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Tilman Harlander, Gerd Kuhn u.a. (Hrsg.): Soziale Mischung in der Stadt

Cover Tilman Harlander, Gerd Kuhn, Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Soziale Mischung in der Stadt. Case Studies – Wohnungspolitik in Europa – historische Analyse. Kraemer Verlag (Stuttgart) 2012. 440 Seiten. ISBN 978-3-7828-1539-0. D: 29,50 EUR, A: 30,40 EUR, CH: 52,00 sFr.
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Thema

Geht soziale Mischung in der Stadt noch oder haben wir es vielmehr mit Spaltungs- oder doch zumindest sozialräumlichen Differenzierungsprozessen zu tun, bei denen sich die vertikale Schichtung einer Gesellschaft horizontal im Raum abbildet?

Sozial durchmischte Quartiere waren sicher früher charakteristisch für viele städtische Quartiere, wo sich soziale und funktionale Mischung noch einigermaßen deckten. Inzwischen beobachten wir doch eher die verstärkte Tendenz zu sozial homogeneren Quartieren, wo man seinesgleichen wieder findet, mit dem man bestimmte Lebensstilelemente, Wertvorstellungen und Vorstellungen teilt, wie man wohnen möchte. Und wir finden - strukturell erzwungen – eine sozialräumliche Verdichtung bestimmter Problemgruppen in sozial benachteiligten Quartieren, wo soziale Durchmischung aussichtslos erscheint.

Ist das auch noch ein Bild der europäischen Stadt, dass sie sozial durchmischt ist, das immer wieder die Frage aufwirft, ob soziale Durchmischung doch noch geht? Unterliegt Stadtentwicklung und Stadtplanung dieser Vorstellungen, ohne dass wir realistische Chancen sehen, gerade in den Metropolen oder Großstädten diese soziale Mischung noch realisieren zu können?

Herausgeber

  • Dr. Tilman Harlander ist Sozialwissenschaftler, bis 2011 Professor für Architektur- und Wohnsoziologie an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart. Seit 2011 ist er freiberuflich tätig.
  • Dr. Gerd Kuhn ist akademischer Mitarbeiter am Fachgebiet Architektur und Wohnsoziologie, Institut Wohnen und Entwerfen an der Fakultät Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart.
  • Die Wüstenrot Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung, die ihren Schwerpunkt auf das Gebiet des „Planens, Bauens und Wohnens“ legt und entsprechende Forschungsvorhaben fördert.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen alle aus den Bereichen der Stadtforschung, der Stadtsoziologie, Geographie und Historiographie, der Stadtentwicklung und Stadtplanung und der Architektur

Entstehungshintergrund

Das Forschungsprojekt ist von der Wüstenrot Stiftung gefördert worden.

Aufbau

Das Forschungsprojekt gliedert sich nach einem Vorwort von Vertretern der Stiftung und einer Einführung durch die anderen beiden Herausgeber in fünf große Kapitel:

  1. Zur Geschichte sozialräumlicher Mischung und Segregation,
  2. Globale Polarisierung der Stadtgesellschaften,
  3. Europäische Wege,
  4. Zur Theorie und Praxis von Mischung und Segregation in Deutschland,
  5. Resümee: Aktive Mischung – Zur Zukunft der Städte.

Inhalt

Die Vertreter der Stiftung – Stefan Krämer und Philip Kurz – führen in die Ziele und Intentionen des Forschungsprojektes ein. Dabei machen sie deutlich, dass die europäische Stadt viele Gesichter hat, wenngleich sie auch einige Merkmale gemeinsam hat. Der demographische Wandel verändert die Städte und die Frage wird virulent wie die Städte mit der Überlagerung von ökonomischer, ethnischer und sozialer Segregation umgehen und ob nicht die Stadt in ihren Integrationsbemühungen überfordert ist. Nachdem auch die Suburbanisierung in den 60er und 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts die westdeutschen Städte geprägt und geformt hat, diskutieren wir mittlerweile den Prozess der Reurbanisierung auf Grund veränderter Wohnstandortentscheidungen.

Die beiden Autoren diskutieren auch die Ambivalenz der Bewertung solcher Prozesse, die auch im Projekt zum Vorschein kam. Wichtig waren der Wüstenrot Stiftung als Mit-Herausgeber der Bezug zur kommunalen Ebene und die Rückkoppelung an die Praxis der Wohnungswirtschaft. Es geht also auch um die Einbettung dieses Projektes in die Steuerung von Entwicklungsprozessen in der Stadt.

Einführung

Tilman Harlander und Gerd Kuhn machen in ihrer Einführung auf die zum Teil auch dramatische Entwicklung des Auseinandertriftens der Gesellschaft aufmerksam, auf die Vertiefung der Kluft zwischen arm und reich, auf die Privilegierung und Benachteiligung, die sich in der sozialräumlichen Spaltung der Städte widerspiegelt und die sich nicht nur in abgeschotteten Wohnquartieren manifestiert, sondern auch in dem immer stärker werdenden Auseinandertriften der Zugänge zur Stadt. Außerdem warnen sie vor einer naiven Verwendung des Mischungsbegriffs, der in der Tat schillernd ist und eher auf die Frage verweist, was ein Wohnquartier stabil macht und ausgewogen.

Dabei werden auch die internationalen Facetten der Entwicklung deutlich, die sich auch eher unterschiedlich darstellen.

Im weiteren Verlauf der Einführung werden dann die großen Kapitel kurz vorgestellt.

1. Zur Geschichte sozialräumlicher Mischung und Segregation

In diesem Kapitel werden sozialräumliche Mischung und Segregation in verschiedenen historischen Epochen diskutiert, auch die Prozesse in der ehemaligen DDR.

Gerd Kuhn setzt sich mit der Integration und Ausgrenzung von der mittelalterlichen Stadt bis zur Hochphase der Urbanisierung 1870 auseinander.

Einfriedung und Abgrenzung waren schon immer auch typisch für die mittelalterliche Stadt – die Mauer war immer schon ein Symbol dafür und ihre Tore sorgten für die Regelungen der Bewegungen nach innen und außen. Kuhn geht dann auf die Bürgerstadt ein, er diskutiert das Rechtsprinzip „Stadtluft macht frei“ und die Entwicklung eines Bürgertums, die Rechtsgemeinschaft der Bürger, die „conjuratio“, die „Verschwörung“ der Bürger, die nie sozial homogen war. Sie konnte auch ärmere Schichten einschließen. Nach einem Exkurs über räumliche Hierarchien setzt sich der Autor mit den Fremden in der Stadt auseinander, vor allem die Ausgrenzung der Juden. Er beschäftigt sich mit dem venezianischen Ghetto als Inbegriff strukturell und rechtlich erzwungener Segregation und beschreibt dann die Umbruchphase des 19. Jahrhunderts, die durch Entfestigung und kleinräumige soziale Durchmischung gekennzeichnet ist. Dies macht er am Beispiel von Trier und Frankfurt deutlich.

In einem weiteren Beitrag geht Gerd Kuhn auf „Durcheinander Wohnen und Zonierung im Kaiserreich“ ein. Wir sind in der Phase der Industrialisierung und der Transformation der Bürgerstadt in die Industriestadt. Es geht dem Autor um die Urbanisierung als Folge der Industrialisierung und um Formen „negativer Integration“ vor allem einer proletarischen Arbeiterklasse.

Aber im Kaiserreich entstanden auch Reformprojekte, die die Lebensverhältnisse vor allem der unteren Schichten verbesserten: Genossenschaften und Gartenstädte. Gemeinnützige Wohnbaugesellschaften entstanden und selbst organisierte Baugenossenschaften, die oft auch politisch ausgerichtet waren.

Kuhn geht dann auf die Integration von Zuwanderern in den großen Industriestädten ein wie die Polen im Ruhrgebiet und in Berlin. Während sie in Berlin hauptsächlich unter den anderen Bewohnergruppen wohnten, also für eine Durchmischung sorgten, blieben sie im Ruhrgebiet in bestimmten Vierteln unter sich und so kam es zu einer Konzentration von Polen in bestimmten Quartieren, die zu einer räumlichen Verdichtung und damit zu anderen Segregationseffekten führten.

In dieser Zeit entstanden auch Konzepte geplanter Durchmischung, die von Kuhn ebenso ausführlich beschrieben werden wie die Modelle der sozialräumlichen Stadt und deren Entwicklung in Europa (Hausmann und Cerdá).

Kleinräumige Durchmischung gelang in der Praxis oft im Etagenhaus und im Wohnblock - ein Modell, das sich in der europäischen Stadt auch durchgesetzt hat.

Damit entwickelte sich auch der Städtebau als Disziplin, die sich theoretisch mit der Verteilung einer Bewohnerschaft im städtischen Raum beschäftigte. Zum Schluss dieses Beitrags beschäftigt Gerd Kuhn die Straßenbahn und der Fahrstuhl im Kontext der sozialen Homogenisierung.

In einem Exkurs „Soziale Mischung“ mit begrenzter Wirkung – Eine empirische Prüfung der Hobrecht-These zur Wohnweise im Berliner Mietshaus des Kaiserreichs“ diskutiert Christoph Bernhardt die These des Berliner Stadtbaurats Hobrecht, die sich auf das durchmischte und zugleich dichte Wohnen im Mietshaus bezog. Dabei beschreibt er die Umgebung und die Planungsgeschichte von 21 Häusern in der Yorkstraße in Berlin, ihre Wohnungsgrößen und ihre Ausstattung, die soziale und geschlechterspezifische Zusammensetzung der Bewohner, ihre Wohndauer, um dann auf ein spezifisches Mietshaus einzugehen.

Gerd Kuhn widmet sich in einem weiteren Beitrag der Weimarer Republik - Zwischen sozialstaatlichem Ausgleich und sozialräumlicher Segregation. Der für die Weimarer Republik charakteristische große Kompromiss zwischen Arbeit und Kapital verändert auch die Sozialpolitik. Es ging um die Integration aller, nicht mehr so sehr um die Bearbeitung von Klassengegensätzen. Das führt auch zu einem Ausgleich durch Wohnungspolitik. Die im Kaiserreich noch virulente Wohnungsfrage sollte durch den Bau von Sozialwohnungen gelöst werden. Zudem hat die Nachkriegszeit zu einer Wohnraumbewirtschaftung im Rahmen der Wohnungszwangswirtschaft geführt, die auch zu Zwangseinquartierungen führte und am Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts auch den sozialen Frieden gefährdete. Mit diesen Fragen setzt sich der Autor zunächst auseinander.

Der Wohnungsbau für Minderbemittelte und das Neue Wohnen – Reformwohnungsbau in der Hauszinssteuerära waren Entwicklungen, die die Wohnungsnot lindern sollten, was nur mäßig gelang.

Aber der öffentlich geförderte Wohnungsbau sollte seinen Aufschwung nehmen und führte zu einer Wohnungsbauförderung über die Hauszinssteuer und auch zu einem qualitativ verbesserten Angebot an Wohnungen für Bevölkerungsschichten, die auf dem Markt keine oder nur geringe Chancen hatten, eine erschwingliche Wohnungen zu bekommen.

Die Auswirkungen auf den städtischen Siedlungsbau waren dezentrale Wohnagglomerationen an den Rändern der Städte und in dezentraler Lage. Und es kam zu einer sozialen Homogenisierung der Quartiere.

Die „Gemeinschaftsideologie und Exklusion im Wohnungs- und Städtebau des Nationalsozialismus“ ist das Thema des Beitrags von Tilman Harlander. Der Fokus einer völkischen Sozialpolitik lag nun auf der Volksgemeinschaft. Die jüdischen Ghettos symbolisierten die extremste Form von Segregation. Gleichzeitig kam eine Großstadtfeindlichkeit auf, die zu einer neuen Großstadtpolitik und zu Neugestaltungsplanungen führte. Es wurden Kleinsiedlungen als Idealform des Wohnens gebaut, gleichzeitig kam es zu einem erhöhten Bedarf an Volkswohnungen. Der Autor begründet dies alles, geht dann auf die Gemeinschaftssiedlung an einem Braunschweiger Beispiel ein. Abschließend berichtet er von den Plänen der Nationalsozialisten zum „Sozialen Wohnungsbau nach dem Kriege“.

Ein weiterer Beitrag von T. Harlander bezieht sich auf die “Solidarität der Not – Flüchtlingsintegration und Wohnungsbau für „breite Schichten“ im Wiederaufbau in der Bundesrepublik“. Auch nach 1945 kam es zu Einquartierungen und einer Wohnraumbewirtschaftung um der Flüchtlingsströme Herr zu werden. Die so erzwungene Gemeinschaftlichkeit in der Not war einer der Grundlagen für die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge. Es kam – so der Autor - zu einem staatlich geförderten Wohnungsbau für „breitere Schichten“ – ein wichtiges sozialpolitisches Instrument der 50er Jahre. Und wenn man auf die gesellschaftspolitische Entwicklung zu einer so genannten „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ schaut, die auch zu einer bürgerlichen Integration der Arbeiter führte, und wenn man die familienpolitische Dimension der glücklichen Familie im eigenen Heim und zurückgezogen im Privatem anschaut, hat man im Grunde die wichtigsten ideologischen Grundlagen einer Sozialpolitik in der Wiederaufbauphase der Bundesrepublik im Kern umschrieben – was der Autor dann auch tut. Es geht ihm dann noch um gelungene Nachbarschaften. Dann entstanden in den 60er Jahren Großsiedlungen, die auch zur Entmischung führten und auch vom Autor kritisch bedacht werden.

T. Harlander betrachtet in einem weiteren Beitrag die Wohnungspolitik der DDR unter dem Stichwort „Annäherung der Klassen und Schichten“. Es ging um die Vermeidung „klassenbedingter Segregation“. Die Wohnung wurde dekommodifiziert – sie war keine Ware mehr, die auf dem Markt „nur“ denen zur Verfügung stand, die es sich leisten konnten. Eisenhüttenstadt wurde als Stalinstadt die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden. Die sozialismusgerechte Variante der Entwicklung der Bauwirtschaft führte in die Industrialisierung des Wohnungsbaus, deren Ausdruck die Plattenbausiedlung war. Ziel war die Gleichheit aller Wohnungen mit der Hoffnung auf Annäherung der Schichten.

2. Globale Polarisierung der Stadtgesellschaften

In diesem Kapitel werden aus unterschiedlichen Ländern Beispiele sozialräumlicher Polarisierungen dargestellt und wie die einzelnen Ländern – auch Kulturkreise – damit umgehen, Mischung verstehen und gleichzeitig Spaltungen produzieren. Tilman Harlander beschreibt einführend diese Prozesse unter dem Titel “Gated Communities und Slums“. Gated communities verweisen auf die freiwillige Segregation einer oberen Mittelschicht in homogene Quartiere, die gleichzeitig abgeschlossene Wohnareale sind. Slums sind der Ausdruck der strukturell erzwungenen sozialräumlichen Ausschließung der ohnehin sozial Exkludierten. Die einen brauchen die Gesellschaft und deren Solidarität nicht, den anderen verweigert die Gesellschaft diese Solidarität. Und beide Formen wachsen immer mehr an.

Frank Roost beschreibt die städtebauliche und soziale Mischung in den USA; Barbara Schönig macht einiges deutlich am North Village in Chicago. Sicherheit und Kriminalitätsfurcht sind die Hauptmotive, um in eine Gated Community einzuziehen. Die Angst ist ein neues Motiv, das die alten Merkmale wie Einkommen, sozialer Status, Lebensstil und Klassenzugehörigkeit ergänzt. Inzwischen sind Gated Communities zu Orten geworden, wo in einer homogenen Lebenswelt ein Lebensstil realisierbar ist, der dort dann auch ganz selbstverständlich ist.

Slums sind hingegen sind das Ergebnis nicht gesteuerter oder fehlgesteuerter Stadtentwicklungsprozesse, in denen im Kontext der Stadt ein urbaner Lebensstil überhaupt nicht denkbar ist. Oder: es gibt die Slums nicht, obwohl es urbane Quartiere gibt, sondern, weil es die urbanen Quartiere gibt. Der Ausschluss vom Wohnungsmarkt ist nur das Symbol der Exklusion aus der Gesellschaft.

In beiden Beiträgen wird jeweils auf die Frage eingegangen, wie sehr wir es mit einem typischen Prozess der Urbanisierung in den USA zu tun haben, der in Europa vielleicht ansatzweise, aber noch nicht richtig sichtbar vorhanden ist.

Eckart Ribbeck beschreibt Wohnen, Stadtentwicklung und Segregation in Brasilien und das Leben wie im Club Méditeranée am Beispiel einer Privatsiedlung.

Vertikales Wohnen analysiert Tanja M. Thung. Brasilianisches Wohnen bedeutet in seinen Extremen einerseits Leben in einer Gated Community der Apartmenthochhäuser und andererseits Leben in den Favelas, den Slums der Armen am Rande der Großstädte und ohne Zugang zu diesen. Deutlicher kann man das Bild von einem reichen Zentrum und einer armen Peripherie nicht beschreiben.

Während die segregierte Situation der Apartmenthochhäuser dadurch charakterisierbar ist, dass kein anderer Zugang zu ihren Einrichtungen und Diensten hat, kommt aus den Favelas keiner heraus, um sich die Stadt als Handlungsraum anzueignen.

Und Mischung heißt in diesem Kontext eigentlich nur, dass die funktionale Mischung der Innenstadtquartiere auch zu einer sozialen Durchmischung ihrer Nutzer führt – aber nicht bezogen auf das Wohnen.

Peter Herrle und Josefine Fokdal beschreiben Dörfer in der Stadt und Städter auf dem Land in Südchina. Die dramatische Entwicklung der Städte und der Bau der Megastädte macht ein vollkommen anderes Verständnis von Stadt als Lebensraum deutlich, das in China nicht immer schon da war. Zwar wurde die Stadt nie als ein historisch gewachsener Siedlungsraum verstanden, dessen Geschichte zum Beispiel in ihren Plätzen und öffentlichen Bauten sichtbar ist und der mehr ist als dass man dort nur wohnt. Aber die Fragmentierung städtischer Räume und die Abgrenzung der Quartiere nach außen, während im Inneren eine Nachbarschaft gelingt – das hat eine lange Tradition.

So entstehen Dörfer in der Stadt, was auch zu tun hat mit der Tradition der Verankerung als Bürger in der Stadt – man kennt den städtischen und den ländlichen Bürger.

Die beiden Beiträge verdeutlichen dies an zwei Quartieren – das eine aus der Franzosenzeit, ein anderes, das Danwei-System, aus der kommunistischen Ära.

Seog-Jeong Lee beschreibt die Soziale Mischung im Städtebau am Beispiel der von Seoul (Südkorea).

Korea hat sich mit seinen relativ stabilen gesellschaftlichen Verhältnissen für eine Wohnungspolitik der „ausgewogenen Gesellschaft“ entschieden. Nach einer Phase, wo die Wohnungspolitik hauptsächlich in der Förderung des Eigentums lag und Mietwohnungen eher als Substandardwohnungen stigmatisiert wurden, veränderte sich die Wohnungspolitik. Der soziale Wohnungsbau wurde gefördert, um Wohnraum für Einkommensschwache zu schaffen. Dabei stellt sich ein Problem der Fehlbelegung ein: die Wohnungen sind meistens von Angehörigen der Mittelschicht belegt, Arme haben kaum Chancen, eine solche Wohnung zu erhalten. Und Mischung beschreibt der Autor als eine Art Segmentierung. Die Wohnhäuser haben z. T. unterschiedliche Eingänge.

Lynn Mayer diskutiert die ägyptischen Verhältnisse am Beispiel der Stadt Kairo. Kairo ist eine schwierige Stadt, die soziale Spaltung seiner Bewohner ist extrem und die Integrationspotentiale sind am Schwinden. 40% der Bevölkerung lebt unter prekären Wohnbedingungen. Gleichzeitig drängt eine Mittel- und Oberschicht in Gated Communities, die in der Wüste gebaut werden und der Zaun ist dann eher ein Abgrenzungssymbol, als dass er der Sicherheit dient – wenn dies überhaupt ein Motiv ist, dorthin zu ziehen. Auch hier wird deutlich, dass sich eine Oberschicht nicht nur räumlich, sondern auch sozial von der Gesellschaft verabschiedet hat. Dies beschreibt die Autorin an Hand von Beispielen.

3. Europäische Wege

In diesem Kapitel geht es um Beispiele von Mischung und Segregation in den europäischen Ländern.

Die Einführung von T. Harlander und G. Kuhn beschäftigt sich mit europäischen Tendenzen und Entwicklungen wie der Ausbreitung von Gated Communities in Süd- und Osteuropa, der Spaltung der Stadtgesellschaften in England und Frankreich und den traditionell starken Sozialstaatstraditionen in den nordeuropäischen Ländern.

Nach diesem Überblick über die europäischen Verhältnisse werden die einzelnen Länder und ihre Wohnungspolitiken und Wohnungsverhältnisse im Spannungsfeld von Mischung und Segregation beschrieben.

Lisa Küchel beschreibt die Segregation in Frankreich und macht dies an den Städten Paris und Toulouse fest. Die französischen Verhältnisse am Rande der Großstädte – die Banlieus, sind uns als Form sozialräumlicher Segregation im Bewusstsein. Ihre Geschichte ist eine städtebauhistorische Entwicklung der allmählichen Verdrängung einer Arbeiterschaft aus den Metropolen in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts an ihre Ränder.

Heute steht eher eine integrative Stadtentwicklungspolitik im Fokus der Bemühungen. Die Autorin beschreibt die Entstehung neuer Wohnkonzepte wie Mixté sociale und die Résidence fermée und schließt mit dem Dilemma der französischen Wohnungspolitik zwischen Ségregation urbaine und Mixté. Dies erläutert die Autorin in zwei weiteren Beiträgen, die sich auf Paris und Toulouse beziehen.

Kathrin Golda-Pongartz beschreibt Segregationsprozesse in Spanien und beschreibt ein Beispiel in Barcelona. In den Zentren der spanischen Metropolen kommt es zunehmend zu einer Entmischung auf Quartiersebene wie auch innerhalb des traditionellen Wohnblocks. Nachdem die monofunktionalen Wohnblocks eher wieder durchmischt sind, kommt es in den Zentren zur Verslumung innerstädtischer Quartiere. Das erläutert die Autorin am Beispiel von Madrid und Barcelona. Die Stadtentwicklungspolitik ist zunehmend aufgefordert, ihre Wohnraumversorgungspolitik zu verändern. Es geht um angemessenen und erwerbbaren Wohnraum für junge Familien und sozial Schwache. Die Transformation von Großsiedlungen, Diversifizierung, Verdichtung und der Erhalt von Netzwerken sind Merkmale einer Neuordnung und die Autorin macht dies am Beispiel eines Cerdà-Blocks in Barcelona fest.

Henrik Werth diskutiert die postsozialistische Stadt Warschau und geht auf polnische Strukturen ein. Mit dem Einsetzen des Transformationsprozesses kommt es zu starken sozialen und sozialräumlichen Polarisierungen. Ein hoch dynamischer privater Immobilienmarkt steht dem alten sozialistischen Geschosswohnungsbau der Plattenbausiedlung gegenüber und es gibt zunehmend Gated Communities. Dies wird an Hand des am häufigsten zitierten Projekts abgeschirmten Wohnens, Marina Mokotóv, ausführlich beschrieben.

Die türkischen Verhältnisse von Mischung und Segregation werden von Philipp Misselwitz und Julia Strutz am Beispiel des Wohnens in Istanbul beschrieben. Auch Istanbul weist starke Segregationstendenzen auf, die sich in einer zunehmenden Abgrenzung des Wohlstands in Gated Communities zeigt, denen ein Massenwohnbau gegenüber steht, der unter den üblichen Standards liegt und in einem informellen Wohnungsbau, der vor allem der Unterschicht zur Verfügung steht. Die Stadtgeschichte von Istanbul ist hochgradig kompliziert und verweist auf das Zusammentreffen zweier Kulturen, die einerseits die europäische Stadt ausmachen und andererseits mit der Geschichte der Stadt des osmanischen Reiches zu tun hat. Gleichzeitig wird aber die Debatte um diese Segregationsprozesse in Istanbul nicht geführt und führt auch nicht zu politischen oder planerischen Interventionen.

Soziale Mischung und Segregation in Großbritannien werden von Maren Harnack und Dirk Schubert analysiert und an Beispielen in Plymouth und London verdeutlicht. Der öffentlich geförderte Wohnungsbau hat in Großbritannien eine längere Geschichte als in Deutschland. Inzwischen kennt Großbritannien das Konzept des Social Housing, dessen Umsetzung nicht gewinnbringenden Eigentums- und Verwaltungsinstitutionen unterliegt. Aber der Markt regelte auch die soziale Durchmischung, sozialpolitische Leitbilder steuerten nur in Teilbereichen des Wohnungsmarktes. Die Autoren beschreiben die wichtigste wohnungspolitische und städtebauliche Entwicklung der New Towns, die zur Entlastung Londons im Rahmen der Slumsanierung gebaut wurden. Die Erkenntnis allerdings ist wichtig, dass segregierte Nachbarschaften auch einen gewissen Grad von Stabilität entwickeln können, wenn die Wohnstandortentscheidung selbst getroffen wurde, also keine strukturellen Prozesse zum Wohnen dort zwingen. Dies alles zeigen die beiden Autoren am Beispiel von Plymouth und London auf; dabei werden jeweils weitere Aspekte der Wohnungspolitik und der Entwicklung von Segregationsprozessen diskutiert

Die niederländischen Verhältnisse von Segregation und Integration werden von Sandra Schluchter diskutiert. Sie macht dies auch an Beispielen in Rotterdam und Amsterdam deutlich. Die Niederlande kennen seit langem eine reflektierte Debatte um die Probleme des Wohnens im Kontext von Quartierseffekten. Vermehrte sozialräumliche Segregation in den Metropolen veranlassen die Städte über Gegenstrategien nachzudenken. Die Tatsache, dass Neubausiedlungen am Stadtrand eher negative Segregationswirkungen zeitigen, während im Stadtgebiet Projekte eher zur Mischung beitragen – diese Tatsache ist zunächst nichts Überraschendes und trotzdem werden sie kritisch diskutiert. Soziale Mischung ist der Fokus der städtebaulichen und wohnungspolitischen Entscheidungen.

Dies macht Sandra Schluchter an einem benachteiligten Quartier in Rotterdam fest, das im Rahmen einer umfassenden Stadterneuerungsmaßnahme saniert wurde. Andererseits schildert sie ein Quartier in Amsterdam, wo man die Mischung fördern wollte durch die Kombination von höherwertigen Eigentumswohnungen und sozialen Mietwohnungen, was aber nicht gelang.

Britta Tornow geht auf die Grenzen der Durchmischungspolitik in Dänemark ein. Wenngleich noch keine Tendenzen zu Gated Communities feststellbar sind, Segregation und ihre negativen Effekte sind zentrale Themen der dänischen Wohnungs- und Sozialpolitik. Sie gefährden nämlich die Integrationspotentiale der Gesellschaft, auf die die Dänen eigentlich setzen. Es gibt Gemeinschaftswohnprojekte die mittlerweile auch eine soziale Mischung aufweisen, aber es gibt auch die Großsiedlungen, die zu Ghettos einer von Integration eher bedrohten Migrantenschicht wurden. Die Autorin beschreibt weiter Prozesse und Strukturen sozialer Durchmischung in Wohnquartieren in der Provinz und in Kopenhagen.

Tendenzen der sozialräumlichen Entwicklung in der Schweiz diskutiert Martin Schneider. Die Schweizer Städte kennen das Problem der sozialen Entmischung und trotz Gegenstrategien ist in den großen Agglomerationen am Rande der Kernstädte die Entmischung voran geschritten. Schneider macht zwei Tendenzen der schweizerischen Siedlungsentwicklung aus: Die Zersiedlung der Landschaft durch städtische Agglomerationen und die Wiederentdeckung der Kernstädte als attraktive Wohn- und Wirtschaftsstandorte. Der Autor diskutiert am Beispiel der Stadt Zürich Maßnahmen gegen die Segregation. Weiter beschreibt er an einem Beispiel die Bestandserneuerung eines Quartiers, das ein Genossenschaftsbauprojekt enthält und diskutiert am Beispiel eines Zürcher Stadtrandviertels den Ersatzneubau. An einem weiteren Beispiel verdeutlicht der Autor, wie mit Hilfe einer Baugenossenschaft ein neues Quartier gegründet wurde.

4. Zur Theorie und Praxis von Mischung und Segregation in Deutschland

In diesem Kapitel werden in mehreren Beiträgen Probleme der Segregation und Integration diskutiert, außerdem werden Fallstudien vorgestellt und Positionen der kommunalen Praxis und der Wohnungswirtschaft in Blick auf Mischung und Segregation vorgestellt und diskutiert.

Zunächst bettet Tilman Harlander die Debatte um Zuwanderung und „überforderte Nachbarschaften“ in den Kontext um Segregation und Integration sein 1989 ein.

Der Begriff der überforderten Nachbarschaft wurde seinerzeit vom Bundesverband deutscher Wohnungsunternehmen eingeführt. Auf der Basis zweier Studien konnte in den Großsiedlungen deutscher Großstädte nachgewiesen werden, dass die Zusammensetzung einer ohnehin schon von Integration bedrohten Bewohnerschaft und ihre sozialräumliche Konzentration zu einer brisanten Verdichtung von sozialen Problemlagen führte. Weiter diskutiert der Autor die Debatte um Exklusion versus „underclass“, die die Soziologie der Exklusion seit längerem führt und kommt dann zur Bewertung des Bund-Länder-Programms „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – Die soziale Stadt“. Im weiteren Verlauf setzt sich Harlander mit der Frage auseinander, ob nicht Integration trotz Segregation möglich ist. Dabei greift er auf theoretische Bezüge zurück, nimmt sich das Beispiel USA vor und fragt dann, ob es nicht auch positive Segregationseffekte geben könne.

In einem Exkurs stellen Stefan Siedentop, Stefan Fina und Sebastian Roos eine vergleichende Analyse der ethnischen und generativen Segregation in den Landeshauptstädten München und Stuttgart vor.

Nach einer theoretischen und methodologischen Auseinadersetzung mit dem Segregationsbegriff, dem methodischen Ansatz und der Definition von ethnischen und generativen Gruppen kommen sie zur Auswahl von Segregationsindizes, wobei sie sich auf drei der fünf Dimension nach Massey und Denton entschieden haben:

  • das Maß der Gleichverteilung einer Minderheit über die räumlichen Bezugseinheiten;
  • das Maß der potentiellen Begegnungshäufigkeit der Minderheit mit Angehörigen der Mehrheit;
  • das Maß der Konzentration der Angehörigen der Minderheit in einem definierten Zentrum der Stadt.

Ausführlich werden die Ergebnisse mit Graphiken und Statistiken vorgestellt und diskutiert.

Gerd Kuhn setzt sich in einem weiteren Beitrag mit der Reurbanisierung der Städte zwischen Aufwertung und Verdrängung auseinander. Reurbanisierung meint zunächst die Wiederentdeckung der urbanen Kontexte als attraktive Wohnstandorte, nachdem der Prozess der Suburbanisierung zunächst einmal zu einer Entmischung innenstadtnaher Quartiere geführt hat, ja sogar zu einer Verslumung. Es ging um Stadterneuerung, Gentrifizierung und Umwandlung.

Die Debatte um Gentrifizierung wird nachgezeichnet „von den Anfängen“ der Chicago School bis zu der Hochphase der Debatte in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Suburbanisierung hat trotz Reurbanisierungstendenzen noch lange nachgewirkt. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts beobachten wir einen wirklichen Trendwandel. Der Autor macht auch auf die Gefahr für die soziale Mischung in Stadtgesellschaften durch Aufwertung aufmerksam; denn Aufwertung ist notgedrungen immer mit Verdrängung einer angestammten Bewohnerschaft verbunden, was wiederum zur Entmischung beiträgt.

In einem Exkurs geht Kuhn dann auf die Berliner Debatte um Gentrifizierung ein und beschreibt zum Schluss den Prozess der Selbstsegregation einer oberen Mittelschicht und Oberschicht in urbanen „Zitadellen“.

Es folgen dann sechs Fallstudien

  • Lenbach Gärten München (Christian Holl),
  • Barbarossapark Aachen (Tina Hörmann/Frank Pflüger),
  • Rosenpark Stuttgart-Vaihingen (Karoline Brombach),
  • Am Urban Berlin (Celina Kress),
  • Ackermannbogen München (Christian Holl),
  • Rieselfeld Freibug im Breisgau (Karoline Brombach).

Tilman Harlander und Gerd Kuhn setzen sich in einem weiteren Beitrag dann mit der „Mischung“ in kommunaler Praxis und Wohnungswirtschaft in Deutschland auseinander. In der Tat setzt die kommunale Praxis und Programmatik der Kommunen – und auch der Wohnungswirtschaft – auf Mischung als Ideal. Vor dem Hintergrund zunehmender Spaltung der der Städte und des sozialräumlichen Auseinandertriftens von Armut und Reichtum mag dieses Ziel kommunaler Sozialpolitik zwar wünschenswert sein, aber auch unrealistisch. Die Autoren verweisen auf der einen Seite auf soziale Spreizungstendenzen und einem zunehmenden sozialen Gefälle, das sich aber noch nicht in extremer Weise in Gated Communities einerseits und Quartieren andererseits widerspiegeln, die vollkommen abgekoppelt sind von der ökonomischen und kulturellen Kerndynamik der Stadt.

Auch wenn sich Kommunen und Wohnungswirtschaft im Sinne einer integrativen Politik der Mischung verpflichtet sehen, fehlen ihnen dennoch die geeigneten Steuerungsinstrumente, um Segregationstendenzen entgegen zu wirken. Die Autoren beschäftigen sich ausführlich mit der Belegungspolitik der kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und den Integrationskonzepten einiger Städte, die eine derartige Mischung strukturell durch Belegungspolitik zu erzeugen und zu steuern versuchen. Sie sehen in der sozialen Wohnraumförderung ein geeignetes Instrument sozialer Mischung, was aber auch bedeutet, dass ein entsprechender Wohnraum auch zur Verfügung steht. Am Beispiel der Stadt München wird eine erfolgreiche aktive Mischungspolitik vorgestellt, die unter dem Stichwort „Sozialgerechte Bodennutzung“ Förderquoten festlegt.

Und es geht den Autoren auch um kleinräumige Mischung – Mischung im Quartier, im Block, im Haus. Auf welcher Ebene ist sie erfolgreich? Hamburg richtet seine Mischungspolitik z. B. auf das Quartier aus. In München-Haidhausen wird die Mischung im Block versucht und für die Mischung im Haus greifen die Autoren auf ein Beispiel in Lörrach zurück.

Es folgt dann in diesem Kapitel eine Reihe von Stellungnahmen und Positionsbeschreibungen der Kommunen und der Wohnungswirtschaft die in kurzen Interviews abgegeben wurden. Dabei wurde die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft Berlin, die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt der Freien und Hansestadt Hamburg, die Internationale Bauausstellung – IBA – Hamburg, die GAG Ludwigshafen, der Bundsverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt Frankfurt, die Stadt München, die GWG München und die Stadt Leipzig befragt.

5. Resümee: Aktive Mischung – Zur Zukunft der Städte

Im letzten Kapitel dieses Buch resümieren die beiden Herausgeber unter dem Titel „Aktive Mischung – Zur Zukunft der Städte“ die Erkenntnisse, Berichte und Analysen dieses Buches. Mischung ist angesichts der Spaltung der Städte in Europa und der dramatischen Entwicklung der Städte in anderen Kontinenten zu einem Thema der Politik geworden. Die wachsende Slumbevölkerung und die immer größere werdenden Gated Communites bergen ein brisantes Konfliktpotential und gefährden die Integrationspotentiale, die auch eine Stadt immer noch haben sollte.

Die Sozialstaatlichkeit der europäischen Stadt – so die Autoren – hat immer noch verhindert, dass sozialräumliche Segregation zu größeren Verwerfungen in der Stadt führte. Aber das Ziel der „social cohesion“ ist gefährdet, wenn immer mehr Stadtteile abgekoppelt werden von der ökonomischen und kulturellen Kerndynamik der Stadt und auch trotz der Integrationsbemühungen der Städte herausfallen. Diese Tendenz lässt sich schon beobachten und deshalb bedarf es also einer aktiven Integrations- und Mischungspolitik.

Die beiden Autoren setzen sich dann noch einmal mit der historischen Genese des Mischungsideals in Deutschland auseinander, betrachten die sozialräumliche Integration und Durchmischung nach dem Krieg und betrachten resümierend noch einmal das Konzept der überforderten Nachbarschaft. Sie fragen dabei, ob nicht auch Integration trotz Segregation geht.

Auch die Frage nach der Reurbanisierung zwischen Strategien der Erhaltung und Gentrifizierung wird noch einmal aufgeworfen.

Zum Schluss fragen sich die Autoren wie eine aktive Mischungspolitik in Deutschland aussehen könnte und welche Instrumente dazu notwendig wären. Entscheidend ist aber, sich von dem Ideal sozial durchmischter Quartiere oder gar Städte zu verabschieden.

Das Buch schließt mit einem Anhang der Bildnachweise. In der Tat macht die Bebilderung und das Anschauungsmaterial eine besondere Qualität des Buches aus; manchmal sagen die Bilder und Karten mehr aus als der Text.

Diskussion

Die Geschichte, Programmtik und Realität sozialer Durchmischung – oder eben nicht durchmischter städtischer Quartiere oder gar Städte ist in der Tat komplex. Und sie wird noch komplexer, wenn man den europäischen Kontext als Analyserahmen bedenkt.

Was macht denn einen guten Stadtteil oder eine gute Stadt aus? Dass sie durchmischt ist und sich die Konfliktpotentiale in den Nahbarschaften, Vierteln und Stadtteilen konzentrieren? Wer die sozial und kulturell heterogene Stadt will, weil sie dann erst auch einen urbanen Lebensstil entwickeln kann, muss auch in Kauf nehmen, dass sich unterschiedliche Quartiere ausbilden. Die Stadt lebte immer schon von der kulturellen Vielfalt, auch den sozialen Spannungen, die unterschiedliche soziale Gruppen untereinander haben. Sozialräumliche Segregation ist also ein natürlicher Prozess in der Verteilung der Bevölkerung in einem städtischen Raum. Und Segregation führt auch zur Homogenisierung - also zur Entmischung von Wohnquartieren. Erst wenn wir es mit negativen Entmischungseffekten zu tun haben, die dazu führen, dass prekäre und problematische Lebenslagen in einem Quartier derart dominant werden, dass das gesamte Quartiere und seine Struktur darunter leiden, weil niemand mehr für die res publica zur Verfügung steht und erst, wenn sein Ruf nach außen zu Diskreditierungen im übrigen Stadtgebiet führt – erst dann wird Entmischung zum Problem.

Das Buch macht auf die unterschiedlichen Ebenen und Facetten von Mischung aufmerksam und der Vergleich mit anderen europäischen Ländern macht auch noch einmal mehr deutlich, dass dieses Problem der Mischung ein Strukturproblem in allen kapitalistisch verfassten fortgeschrittenen Gesellschaften Europas ist. Die kapitalistische Verwertungslogik von Kapital und Boden führt in der Tat zu den Problemen, die hier auch als sozialräumliche Spaltung der Städte und als Abkoppelung von ganzen Stadtteilen von der integrativen Kerndynamik der Stadt in den Bereichen Ökonomie, Kultur und Soziales identifiziert wurden.

Die Fallbeispiele und auch die Länderanalysen machen auch deutlich, dass Mischung - oder Entmischung – nur eine Facette eines größeren Problems ist, nämlich dem des gerechten Zugangs zu Wohnraum, vor allem für die, die am Wohnungsmarkt scheitern. Und manchmal stellt sich auch die Frage, wie sehr Wohnraum eine Ware sein darf in der sozialstaatlich verfassten Stadt.

Fazit

Es ist ein schön gemachtes Buch und es ist inhaltsreich und gründlich recherchiert. Die einzelnen Beiträge haben ein hohes Niveau und verraten zugleich, wie kenntnisreich und engagiert die Autorinnen und Autoren sind.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 09.04.2013 zu: Tilman Harlander, Gerd Kuhn, Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Soziale Mischung in der Stadt. Case Studies – Wohnungspolitik in Europa – historische Analyse. Kraemer Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-7828-1539-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14716.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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