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Heinz Jürgen Kaiser, Hans Werbik: Handlungspsychologie

Cover Heinz Jürgen Kaiser, Hans Werbik: Handlungspsychologie. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2012. 235 Seiten. ISBN 978-3-8252-3741-7. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: UTB - 3741.
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Thema

Das zu besprechende Werk befasst sich mit der handlungspsychologischen Theoriebildung und soll den Leserinnen und Lesern „als Anregung dienen, Gegenstände und Themen […] immer wieder unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten und dabei auch die der Handlungspsychologie nicht zu vergessen“ (S. 9).

AutorInnen

Professor Dr. Heinz Jürgen Kaiser war Akademischer Direktor am Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

Professor Dr. Hans Werbik war Ordinarius am Institut für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

Aufbau

Teil I: Grundlagen der Handlungstheorie

  1. Wissenschaftliche Psychologie als Problem – Eine Einleitung
  2. Der Begriff der Handlung
  3. Methodische Voraussetzungen einer Theorie menschlichen Handelns
  4. Erklärungen menschlichen Verhaltens aus handlungstheoretischer Sicht
  5. Willensfreiheit
  6. Handlungstheoretisches Danken in sozialwissenschaftlichen Disziplinen
  7. Kultur und Handlung

Teil II: Die Theorie des menschlichen Handelns in der Praxis

  1. Wissenschaftliche Psychologie und psychologische Praxis: Ein schwieriges Verhältnis?
  2. Handlungstheorie als Basis empirischer Forschung: Sozialwissenschaft als Dialog/Beratungsforschung
  3. Handlungstheorie und interpersonale Konflikte: Konfliktberatung
  4. Konkretisierung der Handlungspsychologie in einer „verständnisbildenden“ Verkehrspsychologie
  5. Handlungspsychologie und Gerontologie
  6. Aggressionen aus handlungspsychologischer Sicht: Hilfestellung für die Beratungspraxis
  7. Analyse gesellschaftlicher Konflikte aus handlungstheoretischer Perspektive am Beispiel des Terrorismus
  8. Resümée

Inhalt

Inhaltlich widme ich mich dem theoretischen Teil des zu besprechenden Werkes, der sich im ersten Teil von Kapitel 1 bis Kapitel 7 erstreckt. Hier werden die Grundlagen der Handlungspsychologie dargeboten.

Im ersten Kapitel liefern die Autoren Informationen zur sog. Wissenschaftlichen Psychologie.In Anlehnung an Herrmann hat die Psychologie die gesellschaftliche Aufgabe, „[…] die wahren Bedürfnisse des Menschen zu erkennen und mitzuhelfen, daß er seine wahren Bedürfnisse realisieren kann. […] Die Psychologie als Wissenschaft hat […] anwendungsorientiert zu sein und diese Praxis vorzubereiten und zu verbessern“. (S. 27)

Das zweite Kapitel nimmt den Begriff Handlung in den Blick. Es beginnt mit den Leitvorstellungen bei Theoriebildungen. Näheres zum Handlungsbegriff wird diskutiert unter den Aspekten:

  • Verhaltensalternative -. „Handeln bezeichnet ein Verhalten, das wir als aus einer Wahlsituation hervorgegangen interpretieren. Und: Der Beobachter nimmt aufgrund seiner Beobachtungen an, dass der Handelnde sich hätte prinzipiell anders verhalten können“ (S. 36);
  • intendiertes und zielgerichtetes Verhalten;
  • Ethik - „Handlungen stellen jene Verhaltensweisen dar, für die Menschen verantwortlich gemacht werden können, denn wir gehen davon aus, dass Handlungen jene Verhaltensweisen sind, für deren Ausführung man sich entschieden hat“ (S. 41).

Im zweiten Kapitel systematisieren Kaiser/Werbik die Handlungen und stellen Handlungstypologien her. Hier wird sich u. a. auf Groeben und Weber bezogen. Über das Zustandekommen von Handlungen, die Unterscheidung von Gründen und Ursachen bemühen die Verfasser Autoren wie Schwemmers, Scarano, von Wachter und Freud.

Kapitel drei ist der forschungsmethodische Teil dieser Publikation. Es wird zunächst darauf hingewiesen, dass Aussagen über menschliches Handeln stets wahre Aussagen zu sein haben: „Die Aussagen über die Wirklichkeit um den heranwachsenden Menschen herum sind […] der Orientierung dienlich, wenn sie zutreffend sind“ (S. 52). Wie nun der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff zu verstehen ist, wird in 3.1.1 anhand zweier Theorien beleuchtet:

  1. Korrespondenztheorie der Wahrheit;
  2. Konsensus-Theorie der Wahrheit.

In 3.1.2 werden die verschiedenen Kategorien von Wahrheit betrachtet. Diskutiert werden:

  • logisch wahre Aussagen;
  • apriorisch wahre Aussagen;
  • empirisch wahre Aussagen;
  • Vernunftwahrheiten;
  • Tatsachenwahrheiten.

Beendet wird Kapitel 3 mit der Besprechung des Falsifikationsprinzips. Hier werden besonders die Ausführungen Poppers bedacht. Zum Induktionsprinzip werden die Gedanken Holzkamps miteinbezogen.

Die Erklärungen menschlichen Verhaltens aus handlungstheoretischer Perspektive beginnen mit Grundsätzlichem zu den Perspektiven der Erfahrungsbildung in der Psychologie. Es geht hier um die Einteilung in einen Subjekt- und einen Objektstandpunkt. Hier werden in Anlehnung an Kaminski Probleme benannt und diskutiert – und das sind Probleme:

  • in Bezug auf die Perspektive der Ersten Person;
  • in Bezug auf die Perspektive der Dritten Person;
  • in Bezug auf die Perspektive der Zweiten Person.

Es folgen im vierten Kapitel Diskussionen zu:

  • deduktiv-nomologischen Erklärungen;
  • teleologischen Erklärungen;
  • narrativen Erklärungen;

Im fünften Kapitel wird die Willensfreiheit thematisiert. Es werden zu Beginn die Stellungnahmen unterschiedlicher Psychologen angeboten – und das sind die Stellungnahmen von:

  • Hans-Joachim Konradt;
  • Theo Herrmann;
  • Wolfgang Prinz;

Welchen Einfluss die Psychoanalyse auf die Handlungspsychologie hat, wird in 5.2 besprochen.

Das Problem der Willensfreiheit wird durch Ausführungen des österreichischen Philosophen Heinrich Gomperz erschlossen.

Neuropsychologische Gedanken zur Willensfreiheit schließen mit Verweis u. a. auf Sperry, Libet und Tripp das fünfte Kapitel ab. „Menschliches Verhalten, Erleben, Denken ist mithin aus der Sicht der Neuropsychologie das (kausale) Ergebnis von hirnelektrischen und hirnchemischen Vorgängen“ (S. 96).

Das handlungstheoretische Denken in sozialwissenschaftlichen Disziplinen beleuchten die Verfasser im sechsten Kapitel, indem sie beispielhaft einige Handlungstheorien kurz beschreiben. Es geht hier um die Wurzeln handlungstheoretischen Denkens, die soziologischen Handlungstheorien – und die Darstellung derselben erfolgt beispielhaft an der Ethnomethodologie, welche am sog. Krisenexperiment verdeutlicht wird –, die handlungstheoretischen Konzepte in der Tätigkeitspsychologie – und hier werden u. a. die Arbeitspsychologie und die Handlungsregulation als Informationsverarbeitung (Modell der TOTE-Einheit) bemüht –, die Handlungstheorie in der Allgemeinen Psychologie – und hier beziehen sich Kaiser/Werbik u. a. auf Ausführungen von Heckhausen und Gollwitzer zum Rubikon-Modell.

Abgeschlossen wird der Theorieteil mit einem Blick auf Kultur und Handlung. „Eine besonders enge Beziehung hat die Handlungspsychologie mit den Grundgedanken und Forschungsthemen der Kulturpsychologie“ (S. 113). Die Kulturpsychologie erforscht die den Sachverhalten innewohnende Bedeutung für Individuen und Gruppen.

Fazit

Die besprochene Publikation ist als Einführungswerk zu empfehlen. Es wird hierin dargelegt, „durch welche Grundannahmen, welches Menschenbild und welche Forschungslogik psychologische Handlungstheorien geprägt sind“ (Klappentext).


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 16.05.2013 zu: Heinz Jürgen Kaiser, Hans Werbik: Handlungspsychologie. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-8252-3741-7. Reihe: UTB - 3741. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14753.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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