Ruth Simsa, Michael Meyer et al. (Hrsg.): Handbuch der Nonprofit-Organisation
Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Klug, 07.08.2013

Ruth Simsa, Michael Meyer, Christoph Badelt (Hrsg.): Handbuch der Nonprofit-Organisation. Strukturen und Management. Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH (Stuttgart) 2013. 5., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7992-6664-2. 49,95 EUR.
Thema
„Welchen Kurs nimmt der
Nonprofit-Sektor? Und welches Management brauchen NPOs? Neben den
klassischen Managementfunktionen geht es heute eher darum, einen
reflektierten Umgang mit betriebswirtschaftlichen Methoden
anzumahnen.
In der 5. Auflage trägt das Handbuch aktuellen
Entwicklungen in den Organisationen und in der NPO-Forschung Rechnung
– mit neu geschriebenen und neu aufgenommenen Beiträgen zu
Projekt- und Prozessmanagement, Führung, Innovationen und Social
Entrepreneurship, Evaluation, Wirkungsmessung und Governance. Dazu im
Ausblick: Experten äußern sich zu ihrer Sicht auf die Trends im
NPO-Bereich.“ (Klappentext)
Das erstmals 2002 erschienene Handbuch wurde für die nunmehr 5. Auflage grundlegend überarbeitet.
Zum „Handbuch der Nonprofit-Organisationen“ liegt bereits eine Rezension von Prof. Dr. Michael Schmidt vom 28.03.2009 vor, der die 4. Auflage bespricht (nachzulesen unter www.socialnet.de/rezensionen/5087.php). Die hier vorgelegte Rezension befasst sich mit der 5. grundlegend veränderten Auflage.
Herausgeberin und Herausgeber
- Prof. Dr. Ruth Simsa ist Universitätsprofessorin am Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung der Wirtschaftsuniversität Wien und u. a. Lehrtrainerin der Österreichischen Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung.
- Prof. Dr. Michael Meyer ist Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der Abteilung für Nonprofit Management an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Er ist an dieser Universität seit 2011 Vizerektor für Personal.
- Prof. Dr. Christoph Badelt war Leiter des Instituts für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien und ist seit März 2002 Rektor dieser Hochschule.
Aufbau
In der vorliegenden Publikation sind die Beiträge verschiedener Autoren in drei Themenkomplexen zusammengefasst:
- Die Bedeutung des Sektors aus unterschiedlichen Perspektiven
- Klassische Managementaufgaben in NPOs
- Beyond Management – klassische NPO-Themen
Zur leichteren Orientierung haben die Herausgeber am Anfang des Handbuchs eine komprimierte Inhaltsübersicht, ein differenziertes Inhaltsverzeichnis sowie am Ende ein Glossar und ein ausführliches Stichwortverzeichnis erstellt.
Zum 1. Teil
In den ersten drei Kapiteln des 1. Teils („Die Bedeutung des Sektors aus unterschiedlichen Perspektiven“) werden Begriffsdefinitionen (Meyer/Simsa), quantitative Dimensionen des Nonprofit-Sektors in Deutschland (Zimmer/Priller/Anheier), in der Schweiz (von Schnurbein) sowie in Österreich (Pennerstorfer/Schneider/Badelt) beschrieben.
Es schließt sich ein Beitrag von Anheier an, der sich mit den Entwicklungen der internationalen Zivilgesellschaft befasst. Mayrhofer beleuchtet im sechsten Kapitel NPOs aus betriebswirtschaftlicher Sicht und diskutiert in diesem Zusammenhang u. a. die Themen Legitimität, Stakeholder, Interaktion und Strukturen.
Im siebten Kapitel beschreiben Pennerstorfer und Badelt Theorien zur Entstehung von NPOs unter dem Aspekt von Markt- bzw. Staatsversagen. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Kapitels liegt bei empirischen Untersuchungen zum Verhalten des Nonprofit-Sektors. Simsa bietet im achten Kapitel einen Überblick über aktuelle, für NPOs relevante soziologische Befunde und Theorien (Stichworte: Zivilgesellschaft, Stakeholder-Organisation, systemtheoretischer Zugang, Intermediarität).
Zum 2. Teil
Im zweiten Teil geht es um eine Darstellung der klassischen Aufgaben des Managements. In elf Kapiteln werden relevante Themen des Managements von NPOs aufgegriffen.
Es beginnt mit den Besonderheiten des Managements von NPOs (Meyer/Simsa). Im nächsten Kapitel geht es um Ziele und Strategie (Horak/Speckbacher). Die Autoren erläutern die Notwendigkeit von Zielsystemen, die Überführung in Strategien und operatives Handeln. Sie betonen besonders die Notwendigkeit eines Kompromisses zwischen Stakeholder-Interessen und klaren Wirkungszielen. Nowotny nimmt sich der rechtlichen Gestaltungsformen für NPOs an und arbeitet Kriterien für Rechtsformentscheidung, Betreiberstrukturen, Fragen der Haftungsbeschränkung und die wichtigsten Rechtsformen (Verein, GmbH, Genossenschaft, Stiftung) heraus.
Im vierten Beitrag dieses Kapitels stellen Maier/Meyer typische Formen der Organisation von NPOs vor. Besonders interessant in diesem Beitrag sind die empirischen Befunde der Effekte von Organisationsstrukturen in NPOs. Nur ein Ergebnis von vielen: Die uneffektivste Form der Organisation ist es, wenn zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen keine klare Aufgabenteilung herrscht.
Unter der Fragestellung „Warum kann man Nächstenliebe (…) nicht wie Seife verkaufen?“ nimmt sich Buber der Frage des Marketings in NPOs an. Im Mittelpunkt steht eine Marketingkonzeption für NPOs. Personalmanagement unter den besonderen Bedingungen von NPOs greifen Schober/Schmidt/Simsa auf. Neben den klassischen Fragen dieses Sektors (Personalbeschaffung, Personalauswahl etc.) werden auch spezifische Fragen der NPOs berücksichtigt (z. B. Ehrenamtliche, Anreizgestaltung).
Ein echtes „Kunststück“ erbringen die drei Autoren Drs/Eichenhofen/Gächter im siebten Kapitel. Sie erläutern in ihrem Beitrag „Arbeits- und sozialrechtliche Rahmenbedingungen in NPOs“ synchron die „arbeits- und sozialrechtlichen Besonderheiten für Beschäftigte in NPOs“ in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Wer um die arbeitsrechtliche Problematik allein in Deutschland nur annähernd weiß (man denke nur an die Frage des „Dritten Weges“ im kirchlichen Bereich), wird sich ob dieses Unterfangens, das mit nicht einmal 16 Seiten auskommt, verwundert die Augen reiben.
Es folgt ein Artikel über Finanzierung von NPOs (Littich/Schober) u. a. mit einem Überblick über Finanzierungsquellen für NPOs. Horak/Baumüller schließen an mit dem Beitrag „Controlling und Rechnungswesen in NPOs“. Besonders interessant (wenn auch sehr kurz) ist der Ausblick auf ein „wirkungsorientiertes Controlling“. Das zehnte Kapitel ist mit „Projekt- und Prozessmanagement“ überschrieben (Millner/Majer). Da sich nach Ansicht der Autoren das Projektmanagement in NPOs nicht grundsätzlich von dem anderer Unternehmen unterscheidet, halten sie sich auch an das, was man in der Projektmanagement-Literatur derzeit so findet. Der letzte Teil dieses Themenkomplexes ist der Frage „Führung in NPOs“ gewidmet und wird von Simsa/Steyrer verantwortet. Hier wird deutlich die Besonderheit von Führung in NPOs herausgearbeitet. Besonders interessant: die Führungsdilemmata in NPOs.
Zum 3. Teil
Im dritten Teil („Beyond Management – Klassische NPO-Themen“) werden in acht Kapiteln übergreifende Themen behandelt.
More-Hollerweger und Rameder beleuchten im ersten Kapitel Grundfragen der Freiwilligenarbeit in Nonprofit-Organisationen.
Im zweiten Kapitel schreibt Brandsen über „The Third Sector and Multi-Level Governance“. Dies ist der einzige englischsprachig vorgelegte Artikel; er zeigt die Schwierigkeiten, über „den“ Dritten Sektor zu sprechen, und erläutert gleichzeitig die verschiedenen Kommunikationsebenen zwischen dem Dritten Sektor und der europäischen Ebene.
Mautner beschäftigt sich mit dem Thema „Märkte, Mission, Management: Spannungsfelder und Perspektiven in der NPO-Kommunikation“. Vom systemtheoretischen Kommunikationsbegriff ausgehend stellt sie die besonderen Anforderungen von NPOs in Bezug auf Sprache, die Rolle von Texten sowie des Marketings vor. Eine interessante These: „Die Ökonomisierung von Nonprofits hat ein Pendant in der Kommunikation. Jede Form der Nähe zum Forprofit-Sektor (…) führt zur Übernahme zumindest von Teilen seiner sprachlichen Konventionen“ (S. 423).
Der Artikel von Millner, Vandor und Schneider ist überschrieben mit „Innovation und Social Entrepreneurship im Nonprofit-Sektor“. Thematisiert wird der Auftrag der NPOS, die Instanz für Innovation zu sein. Die Antwort auf die Frage, wie Innovationsprozesse gesteuert und wie Widerstände überwunden werden können, findet breiten Raum. Mit „Evaluation und Wirkungsmessung“ beschäftigen sich Schober, Rauscher und Millner. Neben allgemeinen einführenden Erläuterungen zum Thema „Evaluation“ wird besonders die „ökonomische Evaluation“ ausgeführt. Neumayr, Schober und Schneider widmen sich dem Thema „Spenden und Stiftungszuwendungen“. Es folgt von Maier und Meyer der Beitrag zu „Nonprofit-Governance“, der insbesondere angelsächsische Konzepte heranzieht, um Notwendigkeit und Ausgestaltung von Governance-Konzepten zu beschreiben. Im letzten Kapitel formulieren Meyer und Simsa abschließend „Entwicklungsperspektiven des Nonprofit Sektors“. Wie schon in der Rezensent zur früheren Ausgabe schrieb, „berücksichtigen (die Autoren) sowohl Veränderungen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen als auch strukturelle Veränderungen innerhalb des Nonprofit-Sektors. Als wesentlicher Erfolgsfaktor wird hierbei die Arbeit an der eigenen Identitätsentwicklung beschrieben, da in hohem Maße widersprüchliche Entwicklungen, z. B. die Verknappung öffentlicher Mittel und der zugleich zunehmende Anspruch an fachliche Leistungsqualität, ausgeglichen werden müssen.“ (M.Schmidt vom 28.03.2009, in www.socialnet.de/rezensionen/5087.php)
Diskussion
Es ist ebenso erstaunlich wie augenfällig: Das Handbuch hat auch in seiner 5. Auflage nichts von seiner Qualität verloren. Die Beiträge sind – was für einen Herausgeberband dieses Volumens höchst selten ist – nahezu alle auf einem fachlich exzellenten Niveau, sie verarbeiten aktuelle und relevante Literatur, es gelingt der Spagat zwischen wissenschaftlichem Anspruch einerseits und Nähe zu praktischer Fragestellung andererseits, kurz: Das Handbuch ist für jeden, der sich mit NPO beschäftigt, unverzichtbar. Man kann es bei der Fülle von Informationen und Themen auch verschmerzen, dass der Blick „über den Zaun“, beispielsweise nach St. Gallen, unterbleibt und sich die Autoren größtenteils der „Wiener Schule“ zugehörig fühlen.
Angeregt
durch den letzten Beitrag von Meyer
und Simsa,
die die Beziehung zwischen Wirtschaft und NPO mit „verschwimmenden
Grenzen“ beschreiben, könnte man auch eine eigene Betrachtung
anstellen, wie sich die NPO-Wissenschaft in den letzten Jahren
verändert hat. Dies lässt sich wahrscheinlich gut an der
Entwicklung des Handbuches von den Anfängen bis zur vorliegenden 5.
Auflage ablesen. Während in den ersten Auflagen noch theoretische
Anleihen an systemischen Modellen gesucht wurden (man denke an den
Artikel von Zauner,
der NPOs einer systemtheoretischen Betrachtung unterzogen hat),
dominieren jetzt die „harten“ ökonomischen Erklärungstheorien.
Themen wie „Konfliktmanagement“, „Veränderungsmanagement“
und „Entscheidungsmanagement“ sind verschwunden, „Evaluation
und Wirkungsforschung“, „Governance“ und „Spendenmanagement“
sind hinzugekommen. Das ist nicht zu kritisieren, sondern zeigt
deutlich auf, wohin sich der gesamte Bereich in Theorie und Praxis
entwickelt hat.
Der Rezensent der 5. Auflage schließt sich
seinem Vor-Rezensenten an, der zur 4. Auflage ausgeführt hat: „Das
Handbuch enthält nicht nur fachliche Analysen und
Fakteninformationen zu NPOs, sondern darüber hinaus eine Reihe von
praktischen Hilfestellungen, um sich schnell zu einem bestimmten
Thema zu informieren. Obwohl die Herausgeber die Publikation als
Handbuch und nicht als Nachschlagewerk konzipiert haben, gehen sie
über den Rahmen üblicher Handbücher hinaus. Die Publikation ist
vielmehr ein Handbuch und ein Nachschlagewerk zugleich. Der Leser
wird motiviert, sich intensiver, auch über die gesuchten Themen
hinaus, mit dem Management von NPOs zu befassen.“ (Rezension von M.Schmidt
vom 28.03.2009,
in www.socialnet.de/rezensionen/5087.php)
Fazit
Das Handbuch ist uneingeschränkt für Studierende, Lehrende, Praktiker und Wissenschaftler zu empfehlen, es ist das Standardwerk zum Thema NPO in Wissenschaft und Praxis und gehört für die genannte Zielgruppe in jeden Bücherschrank.
Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Klug
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fakultät Soziale Arbeit
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