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Reimer Gronemeyer: Das 4. Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit

Cover Reimer Gronemeyer: Das 4. Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit. Pattloch (München) 2013. 302 Seiten. ISBN 978-3-629-13010-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Die Zunahme an Erkrankungen macht Demenz zu einer der großen Herausforderungen der Zukunft. Damit einhergehend wächst der Gesundheitsmarkt für Dienstleistungen und Produkte zur Versorgung der demenzkranken Menschen. Eine soziale und gesellschaftliche Perspektive auf Demenz fehlt bislang. Auch wenn diese neue Wege aufzeigen kann.

Autor

Professor Dr. Dr. Reimer Gronemeyer ist Theologe und Soziologe. Er ist Vorstandsvorsitzender der Aktion Demenz e.V., Beiratsmitglied der Demenz-Stiftung Diadem und Mitherausgeber der Zeitschrift Demenz.

Aufbau

Das Buch ist in vier große Abschnitte gegliedert:

  1. Demenz: Wir brauchen eine andere Perspektive
  2. Von den Ursprüngen der Demenz in der Gesellschaft – Ein Erklärungsversuch
  3. Demenzpflege: Gehen wir in die falsche Richtung?
  4. Notwendig und schön: Eine neue Gastfreundschaft für Menschen mit und ohne Demenz

Inhalt

Im ersten Abschnitt analysiert Reimer Gronemeyer die Krankheit Demenz. Das vierte Lebensalter ist in den modernen Gesellschaften für immer mehr Menschen erreichbar, nicht zuletzt dank dem medizinischen Fortschritt. Aber zugleich bringt der Fortschritt und die rasanten Veränderungen der Umwelt Schwierigkeiten mit sich, wälzen Lebensgewohnheiten, die viele Jahrzehnte gegolten haben, um. Der Autor wirft angesichts dieser Tatsachen die Frage auf, was unter „normal“ und „normal altern“ eigentlich verstanden werden kann.

Medizinische und psychologische Definitionen entscheiden, wer als krank und wer als gesund gilt. Da es bei Demenz keine Heilungschance gibt, ist die Bedeutung der (Früh-)Diagnose fraglich. Die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken, steigt mit Zunahme des Alters. Auch dies stellt nach Ansicht des Autors die Krankheitsdefinition in Frage.

Vom Gefühls- und Gedankenleben eines demenzerkrankten Menschen weiß man wenig. Die Angehörigen sind es, die besonders an der Erkrankung und dem Leben mit den Betroffenen leiden. Die Versorgung der Demenzkranken wird zunehmend von professionellen, qualitätsgeprüften Pflegedienstleistern übernommen. Das hat nach Aussage des Autors zur Folge, dass die Familien, die die Pflege und Betreuung der Dementen selbst übernehmen, unter Druck geraten, was die Ansprüche an ihre Versorgung angeht. Die Gesundheits- und Pflegeindustrie findet einen wachsenden Markt vor.

Im zweiten Abschnitt behandelt Gronemeyer die gesellschaftlichen Hintergründe zur Demenz. Demenz als Krankheit lässt die Gesellschaft die Folgen des hohen Alters fassbar machen. In professionellen Abläufen der Gesundheits- und Pflegeindustrie wird der Mensch als Kunde und Ware zugleich behandelt, aber auch als Kostenfaktor angesehen. Nach Ansicht des Autors passt Demenz zur zunehmend herrschenden Kultur der Erinnerungslosigkeit. Alte Menschen verlieren mit ihrer sozialen Aufgaben ihren Sinn. Ihre Erinnerungen werden nicht gebraucht.

Im dritten Abschnitt vertieft Gronemeyer seine Analyse. Der Autor spricht von einer Vergeldlichung des Sozialen. Das umfassende Angebot an professionellen Dienstleistungen gleicht die Schwierigkeiten des Alterns aus. Es wird immer weniger möglich und notwendig auf familiäre oder soziale Netzwerke zurückzugreifen. Bilder vom gelungenen Altern, das dargestellt wird als sei es nur eine Frage des eigenen Engagements, reihen sich ein in die Vorgaben der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. Wer Hilfe braucht, kauft sich die notwendigen Leistungen ein, damit er weiterhin autonom leben kann.

Der Großteil der Bewohner der Altenpflegeheime sind demenzerkrankte Menschen. Aber auch das Sterben wird Teil der Versorgungsindustrie, kontrolliert von den Wachstumsbranchen der Hospiz- und Palliativdienstleistungen. Der Autor weist daraufhin, dass mit jeder Implementierung der Versorgungsangebote sich auch die Bereiche des Lebens selbst ändern.

Schmerz, Leid und Schwächen sind Defizite, die durch eine dominierende Gesundheitsindustrie nicht mehr ertragen werden müssen. Allerdings weist der Autor nach, dass gerade die Medikamentisierung im Alter zu ungeahnten Neben- und Wechselwirkungen führen kann. Noch ist unklar, welche Ursachen Demenz bewirken, ob Medikamentennebenwirkungen, Umweltschädigungen, Vergiftungen oder falsche Lebensstile.

Im vierten Abschnitt arbeitet Gronemeyer seinen Ansatz der Gastfreundschaft gegenüber dementen Menschen aus. Die Unterordnung des Alterns und des Lebensendes unter Expertenmeinungen, Institutionen und den Interessen der Gesundheits- und Pflegeindustrie ist eine zweischneidige Entwicklung. Der Autor sieht eine Gefahr darin, dass normale Lebenserscheinungen durch das Herausnehmen aus ihrem Lebensbezug den Menschen von sich entfremden.

Der verlorene gesellschaftliche Zusammenhalt, moderne technische Geräte und Digitalisierung haben die Verbindung zur Lebenswelt der Generation der Hochaltrigen aufgelöst. Nach Gronemeyer sollte ein Umdenken einsetzen, hin zu menschlichen Beziehungen und Einbeziehung der Anderen, der dementen Menschen, in die soziale Gemeinschaft.

Diskussion

Reimer Gronemeyer analysiert kritisch den Umgang mit dem weltweiten Massenphänomen Demenz. Er zeigt Zusammenhänge und Hintergründe zur wachsenden Gesundheits- und Pflegeindustrie auf und geht auf die damit sich verändernde Situation für die Betroffenen und Angehörigen ein. Der Markt für Dienstleistungen und Produkte zur Versorgung der demenzkranken Menschen wächst. Diese Entwicklung angesichts des rasanten, demographischen Wandels bringt allerdings nicht nur Vorteile, sondern im Gegenteil steigende finanzielle Kosten und Druck für die Angehörigen, die einen demenzkranken Menschen betreuen. Einhergehend findet eine Entfremdung der Menschen zum Altern und Sterben statt, welche sich in einer Professionalisierung der Lebensbereiche durch externe Dienstleister manifestiert.

Fragen nach der sozialen Seite der Demenz, die in der Demenzdebatte eher am Rande behandelt werden, stellt der Autor ins Zentrum. Das Buch ist ein Plädoyer für eine neue Kultur des sozialen Miteinanders, der Gastfreundschaft gegenüber dementen Menschen. Es bietet eine willkommene Abwechslung zu den anwendungsorientierten Büchern zu Demenz.

Fazit

Das Buch von Reimer Gronemeyer bietet Interessierten, Laien und Fachleuten kritische Denkanstöße zur Demenz. Dem Autor gelingt eine umfassende Analyse, die Demenz als soziales, nicht allein medizinisch-pflegerisches Phänomen herausstellt. Ökonomische Interessen wie auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse werden dabei betrachtet und neue Wege zum Umgang mit Demenz herausgearbeitet. Das Buch durchbricht auf bemerkenswerte Weise den gängigen Kanon der Demenzfachbuchliteratur.


Rezension von
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 04.06.2013 zu: Reimer Gronemeyer: Das 4. Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit. Pattloch (München) 2013. ISBN 978-3-629-13010-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14744.php, Datum des Zugriffs 22.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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