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Berthold Vogel, Markus Promberger u.a.: Leiharbeit

Cover Berthold Vogel, Markus Promberger, Claudia Weinkopf: Leiharbeit. Neue sozialwissenschaftliche Befunde zu einer prekären Beschäftigungsform. VSA-Verlag (Hamburg) 2004. 176 Seiten. ISBN 978-3-89965-076-1. 14,80 EUR, CH: 26,60 sFr.
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Vorbemerkungen

Als die "Hartz-Kommission" im August 2002 unmittelbar vor der Bundestagswahl ihren Abschlussbericht im Französischen Dom in Berlin "zelebrierte" und der Vorsitzende die Halbierung der Arbeitslosigkeit in Aussicht stellte, da bekam die so genannte "Leiharbeit" eine ganz neue Wertigkeit zugeschrieben, denn mit Hilfe der Einrichtung von "Personal-Service-Agenturen" (PSA) sollten über das Instrument der Arbeitnehmerüberlassung mehrere hundertausend Arbeitslose wieder in Lohn und Brot gebracht werden. Insofern kann es nicht überraschen, dass diese Agenturen zu einem "Herzstück" der "Hartz-Reformen" hochstilisiert wurden.

Am Jahresende 2004 verbinden wir hingegen mit "Hartz" keineswegs eine echte Erfolgsstory hinsichtlich eines signifikanten Abbaus der Arbeitslosigkeit und auch die so zentralen "PSA"en sind zwar flächendeckend aus dem Boden gestampft worden, aber nach dem Zusammenbruch des größten Auftragnehmers, der niederländischen Maatwerk-Gruppe, hat man eher den Eindruck, die Bundesagentur für Arbeit bemüht sich um eine stille Abwicklung dieses Experiments. Die Blicke der (medialen) Öffentlichkeit haben sich anderen hartzrelevanten Themen zugewandt und hierbei fokussiert auf die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum neuen Arbeitslosengeld II.

Vielleicht ist dies aber auch ein günstiger Moment, um sich mit den tatsächlichen und vor allem nachhaltigen Entwicklungen im Bereich der Leiharbeit auseinanderzusetzen, unbeeinflusst von den Querschlägern medial inszenierter Tagesaktualitäten. Denn ganz offensichtlich hat sich in den vergangenen zwei Jahren sehr viel getan auf diesem Feld, ohne dass sich darüber eine wirklich breite Debatte entwickelt hat.

Insofern ist der Griff zu dem hier anzuzeigenden Sammelband durchaus naheliegend, verspricht doch der Untertitel "neue sozialwissenschaftliche Befunde".

Aber auch heute gilt immer noch: An den Begriffen - und dies sei an dieser Stelle deutlich hervorgehoben - sollt ihr sie erkennen. Was im vorliegenden Fall bedeutet: Schon die Begriffe "Leiharbeit" und "prekäre Beschäftigungsform" in der Titelei verortet das gesamte Buch in einer bestimmten "Ecke", hier der eher kritischen, gewerkschaftlich orientierten Wahrnehmung dessen, was im Fachdiskurs eben nicht nur unter dem Begriff "Leiharbeit", sondern mittlerweile verbreiteter und schon etwas freundlicher "Zeitarbeit", zuweilen sogar fast schon euphemistisch "Personaldienstleistungen" oder technokratisch-juristisch "Arbeitnehmerüberlassung" genannt wird. Wenn also noch nicht einmal eine relativ einheitliche Begriffsbasis vorhanden ist, dann darf man keinesfalls eine solide konzeptionelle oder empirische Grundlage erwarten - ein Manko, dass konsequenterweise das gesamte Werk durchzieht und für das es hier aber nicht kritisiert werden soll.

Natürlich sollen Begrifflichkeiten - erst recht im Titel eines Sammelbandes - Assoziationen wecken (bei uns als - potenziellen - Käufern). Und woran denken viele der zumindest etwas älteren - und damit meist auch kaufkräftigeren - Semester, wenn sie "Leiharbeit" lesen? Natürlich an dieses wunderbare Buch "Ganz unten" von Günter Walraff, aus den 80er Jahren, in dem der zum Türken mutierte Walraff bei einem richtigen Fiesling von "Sklavenhändler" im Ruhrpott anheuert, um dann dort Erfahrungen der übelsten Sorte machen zu müssen. Womit die gewünschte (?) Konnotation erfolgreich hergestellt wäre, also zum modernen "Sklavenhändlertum", zum "Menschenhändler", und das mag man natürlich nicht.

Aber die Geschichte entwickelt sich weiter und so auch das, was hier als "Leiharbeit" verhandelt wird. Natürlich gibt es auch heute noch diese unangenehme Grauzone zur illegalen Beschäftigung oder einfach die simple Ausbeutung von abhängig beschäftigten Menschen gerade durch kleine "Verleih"-Unternehmen, die dem ganzen Thema immer noch etwas Anrüchiges geben.

Aber zugleich sprechen wir eben auch von einer durch und durch seriösen Branche mit hervorragenden Entwicklungsperspektiven, die in den vergangenen Jahren trotz der teilweise erheblichen gesetzgeberischen Restriktionen beachtliche Beschäftigungs- und auch Übergangsperspektiven in "reguläre" Beschäftigungsverhältnisse eröffnet hat - nicht umsonst basiert im Prinzip die gesamte Philosophie der Personal-Service-Agentur-Idee auf dem in der Literatur beschriebenen (und seit dem regelmäßig kopierten) "Klebeeffekt" durch Zeitarbeit von mehr als 30% der Zeitarbeitnehmer, die dann also in den entleihenden Unternehmen "hängen bleiben". Namen wie Adecco, Manpower, Randstad oder die DIS promovieren heute die so genannte "Neue Zeitarbeit" und verbinden damit einen eigenständigen Sektor innerhalb der Wirtschaft, der zwar sein Geld verdient mit dem Ausleihen von Menschen, dies dann aber zu Tarifbedingungen und über den Weg der vom Gesetzgeber (auch im Zuge der Umsetzung der "Hartz"-Vorschläge) herbeigeführten Verpflichtung, Tarifwerke auch anzuwenden. Unternehmen, die zwischenzeitlich eine bessere Daueranstellung garantieren können für einen Teil der bei ihnen arbeitenden Menschen als Opel oder Karstadt, die noch vor kurzem als Inbegriff des Gegensatzes zu "prekären Beschäftigungsformen" stilisiert wurden.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband enthält - neben einer kurzen Einleitung des Herausgebers - insgesamt acht Beiträge unterschiedlichen Zuschnitts und Qualität.

  • Claudia Weinkopf beginnt den Reigen mit den Erfahrungen und Perspektiven vermittlungsorientierter Arbeitnehmerüberlassung. Sie befasst sich mit den Grundlagen für die bereits erwähnten Personal-Service-Agenturen, mit einem besonderen Blick auf die nordrhein-westfälischen Erfahrungen, z.B. mit dem aus den Niederlanden importierten gemeinnützigen START-Ansatz aus der Prä-Hartz-Periode der Arbeitsmarktpolitik. Der Wert dieses Beitrages liegt darin, dass zumindest die Vorläufer der Personal-Service-Agenturen - die ja nicht vom Himmel gefallen sind - herausgearbeitet werden. Sie kann zeigen, dass bereits seit Anfang der 90er Jahre regional teilweise recht erfolgreich - wenn auch in einem recht kleinen Umfang vor dem Hintergrund der Gesamtarbeitslosigkeit - mit Formen der vermittlungsorientierten Arbeitsnehmerüberlassung experimentiert wurde. Der Autorin ist - zu Recht - eine gewisse Skepsis anzumerken, diese Erfolge auf eine ganz andere Größenordnung "hochzurechnen" (und darin liegt der eigentliche Ansatz der "Hartz-Kommission" begründet).
  • Daran anschließend beschäftigen sich Promberger und Theuer mit der Frage "Welche Betriebe nutzen Leiharbeit?" und untersuchen diese auf der Basis des Betriebspanels des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Nach ihren Befunden spielt die Leiharbeit hinsichtlich der vielbeschworenen flexiblen Randbelegschaften gar keine so prominente Rolle wie oftmals unterstellt. Nicht überraschend ist auch der Befund, dass der großbetrieblich-industrielle Bereich noch am ehesten die Chance auf einen Dauerarbeitsplatz eröffnet (also eine Realisation des berühmten "Klebeeffekts"), während Kleinbetriebe eher als ein instabiles Arbeitsumfeld anzusehen sind und im Dienstleistungsbereich Anzeichen einer "dauerhaften Marginalität" zu erkennen seien. "Insgesamt weist einiges darauf hin, dass Leiharbeit nicht nur in der Fläche eine nachrangige Rolle spielt, sondern auch in betrieblichen Flexibilisierungskonzepten einen untergeordneten Stellenwert besitzt" (S. 57).
  • Elke Jahn beschäftigt sich dann mit Design und Implementation der Personal-Service-Agenturen. Zusammenfassend wird darauf hingewiesen, dass die Einführung der PSAen zu einem Zeitpunkt erfolgte, in der der Leiharbeitsmarkt stagnierte oder sogar rückläufig war. Die PSAen standen unter einem enormen Erfolgsdruck und sie wurden bereits am Anfang heftig kritisiert. Ein schwerer Imageschaden resultierte aus der Insolvenz des größten PSA-Betreibers. Dem Instrument fehlte aber auch eine klare Zielgruppendefinition und -abgrenzung.
  • Ammermüller und Boockmann befassen sich in ihrem Beitrag mit den Hartz-Reformen aus Sicht der Zeitarbeitsbetriebe. Hier tauchen endlich die wesentlichen Neuregelungen der die gesamte Branche betreffenden gesetzlichen Änderungen im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz auf, vor allem die faktische Implementierung eines Tarifzwangs im Gegenzug für eine weitgehende Deregulierung der vielfältigen bisherigen Restriktionen (bzw. Schutzvorschriften). Die präsentierten Daten stammen aus einer Erhebung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim aus dem Frühjahr 2003 - also ganz zu Beginn der Reformen. Insofern kann es nicht überraschen, dass die befragten Unternehmen damals die neue Lage noch sehr skeptisch beurteilten, die Nachteile hervorgehoben haben und die Vorteile der Deregulierung noch nicht erkannt wurden. Diese Einschätzung hat sich weitestgehend aus heutiger Sicht als falsch herausgestellt, wobei eine ganze Reihe an sehr kleinen Unternehmen tatsächlich teilweise existenzielle Probleme bekommen hat, was aber im Sinne einer "Marktbereinigung" wohl auch billigend in Kauf genommen wurde.
  • Interessant sind die beiden Fallstudien von Ulrich Schenck zur Arbeitnehmerüberlassung im Rahmen der Flexibilisierung betrieblicher Arbeitsmärkte. Zum einen wird der Einsatz der Zeitarbeit (man sieht, auch die Autoren im Sammelband verwenden die unterschiedlichen Begrifflichkeiten) bei dem Flugzeughersteller EADS-Airbus in Hamburg analysiert, wo Zeitarbeit in einem großen Umfang genutzt wurde (und wird). Als zweites Fallbeispiel betrachtet der Autor den Bereich der Banken, vor allem angesichts der hier zu beobachtenden Allianzen zwischen Banken und Zeitarbeitsunternehmen, von denen drei ("Adcom", "Bankpower" und "HVB profil GmbH") genauer untersucht werden. Schenck kommt bei Hervorhebung der Beispiele bei Airbus und der HVB profil GmbH mit der dort beobachtbaren Angleichung der Vergütungen zwischen Stammbelegschaft und Zeitarbeitnehmern zu dem Ergebnis, dass sich in Verbindung mit den massiven Deregulierungen seit 2004 der Trend zur längerfristig im Unternehmen tätigen Zweitbelegschaft verstärken wird.
  • Kraemer und Speidel befassen sich in ihrem Beitrag mit "Prekärer Leiharbeit" und der Herausgeber des Bandes, Berthold Vogel, untersucht erwerbsbiographische Wege in Leiharbeit und befristete Beschäftigung in der Automobilindustrie. Hier finden wir die angekündigten neueren sozialwissenschaftlichen Befunde, wenn auch in einer sehr abstrakten Form.
  • Ingrid Wilkens berichtet - gleichsam als Auflockerung - über die Leiharbeit in den Niederlanden - zwischen Flexibilität und Sicherheit.

Fazit

Eine interessante, aber zugleich auch sehr fragmentierte Sammlung von beschreibenden Ansätzen, sich dem Phänomen "Leiharbeit" oder "Zeitarbeit" oder ... zu nähern. Das zentrale Defizit des Buches liegt sicherlich darin, dass kein Beitrag vorangestellt wurde, in dem der geneigte Leser nicht nur ein paar wesentliche Basisinformationen zur Branche vermittelt bekommt, sondern vor allem eine Darstellung der aktuellen Deregulierungen (und zugleich auch Re-Regulierungen z.B. durch den faktischen Tarifzwang des Gesetzgebers). Die Strukturen und Prozesse des Themas werden vorausgesetzt, ohne dies transparent zu machen. Und es fehlt irgendwie auch eine Bestandsaufnahme der Potenziale der Leiharbeit vor dem Hintergrund der gegenwärtigen und absehbaren Arbeitsmarktentwicklung. Es fehlt auch eine Darstellung der betriebswirtschaftlichen Vorteile der Zeitarbeit wie auch der möglichen Perspektiven als eine andere Form der Dauerbeschäftigung, die aber aufgrund ihres wechselhaften Einsatzes eventuell ein neues Arbeitsmodell gerade für die gut Qualifizierten in einer sich ausdifferenzierenden Wissensgesellschaft darstellen könnte.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Sell


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Zitiervorschlag
Stefan Sell. Rezension vom 04.01.2005 zu: Berthold Vogel, Markus Promberger, Claudia Weinkopf: Leiharbeit. Neue sozialwissenschaftliche Befunde zu einer prekären Beschäftigungsform. VSA-Verlag (Hamburg) 2004. ISBN 978-3-89965-076-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1478.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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