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Klaus Laubenthal: Handbuch Sexualstraftaten

Cover Klaus Laubenthal: Handbuch Sexualstraftaten. Die Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Springer (Berlin) 2012. 468 Seiten. ISBN 978-3-642-25555-7. D: 89,95 EUR, A: 92,50 EUR, CH: 112,00 sFr.
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Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor ist ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des Sexualstrafrechts. Er ist Professor für Kriminologie und Strafrecht an der Würzburger Universität und zugleich Richter am Oberlandesgericht Bamberg. Im Februar 2015 wurde er vom Bundesjustizminister in die Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrechts berufen. Bereits im Jahre 2000 hat er ein Lehrbuch zum Thema Sexualstraftaten veröffentlicht.

Das hier besprochene „Handbuch Sexualstraftaten“ thematisiert das gleiche komplexe Thema in einer für die Lektüre besonders systematisierten Darstellung. Es ist neben der 2. Auflage der Fachpublikation von Friedrich Barabas „Sexualität und Recht: Ein Leitfaden für Sozialarbeiter, Pädagoginnen, Juristen, Jugendliche und Eltern“ des Frankfurter Fachhochschulverlages aus dem Jahre 2006 im akademischen Fachbuchbereich das einzige und zugleich das aktuellste „Handbuch“ zum Thema Sexualstrafrecht für die im Vorwort angesprochenen Leserkreise von den Strafjuristen bis zu „anderen Berufsgruppen, die mit Fragen des Sexualstrafrechts konfrontiert sind“.

Thema

In seinem Handbuch erläutert Klaus Laubenthal die Hintergründe und Anwendungsbereiche der Straftaten, deren Rechtsgut die „sexuelle Selbstbestimmung“ ist. Die betreffenden Straftaten umfassen nicht nur die „klassischen Sexualstraftaten“ wie Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung unter Erwachsenen, sondern auch den Sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, sexuelle Übergriffe gegenüber abhängigen Personen sowie kommerzialisierte Formen von strafbarem Sexualverhalten wie die Zuhälterei, Zwangprostitution und entsprechenden Menschenhandel bis zur Vermarktung von Pornographika. Dabei zeigt das Werk auf, wie stark sich die Sexualdelikte in den letzten 20 Jahren teils spektakulär, teils aber auch von Fachöffentlichkeit unbemerkt verändert und vor allem ausdifferenziert haben.

Angesichts des enormen Wandels der öffentlichen Bewertung von Sexualpraktiken und der Sexualmoral sowie der Veränderungen der medialen Kommunikationswege dieser Ambitionen und angesichts der wachsenden öffentlichen inländischen und internationalen (auch völkerrechtlichen) Sensibilität für die diesbezügliche sexuelle Selbstbestimmung – gerade junger Menschen – ist die Aneignung bzw. Nachbereitung der neueren gesetzgeberischen Reaktionen darauf ein Muss für alle, die in diesen Grenzbereichen professionelle Verantwortung tragen. Wenn man zudem bedenkt, dass auf diesen scheinbar enttabuisierten Deliktsgebieten nach wie vor enorm hohe Dunkelziffern das tatsächliche Ausmaß der deliktischen Übergriffe verdecken und verschleiern, ist die Anzeigeerstattung der Tatbetroffenen oder aus deren Umfeld der einzige Weg, die vom Strafrecht erwarteten Wirkungen auszulösen. Aber genau diese Anzeigenerstattung stößt auf die Schranke der oft nicht unbegründeten Furcht vor einer sekundären Viktimisierung durch das strafrechtliche Verfahren selbst mit seinen Ritualen der Wahrheitsfindung.

Wie dem auch sei, das Handbuch eröffnet sozusagen für alle Fälle kompakte und kompetente Einblicke in Sanktionshintergründe und Sanktionsmuster der Sexualstraftaten.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch ist neben der Einleitung in sieben Kapitel aufgegliedert.

Das Kapitel 2 – „Allgemeine Grundlagen“ – enthält Reflexionen zur Trennung von Immoralität („Unzucht“) und Sozialschädlichkeit, also der veränderten Wertorientierung in der gesetzgeberischen Stellung zu Sexualdelikten, die letztlich auf den Rechtsgüterschutz der „sexuellen Selbstbestimmung“ hinausläuft. Charakteristisch für das Strafrechtsgebiet und sehr aufschlussreich ist der gut kommentierte Durchgang durch die Reformgeschichte der Sexualstraftatbestände, beginnend mit dem 1. Strafrechtsreformgesetz von 1969 mit der Streichung von Straftatbeständen wie dem Ehebruch, der Homosexualität zwischen erwachsenen Männern und der Erschleichung des außerehelichen Beischlafes und anderen. Das Kapitel endet mit Definitionen sexueller Handlungen, die für alle derartige Delikte gelten.

Kapitel 3 befasst sich mit den Delikten gegen die sexuelle Freiheit: Sexuelle Nötigungsformen, der sexuelle Missbrauch widerstandsunfähiger oder kranker Menschen.

Kapitel 4 thematisiert die Strafbarkeit von sexuellem Missbrauch in institutioneller Abhängigkeit (Gefängnissen oder bestimmten Amtsstellungen).

Kapitel 5 entwickelt sehr differenziert die Delikte gegen die sexuelle Entwicklung von Kindern, Minderjährigen oder Schutzbefohlenen.

Es folgen Kapitel zur Erregung öffentlicher Ärgernisse (Kapitel 6) und zu den modernen Prostitutionsdelikten (Kapitel 7). Auch hier zeigt das Handbuch den Wandel der sozialmoralischen Verurteilung von Varianten der „gewerblichen Unzucht“ zu strafbaren, weil sozialschädlichen Beschränkungen der „Autonomie der Prostituierten“ und zu sanktionswürdigen Abhängigkeiten begründenden Formen der Zuhälterei, also „ausbeuterische“, „dirigierende“ oder „fördernde“ Zuhälterei, an Stelle der „parasitären Lebensform“ von Zuhältern.

Weitere 100 Seiten des Handbuches sind in Kapitel 8 schließlich den strafrechtlichen Pornographieverboten gewidmet. Hier geht es neben den komplizierten begrifflichen Abgrenzungen von Kunst und Pornographie um die Erfassung moderner telekommunikativer Darstellungs- und Verbreitungsmedien und um die Entwirrung der strafrechtlichen Verantwortlichkeiten beispielsweise der Access- oder Content-Provider und welcher elektronischer Zwischenlagerverwalter von pornographischen „Produkten“ auch immer.

Im Anhang des Handbuches finden sich die im Text besprochenen Strafbestimmungen im Wortlaut sowie ein Literaturverzeichnis und ein gut durchdachtes Sachverzeichnis.

Die einzelnen Kapitel des Handbuches führen jeweils in die relevanten Begriffe und definitorischen Unterscheidungen ein sowie in die Gründe und Hintergründe der Strafbarkeit des jeweiligen sexualbezogenen deliktischen Verhaltens, die hier so genannten „Schutzbereiche“, speziell vor dem Hintergrund der letzten Reformen dazu. Sämtliche Ausführungen sind mit Fundstellen aus der relevanten Rechtsprechung und der einschlägigen juristischen Fachliteratur belegt. Der Verfasser hat dazu insbesondere eine immense Zahl von Fachaufsätzen, aber auch viele Gesetzgebungs-Materialien wiedergegeben, ausgewertet oder anderweitig einbezogen. Hinzu kommen viele ausführliche Fallschilderungen (meist aus der Rechtsprechung) in den „Beispielen“, die die zuvor angesprochenen, hier häufig entscheidenden Abgrenzungsprobleme konkretisieren und dadurch besser veranschaulichen.

Zielgruppen

Sehr aufschlussreich und empfehlenswert ist das Handbuch für alle, die professionell mit Anwendungs- oder Abgrenzungsfragen im Kontext von Sexualdelikten in der Rechtsanwendung oder aber lebenspraktisch zu tun haben: Strafjuristinnen und -juristen in der und um die Justiz herum, Fachkräfte in der Kommunalverwaltung wie im Polizeidienst, pädagogisches Fachpersonal in Schulen und außerschulischen Einrichtungen, psychologische oder therapeutische Fachkräfte in diversen Beratungsbereichen, Fachkräfte der Sozialen Arbeit in allen Lebens- und Beratungsbereichen, Fachkräfte in Kinder- und Jugendeinrichtungen, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, für psychisch kranke Menschen etc.

Diskussion und Fazit

Die besondere Leistung des „Handbuches“ besteht in einer thematisch gut und übersichtlich sortierten Darlegung der einzelnen sehr unterschiedlichen Bereiche der Sexualdelikte. Vergleicht man das Handbuch mit einem guten Strafrechtskommentar als Nachschlagewerk zu den gleichen Delikten, so ist ein auf einzelne Tatbestandmerkmale fokussierter Kommentar weit schwerer zu lesen und verfolgt zudem weniger das Ziel, dem Leser eine gute Einführung und einen kompakten Überblick über den spezifischen Sexualdeliktsbereich zu verschaffen, wie es das vorliegende Handbuch tut. Hervorhebungen im Text unterstützen diese Orientierung. Was beiden Formaten, einem Kommentar und einem Handbuch, gemeinsam ist, ist der für jede juristische Fachliteratur typische akribische Fundstellennachweis. Die Fußnoten des Handbuches nehmen die Fundstellen aber im Unterschied zum Strafrechts-Kommentar aus dem Fliesstext heraus, so dass sie beim Lesen nicht stören. Die zuvor genannte Aufteilung in thematisch geordnete Kapitel sorgt für eine übersichtliche Präsentation der strafbarkeitsrelevanten Merkmale der verschiedenen Deliktsbereiche, die ihrerseits dann sehr tief differenziert dargestellt werden. Wenn man nicht das Interesse am einem Gesamtüberblick über diesen dargebotenen Komplex der Sexualdelikte verfolgt, ist das Handbuch auch hilfreich, wenn man nur Teilbereiche davon aufarbeiten möchte oder muss, also etwa nur das Thema strafbarer Prostitution oder Pornographie oder der sexuellen Nötigung von Schutzbefohlenen.

Obwohl von Hause aus auch Kriminologe, stellt Klaus Laubenthal die kriminologische Perspektive auf die Sexualdelikte nicht dar und verwendet auch kaum empirische Daten dazu, obwohl er die lebensweltliche Dimension gerade dieses Deliktspektrums in der Einleitung als relevant für das Deliktverständnis anführt. Die durchaus vorhandene Veranschaulichung ergibt sich im Wesentlichen aus den gut ausgewählten ausführlichen Fallbeispielen in allen Teilen des Handbuches. Diese sollen aber dann bisweilen für sich sprechen. Zumindest hält sich der Autor mit ihrer Interpretation oder Bewertung sehr zurück wie überhaupt mit eigenen Stellungnahmen zu diversen der von ihm durchaus angesprochenen Streitthemen. Bisweilen wird dem Leser sogar nur mitgeteilt, dass eine Frage umstritten sei - „str.“ –, ohne dass er erfährt, worin die Streitpunkte denn bestehen und welche Positionen dazu von dem erwähnten Autor oder Kommentator mit welcher Begründung vertreten werden. Auch insofern hält das gesamte Handbuch einen sehr streng disziplinierten strafjuristischen Duktus durch. Bedenkt man den relativ breiten oder besser gesagt: den heterogenen professionellen Interessentenkreis, den das Handbuch über Sexualdelikte der Sache nach anspricht, kann man auch bedauern, dass die diversen Fachkräfte aus dem polizeilichen oder dem pädagogischen, sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Bereich in der Auswahl der Beispiele und der Fallgestaltungen nicht wirklich angesprochen werden und sich einbezogen fühlen können, obwohl es Akteure sind, denen die Aufklärung und Antworten des Handbuches für ihre professionelle Praxis von hohem Wert ist. Vielleicht bedenkt dies der Autor des insgesamt verdienstvollen Werkes bei der Erstellung einer infolge laufender Sexualstrafreformen ohnehin zu wünschenden weiteren – erweiterten? – Auflage.


Rezensent
Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl
Ehemaliger Rechtsanwalt, lehrt u.a. Strafrecht, Jugendkriminologie und Jugendstrafrecht am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Frankfurt University of Applied Sciences Main,
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Zitiervorschlag
Walter H. Kiehl. Rezension vom 26.06.2015 zu: Klaus Laubenthal: Handbuch Sexualstraftaten. Die Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Springer (Berlin) 2012. ISBN 978-3-642-25555-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14723.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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