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Susanne Koch: Best Practice in der FGM-Prävention

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 18.03.2013

Cover Susanne Koch: Best Practice in der FGM-Prävention ISBN 978-3-906413-90-7

Susanne Koch: Best Practice in der FGM-Prävention. Ein Praxishandbuch für schweizerische Gesundheitsinstitutionen zur Prävention von weiblicher Genitalbeschneidung. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2013. 88 Seiten. ISBN 978-3-906413-90-7. 25,00 EUR. CH: 29,80 sFr.
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Die Zerstörung der Seele

Körperliche und seelische Unverletzlichkeit und Selbstbestimmung sind Menschenrechte, die durch nichts außer Kraft gesetzt werden dürfen. Dies bedeutet, dass weder Traditionen noch religiöse Überzeugungen noch Sitten oder kulturelle Gebräuche Menschenrechte einschränken oder gar aufheben können. In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt wachsen die humanen Ansprüche darauf, die in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufgeschriebenen Rechte überall in der Welt zu verwirklichen; allem voran, die uneingeschränkte und allgemeingültige Würde des Menschen zu gewährleisten.

Die weibliche Genitalverstümmelung, die bis heute in einigen muslimischen Ländern in der Welt angewandt wird, ist eine Menschenrechtsverletzung, ohne Wenn und Aber. Die Diskussion darüber verläuft mittlerweile nicht mehr nur mit dem Blickwinkel auf abzulehnende Denk- und Verhaltensweisen in anderen Kulturen, sondern die menschenverachtende Praxis ist längst auch bei uns angekommen. Über FGM, Female Genital Mutilation, wie die weibliche Genitalbeschneidung bezeichnet wird, gibt es unterschiedliche Interpretationen, und der Ursprung der weiblichen Genitalverstümmelung ist nicht eindeutig geklärt. Man nimmt an, dass bereits an alten Ägypter Beschneidungen vorgenommen wurden, und zwar an beiden Geschlechtern. Man glaubte an die Doppelgeschlechtlichkeit der äußeren Genitalien; der männliche Anteil der Seele der Frau sei in der Klitoris zu finden und der weibliche Teil der Seele des Mannes in der Vorhaut. Durch die Entfernung der jeweils nicht zum männlichen und weiblichen Geschlecht gehörenden Gegenseelen blieben die Männer Männer und die Frauen Frauen. Auch die Sklavinnen und Sklaven bei den Römern der Antike wurden beschnitten. Im Europa des Mittelalters und im 19.Jahrhundert in Europa und den USA wurden Klitorisoperationen vorgenommen, um damit Krankheiten verschiedenster Art zu heilen. Die weibliche Genitalverstümmelung wird vielfach mit der männlichen Beschneidung in Beziehung gebracht. Dies ist jedoch falsch, weil die FGM wesentlich drastischer ist und z.B. nur mit der Amputation des Penis gleichgesetzt werden könnte. In der Praxis werden verschiedene Formen der FGM unterschieden. Als „milde Sunna“ wird das Einstechen, Ritzen oder Entfernen der Vorhaut der Klitoris bezeichnet. Bei der „Klitoridektomie“, auch als modifizierte Sunna bezeichnet, wird die Klitoris teilweise oder ganz entfernt; die „Exzision“ bedeutet eine teilweise oder vollständige Amputation der Klitoris, einschließlich der teilweisen oder gesamten Entfernung der Schamlippen und evtl. auch das Ausschaben der Haut und des Gewebes der Vagina. Mit der „Infibulation“, der „pharaonischen Beschneidung“, die besonders in einigen afrikanischen, muslimischen Ländern angewandet wird, werden, nach der Entfernung der Klitoris, die beiden blutigen Innenseiten der Vulva so miteinander vernäht oder mit anderen Hilfsmitteln zusammengesteckt (etwa Akaziendornen), dass die Haut zu einer Brücke aus Narbengewebe über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre zusammenwächst. Dadurch bleibt nur eine winzige Öffnung zurück. Die Traditionen und kulturellen Gebräuche verlangen, dass jedes Mädchen beschnitten wird und diejenigen, die sich diesem Brauch entziehen wollen, gesellschaftlich geächtet werden: „Beschnittene“ werden mit Respekt und Anerkennung beachtet, „Unbeschnittene“ mit Geringschätzung und Verachtung. „Rhalfa“, ein extrem starkes Schimpfwort im Sudan bedeutet: „Sohn einer Unbeschnittenen“. Bei verschiedenen Gesellschaften gilt die FGM für Frauen als alleinige Garantie, einen Mann zu finden und heiraten zu können; insofern ist die Infibulation dem mittelalterlichen Keuschheitsgürtel vergleichbar, da mit dem Verschluss der Vagina vor- oder außerehelicher Geschlechtsverkehr verhindert werden soll. Durch die Genitalverstümmelung soll die Treue der Frau gewährleistet und der Lustgewinn des Mannes gesteigert werden. Obwohl im traditionellen Glauben der Muslime die Auffassung besteht, dass der Islam die weibliche Beschneidung zwingend vor schreibe, gibt es im Koran, dem Offenbarungsbuch der Muslime, jedoch keine Hinweise darauf. Lediglich in einem bestimmten Hadith, einer Textsammlung von überlieferten Aussprüchen des Propheten Mohammed, ist eine Aussage Mohammeds zu finden, der zu einer Beschneiderin sagt: „Nehme ein wenig weg, aber zerstöre es nicht. Das ist besser für die Frau und wird vom Mann bevorzugt“. Diese Textstelle wird nun von den Befürwortern und den Gegnern der FGM völlig unterschiedlich ausgelegt, vom „wajib“ (verpflichtend) bis zum „muharram“ (verboten). In den moderneren Interpretationen des islamischen Rechts wird darauf hingewiesen, dass einer der höchsten Werte der Scharia die „hurma“, die „körperliche Unversehrtheit“ sei, die es in jedem Fall zu schützen gelte

Rund 20 Organisationen aus allen Kontinenten der Erde haben sich während der Weltfrauenkonferenz 1995 zu einem Netzwerk zum Kampf gegen die sexuelle Verstümmelung überall in der Welt zusammengeschlossen. Eine der Initiativen ist die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes (Petra Schnüll / Terre des Femmes, Hrsg., Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung; Tübingen, Juni 1999, 295 S.). In zahlreichen Appellen und persönlichen Schilderungen wird die Not der Frauen dargestellt (vgl. dazu auch: Waris Dirie, Schmerzenskinder. Hörbuch, gelesen von Leslie Malton, Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2006, 3 CD, mit Booklet). Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen setzen sich mit FGM auseinander und zeigen auf, wie der Menschenrechtsverletzung rechtlich und moralisch begegnet werden kann, wenn sie in Deutschland auftritt bzw. bei Menschen angewandt wird, die hier leben (Antje Christin Büchner,: Weibliche Genitalverstümmelung. Betrachtungen eines traditionellen Brauchs aus Menschenrechtsperspektive – Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit in Deutschland, 2004,www.socialnet.de/rezensionen/2503.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Das politische Frauen-Magazin EMMA berichtet, dass heute auf der Welt rund 140 Millionen Mädchen und Frauen leben, die genitalverstümmelt sind. Auch in Deutschland sind es rund 40.000 verstümmelte Frauen, und jedes Jahr seien hier bei uns etwa 4.000 Mädchen akut von diesem grausamen Ritual bedroht. Der Kampf gegen FGM ist deshalb nicht nur als global-ethische Forderung zu verstehen, sondern hat auch im nationalen und europäischen Menschenrechtsdiskurs eine Bedeutung. In Deutschland wird die Beschneidung/Verstümmelung von Mädchen als gefährliche bzw. schwere Körperverletzung nach §224 StGB bzw. § 226 StGB mit bis zu 10 Jahren Gefängnis verfolgt und bestraft. Ähnliche Regelungen gibt es auch an anderen europäischen Ländern, etwa in der Schweiz, wo es im Strafgesetzbuch seit 2011 heißt: „Wer die Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, in ihrer natürlichen Funktion erheblich und dauerhaft beeinträchtigt oder sie in anderer Weise schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen bestraft“. Und um zu verhindern, dass die Genitalverstümmelung außerhalb des Landes vorgenommen wird, heißt es in Abs. 2: „Strafbar ist auch, wer die Tat im Ausland begeht, sich in der Schweiz befindet und nicht ausgeliefert wird“. Eine Gruppe von Abgeordneten von Bündnis 90/DIE GRÜNEN hat am 9. 2. 2011 den Antrag „Strafbarkeit der Genitalverstümmelung“ in den Bundestag eingebracht, um den entsprechenden Artikel des Strafgesetzbuuches zu ändern. Darüber ist noch nicht entschieden.

Es lohnt deshalb, einen Blick über den nationalen Gartenzaun zu richten. In der Europäischen Menschenrechtskonvention vom 4. November 1950 und den diversen Zusatzprotokollen wird unmissverständlich darauf hingewiesen, dass die persönliche Freiheit des Menschen auf seiner Würde beruht und sich deshalb gegen jede Form von Menschenrechtsverletzungen wendet. Es bedürfte deshalb eigentlich keiner besonderen Aufforderung, Menschenrechtsverletzungen wie FGM nicht nur unter Strafe zu stellen, sondern beizutragen, dass sich im Bewusstseins- und Aufklärungsprozess der Menschen überall auf der Erde durchsetzt: FGM ist eine mit nichts zu begründende und durch nichts zu relativierende Unmenschlichkeit. Dies ist eine Bildungsaufgabe, die in der Familienerziehung, im vorschulischen und schulischen Lernen und als Erwachsenenbildung wirksam werden muss; und sie bedarf präventiver Maßnahmen bei Berufen, die im sozialen Bereich tätig sind.

Die Schweizer Sozialarbeiterin und Leiterin der Aus- und Fortbildung einer Gesundheits- und Ausbildungseinrichtung für Führungs- und Fachpersonal in Gesundheits- und Bildungsinstitutionen und für Gesundheitsberufe in Zürich, Susanne Koch, legt ein Praxishandbuch vor, in dem sie Praktikern Anregungen gibt, wie sie mit von FGM-betroffenen oder -gefährdeten Frauen und Mädchen professionell umgehen können und welche Möglichkeiten der Aufklärung, Beratung und Prävention in der Schweiz bestehen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Schrift in drei Kapitel.

  1. Im ersten nimmt sie eine Situationsbeschreibung zum Problem der Genitalverstümmelung vor und diskutiert Ursachen und Hintergründe der Menschenrechtsverletzung.
  2. Im zweiten Teil formuliert sie Präventionswissen und vermittelt Informationen über die gesellschaftliche und rechtliche Situation zu der Problematik in ihrem Land.
  3. Und im dritten Kapitel schließlich zeigt sie Maßnahmen und Möglichkeiten auf, wie Prävention im Bereich FGM gehandhabt werden kann.

Besonders letzterer Teil bietet eine Fülle von Anregungen und Praxisbeispielen, die auch in der sozialen und Aufklärungsarbeit in Deutschland berücksichtigt werden sollten; etwa der Frage nach den Erkennungsmerkmalen für eine FGM-Gefährdung bei Mädchen mit Migrationshintergrund und den vielfältigen Interventionsmöglichkeiten.

Fazit

FGM darf weder als exotisch oder kulturdifferent abgetan, schon gar nicht in die Rubrik der Kulturrelativierung eingeordnet werden; es geht vielmehr darum, Formen der Menschlichkeit, der Freiheit und Selbstbestimmung als Ethik durchzusetzen, die auf der unantastbaren Würde des Menschen als Menschenrecht gründet. Die Genitalverstümmelung ist eine Menschenrechtsverletzung, die nicht hingenommen werden darf, nirgendwo auf der Welt! Deshalb gebührt dem Praxishandbuch „Best Practice in der FGM-Prävention“ nicht nur in der Schweiz Beachtung; es sollte auch von Bildungs- und Beratungseinrichtungen in Deutschland zur Kenntnis genommen werden!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1551 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.03.2013 zu: Susanne Koch: Best Practice in der FGM-Prävention. Ein Praxishandbuch für schweizerische Gesundheitsinstitutionen zur Prävention von weiblicher Genitalbeschneidung. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2013. ISBN 978-3-906413-90-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14771.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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