Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrike Froschauer: Organisationen in Bewegung

Rezensiert von Dr. Lea Putz-Erath, 03.04.2013

Cover Ulrike Froschauer: Organisationen in Bewegung ISBN 978-3-7089-0887-8

Ulrike Froschauer: Organisationen in Bewegung. Beiträge zur interpretativen Organisationsanalyse. Facultas Verlag (Wien) 2012. 365 Seiten. ISBN 978-3-7089-0887-8. D: 31,10 EUR, A: 32,00 EUR, CH: 42,90 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band bietet eine Auswahl an 14 Beiträgen der Autorin zum Thema Organisation. Die Artikel greifen inhaltlich ineinander und spiegeln die wissenschaftliche Zusammenarbeit der letzten Jahre von Ulrike Froschauer mit Manfred Lueger wider. Es ist der Autorin ein Anliegen, mit dem Buch die theoretisch und methodisch fundierte Beschäftigung mit Organisationen in den Blick einer interessierten KollegInnenschaft zu bringen.

Autorin

Ao. Univ.-Prof. Dr. Ulrike Froschauer, arbeitet am Institut für Soziologie an der Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten der Organisations- und Beratungsforschung sowie der Interpretativen Sozialforschung. Ihre Forschungsinteressen teilt sie mit Ao. Univ.-Prof. Dr. Manfred Lueger (Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung, WU Wien), der sich für die Autorenschaft eines Artikels sowie die Co-Autorenschaft weiterer Beiträge in diesem Band verantwortlich zeigt.

Aufbau

Das Buch teilt sich in drei thematische Gruppen:

  1. Theoretische Perspektiven (fünf Beiträge),
  2. Methodologie und Methoden der Organisationsanalyse (fünf Beiträge) und
  3. Empirische Analysen (drei Beiträge).

Die Autorin bietet in einem einführenden Kapitel einen Überblick über den Hintergrund ihrer Forschungsinteressen, der wissenschaftstheoretischen Verortung sowie zum Aufbau des Buches. Im Anhang finden sich Abdrucknachweise sowie Informationen zur Autorin und zum Autor.

Inhalt

In der Einführung argumentiert Ulrike Froschauer zunächst, warum aus ihrer Sicht die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Organisationen von Seiten der Organisationssoziologie mehr in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit rücken soll. Ein differenziertes Verständnis organisationaler Prozesse (vgl. S 9) geht über praxisorientierte Ratgeberliteratur hinaus und bildet die Grundlage zur Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis über Organisationen. Die Basis dafür sieht die Autorin in der Zusammenführung von Theorie und Empirie durch ein bestimmtes methodologisches Vorgehen entsprechend der interpretativen Sozialforschung.

Ein Überblick zu den theoretischen Basisannahmen, auf die alle Beiträge fussen, bildet den zweiten Teil der Einführung. Dazu zählen eine konstruktivistische Sichtweise, die institutionelle Einbettung von Organisationen sowie der Blick auf Organisationen als operativ geschlossene Systeme.

Der erste Abschnitt des Buches fasst Beiträge zu den theoretischen Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Organisationsforschung zusammen. Froschauer gibt im Artikel ,,Organisationen“ einen konzentrierten Überblick zu organisationssoziologischen Arbeiten. Klassische Entwicklungslinien vom Anfang des 20. Jahrhunderts (z.B. Taylor, Weber) werden ebenso kurz genannt, wie neuere theoretische Perspektiven aus der Systemtheorie, dem Neo-Institutionalismus und der Wissenssoziologie. Im zweiten Beitrag stellt die Autorin den Mythos der Steuerbarkeit von Organisationen zur Diskussion. Sie stellt Vorstellungen von Plan- und Steuerbarkeit von Organisationen in ihrer historischen Entwicklung dar, diskutiert das Konzept der Beratung und widmet sich abschließend der konstruktivistischen Sichtweise, die sich auch im Beitrag zur Organisationskultur wieder findet. Das Thema der Unternehmensberatung wird im nächsten Text aufgegriffen. Mit Rückgriffen auf religionssoziologische Ansätze werden Parallelen zwischen der Unternehmensberatung für Organisationen und Lebensberatung für Individuen gezogen. Sinnstiftende Arbeit, Macht und Moral sind dabei klingende Schlagworte. Manfred Lueger gibt in seinem Beitrag einen tiefen Einblick in systemtheoretische Konzepte der Organisationssoziologie. Er diskutiert die „dynamische Stabilität“ welche von Organisationen trotz (oder gerade auf Grund von) Irritationen aus der Umwelt aufrecht erhalten wird. Er stellt Organisationen in ihren gesellschaftlichen Bezügen ebenso dar, wie er auf die Personen verweist welche mit Organisationen in Kontakt treten. So wird das komplexe Rundherum und die Notwendigkeit der Stabilisierung des Umweltverhältnisses für Organisationen immer deutlicher. Irritationen identifiziert Lueger als Störungen der Prozesse des Organisierens, welche Potentiale für Organisationsentwicklung bieten.

Im zweiten Abschnitt widmet sich Ulrike Froschauer (teilweise mit Manfred Lueger) ausgewählten Methoden der Organisationsanalyse, die vom Autorenteam großteils selbst weiterentwickelt wurden. Drei Beiträge befassen sich mit der methodischen Gestaltung zu unterschiedlichen Anwendungsgebieten der Organisationsanalyse: Die qualitative Organisationsdiagnose, die qualitative Evaluation von Beratungsprozessen sowie die qualitative Prozessevaluierung in Unternehmen; jeweils Anwendungen mit möglichen direkten Implikationen für die Praxis. Der erste dieser drei Texte gibt einen ausgiebigen Überblick – von der Idee über die Konzeption und Datenerhebung bis hin zur Auswertung und Ergebnisdarstellung – der ebenfalls als Zusammenfassung zur interpretativen Organisationsanalyse gelesen werden kann. Die zwei weiteren Artikel greifen mit den Methoden ExpertInnnengespräche und Artefaktanalyse konkrete, wissenschaftliche Strategien zur empirischen Arbeit an einem Forschungsgegenstand heraus. Auf die Artefaktanalyse wird in knapp 30 Seiten bis hin zur Anleitung zur Dateninterpretation genauer eingegangen, da sie eine innovative Forschungsmethode darstellt um Organisationsprozessen auf die Spur zu kommen.

Mit zwei Beispielen zu empirischen Analysen auf Basis der interpretativen Organisationsanalyse schließt der Band im dritten Abschnitt. Der erste Artikel widmet sich unter dem Motto „Das Unmögliche ermöglichen“ dem Phänomen der Organisationsberatung, wobei Froschauer und Lueger auf zwei von ihnen in Beratungskontexten durchgeführte Studien zurückgreifen können. Beratung wird als eine von zwei Optionen für das Management in Organisationen gesehen, mit wachsendem Druck umzugehen (die zweite ist die Delegation an das mittlere Management). Damit erfolgt eine Entlastung durch Externalisierung – so zumindest die Hoffnung der Praxis. Organisationstheoretische Ansätze jedoch, stellen der Auslagerung von Problembearbeitung ein schlechtes Zeugnis aus. In der weiteren Folge wird zwischen Fach- und Prozessberatung unterschieden sowie auf die Effekte von Kooperation im Beratungsteam eingegangen, Erwartungen an die Beratung in Zusammenhang mit Erfolg werden diskutiert. Im abschließenden Befund stellen die AutorInnen Schlussfolgerungen zum Markterfolg von Beratung und ihren Leistungen auf. Neben der offensichtlichen Entlastung des Managements aus seiner Verunsicherung wurde in der Forschung deutlich, dass inhaltliche Beratungserfolge nur von zweitrangiger Bedeutung sind. Begründet wird dieser Effekt damit, dass die Leistung der Beratung in jedem Fall in der Legitimation der Managemententscheidung Beratung zu beanspruchen liegt. Beratungserfolg ist dann gegeben, wenn das Management bestätigt wird.

Mit einer Analyse von Transformationsprozessen am Beispiel eines Energieunternehmens schließt der Band. Der Artikel basiert auf die Ergebnisse einer interpretativ orientierten Longitudinalstudie, bei der die Bewältigung von Unsicherheiten und veränderten Anforderungen eines Unternehmens im Mittelpunkt des Interesses steht. Am Beispiel der kontrastierenden Positionen des Managements und der Belegschaft wird verdeutlicht, wie Unsicherheit als soziale Konstruktion innerhalb von Organisationen verstanden werden kann und welche Auswirkungen diese unterschiedlichen Beobachtungen auf Entscheidungskommunikation in der Organisation haben. Das Design als Längsschnittstudie ermöglicht, Einblicke in die Entwicklungsdynamik des Unternehmens zu gewinnen: Von der Organisation wahrgenommene Irritationen, „Enttäuschungen von Erwartungsstrukturen auf Basis einer vorhandenen Ordnung“ (S 332), bilden den Ausgangspunkt für organisationale Veränderungen. Strategien zum Umgang mit Unsicherheit sind notwendig um eine reduzierte Handlungsfähigkeit der Organisation zu vermeiden. Dabei geht es darum, stabile Entscheidungskriterien wieder zu finden.

Diskussion

Dieses Werk bietet einen ausführlichen Überblick zu den Ergebnissen der langjährigen organisationssoziologischen Forschung der Autorin und ihres Kooperationspartners. Wieso „interpretative“ Ansätze für die Analyse von Organisationen in ihren Umwelten besonders geeignet sind und auf welche theoretischen Hintergründe dabei zurückgegriffen wird, verdeutlicht Ulrike Froschauer detailliert in ihrer Einführung. Die Motivation, bereits veröffentlichte Artikel noch einmal in einem Gesamtwerk zusammenzufassen, ist ausreichend begründet. Es bedarf Alternativen zur Managementliteratur zum Thema Organisation. Die Organisationssoziologie verfügt über Instrumente Organisationen wissenschaftlich fundiert zu betrachten und Wissen über diese zu generieren, welches wiederum an die Praxis rückgekoppelt werden kann. Das Konzept der Aufteilung in die drei Abschnitte ist in sich schlüssig und nachvollziehbar argumentiert. Für die Leserin/den Leser hilft es, jene Texte zu finden, die ihrem/seinem Interesse entsprechen.

Dass es sich um eine Sammlung bereits erschienener Artikel handelt, fällt besonders im Teil II auf, wo sich wiederholend die theoretischen Grundlagen (z.B. der dreigliedrige Selektionsprozess der Kommunikation nach Luhmann) in den einzelnen Beiträgen finden. Wobei es durchaus auch Vorteile haben kann, denn nach der dritten Lektüre hat man es dann vielleicht wirklich verstanden. Wenngleich die Autorin an mehreren Stellen und gründlich die theoretischen Grundlagen ihres Ansatzes der interpretativen Organisationsanalyse aufzeigt und darlegt, können vor allem Vorkenntnisse zur Systemtheorie nach Luhmann zum leichteren Verständnis des Bandes beitragen.

Fazit

Ein empfehlenswertes Buch für all jene, die sich für Organisationen und ihre Prozesse interessieren, denen gerade eben aber die Managementliteratur zum Thema zu kurz greift. Auch wenn die genannten Beispiele entweder aus dem Wirtschafts- oder Wissenschaftssystem stammen, sind die Gedankengänge und Argumentationen auf alle möglichen Organisationen anwendbar. In Forschungs- und Evaluierungsprozessen bietet das Buch bei der Gestaltung des Erhebungsdesigns wichtige Anregungen. Für Fragestellungen zur Organisationsgebundenheit von Berufsausübung (z.B. in der Sozialen Arbeit) könnte der Ansatz der interpretativen Organisationsanalyse ein möglicher Schlüssel auf dem Weg für tieferes Verständnis werden. Nicht zu vergessen sind die vielfältigen Möglichkeiten, welche die Artefaktanalyse bietet. Für EinsteigerInnen in die Organisationssoziologie bietet das Buch zahlreiche Literaturhinweise und es macht neugierig auf mehr theoretisches Hintergrundwissen, das an mancher Stelle notwendig ist um die Ausführungen verstehen zu können.

Rezension von
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
Mailformular

Es gibt 19 Rezensionen von Lea Putz-Erath.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 03.04.2013 zu: Ulrike Froschauer: Organisationen in Bewegung. Beiträge zur interpretativen Organisationsanalyse. Facultas Verlag (Wien) 2012. ISBN 978-3-7089-0887-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14770.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht