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Anja Kettner: Fachkräftemangel - Fakt oder Fiktion?

Cover Anja Kettner: Fachkräftemangel - Fakt oder Fiktion? Empirische Analysen zum betrieblichen Fachkräftebedarf in Deutschland. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2012. 170 Seiten. ISBN 978-3-7639-4061-5.
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Thema

Nicht nur im Bereich der Pflege und der Kindertagesstätten sprechen die Verantwortlichen bereits seit längerer Zeit mit Unbehagen von einem Mangel an (geeigneten) Fachkräften. Erste Studien verweisen auf die Möglichkeit, dass in den kommenden Jahren der Markt der Mitarbeitenden auch für die Sektoren der Jugendhilfe, der Beratung und der Hilfe für Menschen mit Behinderung sehr eng werden könnte. Bevor nun Einrichtungen und Träger der sozialen Arbeit ihre Energie auf das Beschaffungsmarketing konzentrieren, lohnt sich allerdings ein Blick in seriöse Untersuchungen zu den Potenzialen und Grenzen künftiger Arbeitsmärkte.

Entstehungshintergrund

Im Zuge ihrer Dissertation ist Anja Kettner der Frage nachgegangen, ob Deutschland ein genereller und dauerhafter Mangel an Fachkräften bevorsteht. Es könnte sein, dass dies gar nicht der Fall ist, sondern es sich um Wahrheit um lediglich temporäre Engpässe handelt, die möglicherweise unüberbrückbar oder durch gezielte Maßnahmen von Unternehmen und Politik in ihrer Problematik abgeschwächt werden können. Hinzu kommen noch Fragen wie die, ob Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Personal von den Betrieben und Unternehmen möglicherweise hausgemacht sind. Zur Besprechung liegt der erste von zwei Bänden zu ihrer Studie vor.

Autorin

Anja Kettner ist seit 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Aufbau und Inhalte

Die Publikation enthält neben einer Einführung sechs Kapitel, drei Anhänge, jeweils ein Abbildungs- und ein Tabellenverzeichnis sowie Literaturangaben.

  1. Der erste Abschnitt widmet sich Definitionen und Ursachen relativer Angebotsverknappungen auf dem Arbeitsmarkt. Leserinnen und Leser, die sich für die Thematik interessieren, jedoch noch nicht sehr intensiv im Stoff stehen, entnehmen diesem Kapitel eine Reihe von nützlichen Informationen insbesondere zu den Ursachen von arbeitsmarktbezogenen Engpässen. Die Autorin untersucht dabei sehr genau und objektiv die Gründe, die auf der Seite der Nachfrager wie der Anbieter zu suchen sind.
  2. Der zweite Abschnitt ist auf Möglichkeiten einer empirischen Untersuchung von Fachkräftemangel und Fachkräfteengpässen konzentriert. Es werden die Grenzen der Aussagekraft makroökonomischer Analysen ebenso dargelegt wie Potenziale repräsentativer Arbeitgeberbefragungen, die eine genauere Betrachtung der Nachfragerseite ermöglichen.
  3. Der dritte Abschnitt enthält einen Überblick zu deskriptiven Analysen des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots auf Basis der Erhebung des IAB. Vorgenommen werden ein quantitativer Vergleich von offenen Stellen und Arbeitslosen sowie eine Betrachtung des Anteils schwer besetzbarer Stellen als Maß für Rekrutierungsprobleme.
  4. Das vierte Kapitel enthält multivariate Analysen auf Basis der IAB-Erhebung des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots (IAB-EGS). Unter anderem können wir diesem Abschnitt entnehmen, dass bereits eine Stichprobe aus dem Jahre 2003 gezeigt hat, dass im Bereich der sozialen Dienstleistungen 11 % der befragten Organisationen Besetzungsschwierigkeiten wegen mangelnder Qualifikation angegeben haben. Für das Sozial- und Bildungswesen wie für alle Wirtschaftszweige gleichermaßen interessant dürften die in diesem Kapitel von der Autorin herausgearbeiteten Ansatzpunkte für Politik und Betriebe sein. Die Daten des IAB unterstreichen nach ihrer Einschätzung die Notwendigkeit, einen höheren Teil der jungen Menschen in die akademische Ausbildung zu führen und ihnen dort einen erfolgreichen Abschluss zu ermöglichen. Anja Kettner nimmt in ihren Ableitungen aber auch Bezug auf die Notwendigkeit, mehr Jugendliche mit geringer Ausbildungsfähigkeit zu fördern. Sie postuliert, dass mehr als bisher auf allen Bildungsstufen allen Kindern und Jugendlichen eine bestmögliche Förderung zukommen muss.
  5. Im fünften Abschnitt fasst die Autorin die wesentlichen Ergebnisse ihrer Untersuchung zusammen.
  6. Im sechsten Abschnitt gibt sie einen kurzen Ausblick auf notwendige Daten und Forschungsansätze zu der in Rede stehenden Thematik.

Diskussion

Die vorliegende Publikation ist eine Dissertation. Naturgemäß dominiert in solchen Werken die technisch-wissenschaftliche Herangehensweise. Der Inhalt und die Sprache sind dementsprechend sachlich, Ergebnisse werden mit Bedacht interpretiert. Für Leserinnen und Leser aus dem Bereich der sozialen Arbeit sei noch angefügt, dass die sozialen Dienstleistungen angesichts des breiten Spektrums an Zweigen und Branchen in der deutschen Wirtschaft eine lediglich marginale Rolle spielen. Allerdings können wir den Ergebnissen der Untersuchung durchaus auch für den sozialen Sektor relevante Ergebnisse entnehmen. So ist es zwar einerseits das Ergebnis der Analysen, dass Ausgleichsprozesse am deutschen Arbeitsmarkt tendenziell mehr durch »qualitative Diskrepanzen zwischen Arbeitssuchenden und offenen Stellen beeinträchtigt werden als durch tatsächliches Fehlen von Arbeits- bzw. Fachkräften«. Andererseits verweist die Studie auch auf einen klaren Handlungsbedarf. Wenngleich auf breiter Front bislang kein bedrohlicher Mangel an Fachkräften zu identifizieren ist, kann für die mittelfristige Perspektive prognostiziert werden, dass auch die soziale Arbeit im Hinblick auf Bildung- und Arbeitsmarktpolitik sowie konkrete Maßnahmen des Personalmarketings aktiv werden müsste. Letzteres betrifft unmittelbar Einrichtungen und Träger des Sozialwesens. Es ist davon auszugehen, dass künftig die Wettbewerbsfähigkeit im Hinblick auf die Attraktivität als Arbeitgeber eine größere Rolle als bislang spielen wird. Hierzu werden klare Aussagen getroffen. Bei einem sinkenden Erwerbspersonenpotenzial und einem steigenden Wettbewerb um Fachkräfte ist zu verweisen auf das Image einer Unternehmung, welches sich nicht nur über ein gutes Betriebsklima und ein modernes, d.h. wertschätzendes und motivationsorientiertes Personalmanagement bildet, sondern auch über angemessene Arbeitszeitmodelle und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung der Mitarbeitenden.

Fazit

Eine seriöse und informative Studie zum Fachkräftemangel mit interessanten Schlussfolgerungen.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 08.10.2013 zu: Anja Kettner: Fachkräftemangel - Fakt oder Fiktion? Empirische Analysen zum betrieblichen Fachkräftebedarf in Deutschland. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-7639-4061-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14787.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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