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Christoph Held: Was ist „gute“ Demenzpflege?

Cover Christoph Held: Was ist „gute“ Demenzpflege? Demenz als dissoziatives Erleben – Ein Praxishandbuch für Pflegende. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2013. 144 Seiten. ISBN 978-3-456-85262-1. 19,95 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Demenzpflege ist gegenwärtig noch ein weites Feld, das von vielen teils kontroversen Ansätzen und Modellen konturiert wird. Wie soll man Demenzkranke pflegen und betreuen? Was bedeutet Selbstbestimmung in der Demenzpflege und wie gestaltet sich Pflege nach dem so genannten Normalitätsprinzip? Diese Fragen und noch viele mehr beschäftigen gegenwärtig die Praktiker und auch die Theoretiker. Die vorliegende Publikation aus der Schweiz enthält hierzu teils neue Sichtweisen.

Autor

Dr. med. Christoph Held ist als Heimarzt und Gerontopsychiater beim Geriatrischen Dienst der Stadt Zürich tätig. Des Weiteren wirkt er als Dozent an verschiedenen Fachhochschulen und als Fachbuchautor.

Diese Publikation entstand in Zusammenarbeit mit folgenden Personen, die überwiegend in Pflegeeinrichtungen der Schweiz tätig sind: Markus Biedermann, René Buchmann, Doris Ermini-Fünfschilling, Elisabeth Jordi, Reto W. Kressig, Bernadette Meier, Geri Meier, Andreas Monsch, Silvia Silva Lima und Bettina Ugolini.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in 12 Kapitel und einen Anhang unterteilt.

Kapitel 1 – Was bedeutet „gute“ Demenzpflege? – (Seite 15-21) führt übersichtartig und einleitend in die Thematik Demenz und Pflege ein. So werden in knappen Ausführungen die Aspekte Lebensqualität, Würde und auch der Kostendruck angeführt. Darüber hinaus werden Symptome der zunehmenden Hilflosigkeit in der Bewältigung des Alltags, die Unfähigkeit zur angemessenen Erfassung der äußeren Reizgefüge der Umwelt und das krankhaft gestörte Selbsterleben beschrieben. Defizite, die dazu führen, dass die Pflegenden für die Demenzkranken alle direkten und indirekten Interventionen zum Wohle der Betroffenen planen und durchführen.

Kapitel 2 – Dissoziatives Erleben und Selbsterleben bei Demenz – (Seite 23-29) enthält die Darstellung des Ansatzes des dissoziativen Erlebens bei Demenzkranken, der auf neuropathologischen Entkoppelungen bestimmter Hirnareale beruht, die zu Fehl- und Minderleistungen im Wahrnehmen und Handeln führen. Demenzkranke können sich in ihrem Tun teilweise nicht wiedererkennen. Sie wandern zum Beispiel ziellos umher, ohne dass es ihnen bewusst wird. Sie scheinen sich selbst nicht mehr wahrzunehmen, so wird das Handeln oft ein Verhaltensautomatismus gemäß der Einschätzung „denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dieses Empfinden von Fremdheit gegenüber dem Selbst und der Umwelt ist meist mit Furcht und Unruhe verbunden, denn sie spüren instinktiv ihre Hilflosigkeit und ihr Unvermögen in der Erfassung der realen Welt.

In Kapitel 3 – Ursache dissoziativen Erlebens bei Demenz: Neuropathologie und Diagnostik – (Seite 31-40) werden auf wenigen Seiten die Diagnosekriterien für Demenzen, die verschiedenen Klassifikationsformen wie degenerative und nichtdegenerative Demenzen und die bekanntesten Demenzarten wie Alzheimer, Frontallappendemenz, Lewy-Body-Demenz und vaskuläre Demenzen beschrieben. Des Weiteren wird knapp auf die Behandlung, die Diagnostik und die Schweregrade der Demenz eingegangen.

Die Kapitel 4 bis 10 (Seite 41-96) erläutern das „dissoziative Alltagsverhalten“ Demenzkranker anhand der Beispiele Waschen und Ankleiden, Kommunikation, Essen und Trinken, Ausscheidung, Sich-Bewegen, herausforderndes und schwieriges Verhalten und Sterben. Zu Beginn wird kurz das Konzept der Retrogenese von Barry Reisberg dargestellt. Es handelt sich um ein der Kindheitsentwicklung entgegengesetztes pathologisches Rückentwicklungsmodell. Es folgen Ausführungen über den Einsatz der basalen Stimulation im Zusammenhang mit Körperpflege und Ankleiden. Bezüglich der Kommunikation mit Demenzkranken wird u. a. auf Konzepte der Validation nach Naomi Feil und Nicole Richards eingegangen. Im Kapitel über Essen und Trinken wird u. a. auf Folgendes eingegangen: das Konzept der biografieorientierten Verpflegung, das Essen mit den Fingern („Fingerfood“), Bereitstellung von Nahrungsangeboten im Flurbereich für motorisch Unruhige („Food-Tankstellen“) und die „Fressjacke“ (Kittel mit vielen Taschen, in denen Leckereien für eine ständig wandernde Bewohnerin eingefügt sind). Bezüglich der Problematik „Ausscheidungen“ werden praxisnahe Tipps hinsichtlich der Kleidung, der Toilettengestaltung und der Medikation gegeben. Auch wird auf die psychoanalytische Interpretation des Ausscheidensprozesses als eine besondere Leistung hingewiesen. Im Kapitel über das Sich-Bewegen werden neben Strategien zur Vermeidung von Stürzen auf Formen musikalischer und rhythmischer Interventionen verwiesen. Überraschend lehnt der Autor Gestaltungsformen der Demenzarchitektur wie z. B. die in den Heimen bewährten Rundwanderwege bzw. Endlosflure ab. Im Kapitel „Herausforderndes und schwieriges Verhalten“ wird eingehend das Modell der BPSD („Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia“), demenzspezifische Verhaltensauffälligkeiten und Krankheitssymptome, eingegangen. Es folgen die Darstellung des Einsatzes von Psychopharmaka bei diesen Symptomen und anschließend der Hinweis, dass die „beste Medizin ohne Nebenwirkung“ letztlich der Umgang und die Betreuung der Demenzkranken ist. Den Abschluss des Kapitels bildet eine kurze Beschreibung der so genannten „Kontaktreflexion“ nach Garry Prouty, ein Element der so genannten „Prä-Therapie“, die ursprünglich für hospitalisierte und zugleich psychotische Patienten entwickelt wurde. Hieran schließt das Kapitel mit der Thematik „Dissoziatives Erleben beim Sterben“ an, in dem überwiegend über Aspekte der Sterbebegleitung referiert wird.

Kapitel 11 – Mit Angehörigen von Demenzkranken über dissoziatives Erleben sprechen – (Seite97-103) enthält vor allem Empfehlungen zur Verbesserung der Kontakte zwischen Pflegenden und Angehörigen und Ratschläge, wie das Besuchsverhalten zugunsten der Demenzkranken optimiert werden könnte.

Das abschließende Kapitel 12 – Dissoziatives Alltagserleben: Lebensraumgestaltung – (Seite 105-111) behandelt u. a. die Thematik demenzspezifischer Architektur und reflektiert kritisch den neuen Ansatz der so genannten „Demenzdörfer“.

Diskussion

Die Konzeption des Buches wird nach Auffassung des Rezensenten von dem Anspruch getragen, auf der Grundlage eines neuropathologischen Erklärungszusammenhanges die Verhaltensweisen und Reaktionen Demenzkranken zu erklären. Zu Recht wird darauf verwiesen, dass der krankhafte Abbauprozess Entkoppelungen (Diskonnektionen) in bestimmten Hirnarealen zur Folge hat, die zu Störungen in der Wahrnehmung der Umwelt und auch der eigenen Person führen. Leider wird dieser empirisch neurologische Ansatz im Kontext der Darstellung unterschiedlicher Strategien nicht stringent beibehalten. So werden z. B. diverse Modelle wie Validation, Psychoanalyse, basale Stimulation und Prä-Therapie angeführt, die in ihrer Genese und ihrem Selbstverständnis nach sich nicht in ein integrativ neurologisch fundiertes Modell einer Demenzpflege einfügen lassen. Dieses disparate unstrukturierte Nebeneinander kann letztlich nur als eine eklektizistische Vorgehensweise eingestuft werden, die der Komplexität des Gegenstandsbereiches nicht gerecht wird.

Fazit

Es bleibt festzustellen, dass es dem Autor nicht gelungen ist, einen empirischen Bezugsrahmen für die Demenzpflege zu entwickeln, der Impulse für die Pflege und Betreuung Demenzkranker in den Heimen enthalten könnte.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 05.02.2014 zu: Christoph Held: Was ist „gute“ Demenzpflege? Demenz als dissoziatives Erleben – Ein Praxishandbuch für Pflegende. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2013. ISBN 978-3-456-85262-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14800.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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