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Albert Wunsch: Die Verwöhnungsfalle

Cover Albert Wunsch: Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. Kösel-Verlag (München) 2013. 287 Seiten. ISBN 978-3-466-30982-5. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Das Buch möchte auffordern, Kinder und Jugendliche besser auf das Leben vorzubereiten, indem sie lernen müssen, selbständig Hürden zu meistern. Anstelle ihnen alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen und alle Wünsche zu erfüllen, sollen sie auf Herausforderungen vorbereitet werden. (Klappentext).

Autor

Dr. Albert Wunsch ist studierter Erziehungswissenschaftler. Er lehrt an der Universität Düsseldorf, der Katholischen Hochschule Köln und der Hochschule für Oekonomie und Management in Neuss.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort in sieben Kapitel und einen Anhang.

  • Im 1. Kapitel beschreibt Wunsch die Verwöhnung als Allroundkiller von Selbstkompetenz.
  • Das 2. Kapitel thematisiert wozu Erziehung notwendig ist.
  • Das 3. Kapitel behandelt Verwöhnung als heutiges Massenphänomen.
  • Daran schließt das 4. Kapitel zur Pathologie der Verwöhnung an, um im 5. Kapitel nach dem Preis der Verwöhnung zu fragen.
  • Das 6. Kapitel fokussiert auf die notwendige Einsicht zur Veränderung.
  • Das 7. Kapitel bietet abschließend Praxistipps für den Erziehungsalltag incl. eines „Selbsttests“ an.
  • Der Anhang umfasst die Fußnoten des Werkes und ein Literaturverzeichnis.

Diskussion

Der Erziehungsratgeber wurde für die vorliegende 14. Auflage überarbeitet und erweitert. Bereits im Vorwort wird die Grundposition des Autors deutlich, wonach „die Gesellschaft insgesamt durch verwöhnende Umgangsformen geprägt und geschädigt ist“ (S. 9). Die Leserschaft wird eingeladen, das eigene erzieherische Handeln einer kritischen Prüfung zu unterziehen mit der Vorhersage, dass „Ertappt-sein-Reaktionen“ unvermeidlich sein werden.

Wunsch beschreibt im folgenden Verhaltensweisen von überbehütenden und inkonsequenten Eltern, für die der Begriff „Helicopter-Eltern“ geprägt wurde, d.h. deren Begleitung, Verwöhnung und Überwachung so umfassend geworden ist, dass den Kindern droht, lebensuntüchtig zu werden. Setzt sich dieser Prozess durch, wird – so Wunsch – die „zukünftige Generation (…) zu kraftlosen, ängstlichen, Leistungsschwachen, unmotivierten und angepassten Egoisten instrumentalisiert (…)“ (S. 21).

Um seine Position zu verdeutlichen, nutzt Wunsch viele Beispiele aus seiner beruflichen Praxis. Bei vielen dieser Einzelfälle stellt sich ein gewisser Wiedererkennungseffekt ein. Problematisch wird es dort, wo Wunsch es nicht im Rahmen eines Erziehungsratgebers bei der Reflexion und Kommentierung naheliegender Erziehungsfragen belässt, sondern beinahe rundumschlagmäßig gesellschaftspolitische Aussagen auf fragwürdigem Niveau einbezieht. So entwickelten sich beispielsweise nach seiner Auffassung „pädagogische Institutionen (.) zu Bedürfnis-Verwirklichungs-Anstalten“ (S. 57). Er konstatiert, dass die „zunehmende Demokratisierung in der modernen Gesellschaft (…) zu einem deutlichen Autoritätsverlust geführt (hat)“ (S. 69). Er hält fest, dass die „Mehrzahl heutiger Schüler (…) deutliche Symptome von Verwöhnung aufweist“ (S. 113) bzw. dass sich „von Minute zu Minute (…) das Ausmaß von Krankheit in unserer Gesellschaft (potenziert)“ (S. 122). Leider finden sich zu all diesen Aussagen keine aktuellen Belege durch wissenschaftliche Studien oder valide Statistiken.

Wäre dieses Buch vom Anspruch her kein Erziehungsratgeber, sondern ein erziehungswissenschaftliches Werk, müsste die Kritik sehr deutlich ausfallen. Viele seiner allgemeinen Auslassungen bestehen nur aus Einzelbeispielen, bzw. aus subjektiven Empfindungen. Generalisierende Aussagen sollten dagegen einen tieferen und belegbaren Inhaltsgehalt ausweisen. Die Mehrzahl der gesellschaftsbezogenen Literaturangaben stammen scheinbar noch aus der Erstausgabe, das heißt sind im Durchschnitt 15 Jahre alt. Wenn sich Wunsch im Jahr 2013 beispielsweise mit Bezug auf den „besorgniserregenden Anstieg der Jugendkriminalität von 1999“ (S. 22) bezieht, wirkt dies schon merkwürdig. Ein Blick in die aktuellen Studien des an anderer Stelle angeführten Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hätten dazu andere und richtige Aussagen möglich gemacht.

Immer dann, wenn Wunsch sozusagen bei seinem »erziehungswissenschaftlichen Leisten« bleibt, gewinnt das Buch an Wert für die anvisierte Zielgruppe ratloser, überforderter und hilflosen Eltern. Vielen seiner Ausführungen zu konkreten Erziehungsfragen kann zugestimmt werden. Kinder benötigen liebevolle und verlässliche Beziehungen, Freiraum für Selbständigkeit und Herausforderungen, angemessene Grenzen und ggf. notwendige Konsequenzen bei norm- und regelwidrigen Verhaltensweisen. Er führt richtig an, dass Verwöhnen zwei Dimensionen umfasst, nämlich einerseits liebevolles und fürsorgliches Umsorgen und andererseits übertriebenes Umsorgtsein, so dass der Umsorgte verhätschelt und verweichlicht wird (S. 85). Bedauerlicherweise behandelt fast das ganze Buch nur diese zweite Dimension, nämlich den Ungeist der Verwöhnung, der alle Lebensbereiche durchziehen soll (S. 90). In seinem Bemühen, der Verwöhnung den Kampf anzusagen, belastet er das an sich wertvolle Unterfangen durch eine unnötige und nicht hilfreiche holzschnittartige Bewertung komplexer gesellschaftlicher Prozesse. Wenn Erziehung einem jungen Menschen helfen soll, eine eigenständige und gemeinschaftsfähige Person zu werden, braucht es auch der liebevollen und fürsorglichen Umsorgung (Verwöhnung Typ 1). Verwöhnung in dieser Lesart muss nicht zwangsläufig der „Todfeind positiver Zuwendung“ (S. 193) sein, sondern kann – im richtigen Kontext und zum passenden Zeitpunkt – ein Stück geteilter Zuwendung und Liebe darstellen. Die hier zum Ausdruck kommende Einseitigkeit ist bedauerlich.

Dass dies einem Werk abträglich sein kann, zeigt Wunsch auch an den Stellen, wo er gesellschaftspolitisch argumentiert. Wenn er sich an verschiedenen Stellen über „nicht arbeitswillige Sozialhilfeempfänger“ und „Schein-Arbeitslose“ (S. 22), über die „Krippenpolitik sich modern gebender Verwöhn-Volksvertreter“ (S. 135), „passionierte Schmarotzer“ (S. 137) oder „kleine Ich-Monster“ (S. 183) auslässt, ist – gewollt oder zufällig – eine gewisse Nähe zu populären Stammtischparolen nicht übersehbar.

Mit den Praxistipps für den Erziehungsalltag wird der Autor möglicherweise vielen ratsuchenden Eltern wertvolle Anregungen und Anstöße für die tägliche Erziehungsarbeit geben können. Fraglich bleibt, was der neu aufgenommene „Selbsttest zum Erziehungsstil“ bewirken soll. In der psychologischen Fachwelt werden derartige handgestrickten Tests mit ziemlicher Skepsis betrachtet, da es ihnen in der Regel an wissenschaftlicher Seriosität mangelt. Hat man möglicherweise auf den „Ratgeber-Markt“ geschielt, wo sich solche „Do-it-yourself-Tests“ gut verkaufen? Eine alternative Praxis hätte darin bestehen können, am Ende dieses Ratgebers als weiterführende Hilfe auf entsprechende Informations- und Beratungsstellen hinzuweisen, was vielleicht für viele Eltern hilfreich gewesen wäre.

Zielgruppen

Vom Aufbau des Buches als Erziehungsratgeber ist ersichtlich, dass es sich an Eltern richtet. Für andere Personen wird es darauf ankommen, ob die Grundpositionen des Autors als kompatibel erlebt werden. Für die Bereiche von Ausbildung und Studium eignet sich das Buch nur sehr bedingt, unter anderem, weil auch für einen Ratgeber Auswahl und Aktualität der ausgewiesenen Quellen problematisch sind.

Fazit

Der Eindruck nach der Lektüre des Buches ist sehr ambivalent. Einerseits ist anzuerkennen, dass hier ein sehr wichtiges erzieherisches Thema aufgegriffen wurde. Nicht in Zweifel gezogen wird auch das profunde Fach- und Beratungswissen des Autors, welches sich zeigt, wenn er praktische Erziehungsfragen thematisiert. Leider ist zu erwarten, dass genau die Eltern, die sehr von der Lektüre des Buches profitieren könnten, nicht erreicht werden. Es könnte sein, dass die starke Defizitorientierung des Werkes viele Eltern frühzeitig brüskiert, so dass sie gar nicht mehr zu den Stärken des Buches gelangen werden. Dies liegt unter anderem an einem Sprachstil, der öfters besserwisserisch, bevormundend und überheblich wirkt. Menschen, die auch die Existenz von Zwischentönen anerkennen, werden es nicht leicht haben, die holzschnittartig in Schwarz-Weiß-Bildern vorgebrachten Argumente nachzuvollziehen.

Von daher ist dieses Buch nicht nur ein Erziehungsratgeber, sondern quasi eine Art Manifest zur Bekämpfung des schrecklichen Zustands Verwöhnung, der die Gesellschaft langfristig bedrohe. In diesem Buch werden fragmentarisch so viele gesellschaftliche Aspekte angeführt, dass zur Bearbeitung auf nur wenigen Seiten eine große Komplexitätsreduktion unerlässlich wurde. Hätte Wunsch sich ohne diese fragwürdige Gesamtbetrachtung auf sein eigentliches Thema beschränkt, wäre weniger wohl viel mehr gewesen.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 18.11.2013 zu: Albert Wunsch: Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. Kösel-Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-466-30982-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14662.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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