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Regine Hartung, Katty Nöllenburg u.a.: Interkulturelles Lernen. Ein Praxisbuch

Cover Regine Hartung, Katty Nöllenburg, Ö̈zlem Deveci: Interkulturelles Lernen. Ein Praxisbuch. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. 206 Seiten. ISBN 978-3-9541-4004-6. 24,80 EUR.
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Thema

Das Buch soll, wie der Untertitel verrät, Anregungen für die pädagogische Praxis geben, wobei die Herausgeberinnen speziell die schulische Praxis im Auge haben. Es handelt sich um eine der Publikationen zur Überwindung der Kluft zwischen der Programmatik und der Praxis interkulturellen Lernens, die insofern einen Nachholbedarf decken, wenn auch nicht um die erste mit dieser Zielsetzung, wie in der Einleitung suggeriert (S.7).

Herausgeberinnen

Die drei Herausgeberinnen sind in Hamburg pädagogisch engagiert. Regine Hartung leitet seit Jahren die Beratungsstelle Interkulturelle Erziehung am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Katty Nöllenburg ist Leiterin des Instituts für Konfliktaustragung und Mediation in Hamburg und Özlem Deveci arbeitet als Lehrerin und Sprachlernkoordinatorin an der Stadtteilschule H-Wilhelmsburg. Außerdem ist sie Sprecherin des Netzwerks „Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte“.

Entstehungshintergrund

Wie schon angedeutet, besteht ein großer Nachholbedarf bezüglich der Umsetzung der interkulturellen Programmatik in der schulischen Praxis, den auch die Herausgeberinnen registrieren, die alltäglich bemüht sind, die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überwinden. Sie stützen sich zum Teil auf von ihnen angeregte, begleitete oder selbst durchgeführte Beispiele von „best practice“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch stellt Unterrichtsvorhaben und Projekte vor, soll aber auch Praxisbeispiele und Empfehlungen zur Zusammenarbeit mit Eltern und generell zur interkulturellen Schulentwicklung bieten. Entsprechend ist der Inhalt gegliedert.

In Kapitel I wird den Leserinnen und Lesern vermittelt, welche pädagogische „Grundhaltung“ interkulturelle Bildungsarbeit verlangt und was darunter verstanden werden sollte. Schon vorher haben die Herausgeberinnen im Vorwort betont, wie wichtig es sei, „die eigenen Prägungen als Lehrkraft wahrzunehmen“ (S:8). R. M. Queslati ist in seinem Beitrag bemüht, das immer noch verbreitete Verständnis von interkultureller Bildung, das sich einseitig auf kulturelle Differenzen und noch dazu auf eng gefasste (national)kulturelle Differenzen bezieht, zu korrigieren. Er zeigt die Absurdität kulturalistischer Vereinfachungen auf (Beispiel Döner-Tasche, S.28) und stellt klar, dass die Diskriminierung von Minderheiten aufgrund von Normalisierungspraktiken generell als pädagogische Herausforderung zu begreifen ist (S.30) und dass es gilt, die Ethnisierung von Schülern zu vermeiden (S.32).

In Kapitel II („Interkultureller Fachunterricht“) beschreibt ein Religionslehrer, wie die Gestaltung des „Reliraums“ an einem Gymnasium religiöse Vielfalt repräsentiert und Anstöße zur Beschäftigung damit gibt. Im Beitrag über interkulturellen Musikunterricht wird vor stereotypen Zuschreibungen gewarnt, was Musikvorlieben von Schülern angeht, und stark auf die Eigeninitiative der Schüler/innen gesetzt. Unter der Zwischenüberschrift „Interkultureller Sprachunterricht – in jeder Sprache möglich“ folgen Berichte aus diesem Praxisbereich. Unter anderem wird vorgeführt, wie die Arbeit mit Gedichten der Migrationsliteratur „reflexionsfördernde interkulturelle Dialoge“ anstößt, Selbstverständlichkeiten hinterfragen lässt und Rolle und Funktion der Sprache bewusst machen kann (S.65). Sehr viele methodische Anregungen enthält der vierte Beitrag zur kreativen Arbeit mit Romanen. Mit einem Roman, dessen Protagonisten hispanische Jugendliche in Chicago sind, hat der Autor den Verfremdungseffekt genutzt und so die Schüler/innen zur Reflexion ihrer eigenen Situation und zur Perspektivenübernahme veranlasst. Im nächsten Beitrag berichtet Özlem Deveci, wie sie im herkunftssprachlichen Unterricht (Türkisch) einer 9. Klasse mit interaktiven Übungen bei den Schülerinnen und Schülern Reflexionsprozesse über eigene Wertvorstellungen, intraethnische Vielfalt, Klischees und Vorurteile etc. in Gang gesetzt hat. Bemerkenswert ist das Ergebnis, dass bei unveränderten Wertvorstellungen die Wertung von Verhaltensweisen situationspezifischer und flexibler wurde (S.77). In einem weiteren Beitrag wird eine Übungsfolge geschildert, die darauf abzielt, durch Irritationen gängige Klischees in Frage zu stellen.

In Kapitel III wird zuerst ein Anti-Bias-Training für Lehrkräfte vorgestellt, das diese auch befähigen sollte, einschlägige Übungen mit ihren Schülern durchzuführen. Dann berichten drei Lehrer/innen, eine(r) aus einer Hamburger Stadtteilschule und zwei von Gymnasien über Projekte mit interkultureller Zielsetzung. Der dritte Beitrag handelt von einem „Sprachen-Tandemprojekt“ an einer Stadtteilschule, bei dem Schüler/innen sich gegenseitig über selbst gewählte Sprachen kundig machen. Hervorhebens wert dabei die „Erstellung einer individuellen Sprachenbiographie“ als Ausgangspunkt (S.110). Lesenswert ist der folgende Bericht eines Sozialpädagogen über Jungenarbeit an einer Stadtteilschule mit dem Ziel, traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit aufzubrechen, aber auch einen sichernden „Hafen“ zu bieten und das Verhaltensrepertoire zu erweitern. Es folgen Reporte über ein Peer-Programm, wo ältere Schüler/innen die Patenschaft für jüngere übernommen haben, und über ein Mentoring-Projekt, bei dem erfolgreiche Absolvent/inn/en der Schule mit Migrationshintergrund eingeladen wurden, um sich als Vorbilder zu präsentieren.

Kapitel IV „Zusammenarbeit mit Eltern im interkulturellen Kontext“ bringt Berichte über erfolgreiche Ansätze an verschiedenen Schulen, über die Erfahrungen mit einem schulischen Elterncafé, mit einem themenzentrierten Sprachunterricht für Mütter und mit einem Vätertreff, der mit vielfältigen Aktivitäten verbunden ist. Beeindruckend ist die Schilderung, wie eine Schule in einem marginalisierten Stadtteil (hoher Anteil an „Hartz IV“ und Migrantenfamilien) es fertig gebracht hat, die Teilnahme der Eltern an Elternabenden etc. mindestens zu vervierfachen und Eltern auch zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen. Das zeigt, was möglich ist, wenn man Barrieren, unter anderem sprachliche, abbaut.

In Kapitel V geht es um Konzepte der Schulentwicklung. Da wird zu bedenken gegeben, dass Krisen und Konflikte bei richtiger Moderation entwicklungsfördernd sein können. Es wird knapp über die Arbeit der UNESCO-Projektschulen informiert. Ein Schulsozialarbeiter berichtet über ein interkulturelles Programm mit aufeinander aufbauenden „Bausteinen“ an seiner Schule. Man erfährt, wie gewinnbringend die Netzwerke „Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte“ für ihre Mitglieder sind. Eine Journalistin schildert ihre Hoffnung weckenden Eindrücke von einer Stadtteilschule mit einer sehr vielfältigen Schülerschaft und Regine Hartung gibt abschließend Empfehlungen oder Tipps, wie der oder die einzelne an der eigenen Schule den Prozess der interkulturellen Öffnung in Gang setzen könnte.

Diskussion

Entgegen den einleitenden Bemühungen um ein erweitertes Verständnis „kultureller“ Differenzen und damit der Aufgaben interkultureller Bildung bleiben die Beiträge der Praktiker/innen noch stark auf Migrationspädagogik fixiert. Zwar ist die Sensibilisierung für Stereotypisierungen und Vorurteile bestimmend. Vorurteilsbewusstheit heißt das Ziel. Aber strukturelle Diskriminierung bleibt unterbelichtet. Beispiele für politische Bildung in diesem Sinn sucht man vergebens. Der Anregungsgehalt einiger Beiträge, vor allem in den letzten beiden Kapiteln, bleibt außerdem bescheiden. Die dortigen Praxisbeispiele und Empfehlungen gehen selten über das hinaus, was glücklicherweise schon vielfach praktiziert wird. Aber immerhin wird zum Teil gezeigt, was möglich ist und so dem Fatalismus entgegen gearbeitet. Einige nachahmenswerte Beispiele pädagogischer Praxis findet man in den Kapiteln zwei, drei und vier. Nebenbei gesagt, ist die Zuordnung der Beiträge zu den Kapiteln nicht immer einleuchtend. Aber für ein Praxisbuch ist das sekundär.

Fazit

Zumindest aus Teilen des Buches können sich Lehrer/innen wertvolle Anregungen und Ermutigung für die eigene Arbeit holen. Deshalb sind sie nicht schlecht beraten, wenn sie danach greifen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 22.05.2013 zu: Regine Hartung, Katty Nöllenburg, Ö̈zlem Deveci: Interkulturelles Lernen. Ein Praxisbuch. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. ISBN 978-3-9541-4004-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14809.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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