Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christiane Griese, Helga Marburger: Interkulturelle Öffnung

Rezensiert von Prof. Dr. Nausikaa Schirilla, 24.01.2014

Cover Christiane Griese, Helga Marburger: Interkulturelle Öffnung ISBN 978-3-486-70694-9

Christiane Griese, Helga Marburger: Interkulturelle Öffnung. Ein Lehrbuch. Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH und Bayerischer Schulbuch Verlag GmbH (München) 2012. 240 Seiten. ISBN 978-3-486-70694-9. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Migration stellt alle öffentlichen Einrichtungen, vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen, vor die Herausforderung, sich an veränderte, pluraler gewordene Zielgruppen anzupassen und besser auf deren Bedürfnisse zu reagieren. Diese Herausforderung greift das vorliegende Lehrbuch auf als „Diskurs über notwendige Veränderungen in der Gesellschaft in Bezug auf die Multikuluralität ihrer Mitglieder“ (VI). Die Herausgeberinnen betrachten interkulturelle Öffnung als einen gesamtgeselslchaftlichen Auftrag, der mehr Partizipation und gleichwertige Teilhabe aller Mitglieder der Gesellschaft sicherstellen soll. Interkulturelle Öffnung begreifen die Herausgeberinnen wiederum als einen Prozess der Veränderung von Organisationen und damit als ein Element von Organisationsentwicklung, denn sie setzt ja eine Anpassung der Organisation an veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen und veränderte Klientengruppen voraus. Das Konzept Interkulturelle Öffnung als Organisationsentwicklung wird in dem Buch eingangs entfaltet und begründet und dann in Bezug auf zentrale Bereiche des Sozial- und Gesundheitswesens durchdekliniert.

Herausgeberinnen, Autorinnen und Autoren

Die Herausgeberinnen lehren beide Erziehungswissenschaft am Institut für Eziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin und sind spezialisiert auf Interlkulturelle Bildung und Interkulturelle Qualifizierung.

Bei den beitragenden AutorInnen handelt es sich um ErziehungswissenschaftlerInnen, SozialwissenschaftlerInnen, Psychologen, KulturantropologInnen und Gesundheitswissenschaftlerinnen. Sie lehren die an Universitäten (beispielsweise Erziehungswissenschaft, Karagasoglu-Aydin), an Fachhochschulen (beispielsweise Arbeits- und Organisationspsychologie, Hagemann) oder sie kommen direkt aus dem Feld (beispielsweise Interkulturelle Arbeit der Landeshauptstadt München, Szoldatits). Sie verfügen alle über viele praktische Erfahrungen, entsprechend sind die Beiträge sehr anschaulich und praxisorientiert verfasst.

Aufbau

Das Lehrbuch ist sehr klar und übersichtlich aufgbaut, die Felder sind klar voneinander abgegrenzt und die Orientierung fällt wegen zahlreicher Zwschenübersichten leicht. Im Anschluss an jedes Kapitel finden sich vertiefende Fragen und eine ausführliche Literaturliste zu dem jeweiligen Thema

Im ersten Kapitel, das von den Herausgeberinnen verfasst wurde, wird das Konzept der interkulturellen Öffnung entwickelt. Nach einer kurzen Darstellung von Migration nach Deutschland und entsprechenden Herausforderungen werden zwei Referenzrahmen für interkulturelle Öffnung entfaltet – ein kulturtheoretischer und ein rechtlicher, der auf Gleichbehandlung und Antidiskriminierung zielt.

In den folgen Kapitel werden diese Rahmungen zunächst detaillierter dargestellt, Haci-Halil Usulcan schreibt zunächst über psychologische Voraussetzungen von Integrationsprozessen.

In drei weiteren Kapiteln werden organisationstheoretsiche Grundlagen vermittelt betreffend Organisationen und Interkulturalität und es den werden die zentralen Konzepte Organsiationsentwicklung und Personalentwicklung in ihrer Relevanz für interkulturelle Öffnung dargestellt.

Die nun folgenden Beiträge sind alle feldbezogen (bis auf einen Beitrag zu Kulturpolitk und Fremdheit). Es geht um interkulturelle Öffnung von Schule und Hochschule, in der Jugendarbeit, um die Medien, Kommunalpolitik, Gesundheitsvorsorge, Altenhilfe und Frauenhäuser.

Inhalt

In dem eingangs nur kurz angerissenen kulturellen Konzept wird Kultur als offenes, flexibles, veränderungsfähiges Gebilde beschrieben und ein erweiterter (nicht nur ethnischer Kulturbegriff) entfaltet. Zugleich wird auf interkulturelle Kompetenz verwiesen und diese wird von Interkultureller Öffnung als einem sehr viel weiter greifenden, nicht nur auf Individuen sondern auf Organisationen ausgerichteten Begriff abgegrenzt.

Der gleichbehandlunsrechtliche Referenzrahmen beschreibt die sich aus den europäischen Antidiskrminierungsrichtlinien und dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz resultierenden Anforderungen. Diese Rahmungen finden sich den einzelnen Beiträgen mehr oder weniger akzentuiert wieder.

Interessant sind vor allem die drei organsiationstheoretischen Kapitel, die einen sehr guten Überblick über Diskussionsstand und Instrumente bieten. Sie gehen alle davon aus, dass sich Organisationen verändern und an gesellschaftliche Bedingungen anpassen müssen und sie zeigen beispielsweise, wie Personalentwicklung dazu beitragen kann, die Vielfalt der Mitarbeitenden einer Organisation zu verbessern. Diese Beiträge, wie auch die handlungsfeldbezogenen Beiträge stellen relevante Themen dar, sind übersichtlich geschrieben und enthalten viele Beispiele, Checklisten und andere praktische Instrumente.

Yasemin Kakarakosoglu-Aydin stellt in ihrem Beitrag zur Öffnung von Schule und Hochschule beispielsweise das Hochschulprogramm PROFIN des DAAD dar, das auf bessere Integration von Bildungsausländern zielt. Franziska Szoldatits beschreibt beispielsweise die Rolle interkultureller Fort- und Weiterbildung für Interkulturellle Öffnungsprozesse von Kommunen und Ländern und Michael Schneider stellt in seinem Beitrag über die Altenhilfe auf MigrantInnen spezialisierte Altenpflegeeinrichtungen in deutschen Großstädten vor.

Diskussion

Alle Beiträge bieten einen sehr guten Einführungsteil, stellen relante Debatten aus dem jeweiligen Feld dar und praktische Bezüge. Das Lehrbuch ist insgesamt sehr gelungen, bis auf zwei Beiträge (zur Integration und zur Kulturpolitik) sind alle Beiträge strukturell ähnlich und thematisch sehr fokussiert, das Konzept der Organsationetnwicklung wird in allen Beiträgen immer mitgedacht. Der Ansatz, interkulturelle Öffnung nicht auf Veränderungen am Individuum und damit auf Schulungen zu interkultureller Kompetenz zu beschränken, ist sehr zu begrüßen und wird in dem Band auch durchgehalten. Auch wird immer wieder deutlich, dass es um Partizipation und Teilhabe geht und nicht um Absonderung durch Kulturalisierung.

Leider wird der im ersten Kapitel entfaltete zweite Referenzrahmen – Gleichbehandlung, der ja auch die Thematik Antidiskriminierung und Rassismus enthält – weniger aufgegriffen, daher kommen diese Fragen in dem gesamten Band etwas kurz. Auch wird in vielen Beiträgen der Eindruck erweckt, durch entsprechende Instrumente und Prozesse sei interkulturelle Öffnung zu erreichen, was sicher auch skeptisch zu betrachten ist. Zudem wird durch den organsationstheoretischen Fokus die Dimension der Artikulation von Migrantengruppen und deren Beitrag zur Entwicklung interkultureller Öffnungsprozesse vernachlässigt. Es ist zudem zu vermuten, dass dies auch mit ersterem Aspekt zusammenhängt: da Rassismus und Diskriminierung gesellschaftliche Probleme darstellen, die mit grundlegenden Machtstrukturen zusammenhängen und über einzelne Instrumente nicht so leicht zu verändern sind.

Fazit

Trotz dieser Einwände ist das Lehrbuch wegen der bereits geschilderten Vorzüge sehr zu empfehlen Das Lehrbuch richtet sich an Studierende und Lehrende in Fort- und Weiterbildung und ist auch entsprechend einfach geschrieben und entält viele hilfreiche Definitionen und Erklärungen, beispielsweise zur Personalentwicklung, Organsationstheorien etc. Für diese Zielgruppen ist es auf jeden Fall geignet, müsste im Einsatz aber um rassismuskritische Zugänge zu Migration ergänzt werden.

Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
Mailformular

Es gibt 37 Rezensionen von Nausikaa Schirilla.

Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Rezension 14289

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 24.01.2014 zu: Christiane Griese, Helga Marburger: Interkulturelle Öffnung. Ein Lehrbuch. Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH und Bayerischer Schulbuch Verlag GmbH (München) 2012. ISBN 978-3-486-70694-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14658.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht