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Susanne Bennett, Judith Kay Nelson (Hrsg.): Adult Attachment in Clinical Social Work

Cover Susanne Bennett, Judith Kay Nelson (Hrsg.): Adult Attachment in Clinical Social Work. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2011. 288 Seiten. ISBN 978-1-4614-1455-1.

£ 35,99 (GBP); $ 49,95 (USD).
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Thema

In den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, wie bedeutend die Bindungstheorie in der beratenden Sozialen Arbeit ist. Mit Hilfe dieser von Bowlby und Ainsworth entwickelten Perspektive lassen sich Beratungsprozesse sehr viel besser gestalten. Anamnese und Diagnose (im Sinne von Burkhard Müller, Sozialpädagogisches Können) können genauer gefasst werden. Das Verstehen schwieriger Biografien von Rat Suchenden wird zwar komplexer aber auch genauer. Dadurch können Familienkonstellationen mit wenig Ressourcen zur Lebensbewältigung klarer betrachtet werden. Dies alles verbessert die Möglichkeiten der Intervention in der beratenden Sozialen Arbeit.

Bindungstheoretisch begründete Hypothesen sind vielfach empirisch belegt worden. Erste Untersuchungen nutzten dazu die sogenannte „fremde Situation“ (von Mary Ainsworth entwickelt), um das Bindungsverhalten von Müttern und Kleinkindern zu untersuchen, später wurden unterschiedliche Interviewleitfäden entwickelt, die die Bindungserfahrung und die Bindungsfähigkeit Erwachsener explorierten. Auch die Weitergabe von Bindungsformen über die Generationen einer Familie wurde empirisch erforscht. Alle diese Untersuchungen belegen im Grundsatz die Bedeutung gelingender, das heißt Sicherheit gebender Beziehungen zwischen Eltern und Kindern aber auch unter Erwachsenen. Sie fördern beispielsweise die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten.

Forschungen zeigen auch, dass im Sozialisationsprozess erworbene innere Arbeitsmodelle zum Umgang mit Beziehungen unter veränderten Bedingungen sich umstrukturieren können. So kann ein ursprünglich sicher-autonom gebundener Mensch unter widrigen Umständen einen unsicher-vermeidenden Bindungsstil entwickeln, wie auch ein unsicher-vermeidender Bindungsstil durch günstige Lebenserfahrungen sich in eine sicher-autonome Bindungsform transformieren kann.

Diese Ergebnisse der Bindungsforschung sind als Hintergrundwissen für Soziale Arbeit von großer Bedeutung. Sie verbessern die Möglichkeiten der Kasuistik. Die Frage, wie diese Ergebnisse auch in einer Praxis Sozialer Arbeit genutzt werden können, sollte umfassend diskutiert und praxisorientiert erforscht werden. Erwartet werden kann eine hilfreiche Weiterentwicklung des Interventionsspektrums beratender Sozialer Arbeit.

In dieser Hinsicht sehr anregend ist die Aufsatzsammlung von Susanne Bennett und Judith Kay Nelson. Hier wird der Frage nachgegangen, was Bindungstheorie kennzeichnet, wie sich der aktuelle Forschungsstand in den USA darstellt und wie Bindungstheorie für beraterische Felder der Sozialen Arbeit mit Erwachsenen nutzbar gemacht werden kann.

Aufbau

Die Herausgeberinnen gliedern die Veröffentlichung in drei Teile.

  1. Im ersten Teil wird die Theorieentwicklung bezüglich des Bindungsverhaltens Erwachsener vorgestellt.
  2. Der zweite Teil versammelt Aufsätze zur bindungstheoretisch geleiteten beraterischen Praxis mit Erwachsenen.
  3. Im dritten Teil geht es um auf Soziale Arbeit bezogene Politik, Forschung und Ausbildung. Der vorgestellte Diskussions-, Forschungs- und Praxiszusammenhang ist der US-amerikanische.

Inhalt

Die Veröffentlichung wird von den Herausgeberinnen eingeleitet mit einer Übersicht, die als gute Einführung für Lesende mit wenig Vorkenntnissen gelten kann. Insbesondere wird erläutert, wie Bindungserfahrungen in der Kindheit mit Bindungspraxen im Erwachsenenalter zusammenhängen und welche Plastizität aber auch unter sich ändernden Lebensbedingungen ein Mensch in seinem Bindungsverhalten entwickeln kann. Die verschiedenen empirischen Untersuchungsmethoden mit ihren jeweilig unterschiedlichen Kategorien sind in einer Übersicht zusammengefasst, was sehr hilfreich ist, um während der Lektüre des Bandes den Überblick zu behalten.

Eine Pionierin der Anwendung bindungstheoretischer Ansätze in der Sozialarbeit mit Erwachsenen beschreibt im ersten Aufsatz des ersten Teils ihre inspirierenden Begegnungen dem Begründer dieser Perspektive, John Bowlby. Ein Kennenlernen des historischen Hintergrundes wird so ermöglicht.

Grundlegend ist der folgende Beitrag der beiden Herausgeberinnen, die die aktuelle us-amerikanische Forschung zu Bindungsformen Erwachsener resümieren und diskutieren, wie diese geeignet ist, die Bindungsprozesse Erwachsener zu verstehen. Unterschiedliche klinische Interviewleitfäden werden im Hinblick auf ihre Bedeutung und Durchführbarkeit in einer sozialarbeiterischen Praxis betrachtet.

Im zweiten Teil werden Praxisbeispiele aus der beratenden Sozialen Arbeit diskutiert. Es geht um so unterschiedliche Themen wie Trennung, Verlust und Trauer bei Erwachsenen, um die Bedeutung des genauen Zuhörens sowie die stimmliche Intensität der BeraterIn und um die Nutzung eines aus der Mentalisierungsperspektive (einer von Fonagy et al. erforschten Weiterentwicklung der Bindungstheorie) geprägten Rahmens bei der Einzelarbeit mit schwer zu erreichenden AdressatInnen. Weitere Untersuchungen diskutieren den Zusammenhang von Bindung und Pflege älterer Familienmitglieder in afroamerikanischen Familien, Erfahrungen mit Bindungsformen aus beraterischer Sicht in Familien und die Anwendung von Bindungstheorie bei Gruppeninterventionen.

Im dritten Teil wird aus unterschiedlichen Richtungen diskutiert, wie die Ergebnisse der Bindungstheorie in einem weiteren Sinn genutzt werden könnten. Ein Aufsatz widmet sich der Frage, wie das Zusammenleben von Menschen in besonderen Familienkonstellationen durch das Beachten von Forschungsergebnissen unterstützt werden kann. Insbesondere Adoptiv- und Pflegefamilien, Mütter in Gefängnissen, Regenbogenfamilien und die Pflege älterer Familienangehöriger könnten durch das regelhafte Implementieren bindungstheoretischer Ergebnisse profitieren.

In einem weiteren Beitrag werden Forschungsergebnisse aus der sozialpädagogischen Praxisforschung in Bezug auf Bindungen zusammengefasst und gezeigt, welche Bedeutung diese Ergebnisse für eine Weiterentwicklung der Profession hat.

Der Band wird abgeschlossen mit einer Diskussion der Bedeutung von Bindungsstilen der Lernenden und der Lehrenden für den Lernprozess in der Sozialen Arbeit. Der sicher-autonome Bindungsstil ist eine hervorragende Basis, um gelingende und förderliche Beziehungen im Prozess der Ausbildung, der Supervision wie auch im beraterischen Vorgehen zu gestalten. Kritikfähigkeit hängt mit der Fähigkeit zur Exploration zusammen. Aus dieser Perspektive ist eine Kompetenz zur Selbstreflexion des Bindungsstiles sowohl in der Ausbildung als auch in der Praxis beratender Sozialer Arbeit sinnvoll.

Diskussion

Die vorgestellten Beispiele zur Arbeit mit AdressatInnen unter bindungstheoretischer Perspektive machen nicht nur ihre Bedeutung klar, sondern zeigen auch die Vielfalt der Arbeitsfelder, die durch Bindungstheorie inspiriert werden können. In der deutschen Diskussion wäre an die Arbeit mit Patchworkfamilien zu denken wie auch an die Gestaltung von Einrichtungen zur Kinderbetreuung.

Dass die Aufsatzsammlung auch professionspolitische Aspekte in den Blick nimmt, ist besonders zu würdigen. Der Beitrag sozialarbeitswissenschaftlicher Forschungen zum vertiefenden Verstehen von Bindungserfahrungen, ihre Bedeutung für die Beratungspraxis sowie der Blick auf die Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen ist sehr hilfreich.

Das Buch gibt sehr gute Übersichten über den Stand von Forschung und Praxis in den USA. Das Spektrum geht von der direkten Beziehung im beraterischen Kontakt bis zur Bedeutung der Bindungsforschung für Ausbildung sowie Sozialpolitik. Damit regen die Ergebnisse an, über die Situation in Deutschland nachzudenken und Perspektivenwechsel vorzunehmen. Was sind bei uns Problemlagen von Kindern und Erwachsenen, die in der beratenden Sozialen Arbeit aus der Sicht der Bindungsforschung günstiger bearbeitet werden können? Wo können Ergebnisse der Bindungsforschung beitragen zu fundierteren Entscheidungen in der Sozial- und Bildungspolitik?

Die Aufsatzsammlung ist in us-amerikanischem Englisch veröffentlicht. Um sie zu verstehen, benötigt man gute Englischkenntnisse und das entsprechende Vokabular bzw. ein umfangreiches Fremdwörterbuch.

Fazit

In einer Gesamtsicht ist die Veröffentlichung sehr anregend: Auf der Basis einer knappen, aber präzisen Einführung in bindungstheoretische Perspektiven wird anschaulich erläutert, wie die Theorieentwicklung in Bezug auf Bindungsstile Erwachsener verlaufen ist. Dies wird auf eine Praxis beratender Sozialer Arbeit mit Erwachsenen bezogen.


Rezensentin
Prof. Dr. Cornelia Mansfeld


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Zitiervorschlag
Cornelia Mansfeld. Rezension vom 10.10.2013 zu: Susanne Bennett, Judith Kay Nelson (Hrsg.): Adult Attachment in Clinical Social Work. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2011. ISBN 978-1-4614-1455-1. £ 35,99 (GBP); $ 49,95 (USD). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14684.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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