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Hans-Ulrich Wehler: Soziale Ungleichheit in Deutschland

Cover Hans-Ulrich Wehler: Soziale Ungleichheit in Deutschland. Die neue Umverteilung 1980 bis heute. C.H.Beck Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-406-64386-6.

Beck'sche Reihe - 6096.
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Thema

Der Autor, emeritierter Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld und einer der führenden Historiker der Deutschen Sozial- bzw. Gesellschaftsgeschichte, widmet sich dem (wieder) sehr aktuellen Thema der Sozialen Ungleichheit in Deutschland.

Die Ungleichheit, die sich insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten zugespitzt hat, wird, so der Autor, zu einer Gefahr für die Legitimation des politischen Demokratiesystems, wenn die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit nicht auf die Agenda gestellt wird. Eine politische Kursänderung wird für unabdingbar gehalten, da die Macht des neoliberalen Weltbilds im Turbokapitalismus die Gesellschaft zu spalten droht. „Auf der einen Seite: Abermillionen von Arbeitslosen (…). Auf der anderen Seite: der obszöne Anstieg von Managergehältern in schwindelerregende Höhen“ (S.8). Deutlich wie nie zuvor wird augenscheinlich: es ist ein „Irrglauben (…), dass die Märkte einer Wachstumsgesellschaft von sich aus für eine gleichmäßige Verteilung des Wohlstands sorgen“ (S. 11). In der Perspektive eines Historikers erscheint daher die Deregulierung wie eine „Fata Morgana“ (S.12), der viele Akteure aus Politik und Wirtschaft gefolgt sind, ohne die „anthropologische Konstante“ zu beachten: „Kleine und große menschliche Verbände können nur dann auf Dauer friedlich zusammenleben, wenn sie sich einem allseits akzeptierten Satz von verbindlichen Normen und institutionellen Regelungen unterwerfen“ (S.166). Angesichts dessen plädiert der Autor für die Wiederingangsetzung des Interventions- und Sozialstaats, der gemäß dem neoliberalen Mainstream „im Kern entmachtet“ (S.166) zu werden droht. Aus der Geschichte lernen heißt also bezüglich des Themas: „Verringern kann die Ungleichheitsdistanz nur der mächtigste Akteur: der moderne Staat“ (S.12).

Vor diesem Hintergrund skizziert der Autor die „hartnäckige Resistenz der Ungleichheitsstrukturen“ (S.7) in Deutschland, dies in kritischer Distanz zu einer Soziologie, die eher der bunten „Vielfalt der Individualisierung und Pluralisierung“ (S.7) das Wort geredet hat, anstatt „die Hierarchie der Klassenformationen (…) zu analysieren“ (S.7). Auch auf diese analytische „Realitätsblindheit“ (S.7) will das Buch von Hans-Ulrich Wehler aufmerksam machen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch widmet sich dem Thema in 15 Kapiteln:

Das 1. Kapitel („Sozialhierarchie und Hierarchietheorien: Die Soziale Ungleichheit“) ist ein sehr instruktiver Überblick über die Theorien der sozialen Ungleichheit (Karl Marx, Lorenz v. Stein, Max Weber, Durkheim, Talcott Parsons, Pierre Bourdieu). Obschon dem Habitus-Konzept von Bourdieu viel Zuspruch zukommt (nicht zuletzt wegen der begrifflichen Zusammenführung von Ökonomie und Kultur) wird das Ordnungsgefüge sozialer Ungleichheit in den nachfolgenden Kapiteln primär in Anlehnung an Max Webers Religions- und Herrschaftssoziologie sowie im Spektrum von Webers Klassen-/Ständekonzept untersucht und beschrieben.

Die Kapitel 2 bis 4 befassen sich mit den materiellen Dimensionen sozialer Ungleichheit: „Die internationale Debatte über die neue Einkommensungleichheit“ (2.); „Die deutsche Einkommensungleichheit“(3.); „Die deutsche Vermögensungleichheit“ (4.). Untermauert wird hier u.a. die These von der außerordentlichen Stabilität der Klassenstruktur und die Zuspitzung der Einkommens- und Vermögensungleichheit i.S. einer „maßlosen Konzentration (…) an der Spitze der Wirtschaftselite“ (S.72). Dieser Konzentrationsprozess wurde steuerpolitisch noch verstärkt. Im Rückblick, auch angesichts der Finanzkrise, stellt sich dem Autor hierzu die „große offene Frage“ (S.83): warum hat sich „bisher so wenig Widerstand gegen diese Einkommens- und Vermögenssteigerung geäußert“ (S.83)?

„Die Ungleichheit in der deutschen Wirtschaftselite“ (Kap.5) zeigt, so Wehler, das in Parallelität zum materiellen Konzentrationsprozess ein „sozialer Konzentrationsprozess“ (S.85) verläuft: die „elitäre Schließung“ (S.85) der gesellschaftlichen Herrschaftsetagen. Damit wird „das Schlagwort von der offenen Leistungsgesellschaft dementiert“ (S.85) und die Möglichkeiten der Bildungsexpansion wurden überschätzt (S.87). Denn: in den letzten Jahrzehnten hat sich „ein erstaunlich elitärer Absonderungsprozess vollzogen“ (S.87). Familiale Netzwerke und damit quasi-ständische Strukturen spiel(t)en dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Kapitel 6: „Die Ungleichheit auf den deutschen Heiratsmärkten“. Herausgearbeitet wird hierzu, dass das Konkubinat ein weiterer „Selektionsmechanismus“ ist, der die materielle und soziale Konzentration „noch unterstützt“ (S.93). Mit anderen Worten: „Die Klassenlage und ihre Prestigehierarchie prägen, aufs Ganze gesehen, auch die Heiratsmärkte in erstaunlichem Umfang“ (S.94).

„Die Soziale Ungleichheit der Alten“ (Kap.7); „Die Ungleichheit der Bildungschancen“ (Kap. 8); „Die Ungleichheit der Geschlechter (Kap.9): die strukturierende Kraft des Berufslebens hinsichtlich der materiellen Existenzlage auch im Alter zerklüftet die Altersgruppen, neue Altersarmut, „die man seit 1958 überwunden glaubte“ (S. 102), inklusive. Im Bildungswesen offenbart sich, trotz Expansion des Systems, „dass die Bildungsungleichheit zwischen den sozialen Klassen (…) ‚erstaunlich stabil‘ geblieben ist“ (S.104). Mit Sicht auf die Herkunftsfamilien von Studierenden hat sich die Chancenungleichheit eher noch vergrößert. Bekannt ist, dass vor allem der Sozialisationsprozess und die soziale Herkunft die Bildungschancen stark beeinflussen. „Längst vor dem Überwechseln in das höhere Bildungssystem wird daher frühzeitig in vielfacher Hinsicht über die Lebenschancen der Kinder entschieden“ (S.109). Wehler votiert aus diesem Grunde für eine verbindliche „vorschulische Ausbildung zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr (S.109) in allen Bundesländern. Geschlechtsbezogene Ungleichheiten, die ebenfalls im Sozialisationsprozess verankert sind und auf „patriarchalische Strukturen“ (S.117) insbesondere in der Berufswelt zurückgehen, diskutiert der Autor in den Bereichen „Arbeit, Bildung, Politik und Familie“ (S.113). Nicht zuletzt mit Bezug auf das Familienleben scheinen die Barrieren, „die der Gleichstellung der Frauen entgegenstehen“ (S.124), besonders widerspenstig zu sein.

Mit den Kapiteln „Die Ungleichheit bei Gesundheit und Krankheit“ (Kap.10), „Die Ungleichheit der Wohnbedingungen“ (Kap.11), „Die ethnisch-kulturelle Ungleichheit“ (Kap.12), „Die Ungleichheit der Konfessionen“ (Kap.13), „Die Ungleichheit in der Alltagswelt (Kap.14) und „Die Ungleichheit zwischen West und Ost“ (Kap. 15) endet der alles in allem kurze aber umfassende, kritische Einblick in die bundesdeutsche Ungleichheitslandschaft. Im Kapitel Gesundheit und Krankheit wird konstatiert, dass diesbezüglich eine deutliche „Abhängigkeit vom Bildungsniveau“ (S.125f.) besteht. Die Wohnbedingungen betreffend, kann festgehalten werden, dass u.a. die soziale Polarisierung (Segregation) in den Großstädten zugenommen hat. Hinsichtlich der ethnischen Ungleichheit wird v.a. die Besonderheit der türkischen Arbeitsmigration (Integrationshemmnisse) hervorgehoben. Die konfessionelle Ungleichheit wurde durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse letztlich „so gut wie aufgelöst“ (S. 151). Mit Sicht auf alltagsweltbezogene Ungleichheitsaspekte stellt sich dem Autor insbesondere die Frage, ob eine von „den Mittel- und Oberklassen dominierte Demokratie“ (S.155) einen Gegenpart findet durch „Entpolitisierung, Frustration und Rückzug“ (S.155) der unteren Klassen. Der abschließende Blick auf die Ungleichheit zwischen West und Ost zeigt, dass sich diese Ungleichheit (über zwei Jahrzehnte nach der Wende) abgemildert hat. Symbolisiert werde dies vermutlich durch den „Niedergang“ (S.163) der Linkspartei.

In einem Nachwort greift der Autor noch einmal den Problemrahmen auf, der eingangs von ihm aufgespannt wurde. Kritisiert wird im Hinblick auf die Finanzkrise, dass eine „effektive Regulierung der Finanzmärkte“ (S.167) noch aussteht, „da der Druck der Lobby bisher nicht überwunden werden konnte“ (S.167). Angesichts des Scheiterns der Deregulierungspolitik wird grundsätzlich die Frage der sozialen Gerechtigkeit aufgeworfen und „das Postulat der Gleichheit“ (S.169) als Alternative diskutiert. Ein solches Postulat hält der Autor jedoch aus guten Gründen nicht für realistisch. „Als realistische Politik kann daher nur die Abmilderung einer allzu krass ausgeprägten Hierarchie gelten“ (S.169).

Diskussion

Das Buch von Hans-Ulrich Wehler, das in Teilen zurückgreift auf Darlegungen, die er im 5. Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte niedergelegt hat, ist von herausragender Bedeutung. Es ist gerade die historische Perspektive auf die Deutsche Gesellschaft (Soziale Ungleichheit im Fokus), die in gebündelter Weise vor Augen führt, welche legitimitätsgefährdenden Auswirkungen damit verbunden sind, dass die (sozial-)staatliche Steuerungsverantwortung in den vergangenen Jahren dem neoliberalen Diktum folgend aus der Hand gegeben und mehr und mehr dem Markt überantwortet wurde. Die Erkenntnis, dass Menschen auf Dauer nur friedlich zusammenleben können, „wenn sie allgemein akzeptieren Regeln folgen“ (S.12), ist ja so gar nicht neu. Sie gewinnt aber überaus an Aktualität angesichts der skizzierten ungleichheitsverschärfenden Verwerfungen und des (politischen) Machtmissbrauchs nicht nur in so machen Chefetagen von Großkonzernen. Um dies zu unterstreichen beginnt das Buch mit einem ‚lauten Knall‘ der Empörung insbesondere in Richtung der Repräsentanten des Finanzmarktkapitalismus (Einleitung), endet aber eher mit einem ‚leisen Knall‘ bezüglich der Rezeptur zur Verminderung Sozialer Ungleichheit.

Fazit

Das Buch von Hans-Ulrich Wehler, ist als Lektüre für historisch, politisch und gesellschaftswissenschaftlich Interessierte zu empfehlen. Nicht zuletzt für Studierende sozial- und politikwissenschaftlicher Fachrichtungen weitet es den Blick. So erweist sich in historischer Perspektive nicht nur der Klassenbegriff für das Thema Soziale Ungleichheit als (wieder) gut brauchbar, allen Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen zum Trotz. Auch die bedeutende Rolle des demokratischen Staates als Regulierungsinstanz wird unmissverständlich in Anschlag gebracht.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Rüßler
FH Dortmund, FB Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.harald-ruessler.de
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Zitiervorschlag
Harald Rüßler. Rezension vom 06.06.2013 zu: Hans-Ulrich Wehler: Soziale Ungleichheit in Deutschland. Die neue Umverteilung 1980 bis heute. C.H.Beck Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-406-64386-6. Beck'sche Reihe - 6096. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14747.php, Datum des Zugriffs 22.01.2018.


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