socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jana Trumann: Lernen in Bewegung(en)

Cover Jana Trumann: Lernen in Bewegung(en). Politische Partizipation und Bildung in Bürgerinitiativen. transcript (Bielefeld) 2013. 320 Seiten. ISBN 978-3-8376-2267-6. 29,80 EUR.

Reihe: Edition Politik - 11.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Die Möglichkeit des auch immer „Anders-Möglichen“

„Wir sind das Volk“, diese demokratische und Selbst- und Mitbestimmung im Gesellschaft und Politik einfordernde Prämisse ist eingängig und mehrdeutig zugleich. Dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen sei, hat bereits Aristoteles postuliert. In den Zeiten des demokratischen, nach Freiheit rufenden Aufbruchs gewinnt die Frage nach Partizipation und Bildung eine herausfordernde Bedeutung (Stefan Aufenanger, Franz Hamburger, Rudolf Tippelt, Hrsg., Bildung in der Demokratie. Beiträge zum 22. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9417.php). Sie ist immer verbunden mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit (Christoph Broszies, Henning Hahn, Hrsg.,: Globale Gerechtigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus, 2010,www.socialnet.de/rezensionen/10481.php ), und danach, wie ein gutes Leben (für alle Menschen auf der Erde) bewerkstelligt werden kann (Luc Ferry, Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9345.php). Es ist immer auch das Geheimnis, wie die Herausforderung angenommen werden kann, Leben in der Gegenwart und Zukunft selbst gestaltend zu verändernd (Matthias Horx, Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9735.php); es sind die Anforderungen, Krisen zu bewältigen (Herfried Münkler / Matthias Bohlender / Sabine Meurer, Hg., Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10384.php), selbstautorisierte Strukturen als Bollwerk gegen lokale und globale ego- und ethnozentrierte Diskontinuitäten zu entwickeln (Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer, Netzwerk Kultur. Die Kunst der Verbindung in einer globalisierten Welt, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9770.php), Macht (Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php) und Herrschaft ( Ingo Elbe / Sven Ellmers / Jan Eufinger, Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13528.php ) zu erkennen und gegen Querläufe vorzugehen (Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14059.php). Dazu ist die Erkenntnis notwendig, dass Wahrheit eine Form des risikoreichen Lebens darstellt (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php) und Nonkonformismus eine Vision ist, der es nahe zu kommen gilt (Peter Brüger / Jörg Lau, Hrsg., Sag die Wahrheit. Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php). Es kommt darauf an, über scheinbare und tatsächliche Wirklichkeiten zu reflektieren (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php) und Politik als die Fähigkeit zu verstehen, Kompromisse zu schließen, diese aber auch kritisch zu betrachten (Avishai Margalit, Über Kompromisse – und faule Kompromisse, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11536.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

In dieser Gemengelage ist es erforderlich, die Frage danach zu stellen, was den Menschen gelingen lässt (Rainer Funk, Entgrenzung des Menschen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14189.php) und die Möglichkeiten zu erkunden, wie Wirklichkeiten erkannt und verändert werden können (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php). Dies freilich kann nicht im eigenen Kämmerlein erfolgen und auch nicht im egoistischen Kokon entstehen; vielmehr bedarf es der Erkenntnis und Erfahrung, dass in der globalisierten Welt Entwicklungen sich vollziehen, denen es zu widerstehen gilt (Bernhard Pörksen / Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13302.php; sowie: Bernhard Pörksen / Wolfgang Krischke, Hrsg., Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14641.php). Es bedarf aber auch der Einsichten in die neuen Formen von Macht- und Gemeinschaftsbildungen (Markus Gamper / Linda Reschke, Hrsg., Knoten und Kanten. Soziale Netzwerkanalyse in Wirtschafts- und Migrationsforschung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10555.php) und nicht zuletzt einer kritischen Auseinandersetzung mit den sozialen Netzwerken (Geert Lovink, Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14329.php).

Es ist deshalb interessant, dass die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen, Jana Trumann, ihre 2012 an der Universität Hamburg vorgelegte Dissertation „Lernen in Bewegung(en)“ veröffentlicht. Sie vermittelt damit Einblicke in die vielfältigen, kreativen Formen (Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php), wie sich politische Partizipation und Bildung in Bürgerinitiativen entwickeln und gestalten.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihr Buch neben der Einleitung und der Perspektivenzeige in die Kapitel: „Politische Partizipation und die Rolle politischer Bildung“, „Warum sind Bürgerinitiativen als politischer Lern- und Handlungsraum interessant?“, „Empirische Studien zu Lernprozessen im Kontext sozialer Bewegungen und bürgergesellschaftlichen Engagements“, „Lerntheoretische Überlegungen“, „Der Lern-Handlungsraum Bürgerinitiative in der empirischen Analyse“, „Beobachtungsprotokolle und Gruppengespräche in der Auswertung“, „Der Lern-Handlungsraum Bürgerinitiative – Ergebnisse der empirischen Analyse“, „Bürgerinitiative als Ort politischer Partizipation und Bildung“.

Der Partizipationsanspruch in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft fällt weder vom Himmel, noch kann er verordnet werden; vielmehr zeigen die gelingenden wie misslingenden Ansätze auf, dass bürgergesellschaftliches Engagement Wurzel und Säule für ein zivilgesellschaftliches Miteinander sein können (Sibylle Picot, Jugend in der Zivilgesellschaft. Freiwilliges Engagement Jugendlicher im Wandel, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14119.php). Es ist das Spannungsverhältnis zwischen den Möglichkeiten zur politischen Partizipation und den tatsächlichen politischen Bildungsprozessen, die sowohl bei spontan und situationsbedingt entstehenden Aktivitäten von Bürgerinnen und Bürgern, als auch bei institutionell gebildeten Bürgerinitiativen als soziale Bewegungen einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen.

Die Autorin betrachtet dazu zum einen historisch entstandene Aktivitäten und Projekte, wie sie sich z. B. in der Bürgerinitiativbewegung der 1970er Jahre entwickelt haben; und zum anderen aktuelle Initiativen, um daraus ein eigenes Forschungsdesign für Prozesse des selbstgesteuerten Lernens zu entwickeln. Selbstgesteuertes Lernen muss auf Einsicht beruhen, dem Willen, etwas Lernen zu wollen, der Fähigkeit, Lernen zu können und dem Bewusstsein, das erworbene Wissen formell und informell anwenden zu können. Es handelt sich also nicht um ein l`art pour l`art, auch nicht um verordnetes Lernen, sondern um ein im Alltagshandeln eingebettetes und von Gleichgesinnten oder in der näheren Lernumgebung mitgetragenes, aktives Denken und Handeln. „Der (politisch) Lernende wird … nicht mehr als passiver Konsument, sondern als aktiver Konstrukteur der eigenen Lebenswirklichkeit betrachtet“.

Die empirische Studie setzt an den genannten Grundlegungen und theoretischen Annahmen an, indem informelle, politische Lern- und Handlungspraxen bei Bürgerinitiativen dargelegt und analysiert werden, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen, indem nach den Lernanlässen gefragt und erkundet wird, welche Handlungsprobleme zu Lernproblemen werden; zum anderen, welche Lernhandlungen sich daraus ergeben. Durch teilnehmende Beobachtung und Gruppengespräche wurden die im Bielefelder Initiativenverbund „Stadtgestaltung“ zusammengefassten Bürgerinitiativen „Straßenbau“ (1993 gegründet), „Stadtautobahn“ (2002), „Naturschutz“ (2006), „Umgehungsstraße“ (1999) und „Naherholungsgebiet“ (2006) analysiert.

Zur Auswertung der Materialien und Ergebnisse bildet die Autorin sechs Schlüsselkategorien, mit denen sie die verschiedenen Aktionsformen kennzeichnet, als „kooperativ“, „reflexiv“, „aufnehmend“, „weitergebend“, „aktional“ und „individuell“ gliedert und jeweils verbindenden Lernhandlungen zuordnet: Kooperativ – individuell, Aufnehmend – Weitergebend, Aktional – Reflexiv. Daraus wird, in Fallbeispielen, Kommunikationsäußerungen und zusammenfassenden Analysen deutlich, dass es notwendig ist, abstrakte Situationen in den lebensweltlichen Zusammenhang der Beteiligten zu bringen: „Die Stärke von Bürgerinitiativen liegt … in der gemeinsamen Diskussion von Problemgegenständen und deren öffentlichen Diskussion, die neben der größeren Durchsetzungskraft dann auch in der intensiven Betrachtung des eigenen Lebenszusammenhangs und dessen inhärenten Problemzusammenhängen begründet ist“.

Fazit

Wer sich in Bürgerinitiativen engagiert, verfügt bereits über eine politische Kompetenz, so die landläufige Annahme. Mit der Studie „Lernen in Bewegung(en)“ jedoch zeigt die Autorin auf, dass individuelles Behagen und Unbehagen sich dann artikuliert, wenn es gelingt, die Determiniertheiten der eigenen Lebensführung kooperativ einzuheben und beim Lernen und Handeln in Bürgerinitiativen die Subjektperspektive in den Vordergrund zu bringen. Die sich daraus ergebenden Wirkungsmöglichkeiten lassen sich somit in vier Konsequenzen verdeutlichen: Lernhandlungen in Bürgerinitiativen folgen keiner Stufenlogik, sondern entwickeln sich als zirkulärer und gegenstandbezogener Prozess; die organisatorische und thematische Ausdifferenzierung der Lernhandlungen verlaufen als „qualitative Lernsprünge“ (Holzkamp); die in der Gruppe sich vollziehenden Informations- und Handlungsmöglichkeiten erweisen sich als Motivation für gesamtgesellschaftliches Handeln; kooperatives Lernhandeln motiviert für ein politisches, teilhabend aktives Bewusstsein. Das Individuum als „zôon politikon“ (Aristoteles) wird durch politisches Lernen und Handeln in Bürgerinitiativen in die Lage versetzt, eine „erweiterte() Verfügung von Welt“ wahrzunehmen: „Der Lern-Handlungsraum Bürgerinitiative kann damit als ein ‚Türöffner‘ für politische Partizipation und Bildung betrachtet werden“.

Das Plädoyer von Jana Trumann für politisches Lernen und für politische Bildung in Bürgerinitiativen verweist in erster Linie auf Formen der Erwachsenenbildung und zeigt informelle Möglichkeiten für politische Beteiligungsformen und politische Emanzipation und Partizipation auf; die Studie regt zudem an, eine „Kultur der Kritik“ auch in formalen, schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen zu etablieren, weil es keine Kultur ohne Kritik gibt (Georg Seeßlen).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.03.2013 zu: Jana Trumann: Lernen in Bewegung(en). Politische Partizipation und Bildung in Bürgerinitiativen. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2267-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14793.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Vorstand (w/m/d), Aschaffenburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung