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Fred Karl (Hrsg.): Das Altern der "neuen" Alten

Cover Fred Karl (Hrsg.): Das Altern der "neuen" Alten. Eine Generation im Strukturwandel des Alters. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2012. 136 Seiten. ISBN 978-3-643-11819-6. 19,90 EUR.

Reihe: Soziale Gerontologie Bd. 1.
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Thema

Der Wandel der Altenpopulation von Menschen in ihrer Rest-Lebenszeit zu einer Teilbevölkerung in einem eigenen, gut ein Drittel des Lebens ausmachenden Lebensabschnitt ist jetzt selbst schon über 30 Jahre alt. Mit Jungen Alten, Alten in der Umbruchphase und (alt-alten) Hochbetagten betrat in den 1980er Jahren ein „neues“ Alter mit „neuen“ Alten in der Entberuflichung bereits als End-Fünfziger die Bühne. Als aktiv, reiselustig, sportlich, aufgeschlossen und gesundheitsbewusst wurden diese „Neuen/Jungen Alten“ apostrophiert. Schufen sie ein neues Bild vom alten Menschen? Dieser Frage geht der Gerontologe Fred Karl mit einem Rückblick auf die 17. Kasseler Jahrestagung 1988 der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie mit dem bei LIT in Münster erschienenen Sammelband „Das Altern der ‚neuen‘ Alten“ nach.

Herausgeber und Haupt-Autor

Professor Dr. Diplom-Soziologe Fred Karl ist als Professor für Soziale Gerontologie an der Universität Kassel tätig.

Aufbau und Inhalte

Der Band „Das Altern der ‚neuen‘ Alten“ ist in drei Abschnitte gegliedert.

Im ersten Teil werden die „neuen Alten“ aus heutigem und dem Blickwinkel von vor dreißig Jahren beschrieben. Schnell nämlich traten in den 1980er Jahren die relativ jungen „frisch Pensionierten“ aus dem Odium der entpflichteten, sich langweilenden Problemgruppe in die Optik eines Reservoirs für gesellschaftsdienliche Ehrenamtler und als Zielgruppe für Gesunderhaltungs-Bemühungen. Da konnte schon einmal das Interesse an den hilfebedürftigen und sterbenden Alten verloren gehen, wenn diese „neuen Alten“ als Teil für das Ganze standen und die Binnendifferenzierung der Altenpopulation übersehen wurde.

Der zweite Teil der Reflexionen zu den „neuen“ Alten rekapituliert im Original vier Beiträge der Kasseler Gerontologie-Tagung von 1988: Aus soziologischer Sicht kennzeichnete Hans Peter Tews seinerzeit den Altersstrukturwandel, aus sozialpolitischer Blickrichtung zeigten Margret Dieck und Gerhard Naegele kommende disparitäre Gefahren in der Sicherung der Lebensgrundlagen auf und aus psychologischer Perspektive befragte Erhard Olbrich persönliche Ressourcen zur Krisenbewältigung. In einer hermeneutischen Zusammenschau zog Hartmut Radebold daraus ein nachdenkliches Resümee, in dem er teilweise unzureichende Alterseinkommen und mögliche Generationskonflikte prognostizierte.

Herausgeber Fred Karl unterzieht diese Mutmaßungen von 1988 im dritten Teil seines Buchs der aktuellen Überprüfung. Dies geschieht nicht nur fakten-empirisch, sondern auch wissenschafts-methodologisch. So erfolgt die Kohortenbetrachtung mit Kindheit/Jugend der untersuchten Altenpopulation in der NS-Zeit, dem Erwachsenenalter im Kalten Krieg und dem Ruhestandseintritt in der Vereinigungs-Transformation in Sequenzanalysen für mehrere Altersgruppen in zumeist drei Folgezeitpunkten im Zehnjahres-Abstand. Schwerpunkte liegen im Bildungsbereich mit einem steigenden Anteil späterer Kohorten in gehobenen Bildungssystemen und mit zahlreicher erworbenen Berufsqualifikationen. Bei den Berufsabschlüssen konnten sich ostdeutsche Frauen und Männer günstiger entwickeln als Westdeutsche. Im Geschlechterverhältnis verringerte sich der anfängliche Frauenüberschuss durch kriegsbedingte Männerausfälle nach und nach zu einem leicht steigenden Männeranteil mit der „Wasserscheide“ des Geburtsjahrgangs 1928. Spätere Kohorten werden als bildungsbeflissener und ehrenamtlich noch aktiver gesehen als die früheste betrachtete Kohorte. Die höher Gebildeten sind gesünder, fühlen sich wohler, engagieren sich stärker ehrenamtlich und haben das variantere Freizeitverhalten.

Diskussion

Das Buch über das Altern der „neuen“ Alten bringt auf fast zwei Dritteln seines ohnehin nicht gerade üppigen Umfangs eine Rekapitulation der Darstellung des Konstrukts der Neuen Alten von 1988 im Gefolge des seinerzeit vorgezogenen Ruhestandseintritts mit 59 Jahren.

Nur im abschließenden Kapitel wird eine aktuelle, vergleichende Sequenzanalyse der Ruhestandsmomente verschiedener Kohorten vorgenommen, wobei der Terminus Sequenzanalyse gar nicht benutzt wird. Hierbei liegen Schwerpunkte auf dem Bildungsstatus, der subjektiv empfundenen Gesundheit und der sozialen Verortung der früher oder später aus dem Erwerbsleben ausgetretenen Ruheständler. Dabei schneiden spätere, um 1940 geborene Kohorten im Sinn allgemein gewachsener Prosperität besser ab als die in den 1920er Jahren Geborenen.

Die spannende Frage, ob die Ende der 1980er Jahre neu in Erscheinung getretenen Neuen (oder Jungen) Alten einen Wandel im Habitus alter Menschen und in den gesellschaftlichen Einstellungen Hochbetagten gegenüber bewirkt haben, bleibt leider außen vor.

Auch wäre es interessant gewesen, darüber nachzudenken, ob die innovativen Muster der Neuen Alten von 1990 deren Durchlauf ihrer anschließenden eigenen Hochaltrigkeit um das Jahr 2010 beeinflusst haben; sie also ihr hohes Alter anders durchleben als voraus gegangene Kohorten ohne Neues/Junges Alter. Bewältige ich mein eigenes altes Alter sozusagen kompetenter, wenn ich als Jung-Alter im Ehrenamt Erfahrungen in der Altenhilfe gewonnen habe? Dies ist eine Frage, der nachgegangen hätte werden können nach dem Muster der Pädagogik der Hinfälligkeit Klaus Dörners.

So bleibt es leider nur beim Zusammentragen statistischer Fakten mit dem etwas larmoyanten Resümee, dass vieles nur immer brüchiger wird und sich auch im Alter die Schere zwischen Privilegierten und Benachteiligten immer weiter öffnet.

Auch könnte der Frage nachgegangen werden, inwieweit die zu beobachtenden Annäherungen der Geschlechterrollen im Alter (sogenanntes Crossover) den Lebenszuschnitt der Neuen Alten gegenüber früheren Alterskohorten verändern; und wie auch diese stärkeren weiblich-feminisierten Attitüden alter Männer sich in ihrer Hochaltrigen-Zeit möglicherweise positiv auswirken (stärkere hauswirtschaftliche Kompetenz, Männerpflege von pflegebedürftigen alten Partnerinnen) oder wie sich Frauen mit handwerklich-administrativen Kompetenzen im Alter selbstbewusster und unabhängiger positionieren.

Fazit

Das Buch „Das Altern der ‚neuen‘ Alten“ rekurriert auf eine 1988 in Kassel veranstaltete Tagung zur Figur der „neuen Alten“ der Vorruhestandszeit und verarbeitet aktuelle sozialdemografische Altersdaten verschiedener, zumeist über drei Jahrzehnte verstreuter Alterskohorten mit der bekannten Feststellung der Status-Spreizung. Inwieweit sich die in den 1980er Jahren festgestellten neuartigen Verhaltensweisen der „neuen Alten“ mit mehr Aktivität, Partizipation und Horizonterweiterung auf deren Durchlauf ihrer Hochaltrigen-Phase ausgewirkt haben und auswirken, bleibt leider unbeantwortet.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 27.03.2013 zu: Fred Karl (Hrsg.): Das Altern der "neuen" Alten. Eine Generation im Strukturwandel des Alters. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2012. ISBN 978-3-643-11819-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14774.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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