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Stephan Ellinger: Förderung bei sozialer Benachteiligung

Cover Stephan Ellinger: Förderung bei sozialer Benachteiligung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 174 Seiten. ISBN 978-3-17-021806-2. 21,90 EUR.

Reihe: Fördern lernen - Band 1 - Intervention.
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Thema

Der Autor, Professor für Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen, Universität Würzburg, ist Heraus-geber der Buchreihe „Fördern lernen“, die auf insgesamt 21 Bände angelegt ist. Die Reihe gliedert sich in die Themenschwerpunkte: Intervention, Beratung und Prävention. Mit dem Buch „Förderung bei sozialer Benachteiligung“ (Band1) eröffnet der Herausgeber im Themenfeld „Intervention“ selbst die Reihe.

Einleitend erörtert der Autor das Problem, skizziert das Ziel und den Aufbau des Buches. Die soziale Benachteiligung von Kindern verlaufe „nahezu unsichtbar“ (S.10), so dass es oftmals schwer sei Lernbeeinträchtigungen, die von sozialer Benachteiligung verursacht würden, „professionell zu begegnen“ (S:10). Ziel des Buches ist es daher über die Lebenswirklichkeit sozial Benachteiligter genauer zu informieren, um einer pädagogischen Grundhaltung das Wort zu reden, die dafür ein Verständnis aufbringt. Verknüpft damit ist das Buch ein Plädoyer für „gebundene Ganztagsschulen in einer kommunalen milieusensiblen Bildungslandschaft“ (S.10).

Aufbau und Inhalt

Das Buch widmet sich dem Thema in drei Kapiteln.

Das 1. Kapitel („Soziale Benachteiligung“) widmet sich dem „Grundmuster sozialer Benachteiligung“, Formen der Benachteiligung in Deutschland und speziell den sozialen Benachteiligungen im deutschen Schulsystem.

  • Bezüglich des Grundmusters sozialer Benachteiligung (Abschnitt 1.1) stellt der Autor 8 richtungsweisende Leitsätze auf (S.24ff): „Soziale Benachteiligung wächst im Klima geduldeter Einflussnahme und zunehmender Gleichgültigkeit“; „An sozialer Benachteiligung sind mächtige Nutznießer beteiligt“; Soziale Benachteiligung erfolgt im gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Wirtschaftswachstum von zentraler Bedeutung ist“; „Soziale Benachteiligung wird von den Zuschauern mit innerer Distanz zu den Betroffenen hingenommen“; Soziale Benachteiligung geht einher mit öffentlich vorgetragenen Erklärungen über die Mitschuld der Betroffenen an ihrer Situation“; Grundlage der sozialen Benachteiligung ist die Überzeugung Einzelner, dass die eigene Wahrnehmung objektive Wirklichkeit und einzig richtige Sichtweise ist“; Soziale Benachteiligung und soziale Bevorzugung stehen in einem Verhältnis komplementärer Schismogenese“; Soziale Benachteiligung lässt sich abbauen“.
  • Im Abschnitt 1.2. präsentiert und diskutiert der Autor unterschiedliche Formen sozialer Benachteiligung in Deutschland: Soziale Spaltung, Armutslagen, Lebensstilgruppen/soziale Milieus, Traumatisierungen, nicht zuletzt bei Flüchtlingskindern, so genannte Risikofamilien. Diese Benachteiligungen aufgreifend, fragt der Autor anschließend, nach der sozialen Benachteiligung im Schulsystem (Abschnitt 1.3). These ist: „Die sozialen Benachteiligungen im deutschen Schulsystem bilden im Wesentlichen die zuvor erläuterten Benachteiligungen in der Gesellschaft ab“ (S.60).

Im 2. Kapitel befasst sich der Autor mit dem „Bedingungsfeld“ (S.11) Schule. Gefragt wird: „Wann entsteht auch in der Schule soziale Benachteiligung?“ Es seien v.a. um ungelöste Nähe-Distanz-Probleme, das unvermittelte Nebeneinander der „Lebenswelten der Schüler und Pädagogen“ (S.72) sowie verbreitete nicht-theoriegeleitete Denk- und Sichtweisen dafür verantwortlich. Im Kontext des Berufsfelds Schule formuliert der Autor sechs Thesen zur Schulerziehung (S. 78ff.), die geeignet sind „möglicherweise gewohnte hierarchische Umgangsformen zwischen Lehrern und Schülern auf den Kopf zu stellen“ (S.81). Im Kontrast zur Familien- und Selbsterziehung kennzeichnen spezifische Aspekte des Könnens, Wissens und Wollens die Schulerziehung: „Wer erziehen will, muss verstehen. Wer erziehen will muss anerkennen. Ein Schulerzieher (…) verhandelt bespricht, hilft, Lösungen zu finden und Themen zu bearbeiten“ (S. 85). Ein Schulerzieher handelt professionell und kompetent. D.h.: pädagogisches Handeln (die professionelle Praxis) ist theoriegestützt, „persönliche Reflexion und Investition“ (S.92) inklusive. „Egozentrismus und Theorielosigkeit sind dagegen gute Nährböden für soziale Benachteiligung“ (S.100). Das Kapitel schließt mit drei zentralen pädagogischen „Grundsätzen“ (S.103ff.) hinsichtlich des Umgangs mit Kindern in der Schule: „Anerkennung und Achtung haben etwas mit Interesses füreinander zu tun“; „Man kann mit Kindern nur gut arbeiten, wenn man sie gut leiden kann“; „Reflexion hilft, sich selbst zu verstehen und lieben zu lernen“.

Das letzte Kapitel (Kap. 3) gibt der Autor Anregungen für eine effektive Unterrichtsgestaltung, greift dann auf die im 1. Kap. skizzierten Benachteiligungsformen zurück und gibt hierzu jeweils Empfehlungen für eine adäquate Förderung. Zunächst stellt der Autor 13 „Gestaltungsziele“ (S.109) eines effektiven Unterrichts (bezogen auf den Lernerfolg) mit sozial Benachteiligten vor (S. 109ff.). Diese weisen u.a. hin auf ein unterstützendes Lernklima, auf eine gut durchstrukturierte Unterrichtsplanung, auf einen sinnstiftenden Lehrer-Schüler-Dialog, auf ein Lernen in Kleingruppen u.v.a.m. Anschließend diskutiert der Autor mögliche Beeinträchtigungen, die selbst unter Beachtung der o.g. Gestaltungsziele auf individueller Ebene auftreten können (S.114ff): motivationsbezogene, widerstandsbezogene, problemlösungsbezogene, übungsbezogene und transferbezogene. Vor diesem Hintergrund werden Ideen zur Förderung bei sozialer Benachteiligung mit je spezifischem Blick auf die Benachteiligungsformen soziale Spaltung, arme Kinder, milieubezogene Lebenslagen, traumatisierte Kinder, Kinder mit Migrationshintergrund und Flüchtlingskinder sowie Risikokinder vorgestellt. Kapitel und Buch enden mit einem konsequenten Plädoyer pro Inklusion und dafür, dass diese nur „im Rahmen einer gebundene Ganztagsschule gelingen“ (S.148) kann.

Diskussion

Das Buch von Stephan Ellinger, das die Reihe „Fördern lernen“ eröffnet, ist von großer pädagogischer Bedeutung. Es zeigt auf, dass im Schulsystem, richtig angelegt, durchaus Spielräume gegeben sind, der sozialen Benachteiligung von Kindern zu begegnen, d.h. diese Kinder schulischerseits zu fördern. Endscheidend hierfür ist nicht nur der Rahmen einer gebundenen Ganztagsschule, die der Autor mit Sicht auf die vorgestellten Benachteiligungsformen favorisiert, sondern v.a. die Professionalität, theoretisch-reflexive und intuitive Kompetenz des Lehrers/der Lehrerin sowie last but not least: die „richtige“ Haltung. Kritisch angemerkt sei, dass der Autor, den Schultyp „gebundene Ganztagsschule“ für die Förderung bei sozialer Benachteiligung als richtungsweisend unterstreicht, ohne jedoch im Detail auf die Besonderheit dieses Typs einzugehen. Da im Zentrum seiner Ausführungen ja nicht ein Schulsystem steht, sondern das pädagogische Handeln, bleibt im Buch die Verknüpfung von Handeln und System im Dunkelbereich.

Fazit

Das Buch von Stephan Ellinger, ist als Lektüre insbesondere für Pädagogen und pädagogische Interessierte zu empfehlen. Nicht zuletzt für Studierende ist es wichtig, da es ihnen gut ermöglicht, sich intensiv und reflexiv mit dem LehrerInnen-Beruf auseinanderzusetzen und daraufhin eine dementsprechende Professionalität auszubilden.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Rüßler
FH Dortmund, FB Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.harald-ruessler.de


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Zitiervorschlag
Harald Rüßler. Rezension vom 30.09.2013 zu: Stephan Ellinger: Förderung bei sozialer Benachteiligung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-021806-2. Reihe: Fördern lernen - Band 1 - Intervention. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14703.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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