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Simona Colombo-Scheffold (Hrsg.): Ausländisch für Deutsche

Cover Simona Colombo-Scheffold (Hrsg.): Ausländisch für Deutsche. Sprachen der Kinder – Sprachen im Klassenzimmer. Fillibach bei Klett (Stuttgart) 2012. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. 279 Seiten. ISBN 978-3-12-688009-1. D: 21,00 EUR, A: 21,60 EUR, CH: 26,30 sFr.
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Thema

Der Titel „Ausländisch für Deutsche“ ist eher verwirrend. Klarer wird das Thema des Buches mit dem Untertitel „Sprachen der Kinder – Sprachen im Klassenzimmer“ erfasst. Die Herausgeber gehen davon aus, dass der Zweitspracherwerb nachhaltig vom Erstspracherwerb beeinflusst wird. Lehrkräften soll deshalb ein Einblick in die Erstsprachen der Schulkinder in deutschen Schulen gegeben werden. 14 verschiedene Sprachen werden hier vorgestellt. Damit schließt dieses Buch endlich eine Lücke in der Sprachbildungsliteratur und dies auf ausführliche, fachlich fundierte und sehr informative Art und Weise.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist aus einer Ringvorlesung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg im Sommersemester 2006 hervorgegangen. Veranstalter war das sprachdidaktische Zentrum der Universität. Die Vorlesungsreihe trug den Titel „Sprachen in Europa“ und sollte den angehenden Lehrerinnen und Lehrern einen Einblick in die Sprachen ihrer Schulkinder gewähren.

Autorin und Autoren

Diese Entstehungsgeschichte erklärt auch die große Anzahl an Herausgebern und Autorinnen und Autoren, die am Ende des Buches einzeln vorgestellt werden. Neben den Herausgebern Simona Colombo-Scheffold, Peter Fenn, Stefan Jeuk, Joachim Schäfer, alle Mitglieder der Hochschule Ludwigsburg, arbeiteten 17 weitere Expertinnen und Experten an diesem Buch mit.

Aufbau

Nach drei Einführungskapiteln, die sich mit der europäischen Sprachpolitik, dem Verständnis von Sprache und Sprachen und der Bedeutung der Erstsprache beim Erlernen der Zweitsprache befassen, werden in 14 Kapitel europäische Sprache vorgestellt, Albanisch, Deutsch als Fremdsprache, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Kroatisch, Kurdisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Serbisch, Spanisch, Türkisch, und Ungarisch. „Die Beschreibung erfolgt tendenziell auf der Grundlage eines Vergleichs mit dem Deutschen aus der Sicht des Lerners.“

Ausgewählte Inhalte

Dieses Buch bietet eine so große Fülle an Informationen, dass diese hier nicht alle im Detail wieder gegeben werden können. Schon das Kapitel europäische Sprachpolitik liefert einen faktenreichen und dennoch prägnanten Überblick über die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Wie ein roter Faden durchzieht dieses Buch aber auch ein didaktisches Ziel, Mehrsprachigkeit wird als Bereicherung und der Erwerb mehrerer Sprachen mit seinen Vermischungen und „Fehlern“ als kompetente Aneignung verstanden. „Die nachstehenden Überlegungen bauen auf folgenden Grundsätzen auf: Sprachmischungen sind kein Zeichen von Sprachdefiziten, sondern von Sprachkompetenzen. Sie sind häufig sowohl kreativ als auch konstruktiv. Sprachmischungen erfüllen eine wichtige identitätsstiftende Aufgabe im Leben der Kinder und Jugendlichen.“ (S. 37)

Konsequenterweise wird in jedem Kapitel die Entstehungsgeschichte der jeweiligen Sprache mehr oder weniger ausführlich dargestellt. Alle Sprachen, die heute in Europa gesprochen werden sind aus Sprachmischungen entstanden, sind Ergebnis der Begegnung unterschiedlicher Kulturen und Sprachgemeinschaften, verschiedener Aus- und Einwanderungsströme oder kriegerischer Eroberungen. Es liest sich streckenweise wie ein Krimi, welche politischen Bestrebungen zu einschneidenden sprachlichen Regelungen führten und welche Widerstandsbewegungen diese unterliefen.

  • „…will der Blick auf die die definitive Emazipation des Französischen gelenkt werden. Diese ist nicht mehr lexikalisch-grammatikalisch-syntaktischer Natur und nicht mehr durch sprachliche Sub- oder Superstarte geprägt, sondern durch den Entwurf eines eigenen kulturellen Modells, welches sich von der Vorbild- und Modellhaftigkeit der Antike zu lösen sucht…“ (S. 93)
  • „Um Bestrebungen der Ungarisierung und Germanisierung im 19. Jahrhundert, als Kroatien Teil der Donaumonarchie war, entgegenzuwirken, versuchten kroatische und serbische Linguisten eine einheitliche Sprache zu vereinbaren, worauf sie sich bereits 1850 in Wien einigten.“ (S. 133)
  • „Die rumänische Schriftsprache entwickelte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts und beruht auf einer walachisch-südsiebenbürgischen Grundlage. Die erste literarische Quelle stammt aus dem Jahre 1521. Bis zum 18. Jahrhundert schrieb man Rumänisch in kyrillischer Schrift. Die siebenbürgische Schule entwickelte das bis in die heutige Zeit benutzte lateinische Alphabet mit Sonderzeichen. Die rumänische Sprache des 19. und 20. Jh. Ist durch Reromanisierung gekennzeichnet und infolgedessen durch einen Rückgang der slawischen, griechischen und türkischen Elemente.“ (S. 178)
  • „Von seinen nächsten Sprachverwandten hat sich das Ungarische ca. vor 3000 Jahren getrennt, in der Umgebung des Südurals haben die Vorfahren der heutigen Ungarn ca. 1500 Jahre verbracht … Trotz ihrer Jahrtausende dauernden … und tausende Kilometer langen Wanderung vom Ural Richtung Karpatenbecken, Mitteleuropa und trotz Sprachkontakte zu zahlreichen Völkern haben die Ungarn ihre sprachliche Identität während der Wanderung beibehalten können.“ (S. 261)

Für alle Sprachen werden die strukturellen Besonderheiten in Grammatik, Syntax, Phonologie, Morphologie, Aussprache und Wortschatz anschaulich und prägnant an Beispielen dargestellt und meist auch auf Unterschiede zum Deutschen verwiesen. Wenn man bedenkt, dass hier „nur“ 14 von weltweit 6900 Sprachen beschrieben werden, dann zeigt sich, welchen enormen strukturellen Reichtum Sprachen darstellen und welche Kreativität hinter der Entwicklung verschiedener Sprachen steckt. Sprachen entsprechen Denk- und Sprechgewohnheiten, die man auch verlassen kann.

Diskussion

Beim Lesen dieses Buches erging es mir wie beim Lesen von Entwicklungstabellen. Man bekommt eine enorme Hochachtung vor den Entwicklungsleistungen der Menschen. Merken kann man sich die einzelnen Informationen aber nicht. Das braucht man auch nicht, denn sprechen lernt man wie laufen, indem man es tut. Man bekommt ein Gespür dafür, ohne die Regeln zu kennen. Wir können laufen, auch wenn wir nichts über die Schwerkraft oder die Physiologie des menschlichen Körpers wissen. Das Buch sollte nicht den Eindruck erwecken, dieses Wissen sei notwendig um Kinder in ihrer Sprachentwicklung zu unterstützen, aber es sollte neugierig machen auf sprachwissenschaftliche Zusammenhänge; denn so die Idee der Autorinnen und Autoren: „Zum Beispiel erhielte der Arbeitsbereich „Sprache untersuchen“ im Deutschunterricht eine ganz neue Qualität , wenn Schülerinnen und Schüler verschiedener Muttersprachen ihre Fähigkeit in der Erstsprache mit einbringen und aufgrund eines sprachübergreifenden Vergleichs zu strukturellen Erkenntnissen in der Zweitsprache Deutsch und ggf. in ihren Erstsprachen gelangen.“ (S. 7) Leider kommt ein Bereich im sprachübergreifenden Vergleich etwas zu kurz, der den Kernbereich des Spracherwerbs ausmacht, die Semantik. Hier schleicht sich ein gewisser Adultismus in die Darstellung ein. Für erwachsene Fremdsprachenlerner scheint die Hürde die neue Grammatik und die Aussprache zu sein, das semantische System scheinen sie bereits zu besitzen. Kinder müssen diese kulturell ko-konstruierten Bedeutungen aber erst erwerben. Gerade darin liegt auch die große Chance von Mehrsprachigkeit, wie Jeuk betont: „Die Grammatik einer jeweiligen Sprache wird beim Zweitspracherwerb in der Regel relativ unabhängig von der Grammatik einer bereits gelernten oder einer parallel zu erwerbenden Sprache beeinflusst. In anderen Bereichen, wie, z.B. dem Erwerb der Semantik, in Bezug auf schriftlich-textuelle und andere schulisch-kognitive Fähigkeiten, scheint die Zweitsprache nachhaltig von der Erstsprache zu profitieren.“ (S. 339) Auf diesem Gebiet zeigen sich mehrsprachige Personen kompetent. Man kann einen Satz wie: “Kein Himmel, über uns nur Himmel.“ kaum verstehen, einen Satz wie: „No heaven, above us only sky.“ (John Lennon) aber schon. Man erfährt durchaus an einigen Stellen Interessantes über den Wortschatz, die Denkmöglichkeiten, die damit verknüpft sind, werden aber nicht angesprochen. Vielleicht wäre dies eine Anregung für die dritte Auflage.

Fazit

Ein reichhaltiges, informatives und interessantes Buch, das uns die vielfältigen Sprachen, die in Deutschland gesprochen werden näher bringt. Und ein Buch, das die Sprachbildungsdebatte fachlich fundiert und mit großer Parteilichkeit für die mehrsprachig lebenden Kinder bereichert.


Rezensentin
Dr. Anna Winner
Psycholinguistin, München
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Zitiervorschlag
Anna Winner. Rezension vom 27.06.2013 zu: Simona Colombo-Scheffold (Hrsg.): Ausländisch für Deutsche. Sprachen der Kinder – Sprachen im Klassenzimmer. Fillibach bei Klett (Stuttgart) 2012. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-12-688009-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14661.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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