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Jörn Klare: Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand

Cover Jörn Klare: Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand. Vom Wert des Lebens mit Demenz. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2012. 2. Auflage. 250 Seiten. ISBN 978-3-518-46401-4. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.

Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch - 4401 - Suhrkamp nova.
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Autor

Geboren 1965 in Hagen/Westfalen, studierte Jörn Klare ab 1986 in Berlin an der FU und der Hochschule der Künste Psychologie und Theaterwissenschaften. Nach Theaterarbeiten in der Schweiz, Deutschland und Österreich ist er seit 1995 als freier Autor tätig für die Reportage- und Feature Redaktionen vorwiegend des Hörfunks der ARD und beim Deutschlandradio. Er schreibt und berichtet auch für verschiedenen Printmedien (u.a. Zeit, FAZ, Spiegel, SZ) in den Themenbereichen Politik, Soziales und Kultur. Zweimal erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis der EKD: 2008 für das Radio-Feature „Der Weltgerechtigkeitsbasar“ (DLF/NDR) und 2012 für „Herr Meyer fährt jetzt fern“ (NDR). Nominiert wurde er außerdem 2012 für den Medienpreis der Kindernothilfe „Kinderrechte in der Einen Welt“ mit seinem Beitrag „Geld oder Leben – Krebspatienten in Moldawien“ (DRadio Kultur) und 2013 für den Prix Italia mit seinem Grenzgänger-Feature „Die makellose Professionalität des Andrej Smolenskij. Vom alltäglichen Leben in Transnistrien“. Jörn Klare lebt heute in Berlin.

Werke

Was bin ich wert? Suhrkamp 2011.

Vorbemerkung

Ein Buch zu schreiben über eine Krankheit, die, 1906 von dem Arzt Alois Alzheimer entdeckt, inzwischen mannigfach erforscht aber mit eher wenigen wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen aufwarten kann – wie macht man das? Der Autor Jörn Klare, Sohn einer an Demenz erkrankten Mutter, hat sich für eine dreigeteilte Erzählweise entschieden. Da sind einmal die (kursiv gesetzten) Erinnerungen der Mutter, als Tonbandaufnahmen vom Sohn im Herbst 2002 aufgezeichnet, da waren die Anzeichen von Demenz noch weit entfernt. Doch mit Beginn der Demenz wird bei dem Sohn ein Prozess ausgelöst, der neben Selbstbefragung und -beobachtung den Wunsch nach verlässlichen Informationen von Fachleuten entstehen und im Verlauf der Krankheit sich vertiefen lässt. Und so verweben sich abwechselnd die ganz persönlichen Lebenserinnerungen der Mutter mit den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen des Sohnes über den Fortgang der Krankheit und die eigenen Befindlichkeiten und schließlich mit den 13 Interviews und Gesprächen, die der Autor mit Fachleuten (als da sind: Gerontologen, Pflegewissenschaftler, Sozialarbeiter, Soziologe, Jurist, Theologe, Philosophen und immer wieder Psychiater) führt.

Inhalt

Lebensgeschichte in Stichworten: Die Kriegs- und Nachkriegszeit mit den Bombennächten und Luftschutzkellern hinterlässt bei der Mutter (Jahrgang 1936) eher bruchstückhafte Erinnerungen. Sie mündet in eine wohl typische Biographie aus dem aufstrebenden, kleinbürgerlichen Milieu der Bundesrepublik. Wenig Gutes ist zu berichten aus der Schulzeit, der Wunsch, Kindergärtnerin zu werden, wird von den Eltern, da in der Ausbildung zu teuer, abschlägig beschieden, stattdessen wird das junge Mädchen ins Büro gezwungen, um Industriekaufmann zu lernen. Früh lernt sie in der Tanzschule ihren ersten Freund – und späteren Ehemann – kennen. Sie heiraten nach 6 Jahren, wohnen zuerst in zwei Zimmern bei den Schwiegereltern, dort werden auch die Brüder Jan und Jörn geboren. Es wird gespart: erst auf ein Auto, dann eine Garage, dann ein Haus. Die Erziehung und das Fortkommen der Kinder sind der Lebensinhalt dieser Ehe, die nach 40 Jahren schließlich geschieden wird. Die Mutter findet einen neuen Lebensgefährten, lebt mit ihm seit nunmehr 10 Jahren in komfortablen Verhältnissen nahe dem Essener Grugapark. Was fehlt in ihrem Leben: das Selbstbewusstsein, das Gefühl, etwas „vollbracht“ zu haben. Was bleibt: das Bedauern, nicht mehr aus sich gemacht zu haben. In ihrem 72. Lebensjahr ist nicht mehr zu übersehen, was sich als „Verwirrung“ bereits angekündigt hatte und während eines Aufenthaltes in der Essener Memory-Clinic bestätigt wird: Die Mutter leidet an einer Mischform der Demenz. Es folgt sehr schnell der Entschluss zur Heimunterbringung, da beide Söhne nicht am Ort wohnen und zudem Egon, der Lebensgefährte der Mutter, seit Jahren schwer herzkrank ist.

Hier nun (2009) setzt zeitlich parallel der zweite und dritte Erzählstrang ein: die Tagebuchaufzeichnungen des Sohnes über seine Beobachtungen und Empfindungen während der regelmäßigen Besuche bei der Mutter und die Interviews mit jenen Fachleuten und Wissenschaftlern, die von Berufs wegen mit dieser unheimlichen Krankheit bereits vertraut sind. Dabei wird deutlich: Die anfängliche Hilf- und Fassungslosigkeit angesichts der Tatsache, dass hier ein Mensch, die Mutter, sich selbst abhanden kommt, weicht im weiteren Verlauf der Krankheitsgeschichte deutlich einer größeren Gelassenheit und der Akzeptanz eigener Unzulänglichkeiten, verursacht durch den anhaltenden Lernprozess während der Interviews mit den Experten.

Die Suche nach mehr Information beginnt für den von widerstreitenden Empfindungen gequälten Sohn erst einmal beim Versuch, das Wissen über die Geschichte und die vielfältigen Formen der Demenz zu erweitern, über Kurz- und Langzeitgedächtnis, über die früh einsetzenden Symptome und die weitgehende Hilflosigkeit der Medizin, die immer wieder Rückschläge bei der Medikamentensuche hinnehmen muss.

Eine „Gesellschaft des langen Lebens“, die beherrscht wird vom Gebot der „Aktivität und Produktivität“ der Senioren, sieht sich konfrontiert mit einer krankheitsbedingten Verletzlichkeit, die bei steigenden Fallzahlen oft nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen wird. Die Zahl der Demenzkranken steuert in den nächsten Jahren auf eine Verdoppelung zu, während die Zahl der Pflegekräfte abnimmt. Zuwendung und Geduld mit den Kranken müssen zwangsläufig auf der Strecke bleiben, wenn zudem Entgelt und Belastung des Pflegepersonals in keinem vernünftigen Verhältnis mehr stehen und die Generationen nicht mehr herauskommen aus dem Teufelskreis, dass „den bedauernswerten Alten die armen Jungen gegenüberstehen werden“, eine Herausforderung, die „unsere Gesellschaft radikal auf die Probe stellt“.

Überdies tauchen beim Thema „Fragwürdigkeit von Patientenverfügungen“ nun Begriffe auf wie „Verlangenstötung“ und „ärztlich unterstützter Suizid“. Es wird nicht verschwiegen, dass die Diskussion über Suizidbeihilfe durchaus zur „Eingangspforte für die aktive Euthanasie“ werden könnte, auf dass der Demenzkranke „den Angehörigen oder der Versicherungsgemeinschaft nicht länger zur Last“ falle.

In einer Gesellschaft, in der, so die Kognitionsforscher, der „Google-Effekt“ („Ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen, wo es steht.“) zur „digitalen Demenz“ führen muss, kann es über kurz oder lang jeden treffen. Das Gehirn zu trainieren, die grauen Zellen „auf Trab zu bringen“, indem der Einzelne „ausgetretene Pfade“ des Denkens verlässt und sich „neue Sichtweisen“ gönnt, ist als Appell gemeint an die Eigenverantwortung des Einzelnen, auch wenn ihm das später in keinem Fall sein „Recht auf Gebrechlichkeit“ wird nehmen können.

Für den Sozialarbeiter bedeutet die „Demenzpflegekultur“: die „Betroffenen in ihrer Einzigartigkeit zu würdigen und zu achten“, den Kontakt mit ihnen zu pflegen, ihnen ein „Gefühl der Geborgenheit und Wertschätzung“ zu vermitteln, mit ihnen „den Augenblick auszuschöpfen“.

Was aber ist eigentlich die Erinnerung, jenes „Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“ (Jean Paul), die sich aus der autobiographischen und der prozeduralen Gedächtnisleistung speist und den Menschen definiert, ihm seine Identität verschafft? Der Gedanke, dass mit dem Verschwinden der Erinnerung auch die Persönlichkeit der Mutter, ihre Identität, die emotionalen und familiären Bindungen dem Vergessen anheimfallen, birgt für den Sohn wenig Tröstliches.

Doch was auch immer die Auskünfte der Fachleute dem Autor an Erkenntnisgewinn bringen mögen, am Ende wird die Beantwortung der wichtigsten Fragen der persönlichen Entscheidung des Einzelnen überlassen bleiben: Was kann dieses „Restleben“ noch wert sein, das sich selbst, seine Individualität verloren hat? Leidet der Demenzkranke unter seiner mentalen „Selbstauslöschung“ oder erlebt er sie in Ruhe und Frieden? Wenn der selbstverständliche Anspruch auf Menschenwürde an bestimmte Fähigkeiten geknüpft ist, „droht ihnen [den Kranken] der Verlust schützender Grundrechte“, werden sie dann ob ihrer „schwindenden Fähigkeiten zu geistiger Reflektion aus dem Kreis der Schutzwürdigen hinausdefiniert“? Ist vielleicht die Würde des Menschen doch nicht so unantastbar, wie es wünschenswert sein sollte, und mündet diese Frage am Ende nicht doch in eine neuerliche Diskussion um die Euthanasie und ihre Folgen?

Ein menschliches Wesen, so sieht es der Philosoph, hat Anspruch auf unsere Achtung und Anerkennung „unabhängig davon, wie weit sein Selbstbewusstsein gediehen ist und wie weit sein autobiographisches Wissen reicht“, denn das Ganze eines Wachstumsprozesses reicht hinüber in die Gegenwart, das „gelebte Leben ist im jetzigen Moment enthalten. Wir sind, was wir gelebt haben.“

Eine Schauervision erhebt sich allerdings bei der Frage nach der individuellen Pflegesituation, nach den finanziellen Ressourcen der Betroffenen und deren Angehörige. Sicherlich ist es nicht nur ethisch fragwürdig, wenn in naher Zukunft die Würde eines Demenzkranken, zum ökonomischen Gut geworden, nur noch den Besserverdienenden zugestanden wird und eines nicht allzu fernen Tages der Konflikt, der gemeinhin als „Lifeboat-Szenario“ bezeichnet wird („nur zwei von fünfen, die in einem Boot auf hoher See sitzen, können gerettet werden“) unsere Gesellschaft bedroht. Dies würde, so der Autor, einer Diskussion die Tür öffnen, „die ich als Sohn einer Mutter mit Demenz lieber geschlossen sehen möchte“.

Der Demenzkranke braucht „unseren Schutz, unsere Solidarität“. Das Leben nur noch im „Jetzt“ bedarf der Offenheit im Umgang mit dem Betroffenen, der Nähe von Familie oder Vertrauenspersonen, der kleinen, guten, sich wiederholenden Alltagsmomente und -gesten, braucht den direkten Kontakt, das „Miteinandersein“. Die Demenz, so erfährt es der Autor, „hält für den, der offen damit umgeht, einige Lehren bereit. Eine heißt ganz sicher Demut.“

Ein Literaturverzeichnis und eine Auflistung von Internetquellen (Stand: 10. 2012) bieten weitere Informationen.

Fazit

„Demenz macht Angst“, so formuliert es Jörn Klare, der hier in bester Journalistentradition und klar strukturiert ein oft genug heikles Thema angeht. Wir lernen: Es gibt keine verbindlichen Antworten auf die drängenden Fragen zu den Auswirkungen der Krankheit auf den Einzelnen und die Gesellschaft. Wir lernen außerdem: Selbst die Experten werfen mehr Fragen auf, als sie verlässliche Antworten haben. Und ganz gewiss ersparen ihre Überlegungen dem betroffenen Angehörigen nicht die persönliche Entscheidung darüber, wie mit dem Demenzkranken umzugehen ist.

Es kann wohl nicht ausbleiben, dass der Sohn mit seiner literarischen Reise durch die Erinnerungen und die Krankheitsgeschichte seiner Mutter ihr so ganz nebenbei auch ein kleines Denkmal setzt.


Rezensentin
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 24.06.2013 zu: Jörn Klare: Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand. Vom Wert des Lebens mit Demenz. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2012. 2. Auflage. ISBN 978-3-518-46401-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14743.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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