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Beate Ochsner, Anne Grebe (Hrsg.): Andere Bilder (Behinderung in der visuellen Kultur)

Cover Beate Ochsner, Anne Grebe (Hrsg.): Andere Bilder. Zur Produktion von Behinderung in der visuellen Kultur. transcript (Bielefeld) 2013. 311 Seiten. ISBN 978-3-8376-2059-7. D: 31,80 EUR, A: 32,70 EUR.

Reihe: Disability studies - Band 8.
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Thema

Wenngleich Behinderung über die interdisziplinären Disability Studies hinaus zunehmend als soziokulturelles Konstrukt und Differenzierungskategorie verstanden wird, besteht im deutschsprachigen Forschungskontext jedoch ein Desiderat hinsichtlich des Anschlusses an die sog. Visual Culture. Neben angloamerikanischen Publikationen zum Thema (zur Übersicht siehe Dederich 2007) findet sich auch in deutschsprachigen Veröffentlichungen ein immer stärkerer Hinweis auf die Notwendigkeit, Visualität und Visibilität von Behinderung kulturwissenschaftlich zu untersuchen (Schneider & Waldschmidt 2012). Um dem nachzukommen und die beschriebene Lücke zu schließen „situieren die Herausgeber [!] den vorliegenden Band als interdisziplinären Beitrag zur Forschung an der Schnittstelle zwischen Disability Studies, Medienwissenschaft, Visual Studies und soziologischen Ansätzen“ (S. 7, Herv. i.O.). Ein solcher Zugang scheint nicht zuletzt auf Grund der Bedeutung des Iconic bzw. Pictorial Turns (Bachmann-Medick 2010) angemessen, wenn nicht geradezu geboten.

Sich im kulturellen Behinderungsmodell verortend, soll der Band „diejenigen medialen Praktiken aufzeigen, die ‚Behinderung‘ bzw. die soziale und kulturelle Differenz zwischen (Bildern von) Behinderung und Nicht-Behinderung herstellen. So geht es um die Analyse eines in bestimmter Weise kodierten, praktizierten und tradierten Sehens […]“ (S.7). Behinderung, Sehen und Bild stellen somit die inhaltlichen Bezugspunkte dar. Das Konzept Bild wird dabei verstanden „als Bestandteil eines vielgestaltigen diskursiven und medialen Netzes […], das die komplexe Relation raumzeitlicher, visueller und soziokultureller Ordnungen ebenso berücksichtigt, wie es die Produktions- oder Rezeptionsbedingungen des kulturellen Sehens - und im gleichen Maße des Nichts-, Weg- oder Anders-Sehens - analysiert“ (S.8). Folglich werden in den Beiträgen neben Ikonographien die Praxen des Sehens und des Blicks unter der Leitfrage „welche soziomedialen Praktiken ‚Behinderung‘ zum ‚erklärungsbedürftigen Phänomen‘ (Länger 2002, 6) machen“ (S.8) untersucht.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band ist die Publikation zu einer im Juni 2011 an der Universität Konstanz durchgeführten Tagung unter dem Titel „Andere Bilder / Bilder des Anderen. Zur sozio-medialen Konstruktion von Behinderung“. Neben den zehn Vorträgen des Kolloquiums finden sich fünf weitere Beiträge. Die Publikation erschien als Band acht der Reihe „Disability Studies – Körper - Macht – Differenz“.

Aufbau und Inhalt

Den insgesamt fünfzehn Beiträgen ist anstelle einer Einleitung ein kurzes Vorwort der Herausgeberinnen vorangestellt. Neben einer eher groben Bestimmung der Thematik und Verortung im wissenschaftlichen Kontext werden die einzelnen Beiträge skizziert, die keiner thematischen Sortierung unterliegen.

Markus Dederich, Professor für Allgemeine Heilpädagogik der Universität zu Köln, begibt sich in seinem Beitrag Zwischen alten Bildern und neuen Perspektiven auf die „Suche nach Spuren der Repräsentation von ‚geistiger Behinderung‘ im philosophisch-ethischen Schrifttum“ (S.13) und geht dabei der Frage nach, „wie, in welchem Kontext und mit welchen Zielen ‚geistige Behinderung‘ thematisiert wird“ (ebd.). Geistige Behinderung als historisch-diskursives Konstrukt verstehend zeigt er auf, dass „Repräsentationen untrennbar mit Prozessen sozialer und ethischer Inklusion und Exklusion verknüpft und biopolitisch folgenreich sind“ (ebd.). Im Kern demonstriert er diese These an zwei historisch wie aktuell vorherrschenden Deutungsmustern: der behaupteten Ähnlichkeit von Tieren und Menschen mit (schweren) geistigen Behinderungen sowie die Verknüpfung von Behinderung und Leiden. Auf die Philosophin Licia Carlson rekurrierend, setzt Dederich sich neben Pinel und Esquirol mit den Thesen Peter Singers und Jeff McMahans‘ auseinander.

Der Soziologe Michael Schillmeier beschäftigt sich im Aufsatz Der Blinde als der Andere anhand John Lockes „An Essay Concerning Human Understanding“ aus dem Jahr 1690/91 mit der für die Erkenntnistheorie wichtigen Figur des Blinden. Schillmeier zeigt auf, dass „im epistemischen Diskurs der Moderne ‚Blindheit‘ entweder als Gegenteil von Erkenntnis konstruiert wird oder aber als Abwesenheit von Erkenntnis oder gar als offensichtliche Unwissenheit“ (S. 34). Grundlage hierfür bildet die Annahme Lockes, menschliches Denken basiere auf sinnlicher, vor allem aber visueller Erfahrung und Wahrnehmung, da nur mittels ihrer die sog. primären Qualitäten eines Gegenstands erkannt werden können. Daraus folgt, so Schillmeier, „eine epistemische Überlegenheit von Licht und Sehen“ (S. 48), welche jedoch die Alltagspraxis blinder Menschen epistemologisch ausschließt.

In Biopolitisch: andere Blicke setzt sich Vittoria Borsò im Rekurs auf Giorgio Agamben und Gilles Deleuze mit Foucaults Konzeption der biopolitischen Macht auseinander. Dabei fällt der Praxis des Sehens eine wesentliche Rolle zu: „Der transversale, andere Blick macht dabei den Ort des Ausgeschlossenen und Ausgelöschten als einen der Ordnung internen Ort aus“ (S. 57). Das Abnorme ist demnach das, was vom „skopischen Regime“ (S.59) der Ordnung ausgeschlossen wird. Davon ausgehend setzt Borso Sichtbarkeit und Sagbarkeit in einen diskurstheoretischen Zusammenhang und zeigt eindringlich anhand ethnologischer Fotografien und Gemälden aus der Zeit des Barocks, wie durch die betrachtenden Blicke ein biopolitisch normierender (Betrachtungs-)Rahmen entsteht.

Daniel Hornhuff stellt in seinem Beitrag Fetale Anomalie prägnant die bildgebenden Verfahren der Sonografie im Kontext pränataler Untersuchung- und Diagnosemethoden in eine ikonographische Tradition und arbeitet so einen dezidierten Bezug auf die „ästhetischen Prinzipien einer klassischen Harmonieform“ heraus (S. 80). Historisch betrachtet, folgen die Bilder von Föten und Embryos einem „Gestaltungsideal, wonach das formal Schöne und das innerlich Gute durch ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis ineinander verwoben“ (S. 80) seien. An den anatomischen Tafelwerken Samuel Thomas Soemmerings stellt Hornuff die basale „Auswahl- und Ästhetisierungslogik“ (S. 83) dar, die dem ästhetischen Ideal und seiner Re-Produktion im Abbild des Embryos zugrunde liegt. Die Folge hieraus, so Hornuff, ist die Etablierung einer visuellen Norm, die ästhetisch Abweichendes als Andersartigkeit konstruiert und fixiert.

Aus kunsthistorischer Perspektive widmet sich Irina Metzler der bildlichen Darstellung des (nicht)behinderten Bettlers im Martinswunder aus der Perspektive mittelalterlicher Mentalitäten. Sie zeigt eine im Laufe der Jahrhunderte veränderte Bedeutung insbesondere des geschädigten Körpers und seiner Repräsentation in der bildlichen Kunst des Mittelalters. So stellt Metzler heraus, dass der körperbehinderte Bettler des Hl. Martins „zum Symbol aller ‚wahrhaft‘ bedürftigen Bettler“ (S. 115) wird. Als solcher findet er Eingang in die Ikonographie und wirkt u.a. verstärkend auf ein normatives Verständnis von ‚korrekter‘ Mildtätigkeit ein.

Claudia Gottwald analysiert in ihrem überblicksartigen Beitrag Behinderung in der Karikatur, „wie Komisches bzw. Lächerliches, Hässlichkeit und Behinderung in unterschiedlichen Epochen bildlich und diskursiv miteinander verknüpft werden“ (S. 117). Neben einer kurzen Begriffsbestimmung zur Karikatur präsentiert sie Fundstücke von der Antike über das Mittelalter, von Renaissance und Barock bis hin zum 18./19. Jahrhundert. Außer einer Bronzestatue und einer Federzeichnung Leonardo da Vincis bilden u.a. Holzschnitte die Gegenstände ihrer Analyse.

Der Mediziner Phillip Osten beschäftigt sich in Lärmender Frohsinn mit der Rolle der Ikonographie im Kontext sog. Krüppelheime und Krüppelfürsorge gegen Ende der Kaiserzeit in Deutschland. Neben Filmmaterial aus solch einer Anstalt analysiert Osten Patientenfotografien, die körperbehinderte Kinder zeigen und hält ein einseitiges Bild von Behinderung fest: „Es werden ausschließlich Kinder gezeigt, die potentiell rehabilitierbar sind“ (S. 158). Hierzu konstatiert Osten, wie sehr die Patientenfotografien zu Marketingzwecken instrumentalisiert und an „die jeweiligen politischen, ökonomischen, weltanschaulichen und fachpolitischen Ziele der Institution angepasst wurden“ (ebd.) - mitsamt den jeweiligen Folgen, so dass die Bilder mehr sind als Abbilder.

Die nackte Wahrheit und die generelle Möglichkeit der bildhaften Darstellung von Behinderung beschäftigen den Behindertenpädagogen Christian Mürner. Auch er bezieht sich in seinem Beitrag auf Material aus unterschiedlichen Epochen, von der Antike bis zur Gegenwart. Neben der Frage nach der ‚Ästhetik der Existenz‘ (Foucault) behandelt Mürner hierbei auch die Frage nach der durch Bilder ausgelösten Wirkung auf den bzw. beim Betrachtenden. So postuliert er eine Ambivalenz zwischen dem Zeigen und dem Verbergen, dem Bloßstellen und dem Anzeigen der Behinderung heraus und bemerkt, dass Bilder von Körpern mit Behinderung „keine unbeteiligten Abbilder“ (S. 174) einer vermeintlichen Realität sind.

Der Literaturwissenschaftler Jürgen Link beschreibt in Erzählen, wie man in andere Zustände kommt aus diskurstheoretischer und machthistorischer Perspektive, welche Bedeutung literarischen Texten für die Konstruktion des geltenden Behinderungsverständnisses zukommt. An zwei ausgewählten und ausschließlich im französischen Original zitierten Erzählungen Emil Zolas und Robert Musils wird gezeigt, „wie sich Denormalisierung und Normalisierung erzählen lassen“ (S. 183) und dadurch letztlich ein integriertes Feld von ‚Behinderung‘ geschaffen wird.

Gunnar Schmidt arbeitet im Beitrag Menschentrümmer oder eine neue Anthropologie eine Parallele zwischen medizinischer Fotografie und medizinischer Erkenntnis heraus. Als dominantes Genre des 19. Jahrhunderts zeigen Patientenfotografien primär „extreme pathologische Zustände“ (S. 198) mit dem Ziel, Krankheit als Phänomen erfahrbar zu machen. Für und durch den ‚klinischen Blick‘ geben die Fotos Hinweise auf das Werden des Körpers und tragen so zur medizinischen Erkenntnis bei: „Sie verklärt die Erscheinung der Krankheit nicht zum Bild ästhetischer Endgültigkeit, sondern gibt ihr den Charakter des Jetzt. Das Rätsel, das der Arzt zu lösen hat, besteht darin, den Körper in der Zeit zu strukturieren – zwischen Rekonstruktion und Vorausschau“ (S. 206). Abschließend zeigt Schmidt zwei kulturanthropologische Möglichkeiten auf, die sich aus dem normativen Spannungsverhältnis von Schönheit und Hässlichkeit ergeben.

Die Praxis psychiatrischer Patientenfotografie und Fotografien-wider-Willen sind Gegenstand Susanne Regeners, konkret die Herstellungsgeschichte und der Entstehungsprozess des Bildes: „Die Bildpraktiken, die zu den hier vorgestellten Fremd-Darstellungen von Menschen aus der Psychiatrie führen, sind gekennzeichnet von einem spezifischen wissenschaftlichen und narrativen Umfeld, in dem Fotoamateure aktiv werden“ (S. 212). Doch nicht nur Vor-Bilder finden Beachtung, Regener legt ebenso Augenmerk auf die Rezeption des Bildes. Unter Rückgriff auf Bredekamps Theorie des Bildakts untersucht Regener unter Zwang hergestellte Bilder, die sie Fotografien-wider-Willen nennt und in ihren institutionellen Entstehungskontext einbettet. So stellt sie heraus, wie sich an den Amateuraufnahmen eine Souveränität des Blicks entwickelt, in der das Foto den Beweis der Abweichung bildet.

Anna Grebe zeigt und untersucht eine in der sog. Heilanstalt Stiftung Liebenau aufgenommene Porträtserie junger Männer der späten 1950er Jahre: Wenn der Fotograf kommt. Im Zentrum ihres Beitrags steht dabei die Frage „nach den sich wechselseitig ausbildenden Rezeptionspraktiken des Sehens / Nicht-Sehens von (Nicht-)Behinderung und wie dadurch ein Bild von (Nicht-)Behinderung hervorgebracht wird, welches nicht zuletzt mit Vor-Bildern operiert und so den Diskurs zur Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von geistiger Behinderung bestimmt“ (S. 231). Dazu beleuchtet sie drei zentrale Aspekte:

  1. die Erscheinungsform der Portraits,
  2. die Präsentationsform der seriellen Fotografie und
  3. „die Wechselwirkung von kulturellem Sehen und visueller Produktion“ (S. 231), wobei das Setting und die Requisite eine gesonderte Beachtung erfahren.

In der Analyse und der Anordnung der Bilder stellt Grebe ein „Zusammenspiel vieler Irritationspunkte“ (S. 241) heraus, die sie explizit in den Kontext der Visual Culture stellt und in das Konzept des flexiblen Normalismus nach Link einbettet.

Mit der generellen (Un-)Möglichkeit der (Re-)Präsentation von Behinderung beschäftigt sich Cornelia Renggli in Behinderung ausstellen anhand der der gescheiterten Ausstellung ‚paradrom‘ im schweizerischen Luzern. Neben dem Rekurs auf die Ausstellung und die Gründe ihres Scheiterns führt Renggli eine Diskussion über die verschiedenen Behinderungsmodelle und deren Relevanz für die museale Praxis sowie deren Auswirkung auf das soziale Konstrukt Behinderung. Abschließend zeigt sie Möglichkeiten auf, wie sich Ausstellungen zum Thema Behinderung realisieren ließen, gerade in dem sie bestehendes Wissen hinterfragen.

Anhand exemplarischer Szenen des Films „Land des Schweigens und der Dunkelheit“ von Werner Herzog stellt Beate Ochsner in ihrem vorbildlichen Beitrag Ich wollte, Sie könnten das auch einmal sehen heraus, „dass Behinderung bzw. eine Gruppe von Menschen mit Behinderungen (in diesem Fall die taubblinden Menschen) erst in situativen Interaktionen des filmischen Mediums mit anderen Diskursen hergestellt werden“ (S. 268). Aus medien- und filmwissenschaftlicher Perspektive widmet sie sich dabei insbesondere zwei Ankerpunkten: dem Körper und dem Raum. Diese bilden im filmischen Kontext sowohl die Leitlinien zur Herstellung von Differenzeffekten aber auch die Möglichkeit, „Störungen wie auch produktive Durchkreuzungen medialer Strategien und Diskurse in der Verteilung von Sichtbarkeit und Un- oder Nichtsichtbarkeit aufscheinen zu lassen“ (S. 280).

Ulrike Bergmann widmet sich abschließend dem Verhältnis von Disability Studies und Media Studies anhand eines Aufsatzes von Melody Davis über die ‚Male Nude in Contemporary Photography‘. Dementsprechend thematisiert sie die Blicke der beiden Perspektiven auf Behinderung bzw. auf die jeweilige Konzeption der Medialität des Bildes und stellt so Gemeinsamkeiten und Differenzen heraus. Als mögliches verbindendes Element beider Positionen schlägt Bergmann in Anlehnung an die Kulturwissenschaftlerin Gesa Ziemer das Konzept des ‚verletzbaren Blickes‘ vor und verortet dies in der Diskussion um die Anerkennung des Anderen. Verletzbare Augenhöhe lautet der treffende Titel des durchweg gelungenen Beitrags.

Diskussion

Die Beiträge des Sammelbandes behandeln ein weites Spektrum und fallen dem Anliegen und Titel entsprechend materialreich aus. Die Herausgeberinnen selbst räumen dazu in ihrem Vorwort treffend eine „gelegentliche Disparatheit der Texte“ (S. 11) ein. Hier liegen Stärke und Schwäche zugleich. So ist ihnen zuzustimmen, wenn dadurch die Möglichkeiten entsteht, „diverse Ansätze aus den unterschiedlichen Teildisziplinen für die Analyse audiovisueller Produktionen von Behinderung fruchtbar zu machen“ (ebd.). Gleichzeitig ist jedoch an dieser Stelle zu fragen, wie die ansonsten sehr lesenswerten Beiträge von Dederich und Link in diesen Kontext passen, behandeln sie doch ausschließlich Text, auch wenn für sie die Option eines implizit mitgedachten ‚Imagos‘ bzw. mentalen Abbildes (Nöth 2000) anführbar wäre. Die Frage zum Verhältnis von Text und Bild (Mitchell 2008) – die im Buch ebenso zu kurz kommt – kann an dieser Stelle genauso wenig geführt werden, wie die zentrale Frage, was ein Bild ist (Böhm 1994). Dass jedoch die Auseinandersetzung um die visuelle Produktion der Differenzierungskategorie Behinderung auch ohne referentielle genuin visuelle Artefakte dennoch im Kontext der Cultural Disability Studies wichtig sein kann, zeigt beispielsweise Schillmeiers literaturanalytischer Beitrag, welcher sich mit der für die Visual Studies elementare Kategorie des Sehens (Prinz & Reckwitz 2012) beschäftigt.

Um der eingeräumten „Disparatheit“ strukturierend entgegenzuwirken, wäre des Weiteren zweierlei hilfreich gewesen. Anstelle des doch sehr kurzen Vorworts hätte ein einführendes Kapitel wesentliche Punkte benennen und zu einer stärkeren theoretischen Verortung beitragen können. So erscheint die benannte Lücke zwischen beiden Forschungsperspektiven nach wie vor unscharf. Auch der Behinderungsbegriff erscheint wenig akzentuiert, was insofern überrascht, da er, neben dem Begriff des Bilds und des Sehens, der zweite grundlegende Bezugspunkt des Sammelbands ist. Die Herausgeberinnen verweisen zwar auf das sog. kulturelle Behinderungsmodell, unterlassen aber folgereich eine weitere Bestimmung des Begriffs. Wenn beispielsweise Metzler in ihrem Beitrag Behinderung mit (körperlicher) Schädigung in sozialen Interaktionen gleichsetzt, fällt sie damit letztlich in ein medizinisch-soziales Modell zurück, welches eine dichotome Kausalität in historischer Perspektive fortschreibt. Dem Tenor des Buches scheint, von Ausnahmen abgesehen, eine foucaultsche Repressionshypothese zu Grunde zu liegen, der zu folge Behinderung „primär als Merkmal, Ort oder Effekt von ‚Unterdrückung‘ gedacht wird“ (Schneider & Waldschmidt 2012, 149), und die, ganz traditionell, immer dort ‚gesehen‘ wird, wo bereits ‚Schädigung‘ existiert. Auffallend ist hierbei, dass angesprochene Ausnahmen i. d. R. dann vorliegen, wenn sich Beiträge nicht explizit auf Bilder beziehen. Anbetracht der doch vielzähligen Ergebnisse der vorliegenden Studien kann die These über „die Bedeutung des Sehens für die Konstruktion von ‚Behinderung‘“ (Waldschmidt 2007, 64) als belegt betrachtet werden, worin eine nicht zu unterschätzende Leistung und Qualität der Publikation liegt. Der eigentliche Gegenstand der Betrachtung scheint aber als blinder Fleck weiter zu existieren, da in der Summe weder ‚Behinderung‘ noch ‚Bild‘ entscheidend theoretisiert oder weiter gedacht werden. Gerade aber die Frage nach den Anderen Bildern wäre geeignet gewesen, dem nachzugehen.

Eine dezidierte theoretische Auseinandersetzung mit den Konzepten Bild und Bildlichkeit sowie dem Verhältnis von Disability Studies zu Visual Studies findet sich erst im letzten Drittel des Buches. Hervorzuheben sind hier die einzelnen Beiträge von Regener, Ochsner und Bergmann. Neben der vorbildhaften Fundierung und klaren Argumentation der drei Aufsätze finden sich bei Ochsner programmatische Formulierungen, die durchaus auch einleitenden Charakter haben und wie ein Motto der Veröffentlichung und der Forschungsperspektive generell gelesen werden können: „So zielen die folgenden Überlegungen weder auf eine allgemeine Bilderpolitik noch auf eine spezifische Ästhetik oder ein besonderes Narrativ von Behinderung, vielmehr soll der von Carolin Länger konstatierte ‚Erklärungsbedarf‘ des Phänomens Behinderung im Rahmen des ‚Set[s] [!] medialer Praktiken‘ beschrieben werden“ (S. 266).

Die eigene reproduktive mediale Praxis erfährt leider wenig Reflektion. Lediglich bei Renggli findet sich eine Auseinandersetzung über den eigenen Umgang mit der re-konstruierten Kategorie Behinderung: „Wenn wir Behinderung zum Thema machen, könnte dieses im Prinzip sehr viel umfassen. Dennoch werden damit jeweils spezifische Vorstellungen verbunden. Das führt nicht nur dazu, dass wir zu wissen meinen, um was es sich bei der Thematisierung von Behinderung geht, sondern diese wird dadurch auch ausgesondert, so dass wir sie nicht aus-stellen [!] können“ (S. 249).

Neben der Einführung hätte eine Systematisierung der Beiträge, wie sie noch für das Tagungsprogramm als Panels ausgewiesen wurden (http://anderebilder.wordpress.com/about/), für zusätzliche Struktur beim Lesen gesorgt. Außer einzelnen offengebliebenen methodischen Aspekten ist festzuhalten, dass der besprochene Band wenig Bezug auf zeitgenössische vor allem populärkulturelle Behinderungsbilder nimmt.

Fazit

Den Herausgeberinnen gelingt es dennoch eindrucksvoll, das Verhältnis von Sehen und Wissen im Kontext von Behinderung anschaulich zu machen. Während im anglo-amerikanischen Forschungskontext weit mehr Publikationen zu dieser Thematik vorliegen, nimmt die Veröffentlichung eine verdienstvolle Vorreiterrolle ein, um diese Lücke im deutschsprachigen Kontext zu schließen. Materialreich wird vor Auge geführt, welche Bedeutung der visuellen Praxis für die Konstruktion der Differenzierungskategorie Behinderung zukommt. Die vertretenen interdisziplinären Zugänge behandeln unterschiedliche Analysegegenstände aus verschiedenen Epochen und eröffnen so den Zugang zu zahl- und variantenreichen Belegstellen, mit denen sich die soziokulturelle Konstruktion von Behinderung diskutieren lässt. Dezidiert theoretische Auseinandersetzungen sowie methodisch-methodologische Darstellungen und Überlegungen fallen hingegen eher knapp aus, was die Qualität und Verdienste des Bandes jedoch nur geringfügig beeinträchtigt.

Das Buch ist besonders denen zu empfehlen, die eine dezidiert kultur- und medienwissenschaftliche Auseinandersetzung mit ‚Behinderungsbildern‘ suchen, wobei für Studierende gerade jüngeren Semesters nicht alle Beiträge geeignet erscheinen.

Literatur

  • Bachmann-Medick, Doris (2010): Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. 4. Ausg. d. orig. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
  • Böhm, Gottfried (Hg.) (1994): Was ist ein Bild? München: Fink.
  • Dederich, Markus (2007): Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. Bielefeld: transcript.
  • Mitchell, William J. Thomas (2008): Über den Vergleich hinaus: Bild, Text und Methode. In: Frank, Gustav (Hg.): Bildtheorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 136-171.
  • Nöth, Winfried (2000): Handbuch der Semiotik. 2., vollst. neu bearb. und erw. Aufl. Stuttgart u.a.: Metzler.
  • Prinz, Sophia; Reckwitz, Andreas (2012): Visual Studies. In: Moebius, Stephan (Hg.): Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual Studies. Eine Einführung. Bielefeld: transcript, 176-195.
  • Schneider, Werner; Waldschmidt, Anne (2012): Disability Studies. (Nicht-)Behinderung anders denken. In: Moebius, Stephan (Hg.): Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual Studies. Eine Einführung. Bielefeld: transcript, 128-150.
  • Waldschmidt, Anne (2007): Macht – Wissen – Körper. Anschlüsse an Michel Foucault in den Disability Studies. In: Dies.; Schneider, Werner (Hg.): Disability Studies. Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Bielefeld: transcript, 55-79.

Rezensent
Rouven Schlegel


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Zitiervorschlag
Rouven Schlegel. Rezension vom 10.09.2013 zu: Beate Ochsner, Anne Grebe (Hrsg.): Andere Bilder. Zur Produktion von Behinderung in der visuellen Kultur. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2059-7. Reihe: Disability studies - Band 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14756.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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