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Tonio Oeftering: Das Politische als Kern der politischen Bildung

Cover Tonio Oeftering: Das Politische als Kern der politischen Bildung. Hannah Arendts Beitrag zur Didaktik des politischen Unterrichts. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. 278 Seiten. ISBN 978-3-89974-851-2. D: 32,80 EUR, A: 33,80 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
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Autor

Dr. Tonio Oeftering, promovierter Erziehungswissenschaftler, ist seit dem Sommersemester 2013 Vertretungs-Professor für Didaktik der politischen Bildung an der Leibniz Universität Hannover.

Leitfragen

Das Buch bewegt sich im Grenzgebiet zwischen politischer Philosophie und politischer Bildung. Seine beiden Hauptfragen lauten:

  1. Was ist Hannah Arendts Begriff des Politischen?
  2. Welchen Beitrag kann der Arendtsche Begriff des Politischen für die politische Bildung leisten?

Inhalte

Politik ist Verständigung. Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen. Sie regelt das Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen, und zwar so, dass ein Maximum an Freiheit und Wohlergehen für jeden Einzelnen möglich wird, ohne dass die Einzelnen aufhören, Fremde zu bleiben, obwohl sie eine Gemeinschaft bilden und einander moralische Pflichten schulden.

Einfacher: Politik ist die Verständigung der Vielen über das, was ihnen gemeinsam ist.

Zoon politikon. Dahinter steckt eine bestimmte philosophisch-anthropologische Ansicht vom Menschen, wie sie seit den Tagen der griechischen Polis und namentlich von Aristoteles vertreten wird. Wir Menschen sind weder „Gott“ noch sind wir „Tiere“, sagt Hannah Arendt. Weder leben wir als solitäre Existenz, die in sich ruht und souverän alles Mögliche in weiser Voraus- und Umsicht bemeistert. – Das allein ist einem Begriff von „Gott“ vorbehalten. Wir sind aber auch keine instinktgeleiteten Herdenwesen, die gleichsam natürlich einem Leithammel folgen oder als Drohne einer Königin dienen oder sich als Beta-Tier einem Leitwolf unterwerfen.
Dass wir zu alledem fähig sind: dass wir die Allmacht Gottes zu überbieten uns einbilden; dass wir hündischer sein können als jeder Hund, das kennen wir aus Geschichte und Gegenwart nur allzu gut. – Auch in moralischer Hinsicht ist der Mensch ein alloplastisches Wesen.
Worauf es Hannah Arendt ankommt, ist folgendes: Die göttliche und die animalische Existenzform sind unpolitisch. Menschlich hingegen ist es, und das macht den Kern des Politischen aus, dass wir unser Zusammen- und Miteinandersein der Verschiedenen in eigener Regie zu regeln in der Lage sind – und zwar so, dass für jeden von uns ein hohes Maß an Freiheit möglich wird. Freiheit ist der Sinn von Politik überhaupt. Freiheit heißt in diesem Zusammenhang die Unabhängigkeit von der nötigenden Willkür anderer Menschen. Dazu schaffen wir uns Verbindlichkeiten, Rechtszustände, die diese Unabhängigkeit garantieren und bei Verstößen voraussehbare Strafen verhängen.
Sodass wir nunmehr genauer definieren und sagen können, was Hannah Arendt unter Politik versteht: Politik ist die eigenmächtige Organisation von Freiheit im Zusammen- und Miteinandersein der Verschiedenen.

Der Mensch sei, damit ein Anfang ist.“ (Augustinus) Für jede neu heranwachsende Generation heißt Politik die Chance des „Anfangenkönnens“. Es ist immer möglich, in gemeinsamem Handeln einen neuen Anfang zu setzen und die vorgefundene Welt zu verändern. Darum hat (politische) Erziehung immer zweierlei zu leisten: Integration und Emanzipation. Zum einen die Einpassung der Neulinge in die bestehende Ordnung; zugleich aber sollten sie in die Lage versetzt werden, sich von dieser Ordnung zu emanzipieren, um sie zu verbessern.

Mut. Für den einzelnen Menschen bedeutet Politik immer auch „Mut“ in dem Sinne, dass man bereit ist, die Privatsphäre hintanzustellen und gewillt ist, die Angst um persönliche Sicherheit zu überwinden und sich um die gemeinsame Welt zu kümmern.

Die Politik und das Politische. Beim konventionellen Begriff der Politik geht es um Institutionen, Programme und Akteure. Die angelsächsische Politologie bringt es auf den Punkt: Es geht um polity, policy und politics. Beim Begriff des Politischen geht es weniger um das „Was“ und mehr um das „Wie“, das Miteinander-Sprechen und Miteinander-Handeln, das Einzelne zu einer Gemeinschaft verbindet. Das Politische ist auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens anzutreffen, also auch im Freundeskreis, in der Familie, in Vereinen usw. Das Buch zitiert auf S. 165 eine Passage von Kurt Sontheimer, in der auf eine geradezu enthusiastischer Art und Weise der Begriff des Politischen bei Hannah Arendt herausgearbeitet wird: „Nehmt Eure politische Verantwortung für Euer Gemeinwesen wahr, kümmert Euch handelnd um den Zustand der Welt, lasst Euch nicht treiben von der Gier nach Konsum, die blind macht für die Schaffung einer freien Öffentlichkeit. Arendts Bedeutung als politische Denkerin liegt gerade nicht in fixen Antworten auf Probleme, die man einfach abrufen könnte, sondern in ihrer Aufforderung zu erkunden, wie eine menschliche Welt beschaffen sein könnte. Sie liegt in ihrer Überzeugung, dass politisches Handeln darauf gerichtet sein muss, unsere Welt so zu gestalten, das man sie auch lieben kann.“ - Hieraus wird auch erkenntlich, dass im Mittelpunkt der Politik bei Hannah Arendt immer die Sorge um die (selbst geschaffene) Welt steht und nicht um den Menschen. Verkehren sich die Prioritäten, droht der Egoismus über den Gemeinsinn zu triumphieren.

Erziehung zum Politischen. Aufgabe der Erziehung im Allgemeinen und der politischen Bildung im Besonderen ist es, „die jungen Menschen in die bestehende Welt einzuführen, die vor ihnen da war und die nach ihnen Bestand haben wird, und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, neue Anfänge zu setzen, sich aktiv in die bestehende Welt einzuschalten und sie zu verändern.“ (S. 177)
Ziel der politischen Bildung und Erziehung ist der mündige Citoyen. Mündig sein bedeutet, die öffentlichen Belange im Sinne des Gemeinwohls zu bedenken und sich an ihrer Regelung sachkundig und solidarisch zu beteiligen. Darum sollte politische Bildung immer vom Schüler, seinen Interessen, seinen Problemen und seinem Vorstellungshorizont ausgehen, nicht von einem vorgegebenen Kanon an „Qualifikationen“ und „Kompetenzen“, der per ordre de mufti zu beherrschen sei. Dieser stellt sich, optimistisch gesprochen, bei einer politischen Bildung, die aus dem Ringen der Betroffenen um akute Problemlösungen erwächst, von selber ein. Im übrigen ist der Autor der Meinung, der „Kompetenzmensch“ (S. 51) habe nicht viel gemein mit dem mündigen Bürger. Kompetenzmensch und Citoyen verhalten sich wie außengeleitete und entfaltete Persönlichkeit zueinander.

Kritisch sein. Politische Bildung sollte aus juvenilem Protest, aus Kritik und Renitenz didaktischen Nutzen ziehen. Der Weg vom „Dagegensein“ zu politischer Bildung und Mündigkeit scheint empfehlenswerter zu sein als der Weg vom Ausgangspunkt des affirmativen „Dafürseins“. Steht das Politische und nicht die Politik im Mittelpunkt, sind Plan-, Rollen- und Simulationsspiele die geeigneten Medien politischer Bildung: Miteinander diskutierend, argumentierend und Konflikte moderierend finden Gruppen zu Entscheidungen, für deren Folgen sie verantwortlich sind. Vom Ideal politischer Bildung als „kooperativer Findekunst“ (S. 223) ist im Buch die Rede.

Fazit

Politische Bildung im Arendtschen Sinne möchte dem Einzelnen die Möglichkeit eröffnen, über die Mündigkeit hinaus das Erlebnis seines „öffentlichen Glücks“ zu machen, für das Alexis de Tocqueville bei der Beobachtung der amerikanischen Revolution hellsichtige Worte gefunden hat: „Es gab einen Augenblick, da Tausende von Menschen gleichsam unempfindlich wurden für ihre privaten Interessen und nur noch an das gemeinsame Werk dachten.“

Heutige Jugendliche, so will es scheinen, suchen eher den privaten Frieden als das öffentliche Glück und folgen darin Friedrich Hölderlin: „Es ist besser, zur Biene zu werden und sein Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren der Welt und, wie mit Wölfen, zu heulen mit ihnen.“ – Laut Shell-Jugendstudie von 2010 bezeichnen sich gerade einmal 37% der befragten Jugendlichen als „politisch interessiert“.

Nicht Institutionenkunde und Kompetenzkataloge, sondern das Politische zum Kern der politischen Bildung zu machen, mag ein viel versprechender Weg sein, um Jugendliche wieder für Politik zu interessieren.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 26.07.2013 zu: Tonio Oeftering: Das Politische als Kern der politischen Bildung. Hannah Arendts Beitrag zur Didaktik des politischen Unterrichts. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2013. ISBN 978-3-89974-851-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14697.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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