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Robert Northoff: Sozialisation, Sozialverhalten und psychosoziale Auffälligkeiten

Cover Robert Northoff: Sozialisation, Sozialverhalten und psychosoziale Auffälligkeiten. Eine Einführung in die Bewältigung sozialer Aufgabenstellungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 322 Seiten. ISBN 978-3-7799-2843-0. 24,95 EUR.

Reihe: Grundlagentexte soziale Berufe.
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Thema

In diesem Buch geht es um Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung, des komplementären Sozialverhaltens wie auch um psychosoziale Auffälligkeiten, die die Entwicklung verändern bzw. beeinträchtigen können. Zielgruppen sind -nach Angaben des Verfassers- Erzieher, Sozialarbeiter, Lehrer, Juristen, Polizeibeamte und Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Das Buch knüpft an das vom gleichen Verfasser geschriebene Buch „Rechtspsychologie“ aus dem Jahre 1992 an und enthält natürlich viele Aktualisierungen und Ergänzungen. Inzwischen sind aus dem Buch „Rechtspsychologie“ drei eigenständige Bücher hervorgegangen, wobei dieses eines davon bildet; die beiden anderen sind: „Methodisches Arbeiten & therapeutisches Intervenieren“ (2012) und „Kompetenzen der Arbeits- und Problembewältigung“ (2013).

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat vier große Kapitel: zuerst geht es um die Entstehung einer Persönlichkeit, im zweiten Abschnitt geht es um Soziale Wahrnehmung, im dritten Kapitel um Sozialverhalten und schließlich geht es um Psychosoziale Auffälligkeiten. Ein Stichwortregister rundet das Buch ab.

Im ersten Teil geht es um das Entstehen der Persönlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Beziehungsfähigkeit. Neben entwicklungspsychologischen Grundlagen und bindungstheoretischen Aspekten geht es auch um Erziehung, Sozialisation und schließlich um Persönlichkeit aus psychologischen Perspektiven heraus. Dabei werden die Themen Entwicklung, Erziehung, Sozialisation und schließlich Persönlichkeit angesprochen.

Der zweite Teil ist mit „Sozialer Wahrnehmung“ überschrieben. Zuerst wird Attribution angesprochen, dann geht es um Erwerb und Generierung von Einstellung und daran anschließend um Vorurteil.

Im dritten Teil geht es um den großen Komplex Sozialverhalten, ausgehend vom Konflikt über Gehorsam hin zu Moral und schließlich prosozialem Verhalten.

Das vierte und letzte Kapitel ist mit „Psychosozialen Auffälligkeiten“ überschrieben und beschreibt erst einmal Behinderung, geht dann zu Persönlichkeitsstörungen über inklusive Psychosen und Neurosen, skizziert dann Angsttypologien, beschreibt Depression und Suizid, danach Aggression und Gewalt, schließlich sexuelle Devianz und zum Schluss Sucht und Abhängigkeit.

Zu allen genannten Oberthemen gibt es kurze und knappe Ausführungen, die inhaltlich sehr dicht darstellen, worum es sich jeweils handelt. Dabei muss – so der Autor auch im Vorwort- aufgrund der Begrenztheit des Platzes in Kauf genommen werden, dass es viele Verdichtungen gibt und die Komplexität nur angerissen werden kann. Gleichwohl ist es aber durch die Kürze sehr übersichtlich geworden und kann damit wie ein Nachschlagewerk verwendet werden.

Diskussion

Der Vorzug des Buches ist zugleich auch die offene Fragestellung: für wen ist das Buch eigentlich gedacht? Die o.g. Zielgruppen können damit nur sehr unterschiedlich etwas anfangen, denn je nach Vorwissen kann der Leser Zusammenhänge herstellen oder eben auch nicht. So ist zu bezweifeln, ob Polizeibeamte oder Juristen so viel Einsicht erhalten und verstehen, wie sich menschliche Entwicklung vollzieht, welchen (möglichen) Einflüssen sie ausgesetzt ist und wie das auf das Sozialverhalten wirkt.

Der Autor ist Professor an der Fachhochschule Neubrandenburg und war vorher als Richter tätig. Insofern erstaunen die häufigen Verweise auf das SGB VIII nicht wie auch einige Hinweise auf das Strafrecht oder das BGB. Allerdings erscheint aus Rezensentensicht die Heranziehung des SGB VIII als Referenz für zu erreichende Sozialisationsprozesse etwas vermessen (z.B. unter der Überschrift „sozialpsychologische Veränderungen“ die Notwendigkeit der Gemeinschaftsfähigkeit mit Verweis auf § 1 SGB VIII; S. 29). Auf dem Hintergrund der beruflichen Sozialisation des Autors macht das durchaus Sinn, sozialpädagogisch sind aber andere Momente wie gelingende Lebensbewältigung eher im Vordergrund.

Dem Verfasser ist ein dicht gefülltes Kompendium gelungen, in dem alle möglichen Aspekte dargeboten werden, die mit der menschlichen Persönlichkeit im Zusammenhang stehen. Dabei bezieht der Autor auch durchaus Position (z.B. zur geschlossenen Unterbringung bei minderjährigen Wiederholungstätern; S. 81), beschränkt sich aber insgesamt auf eine referierende Funktion. Dadurch wirkt das Buch in vielen Teilen pathologisierend, denn es fragt nicht nach den Menschen, die am Ende einer Diagnose oder einer Attribution stehen. So endet das Buch auch mit den Skizzierungen der Persönlichkeitsbeeinflussungen nach dem ICD-10 ohne ein abschließendes Wort oder dergleichen.

Was dem Buch fehlt, ist die Einlösung des Anspruches, der sich aus dem Untertitel ergibt: eine Einführung in die Bewältigung sozialer Aufgabenstellungen. Hier wäre es wünschenswert gewesen, wenn es eine Beschreibung der vielen Risiken im heutigen Auf- und Heranwachsen gegeben hätte und welche individuelle Leistung hier von Erziehungsberechtigten und den Kindern und Jugendlichen zu erbringen ist. Die wenigen Fallbeispiele im Buch sind auch sehr kurz und knapp und erläutern zwar durchaus den gerade geschilderten Zusammenhang, führen aber nicht zu einem tieferen Verstehen oder weiterführenden Erkenntnissen.

Was dem Buch völlig fehlt, sind fast sämtliche systemische oder strukturelle Aspekte. Es steht außer Frage, dass es Lebensbedingungen gibt, die die Sozialisation und Entwicklung ungünstig beeinflussen, aber das bleibt – bis auf direkte Interaktionen wie Gewalt oder sexueller Missbrauch – unerwähnt.

Fazit

Für Studenten, die sich auf eine Klausur vorbereiten müssen, ist das Buch eine gute Übersicht, aber es bedarf dazu einiges an Vorwissen, um die hier skizzierten Aspekte umsetzen zu können. Für bisher psychologisch Unkundige ist das Buch eine Überforderung, denn es verdichtet zu sehr. Außerdem stellt es zu wenig Zusammenhänge her, denn die einzelnen Kapitel stehen jeweils für sich. Für sozialpädagogisch beruflich Tätige ist das Buch ein gutes Kompendium, sich an manche Dinge aus dem eigenen Studium zu erinnern.

Es wäre hilfreich gewesen, wenn z.B. ein oder zwei fiktive Personen das ganz Buch hindurch immer unter dem jeweils gerade beschriebenen theoretischen Zusammenhang dargestellt worden wären, so dass aus der abstrakten Beschreibung eine Idee von der Entwicklung und Beeinflussung entstanden wäre. Dann wären auch die Risiken, die mit dem heutigen Aufwachsen verbunden sind, in manchen Bereichen viel deutliche geworden.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 17.04.2013 zu: Robert Northoff: Sozialisation, Sozialverhalten und psychosoziale Auffälligkeiten. Eine Einführung in die Bewältigung sozialer Aufgabenstellungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2843-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14686.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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