorfindbar sind. Denn eine gelingende Integration ist für alle Menschen in der Gesellschaft notwendig und existentiell.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.03.2013 zu: Alexander-Kenneth Nagel (Hrsg.): Diesseits der Parallelgesellschaft. Neuere Studien zu religiösen Migrantengemeinden in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2230-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14654.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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