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Stefanie Debiel, Alexandra Engel u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit in ländlichen Räumen

Cover Stefanie Debiel, Alexandra Engel, Ina Hermann-Stietz, Gerhard Litges, Swantje Penke, Leonie Wagner (Hrsg.): Soziale Arbeit in ländlichen Räumen. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 300 Seiten. ISBN 978-3-531-17936-0. 29,95 EUR.
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Thema

„Soziale Arbeit im ländlichen Raum ist anders als im städtischen Raum“. Das ist die erste Feststellung, welche die Autoren im Buch mit zugrunde legen. Und zudem gilt: „Soziale Arbeit in verschiedenen ländlichen Räumen kann sich sehr unterscheiden“. Die Besonderheiten der sozialen Arbeit in ländlichen Räumen, regional und im Unterschied zur sozialen Arbeit in der Stadt, das ist somit das Thema dieses Buches, in dem die konkreten Arbeitsfelder, die konkreten Herausforderungen, notwendige Innovationen und eine Vielzahl praktischer Beispiele für diese soziale Arbeit im ländlichen Raum sich versammeln.

Die eigenständige Dynamik der sozialen Arbeit in ländlichen Räumen „für sich“ darzustellen ist dabei eine der wesentlichen Zielrichtungen des Buches. Während üblicherweise immer noch diese Arbeit meist nur in Bezug auf städtische Zusammenhänge verstanden wird (als „Abziehbild städtischer Sozialarbeit“), gelingt es in diesem Band durchaus, die ganz eigenständige und besondere Rahmung der Sozialen Arbeit im ländlichen Raum herauszuarbeiten

Aufbau und Inhalt

Nach dem ersten Teil der Darstellung zur Geschichte, zu den Theorien und den Strukturen der sozialen Arbeit im ländlichen Raum, sind es sechs Leitfragen, die der Darstellung im Buch ihre innere Struktur geben und im Verlauf des Buches abgehandelt werden.

  • Wie kann Identität für den ländliche Raum hergestellt werden?
  • Wie kann die Verantwortung der Menschen gefördert werden?
  • Wie kann die Jugend erreicht werden?
  • Wie kann die politische Beteiligung gestärkt werden?
  • Wie können ökologische, wirtschaftliche und soziale Kreisläufe regional geschlossen
  • werden?
  • Wie müssen Politik und Verwaltung verändert werden, damit Vernetzungs-, Beteiligungs- und Lernpotentiale für den ländlichen Raum freigesetzt werden?

Leitfragen, die im erwachsenenbildnerischen Kapitel der „Lernenden Region“ im zweiten Hauptteil des Buches explizit zwar vor allem für dieses Feld der „Lernenden Region“ formuliert werden, in denen sich durchaus aber auch die vielfachen Inhalte und Ziele der gesamten Darstellung widerspiegeln, sei es die „mobile Jugendarbeit“ oder die „Aktivierung zur Selbsthilfe“ (aus welcher heraus sich vor Zeiten die heutige professionelle Sozialarbeit mit professionellen Mitarbeitern entwickelte), sei es die ständige Notwendigkeit zu Innovation und Kreativität, die im Buch im Blick auf die besonderen Herausforderungen der sozialen Arbeit im ländlichen Raum ihren Niederschlag finden, seien es die Herausforderungen angesichts von Armut und auch (in Teilen) Wohnungsnot auf dem Land. In allen diesen Bereichen bilden jene Leitfragen die Rahmungen für eine, aus der Arbeit heraus notwendige, ständige Weiterentwicklung der sozialen Arbeit und einer ebenso ständigen Prüfung des Status Quo.

Die genannten Themen sind allesamt Teil der praxisorientierten Inhalte und Beschreibungen von Projekten, die im zweiten Hauptteil des Buches dargestellt werden. Ebenso werden in diesem zweiten Hauptteil weitere einzelne Handlungsfelder der sozialen Arbeit im ländlichen Raum umfassend vorgestellt (u.a. die Entwicklungspotentiale sozialer Medien im ländlichen Raum, die Frage der politischen Bildung angesichts rechtsextremistischer Tendenzen, die Krankenhaussozialarbeit, die Sozialraumorientierung und Sozialraumbudgets und vieles mehr an Themen aus der Praxis der Sozialen Arbeit im ländlichen Raum).

Diese Darstellung der „Sozialen Praxis“ bietet somit ein breites Kaleidoskop einzelner Arbeitsfelder, deren Vernetzung als notwendig erachtet wird. Eine Vernetzung, die immer wieder hergestellt werden muss und nicht als Selbstläufer betrachtet werden kann.

Konkrete Beispiele der „Sozialraumorientierung in Nordfriesland“, der innovativen Arbeit am Beispiel des allgemeinen Sozialdienstes (ASD) oder auch der Blick auf die spezielle Versorgungssituation psychisch Erkrankter im ländlichen Raum bis hin zur Arbeit mit Migranten und der Integration Behinderter bieten im Buch jeweils konkrete, reflektierte Beispiele der sozialen Arbeit im ländlichen Raum. Ergänzend stellen Themen wie „Lernende Regionen“, „Rechtsextremismus“ oder „Drogen und Sucht“ und andere Arbeitsschwerpunkte übergeordnete Aufgabenstellungen für den gesamten Bereich heraus.

Vor diesen praxisorientierten, zweiten Teil des Buches stellen die Herausgeber eine fundierte Darstellung der Geschichte, der Theorien und der Strukturen der sozialen Arbeit im ländlichen Raum. Von den Anfängen im „Gemeinschaftssinn“ bist zur Professionalisierung durch Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und der geschichtlichen Entwicklung und Entfaltung konkreter Arbeitsfelder der sozialen Arbeit durch die öffentliche Hand und karitative Organisationen finden in diesem ersten Teil ebenso ihren Platz wie ein Blick „über den Teich“ nach Australien, Kanada und die USA hin.

Ein erster Hauptteil des Buches, der mit einer sachgerechten Darstellung der gegenwärtigen (und zukünftigen) Rolle Sozialer Arbeit in einem integrierten, lokalen Entwicklungsmanagement abschließt und somit dem Leser die notwendigen Grundlagen für das Verständnis der konkreten Darstellung von Arbeitsfelder im zweiten Hauptteil des Buches an die Hand gibt.

Was genau die „Besonderheiten einer sozialen Arbeit im ländlichen Raum sind“, auch das natürlich stellen die Herausgeber zudem bereits in der Einleitung zum Buch dar (wobei auch hier, wie im gesamten Buch, die Notwendigkeit einer „integrierenden Arbeit“ im Sozialraum betont wird, auch als Folge eines ebenso notwendigen „lokalen Entwicklungsmanagements“).

Diskussion

Während die „Soziale Praxis in ländlichen Räumen“ umfassend und übersichtlich im Buch dargestellt sind, hätte im Rahmen der theoretischen Reflexion der sozialen Arbeit und der geschichtlichen Umsetzung entsprechender Theorien ein wenig mehr zu Beginn schon angeführt werden können. So interessant der Blick nach Übersee im Allgemeinen sein mag, im Buch wirkt dies doch eher wie ein Fremdkörper.

Die vielfachen Beschreibungen der differenzierten Angebote sozialer Arbeit im ländlichen Raum, die sich herauskristallisierenden, gemeinsamen großen Zielrichtungen der Aktivierung, Stärkung der Verantwortung und mithin der guten bis umfassenden Versorgung ebenso, wie der konkreten Projekte für Präventionen, überzeugen demgegenüber durchweg.

Hier erhält der Leser einen umfassenden Einblick in die Breite der sozialen Arbeit, ist in der Lage, wichtige Innovationen nachzuvollziehen und ebenso wichtige Grundthemen und Ziele zu erfassen.

In der Sprache nicht immer einfach zu verstehen bedarf die Erarbeitung mancher Themen dabei einer erhöhten Konzentration, bietet aber dem interessierten Leser und dem im Bereich Arbeitenden sowohl eine Klärung dessen, „was ist“, als auch Anregungen und Anstöße für eine eigene, weiterführende Arbeit, nicht zuletzt durch die vielfältigen Hinweise auf weiterführende Literatur.

Die Unterschiedlichkeiten zwischen „städtischer“ und „ländlicher“ sozialer Arbeit finden sich in der Einleitung differenziert wiedergegeben und münden in der Einsicht, dass die gängige Arbeit im Rahmen einer „Sozialraumorientierung“ eine der wichtigsten Grundlagen der Arbeit ist: „… dass soziale Arbeit in ländlichen Regionen in erster Linie dann gute Soziale Arbeit ist, wenn sie die jeweiligen Rahmenbedingungen zur Kenntnis nimmt und daraus fachliche Konsequenzen ableitet“.

Die höheren Differenzierungen des sozialen Lebensraumes im ländlichen Gebiet gegenüber der Stadt, aber auch im Vergleich untereinander von verschiedenen ländlichen Regionen wird deutlich betont und als Grundlage und Herausforderung der sozialen Arbeit gesetzt.

Im Gesamten münden die verschiedenen Blickrichtungen auf die verschiedenen Formen und die verschiedenen Projekte der sozialen Arbeit im ländlichen Raum in eine gemeinsame Zielrichtung einer „lernenden Region“ hinein. Wobei dieses „Lernen“ sich zum einen in allen einzelnen Maßnahmen und Arbeitsbereichen wiederfindet und zum anderen die verschiedenen Bereiche der sozialen Arbeit im ländlichen Raum „lernend“ miteinander vernetzt. Eine „Arbeit in der lernenden Region“, die sich jeweils kreativ und innovativ auf wandelnde Strukturen und je vorliegende soziale Gegebenheiten einzustellen hat (also je aktuell und beständig „zu lernen“ hat), um „gut“ zu arbeiten.

Wobei zu guter Letzt auch die Fragen der Finanzierung nicht unter den Tisch fallen dürfen, die im Buch ebenfalls, zwar nur knapp, aber ausreichend beschrieben, aufgenommen wurden.

Fazit

Gerade in der Darstellung der Praxis hat dieses Buch seine großen Stärken. Nach einer knappen, durchaus aber fundierten Darstellung der Geschichte der Sozialen Arbeit im ländlichen Raum (wobei ein wenig mehr an theoretischer Grundlegung und Reflexion durchaus Platz gefunden hätte), setzten die Herausgeber mit den vielen Autoren des Buches eine sehr breite und umfassende Darstellung des Staus Quo der professionellen sozialen Arbeit im ländlichen Raum und dies in großer Bandbreite.

Der interessierte Leser erhält, ebenso wie der im Bereich professionell Arbeitende, damit einen fundierten Einblick in die vielfachen Aufgaben und Herausforderungen, die ebenso vielfachen Arbeitsfelder und die Zielrichtungen der Arbeit. Von der reinen Versorgung bis zur Prävention, von der reinen Betreuung bis zur Aktivierung, von der stationären Vorhaltung von Angeboten bis zu hoch mobilen Arbeitsgebieten findet sich so ein überzeugendes Bild des Arbeitsbereiches im Buch.


Rezension von
Pfarrer Michael Lehmann-Pape


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Zitiervorschlag
Michael Lehmann-Pape. Rezension vom 03.07.2013 zu: Stefanie Debiel, Alexandra Engel, Ina Hermann-Stietz, Gerhard Litges, Swantje Penke, Leonie Wagner (Hrsg.): Soziale Arbeit in ländlichen Räumen. Springer VS (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-17936-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14711.php, Datum des Zugriffs 31.05.2020.


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