socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Marion Jettenberger: Malen - Erinnern - Leben

Cover Marion Jettenberger: Malen - Erinnern - Leben. Themenimpulse für die Aktivierung alter Menschen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2013. 104 Seiten. ISBN 978-3-437-21015-0. 27,99 EUR.

Mit 52 Malvorlagen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch kann als Anregung zur Biografiearbeit im Medium des Malens von Bildern verstanden werden. Dabei entstehen Vergegenwärtigungen, Sinndeutungen und Klärungsprozesse der eigenen Lebensgeschichte, die den „natürlichen Prozess der Lebensrückschau“ (S. VIII) aktivieren und produktiv beeinflussen. Dies zielt letztlich auf eine Sinngebung der aktuellen Lebensgegenwart der beteiligten Alten Menschen ab, die ja aus der früheren Lebensgeschichte hervorgegangen ist. Ein allen Einheiten zugrunde liegender methodischer Ablauf („Impuls, Gestaltung, Gespräch/Kontakt, Erinnerungsarbeit/Rückschau“ S. IX) steuert diesen Prozess.

Autorin

Marion Jettenberger ist Heilerziehungspflegerin, Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitete langjährig heilpädagogisch-therapeutisch mit behinderten sowie Alten Menschen. In den letzen Jahren hatte sie die Leitung des Sozialdienstes in einem Altenheim inne.

Aufbau und Inhalt

In einem Einleitungsteil (S. VIII-XII) beschreibt die Autorin die Grundidee ihres Buches, nämlich den Gestaltungsimpuls ihres biografiearbeiterischen Ansatzes sowie die Bedeutung von Beschäftigung mit der eigenen Biografie für alte Menschen überhaupt. Sie erläutert die Methodik ihres Verfahren in den o.g. vier Schritten und erklärt detailliert die beabsichtigten Ziele der in den einzelnen Aufgaben angeregten Aktivierungsimpulse. Dazu kommen praktische Hinweise für die Durchführung der Arbeit.

Der Materialteil enthält 52 Karten, die auf der Vorderseite einen zur jeweiligen Aufgabe passenden Sinnspruch enthalten, sowie eine Materialliste, Hinweise für den Gestaltungsprozess, einen Hinweis auf früher bereits mit dem jeweiligen Thema gemachte Erfahrungen sowie inhaltliche Anregungen im thematischen Umfeld des jeweiligen Gestaltungsprozesses. – Die Rückseite des Kartons enthält eine Malvorlage zum Thema der Vorderseite (Kuh, Clown, Landschaft, Schirm, Frucht usw.). Das Ausmalen dieser Malvorlage stellt den thematischen Einstieg in die jeweilige Einheit dar und kann durch frei herangezogene Vorlagen (Internet) ergänzt werden.

Intendiert ist mit jeder dieser Einheiten die Begegnung mit einer biografischen Thematik, die dann vertieft bearbeitet werden soll.

Ein Nachwort (ohne Seitenangabe) geht auf die Frage ein: „Wie brachte ich alle Teilnehmer bei allen Themen, auch die an Demenz erkrankten Teilnehmer unter einen Hut?“ - Dies wird an drei Fallbeispielen erläutert. Darüber hinaus befasst sich die Autorin nochmals mit der Bedeutung der Lebensrückschau für Alte Menschen und geht dem Begriff der Achtsamkeit nach.

Zielgruppe

Dieses Buch ist – aus der Erfahrung eigener Praxis – für in der praktischen Arbeit mit Alten Menschen tätige Leserinnen und Leser gedacht. Es ist für hauptberuflich Tätige eine gute Anregung, mehr noch aber in seinem konkreten Anleitungscharakter für Neben- und Ehrenamtliche.

Diskussion

Zweifellos ergänzt dieses Buch die vorhandene Fülle von Arbeitsbüchern für die Praxis der Arbeit mit Alten Menschen um einen nicht unwichtigen Akzent: Malen als Gestaltungsaufgabe in der Beschäftigung mit der eigenen Biografie. Die aufwendige Gestaltung (hochwertiges Kartonpapier!) macht Lust auf den Gebrauch des Buches in der konkreten Praxissituation.

Allerdings wirft das Konzept der Autorin auch einige Fragen auf: Es geht vor allem darum, ob ein Konzept wie das hier vorgestellte nicht eine Art von „Altersnarzismus“ fördert, in dem die Beschäftigung mit der eigenen Biografie nur noch zum „Spiegel“ (S. X) des eigenen Selbst, allenfalls der eigenen Kohorte wird. Die Wahrnehmung der biografischen Erfahrungen von Menschen anderer Generationen (etwa der eigenen Kinder oder Enkel) könnte zu einem generationenübergreifenden Erfahrungsaustausch beitragen, in dem sinnvoll reflektierte biografische Erfahrungen der Alten Menschen über deren eigenen Lebensraum hinaus an Bedeutung gewinnen und zugleich der Blick Alter Menschen auf das Leben von Menschen anderer Generationen nicht verloren geht. Im Sinne der Forderung nach mehr Partizipation des Alters am gesamtgesellschaftlichen Leben ist diese Frage von nicht unerheblicher Bedeutung. Konkret wäre denkbar, in Einzelfällen zu den im Buch dargestellten Einheiten Kinder oder Enkel der Betroffenen einzuladen und die Einheit mit ihnen gemeinsam durchzuführen. Ein Austausch über unterschiedliche Assoziationen etwa zu den jeweiligen Bildsymbolen könnte hochinteressant, ggf. auch konfliktträchtig, in jedem Fall anregend werden!

Ob das „Ausmalen“ von Vorlagen aktivierend wirkt, sei dahingestellt. Alte Menschen, auch hochaltrige und solche mit leichter Demenz, könnten durchaus in der Lage sein, selbst einfache Bilder zu malen, wenn auch nicht in der Perfektion wie eine vorgegebenen Vorlage.

Fazit

Das Buch ist – für die genannte Zielgruppe – in jedem Fall empfehlenswert. Vor dem Hintergrund der oben gemachten Überlegungen könnte es allerdings auch generationsübergreifend eingesetzt werden. Die Möglichkeit des selbständigen Malens von Bildsymbolen wäre – je nach gegebener Situation – zu prüfen.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


Alle 35 Rezensionen von Michael Brömse anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 26.07.2013 zu: Marion Jettenberger: Malen - Erinnern - Leben. Themenimpulse für die Aktivierung alter Menschen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2013. ISBN 978-3-437-21015-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14699.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung