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Klaus J. Bade: Kritik und Gewalt

Cover Klaus J. Bade: Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, "Islamkritik" und Terror in der Einwanderungsges. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. 398 Seiten. ISBN 978-3-89974-893-2. D: 26,80 EUR, A: 27,60 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Prof. Klaus J. Bade, emeritierter Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück, schrieb dieses Analyse zur Sarrazin-Debatte, mit Betrachtungen aus seiner Gegenperspektive als Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Es ist sowohl eine mediale, gesellschaftliche, historische und politische Analyse, als auch eine persönliche Stellungnahme und Positionierung geworden.

Aufbau

Das Buch lässt sich nach dem Vorwort und der Einleitung eigentlich in drei große Blöcke einteilen.

  1. Der erste Block, auf dem diese Rezension einen Schwerpunkt legen wird, ist eine Auseinandersetzung mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Bade bezieht hier eindeutig eine Gegenposition zu den Thesen Sarrazins, analysiert aber auch die Wirkungskreise des Buches in den politischen und insbesondere medialen Kreisen der Bundesrepublik sowie die Reaktion bei den Mitbürgern mit Migrationshintergrund.
  2. In einem zweiten Block konzertiert sich das Buch auf die islamkritische Szene in Deutschland, insbesondere auf die Autorin Necla Kelek und die Aktivitäten von islamophoben „demagogischen Blog-Agitatoren“, die im Netz einen „diskursiven Bürgerkrieg“ führen (S.28f.). Zusätzlich streift der Autor in einem kurzen Kapitel dann noch das Thema NSU, stellt damit die Frage nach „dem Zusammenhang von Wortgewalt und Tatgewalt“ (S.37) und beleuchtet das Behördenversagen angesichts der jahrelangen unaufgeklärten Terrormorde.
  1. Abschließend geht Bade noch mal auf die Sarrazin-Debatte ein und befürwortet hybride Selbstbilder in einer Einwanderungsgesellschaft. Gleichzeitig kritisiert er damit die, auch von Sarrazin betriebene, negative Integration. Dies meint die identitätsstiftende Selbstvergewisserung der Mehrheit durch die denunziative Ausgrenzung von Minderheiten, hier der ethnokulturellen und religiösen Minderheit der Muslime aber auch Gruppen ohne Migrationshintergrund, wie etwa Empfänger von sozialstaatlichen Transferleistungen.

Inhalt

Bade ordnet Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ in die „skandalisierende Desintegrationspublizistik“ ein (S.26).

Thilo Sarrazin müsse sich im Sinne moderner Rassismustheorien durchaus den Vorwurf gefallen lassen, kulturrassistisch zu argumentieren. (S. 63). Er schreibe polemisch und kulturpessimistisch und benutze „Kollektivdenunziationen“.

Seine Leserschaft sei verunsichert und brauche eine Selbstvergewisserung als „geborene Deutsche schon mal kulturell im Vorteil zu sein“. So werden vermeintlich schwächere Milieus unterhalb des Mittelstands verächtlich betrachtet und dadurch das ethno-nationale Selbstwertgefühl gestärkt, insbesondere gegenüber den Einwanderern (S.64). Aber dahinter steckt auch eine biologische Komponente, meint Bade. Wenn man den Code von Sarrazin richtig entschlüssele und verstehe, was er mit „kultureller Substanz“ und „Volkscharakter“ meint, dann verstehe man, dass er eine islamische Immigration nach Deutschland „aus letzlich genetischen Gründen“ stoppen will (S. 65).

Auch die zentrale These des Buches, die von den Medien noch weiter vergröbert worden sei, dass nämlich Deutschland durch die Migranten immer dümmer werde, sei sozialbiologisch und damit rassistisch.

Um die Thesen von Sarrazin zu entkräften, blickt der Zeithistoriker Bade auf auch auf die historische Entwicklung der Einwanderungsgesellschaft in der BRD zurück. So hätten die Einwanderer in der destruktiven Stimmungslage kein Einwandererbewusstsein ausbilden können. Deutschland sei lange Zeit ein „Einwanderungsland wider Willen“ gewesen (S.20), beginnend schon in den 1970er Jahren mit einer „demonstrativen Erkenntnisverweigerung“ und „Realitätsverdrängung“ (S.29).

Bade erklärt sich dieses Verhalten der politischen Eliten als „Selbstlähmung aus Angst vor dem Bürger als Wähler, der solches Verhalten wiederum als Pflichtvergessenheit bei quasiständischer Selbstlegitimation und schrumpfender Bodenhaftung verstand. Das machte vielen Bürgern stille Wut.“ (S.87). Dies und die Orientierungslosigkeit durch den rasanten Wandel der Strukturen und Lebensformen beim Zusammenwachsen der Mehrheits- und Einwandererbevölkerung haben den Erfolg von Sarrazins Buch begünstigt.

In einer weiträumigen Analyse zeigt Bade jedoch auf, dass vor allem die Medien den Erfolg von Sarrazins Buch herbeigeführt haben: „Am Beginn der Sarrazin-Debatte stand die operative Erschließung des Marktes der Meinungen durch eine generalstabsmäßige, aggressive Medienstrategie des Verlages. Dazu gehörten Vorankündigungen, Vorabdrucke, exklusive Hintergrundgespräche, Interviews mit dem Autor, der Vorabversand von Druckfahnen an Partner in Presse, Funk und Fernsehen (…)“ (S.88).

Den chronologischen Ablauf der medialen Ereignisse und Berichterstattungen gibt Bade detailliert wider: „Das magische Reizwort ‚Sarrazin‘ wurde innerhalb weniger Wochen zu einem alle anderen Themen überrundenden Movens von Auflagehöhen und Einschaltquoten. Wer in den Medien ‚Sarrazin machte‘, lag immer richtig, ob für oder gegen Sarrazin war dabei nicht entscheidend“ (S.90). Die Hochphase der Sarrazin-Debatte ordnet er zwischen dem Herbst 2010 und Ende 2011/Anfang 2012 ein.

Diskussion und Fazit

Der Autor schreibt aus einer ausgeprägten Eigen-Perspektive als Protagonist. Er habe als Wissenschaftler und Sachverständiger Entwicklungen genannt, lange bevor Sarrazin und andere sich um dieses Thema bemüht habe (Beispiel: „Es fehlte die Einsicht in die von mir seit vielen Jahren betonte Tatsache,, dass gelungene Integration in aller Regel unauffällig bleibt.“, S.26).

Bade ärgert sich, dass Sarrazin mit seinem Buch einen solchen publizistischen und medialen Erfolg erzielt hatte, der den Veröffentlichungen des SVR versagt blieb.

So vergleicht er etwa die mediale Rezeption des SVR-Jahresgutachtens von 2010 mit dem Buch vom Sarrazin. Während das Gutachten mit verhalten positiven Botschaften zur Entwicklung von Integration in Deutschland aufwartete, kam die „von langer Verlagshand kampagnenstrategisch vorbereitete Durchschlagskraft“ (S.112) von „Deutschland schafft sich ab“ im Spätsommer dazwischen und erreichte ein weitaus größeres Echo. Der skandalisierende Mediendiskurs habe die Thesen von Sarrazin gerne verbreitet, da sich auch die falsche Information, dass die Integration gescheitert sei, weitaus besser verkaufte als die gegenteiligen Botschaften aus dem SVR-Gutachten: „Die Diffamierung der Muslime (…) ist ein einträglicheres Geschäft als die Abwehr dieser Diffamierung“ (S.115).

Was Bade ganz besonders umtreibt ist, dass Sarrazin in seinem Buch weit zurück blieb „hinter der breiten und tiefgestaffelten interdisziplinären, insbesondere kultur-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsfront zu Migration und Integration.“ (S.42) Dieser Vorwurf, also das Sarrazin weit hinter dem Forschungsstand zurücksteht und Thesen und Ideen aus den 1980er-Jahren vertrete, kommt in Bades Betrachtungen immer wieder vor (vgl. S.75 oder S.96: „(…) was nicht schon seit den 1980er/90er Jahren in der Fachliteratur (…) immer wieder und meist vergeblich vorgetragen worden wäre. Und damals war es, wie erwähnt, in der Tat noch ‚mutig‘ (…)“).

Sarrazin hat aus Sicht von Bade nicht wissenschaftlich gearbeitet – dies jedoch mit voller Absicht: „Hätte er seinen Bericht dennoch, aber nüchtern-sachlich und ohne skandalisierende Empörungssemantik geschrieben, dann wäre sein Buch gewiss kein Beststeller geworden“ (S.77).

Bade selbst schreibt engagiert, doch man spürt noch immer eine gewisse Erregung über die aus seiner Sicht rückwärtsgewandte und an den Realitäten vorbeiführende „Sarrazin-Debatte“. So kommt er auch immer wieder zu klaren Urteilungen über die Person Sarrazin (Beispiel: „Er blamierte sich weltweit aber nicht nur aus sprachlichen, sondern mehr noch aus inhaltlichen Gründen“, S.101). Auch seine persönliche Verstrickung in die mediale Debatte schildert er ausführlich, so etwa wie er nach dem ersten Spiegel-Artikel über Sarrazins Buchs eine Stellungnahme verfasste und an die Öffentlichkeit brachte.

Bade selber sah sich von „Protagonisten von Islamophobie und gescheiterter Integration“ zur Hochzeit der Sarrazin-Debatte als SVR-Vorsitzender mit seinem vermeintlich gegenpropagandistischen Gutachten einem konzentrierten Angriff ausgesetzt (S.113). Zu hinterfragen ist, ob er hier nicht seine eigene Rolle, beschrieben als gewissermaßen ein Gegenspieler von Sarrazin, nicht zu sehr überhöht.


Rezensent
Marcel Görmann
M.A.


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Zitiervorschlag
Marcel Görmann. Rezension vom 04.09.2013 zu: Klaus J. Bade: Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, "Islamkritik" und Terror in der Einwanderungsges. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. ISBN 978-3-89974-893-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/14672.php, Datum des Zugriffs 30.03.2017.


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