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Anthony Kenny: Geschichte der abendländischen Philosophie

Cover Anthony Kenny: Geschichte der abendländischen Philosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2012. 1408 Seiten. ISBN 978-3-534-23199-7. 149,00 EUR.

ISBN gilt nur für Mitglieder der WBG. 4 Bände. Die Bände können auch für je 49,90 EUR einzeln und für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, dort erworben werden.
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Thema

Seit dem zweiten Weltkrieg sind, angefangen mit Johannes Hirschbergers zweibändiger Philosophiegeschichte (1949-52), aus der Feder eines einzigen Autors und ohne Wiederauflagen von Werken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur wenige Geschichten der Philosophie erschienen. Verfasst haben sie Hans-Joachim Störig (1971), Christoph Helferich (1985), Ernst Sandvoss (1989, 2 Bde.), Wolfgang Röd (2000, 2 Bde.), Otfried Höffe (2001) und Franz Schupp (2005, 3 Bde.). Daneben wurden mehrbändige Sammelwerke herausgegeben (Wolfgang Röd, 1976-2013, 14 Bde.; Rüdiger Bubner, 1978-1984, 8 Bde.), eines ursprünglich in französischer Sprache (François Châtelet, 1972-1973, 8 Bde.). Wie Kenny selbst bemerkt: „In unserem Zeitalter der Spezialisierung sind die meisten Geschichten der Philosophie das Gemeinschaftswerk vieler Autoren… (II, 9).

Mit der „Geschichte der abendländischen Philosophie“ des englischen Philosophen Anthony Kenny liegt nun eine neue Philosophiegeschichte vor, die bisher umfangreichste aus einer Feder und die erste aus dem Englischen übersetzte. Kenny konzentriert sich im Unterschied zu Störig, Helferich und Sandvoss auf die „abendländische Philosophie“. Er schreibt für „Studenten auf dem Niveau des zweiten und dritten Studienjahres“, aber auch für diejenigen, „die nicht lesen, weil es ihr Lehrplan nahelegt, sondern die dies zur eigenen Bildung und Unterhaltung tun“ (II, 10)

Autor

Sir Anthony John Patrick Kenny, 1931 in Liverpool (Großbritannien) geboren und 1992 von der Königin zum Ritter geschlagen, studierte Katholische Theologie und Philosophie in Rom und Oxford, wurde 1955 zum Priester ordiniert und 1961 in Oxford in Philosophie promoviert. Bis 1963 war er zugleich wissenschaftlicher Assistent und katholischer Pfarrer in Liverpool. In diesem Jahr wurde er in den Laienstand versetzt und 1965, nach seiner Heirat, exkommuniziert. Seitdem war er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2001 ununterbrochen an der Universität Oxford tätig.

Kenny hat neben thematischen Werken Bücher zu Philosophen wie Descartes (1968), Wittgenstein (1973), Thomas von Aquin (1980) und Gottlieb Frege (1995) verfasst, 1994 „The Oxford illustrated history of western philosophy“ („Illustrierte Geschichte der westlichen Philosophie“, 1998) herausgegeben und 1995 „A brief history of western philosophy“ geschrieben. Die Philosophiegeschichte ist für ihn insofern vertrautes Terrain. „Es gibt zwei Gründe, warum Leser die Geschichte der Philosophie studieren möchten: Sie können entweder hauptsächlich an Philosophie oder hauptsächlich an Geschichte interessiert sein.“ (II, 9) Kenny sagt zu sich selbst: „Ich bin von Beruf Philosoph, nicht Historiker, doch glaube ich, dass die Geschichte der Philosophie für das Studium der Philosophie selbst von großer Bedeutung ist“; „dass die Philosophie der großen Denker der Vergangenheit in vieler Hinsicht nach wie vor aktuell ist…“ (II, 9).

Entstehungshintergrund

Die vier Bände erschienen in englischer Sprache 2004 bis 2006 unter dem Titel „A New History of Western Philosophy?. Der Übersetzer des Werks, Manfred Weltecke, ist ein deutscher promovierter Philosoph und Dozent an der Universität Dublin. Wie Kenny in der Einführung zum zweiten Band berichtet, ist die Oxford University Press seinerzeit mit der Bitte an ihn herangetreten, „als Alleinautor eine Geschichte der Philosophie von Thales bis Derrida zu schreiben“ (II, 9). Mehr ist zur Entstehungsgeschichte des Werks nicht zu erfahren.

Aufbau

Die vier Bände der Philosophiegeschichte Kennys behandeln nacheinander, in traditioneller historischer Epocheneinteilung, die Antike, das Mittelalter, die Neuzeit und die Moderne.

Jeder Band besteht aus Kapiteln zur Geschichte der Philosophie insgesamt und zur Geschichte wichtiger Fragestellungen, um die herum sich für gewöhnlich Teildisziplinen gebildet haben. Somit bietet das Werk eine Mischung aus chronologischen und thematischen Zugängen. In den chronologischen Kapiteln hat Kenny als „philosophischer Historiker“, in den thematischen als „historischer Philosoph“ (I, 18) geschrieben. Jeder Band enthält weiterhin sowohl am Anfang eine Karte als auch am Ende eine Zeittafel und mittendrin immer wieder einmal, aber spärlich, verschiedenste Abbildungen.

Bd. 1: Antike

Kenny teilt die Philosophie der Antike in die Zeit vor und nach Aristoteles, der im Kontext seiner systematischen Philosophie auch der erste Historiker der Philosophie gewesen ist. Die erste Phase beginnt mit Thales (ca. 624-546) und endet mit Platon (427-347), dem Lehrer des Aristoteles, während die zweite mit Aristoteles (384-322) selbst anhebt und mit Augustinus (354-439), genauer mit seiner Bekehrung zum Christentum beschlossen wird. Damit weicht Kenny von der üblichen Dreiteilung der antiken Philosophie in Vorsokratik (Thales bis Demokrit), Klassik (Sokrates bis Aristoteles) und Hellenismus (Zenon bis Plotin) ab und bezieht die christliche Patristik (Justin bis Augustinus) ausdrücklich mit ein. Sie fällt ebenfalls in die Zeit des Hellenismus, wird aber meist dem christlich geprägten Mittelalter zugerechnet. Von Beginn an, von den Milesiern (Thales etc.) bis hin zu den Neuplatonikern (Plotin etc.) war die Philosophie der Antike durch „Schulen des Denkens“ (I, 82) geprägt. Die Schließung der platonischen Akademie in Athen durch den christlichen Kaiser Justinian im Jahre 529 ist so etwas wie das Ende der antiken Philosophie.

Aristoteles war nicht nur der erste Historiker, sondern auch der erste Systematiker der Philosophie. Er unterschied drei Gruppen philosophischer ‚Disziplinen?: die theoretischen, praktischen und poietischen. Die ersten sind dem Erkennen, die beiden anderen dem Handeln gewidmet: mehr ethisch in der Praxis im engeren Sinne, mehr technisch in der Poiesis. Einen Sonderstatus nehmen die logischen ‚Disziplinen? ein. Diesen widmet Kenny die ersten beiden thematischen Kapitel. Die übrigen gelten der theoretischen und der praktischen Philosophie:

Logische Themen: „Richtiges Argumentieren: Logik“ (inkl. Sprachphilosophie), „Das Wissen und seine Grenzen: Erkenntnistheorie“

Theoretische Themen: „Wie Dinge geschehen: Physik“, „Seele und Geist“, „Was es gibt: Metaphysik“, „Gott“

Praktische Themen: „Das rechte Leben: Ethik“

Ausgelassen werden von Kenny innerhalb der Theorie die Mathematik, innerhalb der Praxis Ökonomie und Politik und die poietische Philosophie insgesamt. Er beansprucht aber auch nicht, alle systematisch möglichen Themen abzuhandeln, sondern nur die für die Epoche maßgeblichen.

Bd. 2: Mittelalter

„Es ist noch nicht zu lange her, dass man an den Universitäten in Kursen zur Geschichte der Philosophie von Aristoteles direkt zu Descartes weiterging und die Spätantike sowie das Mittelalter übersprang.“ (II, 10) Auch die Renaissance gehört zu diesen vernachlässigten Zeiten. Insbesondere für die Scholastik im Hochmittelalter, die in gewissem Sinne eine zweite klassische Episode nach der antiken Athener Philosophie darstellt, galt es immer, drei Hindernisse zu überwinden, die jegliche Geschichtsschreibung erschwerten: die schwer verständliche mittelalterliche lateinische Sprache, der namensgebende verschulte Entstehungszusammenhang der Schriften („Scholastik) und die große Nähe zur Theologie (vgl. II, 11).

Auch das Mittelalter teilt Kenny in zwei Epochen ein. Die erste, in der sich „Philosophie und Glaube“ (II, 17) verbinden, beginnt mit der Bekehrung des Augustinus zum Christentum und mit dem christlich beeinflussten Boethius (480/85-524/26) und endet mit einem muslimischen und einem jüdischen Philosophen: mit Averroes (1126-1198) und Moses Maimonides (1138-1204). Die zweite Epoche beginnt mit der Scholastik, die er von Robert Grosseteste (1170-1235) und Albertus Magnus (1200-1280) bis zu Wilhelm von Ockham (1288-1347) ansetzt und die von der Wiederentdeckung des Aristoteles und der Gründung der Universitäten in Paris und Oxford angestoßen wird. Die Epoche endet mit der Philosophie der Renaissance, die ebenfalls an der klassischen griechischen Philosophie, auch des Platon, anknüpfte: mit Marsilio Ficino (1433-1499) und Pico della Mirandola (1463-1494) in Florenz.

Die Themen, deren Problemgeschichten Kenny für das Mittelalter schreibt, sind dieselben wir in der Antike: „Logik und Sprache, Erkenntnistheorie, Physik, Metaphysik, Geist und Seele, Ethik und Gott.

Bd. 3: Neuzeit

Die Neuzeit wird mit einem Präludium eröffnet, das auch noch dem unmittelbaren Sprung von Aristoteles zu Descartes vorgeschaltet: der „Philosophie im 16. Jahrhundert“, die von den Humanisten Erasmus von Rotterdam (1465/69-1536) und Thomas Morus (1478-1535) bis zu dem Empiristen Francis Bacon (1561-1626) reicht. Dieser Zeit widmet Kenny sein erstes von drei chronologischen Kapiteln. Für die Neuzeit insgesamt konstatiert er, dass im Unterschied zur Antike und Mittelalter „Aristoteles auf der philosophischen Bühne fehlt“ und die Philosophie im Unterschied zum Mittelalter und zum 20. Jahrhundert „am intensivsten nicht innerhalb, sondern außerhalb der Universitäten betrieben wurde“ (III, 10).

Für die beiden folgenden chronologischen Kapitel ist nicht ganz nachvollziehbar, wie es zu der Einteilung „Von Descartes bis Berkeley“ und „Von Hume bis Hegel“ kommt. Auch legt Kennys Bemerkung, „die frühe Neuzeit wird von zwei philosophischen Riesen beherrscht, vom einen an ihrem Beginn und dem anderen an ihrem Ende: Descartes und Kant“, eine andere Zweiteilung nahe: zwischen früher und später Neuzeit, politisch durch die französische, technisch durch die industrielle Revolution unterteilt. Die späte Neuzeit, auch „Moderne“ genannt, ist aber Gegenstand des vierten Bandes. Wie es Kenny auch immer gemeint hat, insbesondere das Dreigestirn des deutschen Idealismus, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Josef Schelling (1775-1854), wird noch im dritten Band thematisiert, obwohl schon zur Moderne gehörig.

Inhaltlich entspricht der Neuzeit, dass gegenüber den Antike und dem Mittelalter ein Thema fehlt und ein anderes hinzukommt. Die Philosophen der Neuzeit zeigen kein Interesse mehr für Logik und Sprache, dafür deutlich, mit Machiavelli und Thomas Morus beginnend, für Politik

Bd. 4: Moderne

Der vierte und letzte Band wartet wieder mit drei chronologischen Kapiteln auf, wieder mit Philosophen benannt: „Von Bentham bis Nietzsche“, „Von Peirce bis Strawson“ und „Von Freud bis Derrida“. Das zweite und dritte Kapitel folgen aber keiner Chronologie, sondern sind zeitlich parallel gedacht. Sie beziehen sich stattdessen auf unterschiedliche Räume und Sprachen. „… da … die Philosophie der englischsprachigen Welt im 20. Jahrhundert von der Philosophie auf dem europäischen Kontinent durch einen tiefen Abgrund getrennt ist, erfolgen die Darstellungen im zweiten und dritten Kapitel in unterschiedliche Richtungen.“ (IV, 12) Die Gegenwart lässt Kenny 1975 enden. Werke, die danach erschienen sind, berücksichtigt er nicht mehr.

Die philosophische Moderne beginnt nach Kenny mit der Veröffentlichung von Jeremy Benthams (1748-1832) Buch „Einführung in die Prinzipien der Moral und Regierung“, dem „Gründungsdokument“ des Utilitarismus. Sie fiel in das Jahr der französischen Revolution: 1789. Das 19. Jahrhundert lässt Kenny mit dem Tod Friedrich Nietzsches (1844-1900) enden. Im 20. Jahrhundert entwickelt sich, angestoßen durch den ersten großen nordamerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce (1839-1914) und den deutschen Mathematiker und Logiker Gottlob Frege (1848-1925) eine angelsächsische, insbesondere pragmatisch und sprachanalytisch geprägte Tradition des Philosophieren. Ludwig Wittgenstein (1889-1951), für Kenny der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts, gehört in diese Tradition. Peter Strawson (1919-2006) ist der letzte in dieser Reihe, den er berücksichtigt. Die kontinentaleuropäische, insbesondere phänomenologisch und existentialistisch geprägte Tradition, eröffnet Kenny – unphilosophisch – mit Sigmund Freud (1856-1939) und – streng philosophisch – mit Edmund Husserl (1859-1938). Das Kapitel endet mit dem französischen Philosophen Jacques Derrida (1930-2004).

Im 20. Jahrhundert sind die Themen der Logik und Sprache von herausragender Bedeutung. Kenny widmet beiden erstmals jeweils ein eigenes Kapitel. Die Physik, die sich schon mit Newton weitgehend verselbstständigt hatte, ist jetzt fast kein philosophisches Thema mehr, allenfalls eines der Physiker selbst. Die Politik tritt ebenfalls in den Hintergrund, während die Ästhetik, die schon im 18. Jahrhundert anhebt und erstmals an die poietische Philosophie des Aristoteles anschließt hinzukommt.

Diskussion

Dass Kennys „Geschichte der abendländischen Philosophie“ einen höheren Grad an Subjektivität und – in Teilen – einen geringeren Grad an Fachkenntnis aufweist als entsprechende Sammelwerke, kann man einer Monographie nicht zum Vorwurf machen. Dieser Nachteil wird durch die Vorzüge der mutigen Akzentuierung und frischen Verständlichkeit aufgewogen. Und dass Kenny die räumliche und die soziale Dimension der Philosophie vernachlässigt, unterscheidet ihn kaum von anderen Philosophiegeschichten. Immerhin unternimmt Kenny mit seinen Karten in geographischer Hinsicht einen ersten, noch vorsichtigen Versuch. Ansonsten hat bisher nur Elmar Holenstein die „Orte und Wege des Denkens“ („Philosophie-Atlas“, 2004) nachgezeichnet. Weiterhin ist eine Sozialgeschichte der Philosophie meines Wissens bisher nicht geschrieben worden.

Ansonsten ist Kennys Werk angelsächsisch flüssig geschrieben und behandelt, mehr oder minder vollständig, die wichtigen Philosophen und Philosophien des Westens. Der zweifache, d.h. chronologische und thematische Zugang, erweist sich dabei als Glücksgriff.

Fazit

Vier gehaltvolle Bände zur Philosophiegeschichte aus einer einzigen Feder: ein großer Wurf.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 09.04.2013 zu: Anthony Kenny: Geschichte der abendländischen Philosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2012. ISBN 978-3-534-23199-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14655.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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