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Hermann Brandenburg, Renate Adam-Paffrath (Hrsg.): Pflegeoasen in Deutschland

Cover Hermann Brandenburg, Renate Adam-Paffrath (Hrsg.): Pflegeoasen in Deutschland. Forschungs- und handlungsrelevante Perspektiven zu einem Wohn- und Pflegekonzept für Menschen mit schwerer Demenz. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2013. 418 Seiten. ISBN 978-3-89993-299-7. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR.

Reihe: Pflege.
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Thema

Zentrales Anliegen des Buches ist es, einen substanziellen Beitrag zur hoch aktuellen und kontrovers geführten Diskussion um das Thema „Pflegeoase“ zu leisten. Die Pflegeoase ist ein Versorgungsmodell für die stationäre Pflege speziell von Menschen mit schwerer Demenz. Mit Beiträgen zu den vielfältigen Aspekten des Themas fächern die Herausgeber ihre zentrale Intention in folgende Teilziele auf: eine Versachlichung der aufgeheizten Debatte, eine Positionierung zum Versorgungsmodell „Pflegeoase“ vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen und Forschungsergebnisse, den Transfer der Erkenntnisse in die Praxis in Form von Qualitätskriterien und Handlungsempfehlungen, ferner die multidisziplinäre Erweiterung der Perspektive, zu deren Realisierung Stellungnahmen von Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Disziplinen (Medizin, Soziologie, Sozialpolitik, Ethik) eingeholt wurden. Jenseits der Diskussion um das Pro und Kontra zu Pflegeoasen wird schließlich die grundsätzliche Frage nach der Lebensqualität (QoL) von Menschen mit schwerer Demenz gestellt, die sich zumeist - im Gegensatz zu der zentralen Prämisse des QoL-Konstrukts- weder zu ihrem Befinden noch zu ihren Wünschen und Bedürfnissen zureichend äußern können.

Herausgeber und Herausgeberin

Prof. Dr. Hermann Brandenburg und Renate Adam-Paffrath arbeiten an der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Katholisch-Philosophischen Hochschule Vallendar

Entstehungshintergrund

Die Pflegeoase ist ein noch relativ junges Versorgungsmodell und wurde Ende der 90ger Jahre im Rahmen eines innovativen Gesamtkonzepts für die stationäre Pflege von Menschen mit Demenz für das Seniorenzentrum Sonnweid in Wetzikon in der Schweiz entwickelt. Das Konzept basiert auf dem typischen Demenzverlauf, der sich bei den meisten Demenzformen durch verschiedene Stadien charakterisieren lässt, die mit sich verändernden Bedarfen und Bedürfnissen der Betroffenen assoziiert sind. Die Pflegeoase ist ein Wohn- und Lebensraum, der für mehrere Personen in den letzten und schweren Demenzstadien konzipiert wurde, die zumeist von Immobilität und schwersten kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen gekennzeichnet sind. Durch die Konzeption als Mehrpersonenraum, in dem neben den Menschen mit Demenz immer auch Pflege- bzw. Betreuungskräfte präsent sind, will man in Verbindung mit einem darauf abgestimmten Betreuungskonzept gezielt der in diesem Stadium drohenden sozialen und sensorischen Deprivation entgegenwirken. Die Kontroverse entzündet sich vor allem am Mehrpersonenraum, in dem die Gegner unter anderem ein die Menschenwürde bedrohendes Sparmodell der stationären Pflege sehen, das das Grundrecht auf Privatheit massiv beschneidet, die Befürworter hingegen ein für dieses Demenzstadium bedürfnis- und bedarfsgerechtes Versorgungsangebot.

Aufbau

Einführend stellen die Herausgeber epidemiologische Daten zur hohen Prävalenz von Demenzen, insbesondere von schweren Demenzen, in der stationären Langzeitpflege in Deutschland dar. Im Anschluss daran wird die daraus erwachsende zentrale Herausforderung benannt: die Lebensqualität der betroffenen Menschen zu definieren und im Rahmen von Versorgungspraxis- und -forschung zu „messen“. Dabei werden die wichtigsten Ansätze zur Bestimmung der QoL kurz und kritisch diskutiert, gefolgt von einer Synopse zu den wichtigsten aktuellen Betreuungsansätzen für Menschen mit Demenz in der stationären Langzeitpflege einschließlich wichtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse. Vor diesem Hintergrund wird schließlich kurz die Entstehungsgeschichte der Pflegeoasen geschildert und ein erster Überblick zu ihrer gegenwärtigen Verbreitung in Deutschland gegeben.

Nach einer Kurzvorstellung der Beiträge und Autorinnen und Autoren des Bands beginnt der Hauptteil, der aus einer detaillierten Darstellung von Evaluationsstudien zu neun Pflege- und zwei Tagesoasen besteht.

Danach folgen Kapitel zu:

  • einer Positionierung durch die im Rahmen der Forschungsarbeiten gebildeten Expertengruppe Pflegeoasen (bestehend aus Herausgeber und einigen Autorinnen und Autoren des Bands),
  • Qualitätskriterien und Handlungsempfehlungen zu Pflegeoasen (Rutenkröger und Kuhn)
  • multidisziplinären Perspektiven zur Situation von Menschen mit Demenz: Medizin und Gesellschaft (Andreas Fellgiebel), Sozial- und Haushaltsökonomie (Adalbert Evers und Kerstin Hämel), Soziologie (Reimer Gronemeyer), Qualitative Forschung (Renate Adam-Paffrath), Ethik (Verena Wetzstein) und Recht (Thomas Klie).

Inhalt

In den einzelnen Beiträgen zu den Pflege- und Tagesoasen wird in der Regel ausführlich Bezug genommen auf:

  • Ausstattung,
  • Architektur,
  • Konzept und Organisation der Einrichtungen, Forschungsdesign und -methoden,
  • Ergebnisse und Diskussion der Studien.

Befunde zu Pflegeoasen in folgenden Einrichtungen werden vorgestellt:

  • Altenhilfezentrum Karlsruhe – Nordost (Stefanie Becker)
  • Seniorenzentrum Holle, Luxemburg ALA , Luxemburg CHNP,
  • Altenzentrum Eislingen (Anja Rutenkröger, Christina Kuhn),
  • Villa am Buttermarkt, Adenau (Birgit Schumacher, Thomas Klie),
  • Altenzentrum St. Franziskus, Mühlacker (Annette Riedel, Sabine Schneider),
  • Seniorenzentrum Idar-Oberstein (Hermann Brandenburg, Renate Adam-Paffrath, Jörg Burbaum, Silvia Heber),
  • Seniorenzentrum Bethanien, Solingen (Nicole Ruppert, Detlef Rüsing).

Darüber hinaus werden die Tagesoasen

  • Antoniushaus Altenzentrum Wiesbaden (Renate Stemmer, Veronika Enders, Martin Schmid)
  • Heywinkelhaus, Osnabrück (Elke Hotze, Marlies Böggemann) in derselben Form dargestellt.

Die Einrichtungsbeschreibungen offenbaren die Vielfalt an Möglichkeiten der Konzeption und Ausgestaltung des sich noch entwickelnden neuen Versorgungsmodells. Die Evaluationsstudien basieren überwiegend auf dem von der Expertengruppe Pflegeoase favorisierten Mixed-Method-Design und setzen zumeist etablierte Erhebungsverfahren ein, die sich für das schwer zugängliche Forschungsfeld „fortgeschrittene Demenz“ eignen (Empfehlungen zu geeigneten Instrumenten auf der Basis der Forschungserfahrungen werden am Ende des Bandes zusammenfassend dargestellt). Die Ergebnisse spiegeln die Heterogenität der Konzeptionen, der Implementierung und der Forschungsmethoden wider. Nichtsdestotrotz gibt es übereinstimmende Befunde im Hinblick auf leichte Verbesserungen bei Aspekten der Lebensqualität von Bewohnerinnen und Bewohnern der Pflegeoasen. Darüber hinaus werden weitere Ergebnisse, u.a. zur Belastungssituation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, berichtet.

Der empirische Teil wird abgerundet durch die Positionierung der Expertengruppe Pflegeoasen sowie durch Handlungsempfehlungen und Qualitätskriterien. Die positiven und negativen Aspekte dieses Versorgungsmodells werden in Form von Spannungsfeldern umfassend diskutiert, wobei neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen auch andere Perspektiven, wie z.B. ethische, berücksichtigt werden. Durch die multidisziplinären Perspektiven erfährt das Buch eine wichtige Ergänzung, die den Blick auf die Gesamtthematik weitet: die gegenwärtige und zukünftige Situation und Versorgung von Menschen mit Demenz in einer sich wandelnden Gesellschaft.

Diskussion

Bei dem Band handelt es sich meines Wissens nach um die bislang – mit Abstand – umfassendste Arbeit zum Thema Pflegeoasen in Deutschland. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Zahlen von Menschen mit Demenz und der Tatsache, dass Menschen mit schwerer Demenz zu den am meisten benachteiligten Bewohnergruppen in stationären Pflegeeinrichtungen zählen, ist die versorgungspolitische Relevanz des Themas gar nicht hoch genug einzuschätzen. Es ist ein großes Verdienst der Herausgeber sich dieser Thematik in der vorgestellten Form und der ihr gebührenden Komplexität angenommen zu haben. Das Buch gibt einen hervorragenden Überblick über den Stand der Entwicklung zu diesem Versorgungsmodell und den bisher dazu vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen in Deutschland. Letztere werden sehr differenziert und kritisch beleuchtet und zu Recht als vorläufig bezeichnet. Ausreichend Raum erhalten aber auch die Folgerungen für die Praxis, indem Entwicklungsbedarfe, Qualitätskriterien und Handlungsempfehlungen formuliert werden. In Verbindung mit den Kapiteln zu Ethik und Recht ist das Buch deshalb für Entscheidungs- bzw. für Einrichtungsträger und Praktiker gleichermaßen von hohem Nutzen, insbesondere wenn sie auf die Weiterentwicklung und Qualitätssicherung der stationären Versorgung von Menschen mit (fortgeschrittener) Demenz fokussieren. Aber auch Wissenschaftler, die in diesem Forschungsfeld tätig sind, erhalten einen sorgfältig und übersichtlich aufbereiteten Überblick über bisherige Befunde und wichtige Impulse für die erforderlichen weiterführenden Studien.

Fazit

Das Buch liefert einen essentiellen, weiterführenden Beitrag zur kontrovers geführten Diskussion um Pflegeoasen und zur „richtigen“ Versorgung von Menschen mit schwerer Demenz. Es ist für Praktiker und Wissenschaftler gleichermaßen lesenswert und nutzbar.


Rezensentin
Prof. Dr. Martina Schäufele
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Zitiervorschlag
Martina Schäufele. Rezension vom 13.06.2013 zu: Hermann Brandenburg, Renate Adam-Paffrath (Hrsg.): Pflegeoasen in Deutschland. Forschungs- und handlungsrelevante Perspektiven zu einem Wohn- und Pflegekonzept für Menschen mit schwerer Demenz. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2013. ISBN 978-3-89993-299-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14700.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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