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Jörg Fischer, Tobias Kosellek (Hrsg.): Netzwerke und Soziale Arbeit

Cover Jörg Fischer, Tobias Kosellek (Hrsg.): Netzwerke und Soziale Arbeit. Theorien, Methoden, Anwendungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 600 Seiten. ISBN 978-3-7799-2826-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Edition Soziale Arbeit.
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Anliegen und Kontext

Netzwerkarbeit ist mittlerweile ein etablierter methodischer Ansatz in der Sozialen Arbeit. Das gilt für die Erkundung und Aktivierung individueller Netzwerke als Unterstützungsressource ebenso wie für die institutionelle Vernetzung zur Umsetzung sozialräumlicher Ansätze oder sozialpolitischer Ziele. Entsprechend zahlreich und vielfältig sind daher auch die Veröffentlichungen zu diesem Thema in den letzten Jahren. Viele dieser Publikationen sind jedoch aus konkreten Projekten oder Fachtagungen heraus entstanden und bieten häufig wenig brauchbare Anregungen, die über diesen jeweiligen Entstehungskontext hinaus gehen. Ganz anders dagegen positioniert sich der von Jörg Fischer und Tobias Kosellek editierte vorliegende Band „Netzwerke und Soziale Arbeit“, der in dem überaus breiten Spektrum seiner zahlreichen Beiträge einen profunden Überblick sowohl über den aktuellen Stand der Theorieentwicklung als auch über die vielfältigen Anwendungsfelder und praktischen Implikationen der Netzwerkarbeit gibt.

In ihrer den Beiträgen vorangestellten Einleitung verweisen die Herausgeber auf die große Verbreitung und den inflationären Gebrauch des Netzwerkbegriffs, die ihn ebenso „omnipräsent wie dadurch begriffsleer“ machen. Mit dem vorliegenden Band wollen sie daher klären, „…was der Netzwerkgedanke gegenwärtig beinhaltet, wovon er sich derzeit unterscheidet, wie er sich theoretisch fundieren und praktisch verorten lässt. Innerhalb dieses Rahmens ist natürlich von besonderem Interesse, welche direkten Verbindungslinien zur Sozialen Arbeit aktuell bestehen bzw. im Verlauf der Professionalisierung Sozialer Arbeit zu beobachten sind.“ (12)

Aufbau

Abgesehen von einer knappen Einleitung ist der vorliegende Reader in drei Abschnitte gegliedert:

  1. Theoretische Verortung von Netzwerken in der Sozialen Arbeit (11 Beiträge)
  2. Netzwerken als methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit (4 Beiträge)
  3. Netzwerke in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit (11 Beiträge)

Zu 1. Theoretische Verortung von Netzwerken in der Sozialen Arbeit

Die 11 Beiträge dieses Abschnitts setzen sich – in sehr unterschiedlicher Positionierung – mit dem Netzwerkbegriff als Teil der Theoriebildung in der Sozialen Arbeit auseinander, um „…eine eigene Verortung neben oder gegenüber anderen Funktionssystemen und Nachbardisziplinen (zu) ermöglichen.“(13) Dabei werden Abgrenzungen zu anderen Schlüsselbegriffen (z.B. Systematik, Kommunikation, Organisation) deutlich markiert wie gleichermaßen Verbindungen und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.

Während Michael Winkler (Netzwerken in der Sozialen Arbeit) und Michael May (Netzwerktheorien in der Sozialen Arbeit) in ihren Beiträgen umfassend und prägnant die theoretischen Grundlagen des Netzwerkansatzes umreißen, stellen die übrigen Beiträge vorrangig Bezüge zu anderen Schlüsselbegriffen und Handlungsansätzen her:

  • Netzwerke und Neoinstitutionalismus (Hans Merkens)
  • Systemische Soziale Arbeit und Netzwerke (Wilfried Hosemann)
  • Tafeln als Netzwerk – im transnationalen Netz der Tafeln? Ambivalenzen des Netzparadigmas (Stephan Lorenz)
  • Kommunikation und Handeln in Netzwerken (Jan Fuhse)
  • Systeme und Netzwerke – oder: Was man an sozialen Netzwerken zu sehen bekommt, wenn man sie systemtheoretisch beschreibt (Veronika Tacke)
  • Soziale Arbeit zwischen Netzwerken und Organisationen – ein kommunikationstheoretischer Vergleich (Horst Uecker)
  • Vertrauen in Netzwerke(n) (Georg Cleppien/ Tobias Kosellek)
  • Soziale Arbeit, Netzwerke und Gerechtigkeit (Günter Rieger)
  • Netzwerke und Sozialraum in der Sozialen Arbeit – Kritische Bestandsaufnahme eines spannungsreichen Verhältnisses (Jan Zychlinski)

In der Zusammenschau bietet die Lektüre der Beiträge einen differenzierten Einblick, wie Netzwerke und Netzwerkaufbau und -aktivierung „funktionieren“, welche Aspekte es für professionelle Handeln geeignet erscheinen lassen, welche Kompetenzen für eine gelingende Netzwerkarbeit erforderlich sind, welche Chancen und Grenzen bestehen und welche kritischen Anfragen reflektiert und geklärt werden müssen. „Netz, Netzwerk und Vernetzung (stehen) für flexibel verbindende Ordnungs- und Strukturbildungen, das heißt, sie sind vor allem weniger starr als hierarchische Organisationen und folgen, in den Wissenschaften, relationalen statt substanziellen Annahmen, Diese Strukturvorstellungen erfuhren in den letzten gut drei Jahrzehnten insgesamt eine kulturelle Aufwertung und Anerkennung. Die affirmative Wendung sollte aber nicht die Ambivalenzen vergessen lassen.“ (111)

Zu 2. Netzwerken als methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit

Den Herausforderungen der praktischen Umsetzung sind die Beiträge des zweiten Abschnittes gewidmet:

  • Der Wald vor lauter Bäumen. Netzwerke und die Geschichte/n der Sozialen Arbeit (Joachim Wieler)
  • Netzwerkmanagement in der Sozialen Arbeit (Herbert Schubert)
  • Das Pendeln zwischen Systemen und Netzwerken: Eine Herausforderung für die Akteure (Tilly Miller)
  • Die Perspektive sozialer Netzwerke als Option sozialpädagogischer Diagnostik (Matthias Hüttemann, Cornelia Rüegger).

Die Beiträge decken sicher nicht alle relevanten Aspekte der Netzwerkpraxis ab, identifizieren aber markant und plausibel die spezifischen methodischen Herausforderungen, die sich bei(m) Netzwerken stellen, aber auch, welche Entwicklungspotenziale im Netzwerkansatz liegen.

Zu 3. Netzwerke in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit

Der dritte Abschnitt schließlich zeigt in seinen Beiträgen exemplarisch, wie entwickelt und etabliert sich Netzwerke als Kooperations- und Organisationsform in verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit bereits haben. Ihre Bedeutung in der Beratung (Petra Bauer), im Alter (Christine Meyer), im Kinderschutz (Christiane Meiner, Jörg Fischer und Karl Friedrich Bohler, Tobias Franzheld), in der kommunalen Bildungs- und Sozialpolitik (Jörg Fischer), im ländlichen Raum (Jörg Fischer, Christoph Huth), in lokalen Bildungslandschaften (Heinz-Jürgen Stolz und Jens Pothmann), bei der Bearbeitung von Delinquenz (Bern Dollinger) und im Gesundheitswesen (Silke Brigitta Gahleitner, Hans Günther Homfeldt) sowie die Bedeutung virtueller sozialer Netzwerke (Nadia Kutscher) wird angesichts der profunden und gründlichen Bestandsaufnahme in den vorliegenden Beiträgen deutlich.

Die Autorinnen und Autoren gewichten und bewerten Ambivalenzen, Potenziale und Effekte von Vernetzung in ihren Beiträgen durchaus unterschiedlich. Damit wird u.a. auch deutlich, dass der fachwissenschaftliche Diskurs über die Bedeutung und die Wirkungen (und Nebenwirkungen) des Netzwerkparadigmas in der Sozialen Arbeit noch nicht abgeschlossen ist. „Daher kann es auch nicht Aufgabe der Herausgeber sein, sich abschließend für einen bestimmten Netzwerkbegriff zu entscheiden oder zu diesem hinzulenken“ (13). Vielmehr ermutigt das in den Beiträgen entfaltete Deutungsspektrum dazu, differenziert unterschiedliche Facetten und (Be-)Deutungen wahrzunehmen und sich selbst eine Positionierung zu erarbeiten.

Fazit

In seinem Vorwort hat Hans-Uwe Otto bezogen auf das Netzwerkparadigma die Herausforderungen für den fachlichen Diskurs und eine eigene Positionierung formuliert:

„1. Begriffliche Schärfung des Netzwerkansatzes, ohne sich in den vielfältigen Differenzierungen als Netzwerktheorie, Netzwerkanalyse und ihrer entsprechenden disziplinären Vielfalt zu verlieren.

2. Entwicklung eines Anwendungsbezugs für Soziale Arbeit, die eine kritische Gesellschaftstheorie zum Ausgangspunkt nimmt und gerade in den intendierten Verknüpfungslinien zwischen Individuum, Problem und Kontext im institutionellen Setting sich der Politik einer manageriellen Steuerungsstrategie widersetzt.

3. Stärkung einer problembezogenen Professionalität als Identitätsbildung der Sozialen Arbeit und nicht, davon abgesetzt, lediglich eine abermals modernisierte Form einer inzwischen zunehmend regressiv agierenden Sozialraumorientierung zu forcieren.“ (3)

Der vorliegende Band mit seinen unterschiedlichen Beiträgen darf als fundierter und weiterführender Beitrag in der wissenschaftlichen Diskussion und praktischen Umsetzung des Netzwerkparadigmas in der Sozialen Arbeit angesehen werden. Er liefert (erste) plausible Antworten auf die o.g. Herausforderungen und unterscheidet sich erfreulich von einem vorwiegend technokratischen Umgang mit Netzwerken.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 05.08.2013 zu: Jörg Fischer, Tobias Kosellek (Hrsg.): Netzwerke und Soziale Arbeit. Theorien, Methoden, Anwendungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2826-3. Reihe: Edition Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14685.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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