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Christian Weingärtner: Schwer geistig behindert und selbstbestimmt

Cover Christian Weingärtner: Schwer geistig behindert und selbstbestimmt. Eine Orientierung für die Praxis. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2012. 3. Auflage. 200 Seiten. ISBN 978-3-7841-2110-9. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Sicherlich nicht zuletzt aufgrund der gerade im Bereich der Selbstbestimmung bei Menschen mit schwerer geistigen Behinderung virulenten Diskrepanz zwischen idealistischem Anspruch auf der einen und einschränkenden Rahmenbedingungen auf der anderen Seite ist die Thematik nach wie vor von besonderem Interesse. Dies wird auch daran deutlich, dass die vorliegende Publikation bereits in dritter Auflage erschienen ist (vgl. die Rezension zur ersten Auflage). Weingärtner liefert sowohl eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Selbstbestimmung mit besonderem Bezug auf Menschen mit schwerer geistiger Behinderung als auch konkretisierende Praxisbeispiele. Gerade der Bezug auf die tatsächliche Praxis verhindert, dass die Selbstbestimmungsdiskussion zur Bühne der narzisstischen Selbstdarstellungsrhetorik und Legitimation für den Abbau von finanziellen Mitteln verkommt.

Aufbau und Inhalt

    Das Buch enthält zu jeder Auflage ein Vorwort. Die vorliegende dritte Auflage wurde durch zwei neue Unterkapitel und einen Gastbeitrag von Burkart ergänzt.
  1. Einleitung. In der Einleitung werden die Entwicklung der Bedeutung des Selbstbestimmungsbegriffs im Kontext der Geistigbehindertenpädagogik und mit seiner Verwendung verbundene kritisierbare Implikationen dargelegt. Weiterhin wird die Fragestellung der Arbeit vom Autor aufgeführt, der sowohl die Theorie als auch die Praxis der Selbstbestimmung bei Menschen mit schwerer geistiger Behinderung explorieren will.
  2. Verständnisweisen von Selbstbestimmung. Weingärtner begründet hier die Forderung nach mehr Selbstbestimmung für Menschen mit schwerer geistiger Behinderung am Prinzip der Gleichstellung. Orientiert an der Norm, dem Maß der Selbstbestimmung über das jeder Mensch verfügt, gilt es, sich dieser auch bei dem spezifischen Personenkreis anzunähern.
  3. Menschen mit schwerer geistiger Behinderung. Hier setzt sich der Autor mit dem Begriff der Behinderung im Allgemeinen und seiner Historie und dem der geistigen Behinderung im Besonderen auseinander. Er streicht die Gleichwertigkeit der „Daseinsform“ (49) von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung gegenüber Menschen ohne Behinderung heraus.
  4. Positionen zur Frage der Selbstbestimmung bei Menschen mit schwerer geistiger Behinderung. In diesem Kapitel geht es um die grundsätzliche Frage, inwieweit Selbstbestimmung bei Menschen mit schwerer geistiger Behinderung praktisch denkbar ist. Weingärtner setzt sich mit bestehenden Zweifeln an der Möglichkeit der Umsetzung auseinander und setzt sich zum Ziel ebendiese Möglichkeit aufzuzeigen.
  5. Rahmenbedingungen von Selbstbestimmung. Hier skizziert Weingärtner Selbstbestimmung als Pol eines Kontinuums (statt einer Dichotomie), der der Fremdbestimmung gegenüberliegt und eröffnet damit den Rahmen einer graduellen Annäherung an Selbstbestimmung, der die Interaktion und den Beziehungsaufbau mit Betreuern und auch zwischen Menschen mit schwerer geistiger Behinderung untereinander einschließt.
  6. Basale Selbstbestimmung. Die Aufgliederung des Selbstbestimmungsbegriffs in „Selbstentscheiden“, „Erfahren der eigenen Wirkung“ und „Selbsttätigkeit“ wurde bereits von meiner Vorrezensentin dargelegt. „Damit wird die intellektuelle Verkürzung überwunden, und es gelingt eine umfassendere und alltagsnähere Beschreibung des Begriffes Selbstbestimmung.“ (Wachsmuth 2006 vgl. die Rezension) Diese Bewertung kann übernommen werden, denn tatsächlich wird anhand der einzeln beschriebenen Aspekte deutlich, dass Selbstbestimmung nicht nur als absolute Größe zu verstehen ist, die entweder vollständig gegeben ist oder fehlt, sondern auch partiell vorhanden und hergestellt werden kann.
  7. Praxisteil. An dieser Stelle werden die Schulklasse und die gegebenen Rahmenbedingungen vorgestellt, innerhalb derer der Autor aufzeigt, wie das Konzept der Basalen Selbstbestimmung konkretisiert werden kann.
  8. Praxisbeispiele für Basale Selbstbestimmung. Es werden drei Beispiele angeführt, wie ein Mehr an Selbstbestimmung bei den Schülern mit geistiger Behinderung hergestellt werden konnte. So führte bei einem Schüler die Einrichtung einer „Krabbelecke“ statt eines Hängestuhls für den Aufenthalt während einer kurzen Zeitspanne der Abwesenheit von Betreuungspersonen zu einem Zuwachs von Selbstbestimmung: Der Aspekt der Selbsttätigkeit ist mit dem eigenständigen Aufsuchen der Krabbelecke und in der Beschäftigung mit den dort angebotenen Gegenständen gegeben, der Aspekt des Selbstentscheidens liegt in der jeweiligen Wahl eines der ausgelegten Gegenstände, während der Aspekt des Erfahrens der eigenen Wirkung in diesem Beispiel nur rudimentär angelegt ist – ohne dass hierdurch das Mehr an Selbstbestimmung negiert werden könnte.
  9. Praxisprobleme. In diesem Kapitel wird versucht das Paradoxon einer von außen beabsichtigten und angestoßenen Selbstbestimmung in seiner Bedeutung für die Praxis auszuleuchten. Bereits in der Auswahl eines Angebots liegt der Kern von Fremdbestimmung; soll dieser gänzlich in den Hintergrund treten, so muss die Möglichkeit des Scheiterns bestimmter Absichten akzeptiert werden.
  10. Selbstbestimmung bei schwerster und Komplexer Behinderung (Harald Burkart). Der Gastbeitrag liefert eine sinnvolle Erweiterung der Konkretisierungen des Autors, indem er sein Konzept der Basalen Selbstbestimmung auch auf Menschen mit schwerster und Komplexer Behinderung überträgt. Hier ist insbesondere eine feinfühlige Aufnahme und Reaktion auch auf kleinste Impulse von hoher Bedeutung.
  11. Schluss. Neben einer Zusammenfassung und dem Hinweis auf einige einschlägige Untersuchungen sind im Schlussteil zwei neue Unterkapitel eingefügt worden, in denen die Bedeutung von Beziehungen hervorgehoben und auf die Situation in Wohnstätten eingegangen wird.

Diskussion

Das Konzept von Selbstbestimmung, welches Weingärtner in Bezug auf Menschen mit schwerer geistiger Behinderung vorstellt, ist theoretisch gut fundiert und stimmig. Er beschränkt sich nicht auf ein dogmatisches Postulat, das letztlich nur den sedierenden Überbau einer falscher Praxis darzustellen drohen würde, sondern wägt Möglichkeiten ab, die unter den gegebenen Rahmenbedingungen bestehen. Für diese Auflage negativ zu werten ist, dass offenkundig keine Aktualisierung der vorgestellten Studien stattgefunden hat, die im Schlussteil vorgestellt werden. Positiv wiederum ist die gelungene Einfügung des neu hinzugetretenen Gastbeitrags von Burkart, der zwar kurz, aber kontextadäquat und von Interesse ist – die Kooperation ist hier gelungen.

Fazit

Das Buch ist nach wie vor aktuell und verhilft zu einer differenzierteren Diskussionsgrundlage, so dass die Idee von Selbstbestimmung auch für die Praxis und den Alltag von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung fruchtbar gemacht werden kann.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 10.09.2013 zu: Christian Weingärtner: Schwer geistig behindert und selbstbestimmt. Eine Orientierung für die Praxis. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2012. 3. Auflage. ISBN 978-3-7841-2110-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14709.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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