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Sebastian Schröer: HipHop als Jugendkultur?

Cover Sebastian Schröer: HipHop als Jugendkultur? RabenStück Verlag (Berlin) 2013. 266 Seiten. ISBN 978-3-935607-56-8. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR, CH: 19,58 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch setzt sich mit der HipHop-Kultur auseinander und stellt in Frage, dass es sich dabei um ein rein jugendspezifisches Phänomen im Sinne einer Jugendkultur handelt. Die Klärung der Zielgruppe und ihres auf Szenen bezogenen Handelns dient abschließend als Grundlage für Überlegungen des Autors zur Praxis Sozialer Arbeit.

Zum Autor

Dr. Sebastian Schröer, Dipl.-Sozialarbeiter/ Sozialpädagoge (FH), Studium der Sozialen Arbeit an der Hochschule Zittau/Görlitz und der Soziologie an der Technischen Universität Dresden verfügt über Berufspraxis in der Kinder- und Jugendarbeit sowie der (Jugend-) Berufshilfe sowie Erfahrung als Lehrender an verschiedenen Hochschulen und Universitäten im Bereich Soziale Arbeit.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Die Publikation ist eine Fassung der Dissertation mit gleich lautendem Titel, die als ethnographische Studie angelegt worden ist.

In den vier Kapiteln wird zunächst HipHop als Kulturphänomen beschrieben, dann zeigt der Autor den theoretischen und methodologischen Rahmen seiner Studie auf. Darauf aufbauend folgt eine Schilderung des HipHop als Soziale Welt, um das Buch dann mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und einem Ausblick abzuschließen.

Inhalt

Im ersten Kapitel führt Sebastian Schröer in die einzelnen künstlerischen Ausdrucksformen des HipHop sowie die Geschichte dieser Kultur ein und beschreibt anschließend die Situation in Deutschland. An diesen Überblick knüpft er seine Überlegungen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Jugendkulturen bzw. juvenilen Szenen an, die nach Ansicht des Autors insofern problematisch ist, als er die Verknüpfung der Lebensphase Jugend mit der sozialen Praxis einer Szene – in diesem Fall dem Phänomen HipHop – grundsätzlich in Frage stellt. Daraus ergibt sich als leitende Fragestellung seiner Untersuchung, ob HipHop überhaupt als Jugendkultur betrachtet werden kann. Zur theoretischen Verortung und dem methodologischen Rahmen der Studie dient das zweite Kapitel, in dem Schröer zunächst die Interaktionistische Handlungstheorie nach Anselm Strauss vorstellt und diese mit dem Szenekonzept von Ronald Hitzler, Thomas Bucher und Arne Niederbacher verknüpft. Die Untersuchung führte der Autor dann nach dem Grounded Theory Approach durch, den er ausgehend von der Entwicklung durch Anselm Strauss und Barney Glaser darstellt um dann seinen eigenen Zugang zum Forschungsfeld zu beschreiben. Kapitel drei widmet sich unter der Überschrift „HipHop als soziale Welt“ einer sorgfältigen Annäherung an die Szene, zunächst mit der Außenwahrnehmung anhand von Beispielen aus der Lokalpresse, dann über die – mit zahlreichen Interviewausschnitten der Forschungstätigkeit veranschaulichten – Beschreibung von Werten, Themen und Distinktionsmerkmalen bis hin zur konkreten Handlungspraxis der so genannten „battles“. Kapitel vier dient der abschließenden Diskussion, der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die Bezeichnung „Jugendkultur“ für HipHop unzutreffend sei und schlägt vor, stattdessen den Begriff „juvenile Szene“ zu verwenden.

Diskussion

Die Publikation ist akribisch verfasst und beschreibt die HipHop-Szene sehr genau und nachvollziehbar. Schröers Beobachtungen sind wenig überraschend, es handelt sich im Wesentlichen um eine empirische Bestätigung vielfältiger bereits bekannter Aspekte. Der Autor wägt in seiner gesamten Darstellung eine größtmögliche Menge an Aspekten ab und geht dabei akkurat vor. Zwischen den Zeilen wird gleichzeitig deutlich, dass HipHop und seine Ausdrucksformen offenbar noch immer eine Nische im gesellschaftlichen bzw. akademischen Bewusstsein darstellen, wenn Schröer auf S. 108 schildert, dass szenetypische Begriffe Verunsicherung hervorrufen würden oder aber seine inflationäre Verwendung von Anführungszeichen in den ersten Abschnitten aufzeigt, dass sich die Publikation an Adressaten richtet, die erstmals eine Publikation über diese Szene lesen. An Jugendkulturen interessierte Leserinnen und Leser dürften sich eher an dieser Distanzierung stören. Das Buch kann seinen Ursprung als akademische Qualifikationsarbeit in den ersten beiden Kapiteln nicht kaschieren. Für an solchen Forschungsarbeiten interessierte Personen kann das insofern reizvoll sein, als Sebastian Schröer nachvollziehbar demonstriert, wie eine qualitative Forschung in Jugendszenen durchgeführt werden kann.

Besonders lesenswert ist das dritte Kapitel dieser Publikation, denn es gelingt dem Autor hier aufgrund einer engmaschigen Analyse seiner Interviews in Verbindung mit der verwendeten Literatur ein gründliches Verständnis für die HipHop-Szene in Deutschland zu ermöglichen. Seine Ausführungen bieten einen umfangreichen Fundus an Aspekten und sind entsprechend anregend für eine Diskussion im vierten Kapitel. Hier allerdings bleibt die Publikation einiges schuldig. Die Frage nach HipHop als Jugendkultur wird erwartungsgemäß verneint und durch die Einführung des Begriffes „juvenile Szene“ ein Vorschlag gemacht, dessen Innovationskraft je nach Haltung unterschiedlich bewertet werden dürfte: Wer mit dem Begriff „Jugendkultur“ gut arbeiten konnte, wird ihn eher weiterhin verwenden, mit der altvertrauten Einschränkung, dass in der Regel auch Erwachsene daran teilhaben. Mit dem Themenfeld befasste Personen haben wenig neue Aspekte gewonnen und die auf dem Klappentext in Aussicht gestellten „Konsequenzen für die Praxis Sozialer Arbeit“ stellen sich als an die Studie angefügte gut drei Druckseiten heraus, deren Relevanz die Leserinnen und Leser für sich selbst bewerten müssen.

Fazit

Bei der Abwägung der Frage, ob HipHop eine Jugendkultur sei, wird deutlich, dass Schröers Verständnis des Begriffes nur eine mögliche Sichtweise darstellt. Sein Verständnis von Jugendkulturen im Sinne einer unmittelbaren Kopplung sozialer Praxis an die Lebensphase Jugend lässt keinen Raum für den Gebrauch des Begriffes im Sinne verschiedener von Jugendlichen entwickelten, aber selbstständig weiterbestehenden Kulturformen. So ist sein Argument, Jazz sei „aus ,Kulturen Jugendlicher‘ hervorgegangen, inzwischen käme jedoch kaum mehr jemand auf die Idee, von Jugendkulturen zu sprechen“ (S. 232) bei genauer Betrachtung gar keins – Jazz hat auch zu einem früheren Zeitpunkt der Diskussion aus gutem Grund keine solche Einordnung als Jugendkultur erfahren, wie es beispielsweise bei Rock'n'Roll, Beat, Techno oder eben HipHop der Fall war. Und deren Einordnung als Jugendkultur bleibt davon unberührt, dass die Protagonisten z.T. schon das Rentenalter erreicht haben, weil das Wesen der jeweiligen kulturellen Praxis unmittelbar dem Handeln Jugendlicher entsprungen ist. Im konkreten Fall liegt das Problem möglicherweise darin, dass nach Jahrzehnten abwechslungsreicher jugendkultureller Entwicklungen eine Stagnation eingesetzt zu haben scheint und die Dominanz von HipHop über einen sehr langen Zeitraum besteht, ohne dass diese Jugendkultur erkennbar abgelöst wird. Diesem von Schröer auch erkannten besonderen Aspekt des HipHop widmet sich die Publikation leider kaum, was insofern bedauerlich ist, als die Frage nach dem Altern der Jugendkultur selbst von ebensolchem Interesse sein kann, wie die Frage nach dem Altern ihrer Protagonisten. Dass die „Kultur der (eigenen) Jugend“ auch nach der Adoleszenz weitergelebt werden kann, ist keine neue Feststellung und hat der Verwendung des Begriffes Jugendkultur auch im wissenschaftlichen Kontext bislang nicht ernsthaft geschadet. Insofern scheint der Vorschlag, zukünftig von „juvenilen Szenen“ zu sprechen, von akademischer Natur zu sein. So nachvollziehbar er auch begründet ist: Die Notwendigkeit dafür wird sich in den Debatten und Publikationen der nächsten Jahre erweisen müssen.


Rezension von
Prof. Dr. Thomas Grosse
Professor für Ästhetische Kommunikation mit Schwerpunkt Musik in der Sozialen Arbeit, Rektor der Hochschule für Musik Detmold
Homepage www.hfm-detmold.de
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Zitiervorschlag
Thomas Grosse. Rezension vom 25.04.2013 zu: Sebastian Schröer: HipHop als Jugendkultur? RabenStück Verlag (Berlin) 2013. ISBN 978-3-935607-56-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14813.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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