socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Franz Herrmann: Konfliktkompetenz in der Sozialen Arbeit

Cover Franz Herrmann: Konfliktkompetenz in der Sozialen Arbeit. Neun Bausteine für die Praxis. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 241 Seiten. ISBN 978-3-497-02361-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

„Soziale Konflikte“, schreibt Franz Herrmann (Konfliktarbeit. Theorie und Methodik Sozialer Arbeit in Konflikten, Wiesbaden 2006, S. 15), „sind im Alltag gegenwärtig. Jeder Mensch ist ständig und überall mit der Möglichkeit von Konflikten konfrontiert. Viele dieser Konflikte können rasch gelöst werden, andere üben auf das Leben der Subjekte und ihre Beziehungen dauerhaftere Einflüsse aus. Einzelne Konfliktkonstellationen durchziehen Biografien von Menschen sogar wie ein roter Faden.“

Gerade auch Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind immer wieder mit unterschiedlichen Formen und Qualitäten von Konflikten konfrontiert, sei es in Form von Auseinandersetzungen zwischen Menschen, denen sie sich in Beratung und Intervention zuwenden, oder Konflikte zwischen Berater/in oder Beratenden; auch Spannungen im Team der Kolleg/inn/en oder Auseinandersetzungen mit Akteuren in Ämtern oder bei Trägern über zu gewährende Leistungen oder verweigerte Unterstützungen, „richtige“ oder „falsche“ Wege in der Fallbearbeitung oder die Notwendigkeit oder Vermeidbarkeit von Interventionen zählen dazu.

Es kommt, meint Herrmann, darauf an, Konflikte zu erkennen und zu verstehen sowie konstruktiv und kompetent mit ihnen umzugehen. Hier sieht er den Schwerpunkt der vorliegenden Veröffentlichung: „Die Fähigkeit, konstruktiv und kompetent mit Konflikten umzugehen, ist deshalb ein zentrales Merkmal professionellen Handelns“ (S. 11) und „Konfliktfähigkeit“ Ausdruck sozialer Kompetenz (S. 19).

Autor

Prof. Dr. Franz Herrmann, Dipl.-Pädagoge, Dipl.-Sozialarbeiter und Mediator, lehrt an der Hochschule Esslingen (Fachgebiete: Soziale Dienste; Sozialplanung; Konflikthilfe; Praxisforschung; Qualitätsentwicklung; Professionalität in der Sozialen Arbeit). Seine Forschungsschwerpunkte sind Jugendhilfe- und Sozialplanung, Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe, Soziale Konflikte und Konflikthilfe in der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Nach der üblichen kurzen Einleitung (S. 11 – 13), in der Franz Herrmann die Zielstellung seines Bandes mit Hinweis auf seine bereits genannte Veröffentlichung aus dem Jahre 2006 als theoretischer und konzeptioneller Grundlegung (ein Grundmodell kompetenter Konfliktarbeit) kurz erläutert, „praxisnahes Wissen und methodische Werkzeuge zum Erkennen, Verstehen, Vermeiden und Bewältigen von Konfliktsituationen im Alltag Sozialer Arbeit“ („Das vorliegende Werk legt den Fokus auf die Praxis“) anzubieten (S. 11), gliedert sich Band im Kern in drei Teile:

1. Ausgangspunkt der Darlegung bilden zunächst im 2. Kapitel „Drei Konfliktfälle aus der Praxis Sozialer Arbeit“ (S. 14 – 18). Diese Konfliktkonstellationen aus dem Allgemeinen Sozialer Dienst, der Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit (also aus Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe) dienen Herrmann im Weiteren immer als Referenzen, um theoretische wie methodische Gesichtspunkte zu erläutern und mit den angebotenen Übungen darauf Bezug zu nehmen (Kapitel 2). Hieran anschließend bestimmt er im 3. Kapitel „Konfliktkompetenz als Teil professioneller Handlungskompetenz“ (S. 19 – 33). Im Anschluss an Maja Heiner (Soziale Arbeit als Beruf, München und Basel 2007/2010; vgl. die Rezension) versteht er Konfliktkompetenz als kompetente Anwendung methodischer Handlungsschritte in Konflikten auf den Ebenen der Selbst-, Fall- und Systemkompetenz, die ein Modell der Basiskompetenzen zum professionellen Umgang mit Konflikten in der Sozialen Arbeit begründen helfen. Herrmann beschreibt Selbstkompetenz als die „subjektive(n) Aspekte der Fachkraft“ (z. B. die eigene Konfliktbiografie und den „eigene(n) Ort“ im Fall), Fallkompetenz als die „Analyse und Bearbeitung konkreter Konflikte im beruflichen Kontext“ und Systemkompetenz als „fallübergreifende Dimension“ hinsichtlich der institutionellen, regionalen und sozialräumlichen Umfeld-Verortung (S. 32ff). Am Beispiel eines Konfliktfalles aus der Arbeit des Allgemeinen Sozialdienstes wird das Modell (unter der Überschrift „Konfliktkompetenz in der Praxis: Zusammenwirken von Kompetenzen und Schritten methodischen Handelns“) im 4. Kapitel (S. 34 – 45) „praxisübersetzt“.

2. Damit scheint eine an die praktischen Handlungserfordernisse anschlussfähige Argumentationsfigur entwickelt zu sein, die es anschließend im 5. Kapitel (S. 46 – 64) erlaubt, zum Thema „Konflikte in der Sozialen Arbeit“ Grundlagenwissen (Was ist ein Konflikt? – Konfliktformen: Innere Konflikte und soziale Konflikt - Konfliktverlauf: Entstehung und Eskalation – Strukturelle Konfliktpotenziale im Feld der Sozialen Arbeit – Konflikte als produktives Medium und Lernfeld des Sozialen) einzubringen. Herrmannn diskutiert hier, aufgrund welcher zentralen Konfliktmerkmale und struktureller Konfliktpotenziale Konflikte zu einem Lernfeld des sozialen Miteinanders werden können (und wann nicht).

3. Die folgenden vier Kapitel bilden den eigentlichen Kern der Veröffentlichung: Hier präsentiert der Autor neun „Bausteine von Konfliktkompetenz“, die in Bezug auf deren theoretische Grundlagen und methodische Aspekten vorgestellt werden. Dazu bietet der Autor verschiedene Arbeitshilfen, Übungen und Rollenspiele an, um das Geschriebene erfahrbar zu machen. Seine Bausteine bilden ein aufeinander bezogenes Ganzes, können allerdings auch einzeln genutzt werden.

  • Zunächst stellt Herrmann im 6. Kapitel eine „Anleitung zur Nutzung der neun Bausteine“ (S. 65 - 70) vor, wobei er auch arbeitsfeldspezifische Umsetzungsbedingungen in der Praxis reflektiert und Hinweise zum Gebrauch der angebotenen Übungen und Rollenspiele (einschließlich deren Vorbereitung, Durchführung und Reflexion/feedback) gibt.
  • Sodann werden im 7. Kapitel („Selbstkompetenz in Konflikten“) drei Bausteine (1. Analyse und Planung, d. h. „Formen der ‚Verwicklung? in Konflikte“, „Bestimmung des Ortes und Auftrags einer Fachkraft in einer beruflichen Konfliktsituation“; 2. Interaktion und Kommunikation, d. h. „Fünf typische Aufgaben und berufliche Rollen von Fachkräften in Konflikten“, „Allgemeine Prinzipien konstruktiver Konfliktbearbeitung“, „Das kooperative Konfliktgespräch“; und 3. Reflexion und Evaluation, d. h. „Merkmale eines konstruktiven Handlungsstils in Konflikten“, „Biografische Entwicklung von grundlegender Konflikthaltung und Konfliktstil“, „Modelle zur Analyse des eigenen Konfliktstils und Interventionsstils in Gewaltsituationen“) dargestellt und damit die „eigene(n) Aspekte der Fachkraft“ (S. 71) in den Mittelpunkt gerückt (S. 71 – 114).
  • Im 8. Kapitel („Fallkompetenz in Konflikten“) stehen drei weitere Bausteine im Mittelpunkt (S. 115 – 190): Zunächst (Baustein 4) die Analyse und Planung (d. h. Konfliktanalyse in mehreren Stufen“, „Die vertiefende Konfliktanalyse“, „Planung der weiteren Konfliktbearbeitung“), dann (Baustein 5) Interaktion und Kommunikation („Grundmuster der Konfliktlösung“; „Grundmodelle fallbezogenen Handelns in Konflikten: Vermittlung, Beratung, Konfrontation, Deeskalation“) und schließlich Reflexion und Evaluation (Baustein 6) in Bezug auf Konfliktkompetenz im konkreten Fall. Fallkompetenz meint auch hier einschränkend, „dass eine Fachkraft in der Lage ist, Konflikte einfacher bis mittlerer Komplexität im eigenen beruflichen Handlungsfeld analysieren und bearbeiten zu können“ (S. 115).
  • Im abschießenden 9. Kapitel (S. 191 – 252) reflektiert Franz Herrmann dem bevorzugten Basismodell folgend die „Systemkompetenz in Konflikten“, das heißt die Eingebundenheit von Subjekten und Fachkräften „in einen größeren gesellschaftlichen und politischen Kontext“ bzw., mit Joachim Merchel, „Struktur-Konstellationen“, vor allem Lebenswelt, Organisation und regionale Infrastruktur sowie sozialpolitische Verhältnisse (S. 191f): Baustein 7 (Analyse und Planung: „Konfliktpotenziale in der Sozialen Arbeit“, „Arbeitsfeld- und Kontextanalyse – ein Werkzeug zur Identifizierung von strukturellen Konfliktpotenzialen“, „Die Konfliktkultur einer Organisation und ihre Weiterentwicklung“), Baustein 8 (Interaktion und Kommunikation: „Konfliktpräventive Gestaltung der eigenen Organisation durch aktive Auftragsklärung und die Gestaltung von Schlüsselsituationen und Schlüsselprozessen“, „Schlüsselprozess ‚Kooperation mit anderen Organisationen im Umfeld?“) und Baustein 9 (Reflexion und Evaluation: „;Das Eigene?: Soziale Arbeit als Beruf und die berufliche Identität einer Fachkraft“, „‚Die Anderen?: Kooperation mit anderen Berufen und Freiwilligen im Feld“).

Ein vierseitiges Literaturverzeichnis (Literaturstand bis 2011) schließt den Band ab.

Zielgruppen

Zweifellos ist das vorliegende Werk vor allem und besonders für bereits in der Praxis stehende Fachkräfte zu empfehlen, die sich mit immer wieder neu und anders konturierten Konfliktsituationen konfrontiert sehen und eine Grundlage suchen, ihre Handeln zu reflektieren und unter Umständen auch zu modifizieren bzw. neu auszurichten. Aber auch Studierende der Sozialen Arbeit sollten sich von den 258 Seiten nicht abschrecken lassen; auch sie können in der Vorbereitung auf und im Übergang in die berufliche Praxis von dem vorliegenden Band – Bereitschaft, sich einzulesen, vorausgesetzt – viel Unterstützung erwarten. Allerdings werden vor allem die angebotenen Übungen und Rollenspiele durch Studierende nicht uneingeschränkt zu nutzen sein, wenn sie zum Beispiel eingeladen werden, sich „an eine Konfliktsituation mit Klienten (zu erinnern), mit der Sie im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit bzw. Ihres Praktikums in letzter Zeit zu tun hatten“ (S. 79); da mag es im einzelnen „Fall“ noch am Hintergrund solcher Erfahrungen fehlen.

Diskussion und Fazit

Franz Herrmann schreibt schon in der Einleitung: „Angesichts der Vielfalt von Konfliktformen und Konfliktpotenzialen in der Sozialen Arbeit gibt es keine umfassende Einzelmethode, mit der all diese Konstellationen kompetent bearbeitet werden können. Der angemessene Zugang zur Konfliktarbeit im Kontext der Sozialen Arbeit ist vielmehr eine Kombination aus Situationsverstehen und flexiblem methodischem Handeln“ (S. 11).

Damit ist viel gesagt: Auch dieser Band bietet keiner Weisheit letzter Schlüsse, zumal der Autor an anderer Stelle natürlich auch einschränken muss, sich auf Konflikte aus dem Alltag Sozialer Arbeit beschränken zu müssen „die noch nicht zu stark eskaliert und deshalb auch ohne vertiefende Ausbildungen (wie Mediation oder Anti-Gewalt-Trainings) mit Basiskenntnissen grundsätzlich bearbeitbar sind“ (S. 13). Diese fachlich notwendige „Engführung“ aber ist angebracht und legitim. Denn jenseits dieser Eingrenzung bietet die Veröffentlichung zweierlei: notwendig Theoretisches zur Einordnung und zum Verständnis und notwendig Praktisches zur Bewältigung der bestimmten Qualität von Konflikten, wofür Franz Herrmann umfangreiches Material aus langjährig reflektierter beruflicher Praxis als Hochschullehrer beisteuert. Er arbeitet mit anschaulichen Übersichten, Tabellen und Grafiken, die das Verständnis fördern, seine drei Fallbeispiele motivieren zur Auseinandersetzung, sind in der Erläuterung anschlussfähig und übertragbar auf Praxissituationen aus anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit.

Dabei mögen Aspekte einer Einordnung in Diskurse zu einer Sozialen Arbeit zu kurz kommen, die im kritischen Verhältnis zur politisch und ökonomisch determinierten Wirklichkeit steht, sich als kritisch-politisch orientierte Soziale Arbeit begreift und Konflikte damit auch als Ausdruck struktureller Verhältnisse versteht. Hierauf weist Herrmann selbst hin. Diesen von ihm selbst etikettierten „Mangel“, der Methoden der Konfliktbewältigung also auch als bloße instrumentelle Techniken verstehbar erscheinen ließe, sehe ich nicht wirklich: Im Kern geht es Franz Herrmann um eine aufgeklärte Praxis, die sich auch ihrer eigenen Verstrickungen und Selbst-Beschränkungen bewusst ist und Konfliktbewältigung nicht als Beherrschung von Problemen versteht, sondern als tätiges Lernen Beteiligter aus den sie beschäftigenden, belastenden und beeinträchtigenden Konflikten. „Konfliktkompetenz in der Sozialen Arbeit“ ist dabei eine sehr empfehlenswerte Hilfe.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
E-Mail Mailformular


Alle 90 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 04.07.2013 zu: Franz Herrmann: Konfliktkompetenz in der Sozialen Arbeit. Neun Bausteine für die Praxis. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-497-02361-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14665.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!