Matthias Brungs, Vanessa Kolb: Zeitarbeit als Chance für arbeitslose Menschen?
Rezensiert von Prof. Dr. jur. Frank Ehmann, 14.10.2013
Matthias Brungs, Vanessa Kolb: Zeitarbeit als Chance für arbeitslose Menschen? Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. 90 Seiten. ISBN 978-3-86226-216-8. D: 18,80 EUR, A: 18,80 EUR, CH: 21,00 sFr.
Reihe: Perspektiven Sozialer Arbeit in Theorie und Arbeit - 1.
Autor und Autorin
Prof. Dr. Matthias Brungs ist Diplom-Psychologe und Diplom-Pädagoge und leitet den Studiengang Bildung und Beruf an der Fakultät Sozialwesen der DHBW Villingen-Schwennigen; Vanessa Kolb ist Sozialarbeiterin (B.A.) und arbeitet in einem Jobcenter.
Aufbau
Die wissenschaftliche Studie gliedert sich in zwei Teile:
- In einem theoretischen Teil werden terminologische, rechtliche und sozialpolitische Aspekte der Zeitarbeit analysiert. Argumente für und gegen Zeitarbeit werden einander gegenübergestellt.
- In einem empirischen Teil wird mit der Methode qualitativer Experteninterviews gearbeitet und die Befragung von je zwei Personen aus Personaldienstleistungsunternehmen, Entleihbetrieben, Fallmanager aus Jobcentern und Leistungsberechtigten im Arbeitslosengeld II -Bezug ausgewertet.
Inhalt
Die wissenschaftliche Untersuchungen befasst sich mit der aktuellen intensiv diskutierten Fragestellungen, inwieweit die Zeitarbeit als umfangreich in bestimmten Beschäftigungszweigen eingesetzte Form des Arbeitsverhältnisses geeignet ist, einen Einstieg arbeitsloser Menschen in reguläre Beschäftigungsformen zumindest zu erleichtern.
Dargestellt werden Arbeitsmarktpolitik sowie Ursachen und Form der Arbeitslosigkeit mit Ihren individuellen Folgen und Auswirkungen auf die Betroffenen ebenso wie die gegenwärtigen Instrumente zur Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt. Ausführlich untersucht wird die Zeitarbeit mit Ihren strukturellen Erscheinungsformen. Argumentativ gegenübergestellt werden die Aspekte, die für und gegen die Zeitarbeit als Eingliederungsinstrument sprechen. In der Untersuchung werden dabei, besonders kontroverse Aspekte der Zeitarbeit (z,B. kurze Beschäftigungsdauer, Vergütung, soziale Integration aber auch Missbrauch von Zeitarbeit und die Gesundheit von Leiharbeitnehmern) angesprochen.
Dabei kommt es zu einem kritischen Befund: gesetzliche und tarifrechtliche Schutzmechanismen zugunsten der „verliehenen“ Arbeitnehmer greifen nur unzureichend ein. Prinzipien wie „equal pay“ und „equal treatment“ im Verhältnis zu den anderen Beschäftigen in den Entleihbetrieben werden nicht hinreichend umgesetzt. Trotz dieser negativen Aspekte könnte die Zeitarbeit insbesondere bei Personen mit geringen Berufsqualifikationen eine Beschäftigungsperspektive eröffnen, die ansonsten nicht besteht und die über eine längere Beschäftigungsdauer auch dazu führen könnte, dass berufsqualifizierende Kompetenzen erworben werden. Gerade für diese Gruppe der von Erwerbslosigkeit Betroffenen kommt die Studie aber kaum zu einem positiven Ergebnis: Chancen eröffnet werden durch die Zeitarbeit eher für Personen, die bereits eine Qualifikation mitbringen. Die Experteninterviews selbst zeichnen ein sehr heterogenes Bild; dies ist letztlich auf Grundlage des Näheverhältnisses der Interviewpartner zu den jeweiligen Akteuren und Beteiligten im Rahmen der Zeitarbeit kaum überraschend.
Fazit
In der aktuellen arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Diskussion wirkt die Instrumentalisierung der Zeitarbeit und ihre Resonanz in den Medien eher wie ein trojanisches Pferd, mit dem Argumente unterschiedlicher Interessensgruppen transportiert werden. Tatsächlich erbringt die Zeitarbeit kaum nennenswerte und dauerhafte Eingliederungseffekte für diejenigen Arbeitslosen, die sie dringend benötigen: Langzeitarbeitslose Menschen ohne spezifische Berufsqualifikation. Dies bestätigt letztlich auch die hier vorliegende Studie. In der Bewertung überwiegt letztlich die Skepsis. Die Vielfalt von Nachteilen für einen größeren Personenkreis der Beschäftigten in Zeitarbeit steht kaum in einem angemessenen Verhältnis zu einer vagen Eingliederungshoffnung für wenige Erwerbslose.
Rezension von
Prof. Dr. jur. Frank Ehmann
Rechtsanwalt
Mailformular
Es gibt 11 Rezensionen von Frank Ehmann.




