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Martina Hasseler, Martha Meyer u.a. (Hrsg.): Gerontologische Pflegeforschung

Cover Martina Hasseler, Martha Meyer, Thomas Fischer (Hrsg.): Gerontologische Pflegeforschung. Ansätze, Ergebnisse und Perspektiven für die Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 260 Seiten. ISBN 978-3-17-021463-7. 38,90 EUR.

Reihe: Kohlhammer Altenpflege.
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Thema

Im Vorwort der Herausgeber heißt es: „Die Herausgeber gehen davon aus, dass sich aus der gerontologisch-pflegewissenschaftlichen Forschung Reflexionen, Diskussionen und Konsequenzen für die Pflege und Betreuung älterer Menschen ergeben, die von anderen Wissenschaftsdisziplinen der Gerontologie nicht abgedeckt werden können. Demgemäß ist es das Ziel dieses Buches, sich aus pflegewissenschaftlicher Perspektive mit Themen und Herausforderungen der Pflege und Betreuung älterer und alter Menschen in unterschiedlichen Settings der Versorgung zu beschäftigen. Es stellt einen Ausschnitt der gegenwärtigen pflegewissenschaftlichen Fragestellungen und Diskussionen in der Gerontologie dar, die Auswirkungen auf die praktische Pflege und Betreuung älterer Menschen in unterschiedlichen Settings haben.“ (S. 11). Und weiter wird ausgeführt: „Mit diesem Werk soll explizit aufgezeigt werden, dass die Pflegewissenschaft mittlerweile mit eigenen systematischen Erkenntnissen zum Wissensfundus in der Alternswissenschaft beitragen kann, welcher eine Basis bietet für evidenzbasierte und qualitativ hochwertige Pflege und Betreuung älterer Menschen“ (S. 11/12). Aus der Perspektive der Pflegewissenschaft werden zentrale gerontologische Problemfelder im klinischen Bereich thematisiert, Forschungsergebnisse resümiert, Interventionen diskutiert. Das Buch schließt eine wichtige Lücke, denn vergleichbare Publikationen sind entweder vergriffen oder veraltet. Beispielsweise ist die Arbeit von Corr & Corr mit dem Titel „Gerontologische Pflege“ (Huber-Verlag) 20 Jahre alt, die Veröffentlichung von Milisen, De Maesschalck und Abraham zur „Pflege alter Menschen in speziellen Pflegesituationen“ 10 Jahre alt, die Publikation von Brandenburg und Huneke zur „professionellen Pflege alter Menschen“ (Kohlhammer-Verlag) ebenfalls nicht mehr auf dem neuesten Stand. Es war an der Zeit, dass das Feld der gerontologischen Pflegeforschung inhaltlich spezifiziert, durch Forschungsergebnisse substantiiert und seitens der Pflegewissenschaft „besetzt“ wird. Weil das Buch dies in umfassender und auch wissenstheoretisch fundierter Art und Weise realisiert, muss diese Veröffentlichung als Ouvertüre zur gerontologischen Pflegeforschung in Deutschland [1] angesehen werden.

Autoren

Bei den drei Herausgebern (und auch den Autorinnen und Autoren) handelt es sich um klinisch und wissenschaftlich erfahrene Personen, die seit Jahren zu Fragen der gerontologischen Pflege forschen und publizieren. Die Erstautorin ist auch (gemeinsam mit Wolf-Ostermann) durch eine bundesweit beachtete Evaluation der Pflegetransparenzvereinbarungen hervorgetreten.

Aufbau und zentrale Inhaltsbereiche

Inhaltlich ist das Buch in zwei Hauptteile differenziert. Der erste Teil umfasst grundlegende Fragen, etwa nach dem Verhältnis von Pflegewissenschaft und Gerontologie (Martha Meyer[2], des Konstruktionscharakters des Phänomens „Altern“ (Oliver Hautz) sowie der professionellen Beratung älterer Menschen (Annette Riedel). Im zweiten Teil geht es um pflegerisch-klinische Themen, u.a. bezogen auf Mobilität, Demenz, Schmerz und weitere klinische Herausforderungen (u.a. von Regina Brunnett, Martina Hasseler, Thomas Fischer, Antje Tannen, Anne Ahnis und Steve Strupeit). Dabei werden auch unterschiedliche Settings beachtet – vom Thema „Demenz im Krankenhaus“ über Beratungsbedarfe in der häuslichen Pflege bis hin zum Entlassungsmanagement aus Krankenhäusern und der Palliativversorgung in Heimen (u.a. von Martha Meyer, Claudia Mischke, Lisa Dietermann und Esther Berkemer). Ergänzt wird das Buch durch ein Geleitwort (von Gertrud Backes), ein Vor- und Nachwort der Herausgeber sowie durch ein Glossar/ Stichwortverzeichnis. Fallbeispiele verdeutlichen die klinischen Herausforderungen, Fragen zur Reflexion und Vertiefung regen das eigene Denken an und regen dazu an die eigene Praxis zu überprüfen. Am Ende des Buches finden sich substantielle Informationen zu den Autorinnen und Autoren. Das Niveau ist hoch, die Argumentation verständlich und an jeder Stelle transparent und nachvollziehbar. Es ist klar, dass an dieser Stelle nicht jeder Beitrag explizit gewürdigt werden kann. Exemplarisch soll ein Beitrag aus dem ersten und einen Beitrag aus dem zweiten Teil genauer betrachtet werden.

  • Der Text von Martha Meyer bei den „einführenden Themen“ trägt einen anspruchsvollen Titel: „Zum Verhältnis von Gerontologie und Pflegewissenschaft und dessen Bedeutung für die pflegerische Praxis – Versuch einer Klärung“ (S. 28-43). Der Text stellt zunächst die wissenschaftlichen Bezugssysteme und theoretischen Perspektiven von Pflegewissenschaft und Gerontologie dar. Im nächsten Schritt werden die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Schnittmengen herausgearbeitet. Dabei wird auch spezifiziert, wie beide Disziplinen voneinander lernen können. Die Pflegewissenschaft kann von dem differentiellen Blick auf Altern und Alternsprozesse seitens der Gerontologie lernen. Und die Gerontologie kann von der Pflegewissenschaft lernen, dass „Pflege sich nicht nur auf das „hands-on“ beschränkt, sondern vielmehr ein individueller Aushandlungs- und Beziehungsprozess ist und sich professionelles Pflegehandeln auf empirisch überprüfbare Konzepte stützt“ (S. 41). In diesem Sinne wird die gerontologische Pflegeforschung konsequent als Schnittstelle von Pflegewissenschaft und Gerontologie verortet. Der Überschneidungsbereich ist aber begrenzt (Pflegewissenschaft: Pflegerische Versorgung älterer Menschen; Gerontologie: Pflegesituationen im Alter), denn sonst würden die Grenzen verwischt und der Anspruch auf ein eigenen Wissenschaftsfelds in Frage gestellt. Es ist sehr wichtig, dass das vorliegende Buch eine inhaltliche Konkretisierung dieses Wissenschaftsfelds vornimmt, und zwar vor allem im Hinblick auf klinische Themen. Dieser Zugang kann und muss vertieft und ergänzt werden. Einerseits kann dies über die stärkere Ausarbeitung von Grundkonzepten, Zielen und Perspektiven der gerontologischen Pflege erreicht werden (z.B. Lebensqualität, personenzentrierte Pflege, Autonomie, Fürsorge), von denen einige übrigens bereits in Vor- und Nachwort kurz thematisiert werden. Andererseits müssen die Impulse der Leitwissenschaften Pflegewissenschaft und Gerontologie noch stärker akzentuiert und im Hinblick auf die Qualitätsentwicklung, Professionalisierung und Innovation spezifiziert werden. Aber das sind Aufgaben, die in der Zukunft bewältigt werden müssen.
  • Der Text von Martina Hasseler in der Rubrik „pflegerisch-klinische Themen“ befasst sich mit dem Verhältnis von Polypharmazie und Sturzrisiko bei älteren Menschen aus Sicht der Pflege und Pflegewissenschaft“ (S. 99-111). Dezidiert und umfassend wird an einem Fallbeispiel die Situation im häuslichen Bereich verdeutlicht. Es wird herausgearbeitet, in welcher Weise Pflegende in das das Medikamentenmanagement involviert sind. Sie sind u.a. dafür verantwortlich, dass Patienten regelmäßig die Medikamente einnehmen. Die Problemlage ist klar: Es ist bekannt, dass die Multimorbidität, Polypharmazie und Sturzgefahr zusammenhängen. Die dramatischen Folgen sind ebenfalls bekannt: nicht notwendige Krankenhausaufenthalte, Tumorerkranken, Todesfolge – um nur die wichtigsten zu nennen. Umso wichtiger ist die Qualifikation und Sensibilität der Pflegenden im Hinblick auf die genannten Herausforderungen. Der Text weist auch deutlich darauf hin, dass Pflegende bislang zu wenig in das Geschehen involviert sind, erst ansatzweise Konzepte (für Beratung und Intervention) vorliegen, insgesamt ein Forschungsdefizit besteht. Es wird die Forderung von Müller-Mundt und Schaeffer (2011) erwähnt, die gezeigt haben, dass eine zielgruppenorientierte Qualifikation die Kompetenzen von Pflegenden zu Medikamentenregimes und Selbstmanagement erhöht – und in der Konsequenz einen Beitrag zur Lebensqualität der betroffenen alten Menschen leisten können. Dieser Beitrag ist hervorragend geschrieben, macht aber auch die Grenzen einer klinischen Perspektive deutlich. Der Fokus liegt auf praktischen Herausforderungen im Alltag, die Rahmenbedingungen selbst (z.B. Polypharmazie im Kontext der Ökonomisierung des Gesundheitswesens) werden nicht thematisiert. Damit soll der Wert und die Bedeutung der klinischen Perspektive keineswegs reduziert werden. Ich bin jedoch der Auffassung, dass diese Perspektive durch eine (medizin)-kritische Haltung sowie durch sozial-, gesellschafts- und professionspolitische Aspekte ergänzt werden muss.

Zielgruppen

GerontologInnen, Pflegewissenschaftlerinnen, praktisch tätige Pflegende und Ärzte, die im Bereich der klinischen Versorgung alter Menschen engagiert sind.

Fazit

Ein sehr gutes Buch, welches den Leserinnen und Lesern die Vielfalt des Alterns näherbringt, ihnen aber auch wissenschaftliche Grundlagen, Konzepte und „Instrumente“ an die Hand gibt, um besser auf klinische Herausforderungen reagieren zu können. Dabei ist Interdisziplinarität ein wichtiges Feld. Aber – und diesbezüglich bin ich mit den Herausgeberinnen und dem Herausgeber völlig einig – es geht darum, dass die gerontologische Pflegeforschung theoretisch, methodisch und empirisch eine eigene Wissensbasis generiert. Multi-, Inter- und Transdisziplinarität sind wichtig, aber die Stärkung der Pflegewissenschaft als Disziplin muss oberstes Primat sein. Um nicht falsch zu verstanden zu werden: Die Ignoranz (und fehlende Offenheit) der Pflegewissenschaft gegenüber anderen Disziplinen halte ich eine Engführung. Die „Auflösung“ der pflegewissenschaftlichen Perspektiven in Inter- und Transdiszipinarität bedeutet jedoch das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die wissenschaftliche Bestimmung der gerontologischen Pflegeforschung ist eine Gratwanderung, Es gehört zu den vielen Verdiensten, die dieses Buch auszeichnen, dass diese Problematik offen angesprochen und durch einen konkreten Vorschlag im Sinne einer evidenzbasierten Pflege bearbeitet wurde.


[1] Auf den internationalen Bereich gehe ich hier nicht ein.

[2] Ich erwähne nur die Erstautorinnen und Erstautoren.


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 30.04.2013 zu: Martina Hasseler, Martha Meyer, Thomas Fischer (Hrsg.): Gerontologische Pflegeforschung. Ansätze, Ergebnisse und Perspektiven für die Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-021463-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14758.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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