Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Nausikaa Schirilla: Multikulti. Herausforderung gesellschaftliche Vielfalt

Rezensiert von Prof. Dr. Regine Morys, 25.04.2013

Cover Nausikaa Schirilla: Multikulti. Herausforderung gesellschaftliche Vielfalt ISBN 978-3-86226-166-6

Nausikaa Schirilla: Multikulti. Herausforderung gesellschaftliche Vielfalt. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. 59 Seiten. ISBN 978-3-86226-166-6. D: 5,80 EUR, A: 5,80 EUR, CH: 7,00 sFr.
Reihe: Centaurus paper apps - 21.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Das vorliegende Pocket-Buch klärt den politisch umstrittenen Begriff der Multikulturalität. Dieser wird analysiert und die mit ihm verbundenen wissenschaftlichen Positionen und Ansätze werden übersichtlich und gut verständlich erläutert. Der Band ist in der Reihe Centaurus Paper Apps erschienen.

Autorin

Die Autorin ist seit vielen Jahren als Professorin für Soziale Arbeit, Migration und Interkulturelle Kompetenz an der katholischen Hochschule Freiburg tätig.

Aufbau

Das Buch zeichnet sich durch einen übersichtlichen Aufbau aus. Nach einer äußerst knappen Einleitung erfolgt die Gliederung aneinanderreihend anhand der zentralen Begriffe (z.B. „Ethnisierung“, „Fremdheitskonstruktionen“ oder „Kultur“). Das Buch schließt mit einem Fazit.

Inhalt

Im ersten Kapitel erfolgt der Problemaufriss unter der Kapitelüberschrift Herausforderung: Einwanderungsland Deutschland. Kurz und prägnant werden wesentliche empirische Daten und Fakten präsentiert. Die Autorin macht in ihrer Darstellung deutlich, dass Migration überproportional häufig mit einer ungünstigen sozialen Lage zusammenfällt, dass dies andererseits aber sehr differenziert zu sehen ist. So verweist sie z.B. auf die Ergebnisse der Sinus-Migrantenmilieustudie und zeigt auf, dass die sozialen Probleme nicht zwingend mit Migration zusammenhängen.

Im folgenden Kapitel Konzepte des Multikulturalismuswird das Konzept des amerikanischen Multikulturalismus dem des deutschen Ansatzes, insbesondere der Position von Miksch, gegenübergestellt und auf die jeweils zugrunde liegenden Annahmen zurückgeführt.

Auf der Ebene der Organisationen liegen die Konzepte Interkulturelle Öffnung und Diversity, die im anschließenden Kapitel erläutert werden. Zum Abschluss dieses Kapitels wird der Begriff Transkulturalität vorgestellt. Das Kapitel endet mit einer Zwischenzusammenfassung.

Daran schließt sich das Kapitel Kritik an den Multikulturalismuskonzepten an. Dabei stellt die Autorin zuerst die Kritik aus der Richtung der auf Assimilierung setzenden Leitkulturdebatte vor und setzt sich ihrerseits mit dieser Kritik kritisch auseinander.

Dieser Kritik stellt die Autorin im nächsten Schritt die Kritik seitens der konstruktivistischen Ansätze gegenüber. Der Multikulturalismus wird in diesen Denkrichtungen wegen der Verwendung eines festschreibenden, essentialistischen Kulturbegriffs kritisiert. Dies wird in den beiden Kapiteln Ethnisierung und Fremdheitskonstruktionen verständlich gemacht. Es gelingt der Autorin auch hierbei gut, in knapper Form die Prozesse von Ethnisierung als Konstruktion von Unterschieden und Erzeugung von Fremdheit durch Ausgrenzungsprozesse sowie ihre Funktion im Hinblick auf die Erzeugung von politischer und sozialer Ungleichheit zu erläutern. Den Zuschreibungen setzt sie das Konzept von hybriden Identitäten entgegen und vertieft die Kritik an einem statischen Kulturbegriff aus Sicht der Cultural Studies im nächsten Kapitel namens Kultur. Es wird erläutert, wodurch sich ein dynamischer, offener, mehrperspektivischer Kulturbegriff auszeichnet.

Die Autorin kommt im Schlusskapitel Was bleibt von Multikulti oder: Minderheitenrechte im Verfassungsstaat zu dem Fazit, dass sich „kulturbezogene Konzepte … nicht mehr halten“ (S. 48) lassen. Sie positioniert sich folglich in der Frage, ob Minderheitenrechte als kollektive oder individuelle Rechte zu sehen sind, eindeutig zu letzterem. Dem Recht auf Differenz setzt sie die „Grenzen von Differenz“ (S.52) dort gegenüber, wo die individuelle Würde des Menschen und die Menschenrechte verletzt werden. Sie macht darauf aufmerksam, wie sorgfältig hierbei zu unterscheiden ist und wie wichtig das kritische Hinterfragen und die Reflexion eigener Prägungen sind – insbesondere durch die Fachkräfte in sozialen Berufen. In der Auseinandersetzung mit dieser Frage kommt die Autorin letztlich zu folgendem, eine kulturalisierende Sichtweise übersteigenden Schluss: „Für eine Kritik an menschenrechtswidrigen Handlungen und Praktiken, wie Gewalt oder Mobbing, ist es völlig irrelevant, welchen Pass VerursacherInnen oder Opfer bzw. ihre Eltern haben oder welchen Pass sie einmal gehabt haben“ (S. 55).

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet trotz seines Handtaschenformats eine gehaltvolle Einführung in die Thematik. Es erstaunt, wie viel Inhalt sich mittels der gelungenen Verdichtung und Stringenz der Darstellung auf die wenigen Seiten packen lässt, ohne den Anspruch an gute Lesbarkeit und Verständlichkeit minimieren zu müssen. Gleichzeitig ist die Schreibweise sachlich und wissenschaftlich korrekt. Es gelingt der Autorin damit, eine komplexe und sehr kontrovers geführte Thematik zwar komprimiert, aber dennoch klar und fundiert darzustellen. Der rote Faden ist gut zu verfolgen. Die Argumentationsweise ist stets sehr differenziert; eine gut begründete Positionierung der Autorin findet sich am Schluss.

So ist diese Publikation gut geeignet, interessierte Laien und vor allem Studierende in die Materie einzuführen und Impulse für eine vertiefte Auseinandersetzung zu setzen.

Sehr bedauerlich ist aber, dass auf die Angabe von Quellenbelegen – außer bei den wenigen wörtlichen Zitaten – vollkommen verzichtet wird. Der fachkundigen Leserschaft erschließt sich zwar stets, auf welche wissenschaftlichen Publikationen sich die Aussagen beziehen, doch ist das Buch Studierenden, die diesen Hintergrund nicht kennen, nicht bedenkenlos zu empfehlen. Dies ist besonders insofern schade, da Studierende als Hauptzielgruppe zu sehen sind – zumal der Preis des Buches sehr niedrig ist.

Ein weiterer, wenngleich deutlich weniger schwerwiegender Kritikpunkt, bezieht sich auf die Gliederung. Anstelle der Aneinanderreihung wäre eine unterordnende und nummerierende Gliederung hilfreich, um die Struktur der Argumentation nicht nur aus dem Textablauf entnehmen zu müssen, sondern bereits zuvor zu erfassen.

Fazit

Die vorliegende Publikation stellt eine sehr gelungene Einführung in die Problematik der Multikulturalismusdebatte dar. Durch die Darstellung der für die Debatte wichtigsten Positionen bahnt es den Weg für eine vertiefte Auseinandersetzung.

Das Buch überzeugt neben seinem Inhalt auch durch das Preis- Leistungsverhältnis. Das Format des Buches führt dazu, dass man es gerne und sicherlich auch häufiger in die Hand nimmt. Es wäre zu wünschen, dass das Buch eine große Leserschaft erreicht, denn es gelingt der Autorin durch ihre Argumentationsweise, zu einer Versachlichung der politisch aufgeladenen Debatte beizutragen.

Rezension von
Prof. Dr. Regine Morys

Es gibt 7 Rezensionen von Regine Morys.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Regine Morys. Rezension vom 25.04.2013 zu: Nausikaa Schirilla: Multikulti. Herausforderung gesellschaftliche Vielfalt. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-86226-166-6. Reihe: Centaurus paper apps - 21. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14695.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht