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Barbara Stambolis (Hrsg.): Vaterlosigkeit in vaterarmen Zeiten

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 17.09.2013

Cover Barbara Stambolis (Hrsg.): Vaterlosigkeit in vaterarmen Zeiten ISBN 978-3-7799-2864-5

Barbara Stambolis (Hrsg.): Vaterlosigkeit in vaterarmen Zeiten. Beiträge zu einem historischen und gesellschaftlichen Schlüsselthema. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 216 Seiten. ISBN 978-3-7799-2864-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.

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Herausgeberin

Barbara Stambolis ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn.

Thema

Viele Kinder im 20. Jahrhundert, so ein Viertel der deutschen Kriegskinder, sind vaterlos aufgewachsen. Welche Auswirkungen hatte das? In den letzten zehn Jahren kann ein vermehrtes Interesse an diesem vernachlässigten Thema beobachtet werden.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf einer Tagung, die im September 2011 zu diesem Thema in Münster an der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus stattfand.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einführung durch die Herausgeberin beschäftigt sich Micha Brumlik mit dem Fehlen der realen Vaterlosigkeit in Mitscherlichs „Vaterloser Gesellschaft“. Er stellt heraus, dass die deutsche Gesellschaft in den Jahren zwischen 1914 und 1960 tatsächlich „vaterlos“ war und analysiert die „Vaterlosigkeit“ in der Literatur.

Roland Eckert referiert Erfahrungen einer Altersgruppe, die sich in den 1960er Jahren mit ihren Vätern auseinandersetzte und thematisiert dabei individuelle und kollektive Traumata in der zweiten Generation und berücksichtigt dabei Triumph, Opfertrauma und Tätertrauma.

Vera King geht in ihrem Beitrag der Frage nach, welche längerfristigen Auswirkungen die symbolische und reale Vaterlosigkeit infolge der NS-Zeit auf das Selbstverständnis, Praxis und Erleben von Vaterschaft und Elternschaft hatte. Sie bringt Phänomene wie die „Flucht in die Arbeit“ nach der Geburt eines Kindes oder die Diskussion um und die Praxis beim Umgang mit der Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft damit in Verbindung und charakterisiert diese im internationalen Vergleich als typisch deutsche Probleme.

Jürgen Reulecke beschreibt das Aufwachsen der Jungen im frühen 20. Jahrhundert ohne Vatervorbild und geht erst auf die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, in der der Begriff der vaterlosen Gesellschaft geprägt wurde, ein und arbeitet Ähnlichkeiten und Unterschiede nach 1945 heraus.

Die nächsten beiden Beiträge beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit einer Untersuchung zu vaterlos aufgewachsenen Mädchen (Geburtsjahrgänge 1933 bis 1945). Insa Fooken untersucht mit entwicklungspsychologischer Brille die Lebensverläufe dieser Töchter und sucht die Spuren der „toten Kriegsväter“. Sie stellt fest, dass die Spuren dieser frühen Lebensereignisse nachhaltige, aber durchaus unterschiedliche Folgen im weiteren Lebensverlauf hinterlassen haben. Wichtig scheint es, dass in irgendeiner Weise die Beziehung zum toten Vater geklärt wurde. Barbara Stambolis berichtet aus der gleichen Studie. Ein wichtiger Aspekt ist, dass im Lebensrückblick die Sehnsucht angesprochen wird, die im Titel des Beitrags aufgegriffen wurde: „Es hat mich niemand ins Leben geführt“.

Lu Seegers berichtet von Interviews mit Männern und Frauen, die in der DDR, der BRD und in Polen kriegsbedingt ohne Väter aufwuchsen. Es wird deutlich, welche Erfahrungen die Betroffenen in den einzelnen Ländern machten und daraus resultierend welche Selbstdeutungen sie diesen zuschrieben, abhängig vom politischen System, dem Geschlecht, der Schicht usw.

Von einer anderen Perspektive nähert sich Klaus Lieberz den Fragen nach Auswirkungen von Vaterlosigkeit. Er berichtet aus Langzeitstudien (Mannheimer Kohortenprojekt, Mannheimer Risikokinderstudie, Kauai-Studie) und kommt zu dem Schluss, dass Väter unzweifelhaft sehr bedeutsam für die Entwicklung eines Kindes sind. Vaterlosigkeit per se sei aber kein entscheidendes Kriterium für seelische Gesundheit; es könne besser sein keinen Vater zu haben als einen schlechten und thematisiert die Auswirkungen von väterlicher psychischer Erkrankung oder Alkoholabhängigkeit.

In einem kurzen Beitrag verdeutlicht Martin Teising an einem Fallbeispiel aus seiner psychoanalytischen Praxis die Bedeutung des Vaters, der inneren Vorstellung des Vaters, für Männer im höheren Lebensalter. Diese sind auch in höherem Alter bedeutsam und haben die sozialen Beziehungen ein Leben lang nachhaltig beeinflusst.

In Märchen geht es thematisch häufig um die Entwicklungsaufgabe der Ablösung von den Eltern. Gudrun Lehmann-Scherf analysiert, wie Mütter und Väter in Märchen dargestellt werden und erläutert beispielhaft an drei Fallbeispielen die therapeutische Arbeit mit einem Märchen.

Abschließend arbeitet Karin Weglage am Beispiel eines vaterlos aufgewachsenen Mannes und dessen mittlerweile erwachsenen Sohnes, dass es hilfreich ist, wenn dieses Thema in Familiengesprächen aufgegriffen wird.

Diskussion

Die emotionale Hemmung der Eltern in den 50er und 60er Jahren ist wiederholt beklagt worden, ausgedrückt in wenig Herzlichkeit und wenig körperlicher Nähe zu den Kindern. In diesem Buch wird dies mit deren eigenen Erfahrungen, vor allem mit dem vaterlosen Aufwachsen, in Verbindung gebracht.

Diese Generation scheint sich erst jetzt, nach dem Eintritt in den Ruhestand, öffentlich intensiver mit ihrer Kindheit zu beschäftigen. Im Familienkreis fand dies manchmal schon ein paar Jahre früher statt (zum Beispiel bei gemeinsamen Reisen zu Stätten der elterlichen Kindheit). Eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema finde ich wichtig, denn wie Kierkegaard in einem Beitrag zitiert wird: „Das Leben wird zwar vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden“.

Obwohl sich die meisten Beiträge mit der Vaterlosigkeit der Kriegsgeneration befassen, bringen weitere Beiträge interessante Aspekte in die Diskussion, so zum Beispiel der Blick auf Langzeitstudien zur Risiko- und Schutzfaktoren oder zur Rolle des Vaters und der Mutter im Märchen.

Bemerkenswert ist auch, dass das die Autorinnen und Autoren schwerpunktmäßig zwei Richtungen zuzuordnen sind, den Geschichtswissenschaften und der Psychoanalyse.

Fazit

Das Buch ist für Leserinnen und Leser, die an diesem Thema interessiert sind, eine bereichernde Lektüre.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 194 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 17.09.2013 zu: Barbara Stambolis (Hrsg.): Vaterlosigkeit in vaterarmen Zeiten. Beiträge zu einem historischen und gesellschaftlichen Schlüsselthema. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2864-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14824.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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