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Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor

Cover Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor (Kinderbuch). arsEdition (München) 2013. ISBN 978-3-8458-0022-6. D: 13,90 EUR, A: 14,30 EUR, CH: 19,90 sFr.
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Autor

Martin Baltscheit, Jahrgang 1965, absolvierte sein Studium Kommunikationsdesign an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Von 1986 bis 1992 war er Mitglied des Theaters „Junges Ensemble“ in seiner Heimatstadt Düsseldorf. Als Comiczeichner und Illustrator verfasste er Kinderbücher und Theaterstücke, aber auch Hörspiele und Trickfilme. Als Moderator und Autor gehört er zudem zum Team der WDR-5-Kindersendung „Die Bärenbude“. Seit 1997 arbeitet er auch als Sprecher für Hörbücher, Hörspiele und Werbespots. Neben vielen früheren Literaturpreisen für seine Kinderbücher erhielt der Autor erst jüngst den Deutschen Hörbuchpreis 2013.

Lieferbare Titel

  • Gold für den Pinguin. Bajazzo 2004.
  • Hauptsache, es wird kein Hund. Bajazzo 2007.
  • Keine Kuscheltiere für Johanna. Tulipan 2008.
  • Der Sonnenwecker. Bajazzo 2008.
  • Die Elefantenwahrheit. Kinderbuchverl. Wolff 2011.
  • Der Philosofisch. Bloomoon 2012.
  • Neues vom Philosofisch. Bloomoon 2012.
  • Was soll ich da erst sagen? Beltz 2012.
  • Die Geschichte vom Löwen, der nicht bis 3 zählen konnte. Beltz 2012.
  • Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte. Beltz 2012.
  • Das Gold des Hasen. Beltz 2012.
  • Ich bin für mich. Beltz 2012.

Inhalt

Von Aesop bis hin zu Janosch ist der Fuchs in den Fabeln, Geschichten und Märchen das Sinnbild für Klugheit und Schläue. Dass ihm hier in diesem eigenwilligen Bilderbuch jene Eigenschaften fehlen, die ihm in der Jahrhunderte alten Literaturgeschichte auch nachgesagt werden – nämlich Hinterlist und Lügenhaftigkeit – , er dafür aber ein exzellenter Lehrer ist, der seine Kenntnisse mit Geduld und Witz an die jungen Füchse weitergibt, macht ihn uns überaus sympathisch. Er sorgt nicht nur für die geistige Nahrung seiner Schüler, indem er ihnen seine besten Jagdtricks verrät (der Trick, wie man, einem U-Boot ähnlich und mit Hilfe eines Periskop-Strohhalmes nach Luft schnappend, den Hetzhunden in einem Fluss entkommen kann, ist schon beinahe genial), sondern kümmert sich auch, indem er für sie kocht, um ihr leibliches Wohl. Dennoch erweist sich seine Überzeugung, dass Klugheit und Wissen ein langes Leben voller Abenteuer garantieren, für ihn schließlich als Trugschluss, denn im Alter wird er nun doch „ein bisschen vergesslich“. Die Bilder zeigen es eindringlich: Es fehlen nun die chicen Stiefel an seinen Hinterbeinen, sein Rücken ist schon etwas gekrümmt, seine Füße stecken in verrutschten Socken – und an einem Fuß fehlt gar der Pantoffel.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Das Leben gerät dem Fuchs aus den Fugen. Er verwechselt die Wochentage, geht am Mittwoch statt am Sonntag in die Kirche und vermisst den sonntäglichen Gänsechor (!), sitzt einsam und traurig in einer Kirchenbank.

Von nun an verändert sich auch die Farbgebung der Bilder. Das anfänglich fröhliche Rot, Grün und Blau weicht den erst braunen, dann grau-schwarzen Tönen, die Seitenzählung purzelt durcheinander, allerorten droht der Weg in die Dunkelheit. Der Fuchs scheint auch kleiner geworden zu sein, hingegen die Hunde, die ihn jagen, erschreckend groß. Er vergisst, wo er noch kurz zuvor gewesen war, vergisst die Geburtstage seiner Freunde. Er findet den Weg nach Hause nicht mehr, klettert gedankenverloren auf einen Baum und landet in einem Amselnest. Vorwitzig fragt ihn dort die Amsel, ob er hier wohne. Das hätte sie besser nicht tun sollen, denn manchmal hat auch unser Fuchs noch lichte Momente…

Anstatt auf die Jagd zu gehen, frisst er nun Brombeeren oder schwimmt den ganzen Tag im Teich. Und natürlich kann er dann nachts vor Hunger nicht schlafen, steht auf, um zu jagen – und vergisst es. Er läuft durch den Wald und vergisst das Laufen. Um ihn herum wird es dunkel, denn „der Fuchs hatte vergessen, dass er ein Fuchs war“. Nur wenig später wäre das um ein Haar sein Ende gewesen, da er eine ihn verfolgende Hundemeute nicht als solche erkennt, sondern sich der Illusion hingibt, es kämen da Füchse gelaufen. In letzter Sekunde kann er sich auf einen Baum retten und erinnert sich in luftiger Höhe sogar noch einmal daran, wie die Tiere hießen, denen er da gerade mit knapper Not entkommen ist. Vor lauter Erleichterung verliert er das Gleichgewicht und fällt vom Baum herunter in die Tiefe. Erst nach zwei Tagen finden ihn dort die jungen Füchse, seine ehemaligen Schüler. Sie nehmen ihn mit und heilen seine Wunden. Aber seinen Verstand können sie nicht heilen, „denn den hatte der Fuchs verloren, und keiner wusste genau, wo…“ Inzwischen hat sich herumgesprochen, was mit dem alten Fuchs los ist und die Gänse, Hühner und Schafe machen sich lustig über ihn, stimmen Spottlieder an. Das macht den Fuchs wütend, doch hat er bald schon vergessen, warum er wütend war und wünscht allen nur einen Guten Tag. Zumeist aber geht er nun den anderen Tieren aus dem Weg und unterhält sich am liebsten unten am Fluss mit dem „freundlichen Fremden“, seinem Spiegelbild.

In einer Art Coda, einem tröstlichen Abgesang, klingt das Buch aus. Der Fuchs ist beinahe so rot, wie sein Umfeld, die Schriftfarbe wechselt von Schwarz zu einem sanften Blau-Grau, und es klingt wie ein Märchen, wenn nun vom Glück des alten Fuchses die Rede ist, davon, dass er nicht mehr hungern muss, und so gerne den jungen Füchsen lauscht, wenn sie von ihren Jagderlebnissen erzählen und er vor allem ihren Trick mit dem Strohhalm bewundert. Manchmal findet er den Weg nach Hause nicht, und Namen kann er sich ganz schlecht merken. Er schläft auch nicht gerne allein. „Aber das musste er auch nicht“, so erklärt es das letzte Bild, das wirkt wie ein Emblem für Geborgenheit: der alte Fuchs schlafend im Kreise seiner jungen Freunde, die, zumindest mit je einem offenen Auge, über ihn wachen.

Fazit

Ein anspruchsvolles Bilderbuch, das besticht mit einem Text der leisen Töne und mit flächig gemalten, einfach konturierten Illustrationen, deren schlichte Linienführung hervorragend geeignet ist, um vom Wesentlichen nicht abzulenken. Das Buch beginnt, wie so viele Bilderbücher, ganz lapidar: „Ein Fuchs. Ein kluger, hübscher Fuchs“. In „99 neue Lesetipps. Bücher für Grundschulkinder. Hrsg. v. Susanne Helene Becker“ empfiehlt Katja Eder dieses preisgekrönte Bilderbuch (Deutscher Jugendliteraturpreis 2011) für das Erstlesealter. Einem Fuchs sind in der Regel Eigenschaften zugeschrieben, die dem Verständnis eines Kindes nicht viel abverlangen. Allerdings wird im Verlauf dieser Geschichte dem Abstraktionsvermögen eines selbständig lesenden Kindes, dessen reflektierendes Denken beim Lesen sich erst entwickeln muss, einiges abverlangt. Es geht beim Protagonisten dieses Bilderbuchs eben nicht, wie sonst zumeist üblich, um das, was er alles kann, sondern darum, was er alles schließlich nicht mehr kann. Und damit tritt der Fuchs in einer Art Spiegelsituation gleichsam rückwärts in die Phase des lesenden Kindes ein: Er lebt nur noch im Jetzt, in der reinen Gegenwart, die Reflexion ist ihm dabei abhanden gekommen. Wenn Kinderbücher etwas weglassen, etwas reduzieren, so tun sie das in der Regel, um eine Situation, ein Problem zu vereinfachen (didaktische Reduktion). Was in diesem Bilderbuch weggelassen wird, was hier nach und nach verschwindet und schließlich ganz fehlt, erschließt sich dem Verständnis eines Kindes nicht unbedingt auf den ersten Blick, sondern könnte es eher ratlos machen. Ob es der schwierigen Thematik wird folgen können, hängt sicher wesentlich von einer sensiblen Begleitung beim Lesen und Betrachten ab. Die Freude über das Augenzwinkern bei Strohhalm-, Schuh- und Amsel-Sequenz kommt dann schon ganz von selbst.


Rezensentin
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 29.07.2013 zu: Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor (Kinderbuch). arsEdition (München) 2013. ISBN 978-3-8458-0022-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14790.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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