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Gerhard Hirscher, Eckhard Jesse (Hrsg.): Extremismus in Deutschland

Cover Gerhard Hirscher, Eckhard Jesse (Hrsg.): Extremismus in Deutschland. Schwerpunkte, Vergleiche, Perspektiven. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 608 Seiten. ISBN 978-3-8487-0090-5. D: 89,00 EUR, A: 91,50 EUR, CH: 125,00 sFr.

Reihe: Extremismus und Demokratie - Band 26.
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Thema und Entstehungshintergrund

Auf den Seiten des Bundesamtes für Verfassungsschutz findet man unter der Rubrik „Häufig gestellte Fragen“ folgende Formulierung: „Als extremistisch werden die Bestrebungen bezeichnet, die gegen den Kernbestand unserer Verfassung – die freiheitliche demokratische Grundordnung – gerichtet sind. Über den Begriff des Extremismus besteht oft Unklarheit. Zu Unrecht wird er häufig mit Radikalismus gleichgesetzt. So sind z. B. Kapitalismuskritiker, die grundsätzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung äußern und sie von Grund auf verändern wollen, noch keine Extremisten. Radikale politische Auffassungen haben in unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung ihren legitimen Platz. Auch wer seine radikalen Zielvorstellungen realisieren will, muss nicht befürchten, dass er vom Verfassungsschutz beobachtet wird; jedenfalls nicht, solange er die Grundprinzipien unserer Verfassungsordnung anerkennt.“ (Bundesamt für Verfassungsschutz, o. J.; Internetquelle).

Auch für die Herausgeber, Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes ist die Haltung zum demokratischen Verfassungsstaat quasi der Lackmustest, mit dem sich die Extremisten und Extremismen von den Demokraten scheiden lassen. Überdies: „Alle Formen des Extremismus sind durch Freund-Feind-Stereotypen charakterisiert, durch ein hohes Maß an ideologischem Dogmatismus und in der Regel durch ein Missionierungsbewusstsein“ (S. 9f.). Die theoretischen Grundlagen einer solchen Extremismusbetrachtung wurden bereits 1989 von Uwe Backes (1989) gelegt. Die Prämissen, Konsequenzen und methodischen Instrumentarien der darauf aufbauenden „vergleichenden Extremismusforschung“ sind in den Wissenschaftlergemeinschaften nicht unumstritten, da sie eine Gleichsetzung von Linksextremismus und Rechtsextremismus nahelegen und so von der besonderen Problematik und Gefährlichkeit des Rechtsextremismus abzulenken scheinen (Vgl. z. B. Butterwegge, 2010; Decker et al. 2006; Neugebauer, 2000). Decker u. a. (2010, S.14) meinen, die „Extremismustheorie“ von Jesse und Backes werde zwar als Gesamtkonzept von den meisten zum Thema arbeitenden Forscher/innen abgelehnt, obwohl viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zumindest mit Modifikationen dieses theoretischen Ansatzes arbeiten würden.

Die Beiträge im vorliegenden Band sind das Ergebnis einer kontinuierlichen Reihe von Veranstaltungen, die die Herausgeber seit 2007 bei der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung durchführen. In ihrer Einleitung machen die Herausgeber deutlich, dass die vergleichende Extremismusforschung rechtsextremistische und linksextremistische Phänomene und die Spielarten des Islamismus zwar nicht gleich setze, bei allen Unterschieden aber Gemeinsamkeiten der Extremismen nicht übersehen werden dürfen (S. 11).

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Dr. Gerhard Hirscher ist Referent für Grundsatzfragen der Politik, Parteien- und Wahlforschung an der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in München. Gemeinsam mit anderen Autoren (z. B. Karl-Rudolf Korte, Armin Pfahl-Traughber oder Reinhard C. Meier-Walser) hat er in den letzten Jahren u. a. Buchpublikationen zum Kommunikationsmanagement der politischen Führung, zum Aufstieg und Fall von Regierungen, zu Krise und Reform des Föderalismus oder zur Geschichte und Gegenwart der extremen Linken in Deutschland vorgelegt. Prof. Dr. Eckhard Jesse ist Professor für politische Systeme und politische Institutionen an der Technischen Universität Chemnitz. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Demokratie-, Extremismus- und Totalitarismus- und Wahl- und Parteienforschung, das politische System der Bundesrepublik Deutschland sowie die historischen Grundlagen der Politik. Neben zahlreichen Aufsätzen und Büchern (als Allein- oder Mitautor bzw. -herausgeber) gibt Eckhard Jesse gemeinsam mit Uwe Backes vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden seit 1989 das Jahrbuch Extremismus & Demokratie heraus, das zu den Standardwerken der Extremismusforschung gezählt wird.

Neben den Beiträgen der Herausgeber enthält der vorliegende Band Beiträge von weiteren 24 Autorinnen und Autoren, die entweder in der Wissenschaft, der Politik oder in Verfassungsschutzämtern verschiedener Bundesländer tätig sind.

Ziel, Aufbau und Inhalt

Die vergleichende Extremismusforschung liefert den „roten Faden“ des vorliegenden Bandes. Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus werden aus politikwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet und anschließend miteinander verglichen.

Nach einer Einleitung der Herausgeber widmen sich die sechs Beiträge des ersten Kapitels dem Rechtsextremismus.

Tom Thieme (TU Chemnitz) fragt zunächst, ob sich Europa am Rande einer autoritären Restaurierung befinde. Dazu analysiert er u. a. die Wahlerfolge und Regierungsbeteiligungen rechtsextremistischer Parteien in den Mitgliedsländern der EU und vergleicht die Befunde mit dem „parteiförmigen Linksextremismus“. Trotz mancher Wahlerfolge rechtsextremistischer Parteien z. B. in Belgien, Frankreich, Polen oder Ungarn scheint die Gefahr einer autoritären Restaurierung in den EU-Staaten dennoch nicht zu bestehen.

Schärfer ist der Fokus, den Uwe Backes (Hannah-Arendt Institut an der TU Dresden) wählt, um quantitative und qualitative Bedrohungsdimensionen der rechtsextremistischen Gewalt in Europa ausfindig zu machen. Ausgangspunkt seiner Analysen sind zunächst die Mordserien des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und das Massaker, das Anders Breivik zuvor in Norwegen verübte. Die eigentliche Basis der Analyse liefern a) eine (von Jan van Dijk et al., 2005, durchgeführte) EU-weite repräsentative Befragung von Personen mit Migrationshintergrund, selbst schon einmal Opfer von Hate-Crime geworden zu sein; b) ein von Europol vorgelegter Bericht über fehlgeschlagene, vereitelte und erfolgreiche terroristische Anschläge und c) die Statistik über Wahlerfolge von Rechtsaußenparteien. Ohne die Zusammenhänge zwischen der Ideologisierung durch rechtsextreme Parteien und den Gewalttaten rechtsextremer Akteure zu negieren, verweist Uwe Backes schlussendlich darauf, dass ein „klarer Zusammenhang zwischen den Erfolgen/Misserfolgen von Rechtsaußenparteien und der Stärke militanter Szenen“ (S. 60) nicht nachweisbar sei.

Frank Decker (Universität Bonn) widmet sich den Bedingungen und Gründen für die Erfolglosigkeit des parteiförmigen Rechtspopulismus in Deutschland. Die Schlussfolgerung, dass keiner der in Deutschland bekannten „publizistischen Dauernörgler“ (gemeint sind z. B. Clement, Merz und Sarrazin, S. 77) sich die Mühe machen werde, eine neue (rechtspopulistische) Partei zu gründen, ist allerdings nach der Gründung der „Alternative für Deutschland“ zu bezweifeln.

Die NPD in Deutschland hingegen scheint, folgt man der Analyse von Gertrud Gleixner (Bayerisches Staatsministerium des Innern), angeschlagen zu sein. Ob sie, also die NPD, verboten werden sollte, dürfte dagegen nach wie vor umstritten sein.

Marc Brandstetter (Schwerin) diskutiert dazu die Argumente der Verbotsbefürworter und Verbotsgegner. Sein Fazit: „Ein Verbot bekämpft … nur die Symptome, nicht die Krankheit selbst“ (S. 112).

Noch läuft der Gerichtsprozess gegen den NSU am Oberlandesgericht in München. Das Gericht versucht zu klären, ob Beate Zschäpe als Mitglied der Terrorzelle (NSU) für zehn Morde mitverantwortlich ist. Unter den Opfern waren acht türkischstämmige und ein griechischer Kleinunternehmer sowie eine deutsche Polizistin. Beate Zschäpe ist das einzige lebende Mitglied der rechten Terrorzelle, ihre mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nahmen sich im November 2011 das Leben. Neben Zschäpe sitzen auf der Anklagebank die mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben, Carsten S., André E. und Holger G. In seinem lesenswerten Beitrag zeigt Armin Pfahl-Traughber (Fachhochschule des Bundes), dass und warum mit den Morden des NSU der Rechtsterrorismus in Deutschland neue und gefährliche Dimensionen angenommen hat. Diese Dimensionen hängen vor allem mit den ideologischen Hintergründen der Täter, mit der Gewaltintensität ihrer Handlungen und mit der Auswahl der Opfergruppen zusammen.

Die acht Beiträge des zweiten Kapitels im vorliegenden Band nehmen sich den Linksextremismus vor. Die Herausgeber, Gerhard Hirscher und Eckhard Jesse, schreiben dazu in der Einleitung: „Bei der Auseinandersetzung mit dem politischen Extremismus von ‚links‘ kann es kaum überraschen, dass die Partei DIE LINKE im Mittelpunkt des Interesses steht“ (S. 15). Den Rezensenten überrascht es allerdings schon. In der eingangs zitierten Formulierung des Bundesamtes für Verfassungsschutz heißt es ja u. a., Kapitalismuskritiker, die grundsätzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung äußern und sie von Grund auf verändern wollen, seien noch keine Extremisten. Aber es geht im Kapitel 2 des Bandes auch nicht nur um die DIE LINKE. So vergleicht Tom Mannewitz (TU Chemnitz) den „parteiförmigen Linksextremismus“ in Deutschland mit linken Parteien in Westeuropa und im postkommunistischen Raum. Dabei zeigt sich u. a. das Schisma der Partei DIE LINKE. Versehen mit einer postkommunistischen Biografie und entsprechenden Schulden, verbandelt nun mit der WASG, nähert sie sich programmatisch zunehmend den linken Parteien in Westeuropa. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Die nächsten Bundestagswahlen stehen ja unmittelbar vor der Tür.

Jürgen P. Lang (Bayerischer Rundfunk) versucht nachzuweisen, dass zwischen der Partei DIE LINKE und der Demokratie ein gestörtes Verhältnis bestehe. Gleich zu Beginn seines Beitrages stellt er fest: „Die Kontroverse, die an der sogenannten ‚Extremismusklausel‘ und der Beobachtung der Partei DIE LINKE durch den Verfassungsschutz neu entflammte und zum Politikum wurde, weist indes einige Merkwürdigkeiten auf. In jüngster Zeit intensivieren sowohl linke Wissenschaftler als auch die Partei Versuche, diesen Ansatz als ‚ideologisch‘ zu diskreditieren, ein Unterfangen, das die Reinwaschung des Linksextremismus zum Ziel hat…“ (S. 153). Sollte sich der Rezensent mit dieser Feststellung ertappt fühlen? Zumindest betrachtet Jürgen P. Lang Verweise auf die antikapitalistische, antiimperialistische und antirassistische Ausrichtung der Partei DIE LINKE als „argumentative Nebelkerzen“ (S. 154).

Substantieller scheint dem Rezensenten die Argumentation, die Uwe Backes im anschließenden Beitrag vorlegt, um auf die Zerreißproben, denen DIE LINKE ausgesetzt ist, hinzuweisen. Nach einem Superwahljahr 2009, in dem DIE LINKE Spitzenergebnisse in der Bundestagswahl, in der Wahl zum Europaparlament und in den Landtagswahlen erreichte, kämpft die Partei momentan nicht nur mit gravierenden Imageproblemen verbunden mit Wähler- und Mitgliederverlusten. Uwe Backes bringt es auf folgenden Punkt: „Der innerparteiliche Grundsatzkonflikt zwischen demokratisch-reformistischen Sozialisten und revolutionären Fundamentalisten ist ungelöst und schwelt nach dem jüngsten Führungsrevirement weiter“ (S. 186). Der Rezensent ergänzt: Das dürfte aber noch kein valides Kriterium sein, um die DIE LINKE als extremistisch einzustufen.

Mit dieser Partei beschäftigt sich auch der nächste Beitrag, verfasst von Andreas M. Vollmer (Bayerisches Staatsministerium). Der Autor sucht nach den Gründen, warum die Partei DIE LINKE im Westen zu zerfallen scheint: der Rücktritt Oskar Lafontaines im Januar 2010, Heterogenität der Partei, Dominanz innerparteilicher Strömungen ohne Entscheidungszentrum, fehlende Bindungskraft als Protestpartei, Spannungen zwischen „Ost“ und „West“. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive ist der Beitrag durchaus lesenswert. Ob er sich in das Grundkonzept des vorliegenden Bandes „Extremismus in Deutschland“ einfügt, bezweifelt der Rezensent.

Armin Pfahl-Traughber widmet sich dann der Theoriekonstruktion des „demokratischen Sozialismus“ in der Programmatik der Partei DIE LINKE. Dabei vergleicht er die Ursprungskonzeption des demokratischen Sozialismus, so wie sie von Eduard Bernsteins entworfen wurde, mit der praktischen Umsetzung in Schwedens Wohlfahrtstaat, den sozialistischen Auffassungen von Rosa Luxemburg, dem „demokratischen Sozialismus“ im „real existierenden Sozialismus“ und den verschiedenen Programmkonzeptionen der PDS und der Partei DIE LINKE. Wie zu erwarten war, finden sich bei diesem Vergleich keine deckungsgleichen Konzepte, stattdessen „grundlegende Differenzen zwischen dem eigentlichen ‚Demokratischen Sozialismus“ und dem „demokratischen Sozialismus der Partei“ DIE LINKE (S. 220). Pfahl-Traughber legt einen durchaus interessanten methodischen Ansatz vor; durch die sehr verknappte Argumentation bleiben aber viele Fragen offen.

Und noch einmal steht DIE LINKE im Zentrum einer Analyse: Gerhard Hirscher zeigt an der Wählerschaft der LINKEN, warum seit der Bundestagswahl im Jahre 2009 die Westausdehnung der Partei stagniert bzw. gescheitert ist.

Und schließlich der Beitrag von Bettina Blank (Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg), in dem es um „antifaschistische“ Argumentationsmuster in linksextremistischen Organisationen geht. Dass mit antifaschistischen Argumentationsmustern seit den 1920er Jahren nicht nur auf tatsächliche politische und gesellschaftliche Gefahren hingewiesen (z. B. Peters, 2006), sondern auch antidemokratische Propaganda verbreitet wurde (siehe Giordano, 1990), ist hinlänglich bekannt und wissenschaftlich aufgearbeitet. Die folgende Feststellung der Autorin scheint dem Rezensenten aber doch sehr polemisch: „Sich im linksextremen ‚Antifaschismus‘ auf das Grundgesetz zu berufen, heißt, es zu instrumentalisieren“ (S. 250).

Abgeschlossen wird das zweite Kapitel des vorliegenden Bandes mit einem Beitrag von Karsten Dustin Hoffmann (Hamburger Behörde für Inneres) über die Analyse eines Autonomen Zentrums. Am Beispiel des Hamburger Autonomen Zentrums Rote Flora zeigt der Autor die Ziele, Strategien, Wirkungen und Gewaltpotentiale derartiger Zentren auf.

Die vier Beiträge des dritten Kapitels behandeln den Islamismus als Form des religiösen Extremismus. Helmut Albert (Landesamt für Verfassungsschutz Saarland) leitet das Kapitel mit einem Beitrag ein, in dem er nach der Gefahrenlage durch den islamistischen Terrorismus in Deutschland fragt. Folgt man den statistischen Angaben der Global Terrorism Database (GTD) [1], so zeigt sich seit 1992 ein deutlicher Rückgang von Terroranschlägen bzw. terroristischen Vorfällen in Westeuropa, während weltweit eine deutliche Zunahme derartiger Vorfälle zu verzeichnen ist (Quelle: Global Terrorism Database. http://www.start.umd.edu/gtd aufgerufen am 06.11.2012). Wie sieht es also in Deutschland aus? Helmut Albert verweist darauf, dass „massive aktuelle Gefahren für die Innere Sicherheit … von der gewaltbereiten Variante des Islamismus, dem Dschihadismus“ (S. 276) ausgehen. Es handelt sich um eine kleine, radikale Minderheit, die in Deutschland – so schätzt man – wenige Hundert Personen umfasst. Betrachtet man die seit 2006 in Deutschland unternommenen Anschlagsversuche, so zeigt sich, dass die Akteure meist in Deutschland geboren wurden oder aufgewachsen sind. Deutlich wird also, dass die ca. vier Millionen Muslime in Deutschland nicht Teil des Problems, sondern Teil seiner Lösung sind (vgl. auch Frindte et al., 2012). Ähnlich und noch etwas konkreter argumentiert auch Michail Logvinov (Hannah-Arendt-Institut Dresden). Entwicklungstendenzen des Islamismus unter dem Aspekt der öffentlichen Wahrnehmung beobachtet Herbert L. Müller (Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg). Die Auffassungen eines der wichtigsten Vordenker des Islamismus und des islamistischen Terror (Sayyid Qutb) analysiert abschließend Barbara Zehnpfennig (Universität Passau).

Im letzten, dem vierten Kapitel, legen 11 Autorinnen und Autoren Beiträge vor, die dem Vergleich zwischen den drei zuvor analysierten Extremismen (Linksextremismus, Rechtsextremismus, Islamismus) gewidmet sind.

Sebastian Liebold (TU Chemnitz) untersucht, wie der Freiheitsbegriff von (linken und rechten) Extremisten genutzt wird, um anderen Gruppen die Freiheit vorzuenthalten. Als „prototypische“ Vertreter der „linken Seite“ greift er auf Aussagen von Jutta Ditfurth (jetzt Stadtverordnete für die „ÖkoLinX-Antirassistische Liste“ Stadtverordnete in Frankfurt am Main) und Sahra Wagenknecht (stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der LINKEN) zurück. Die Protagonisten der „rechten Seite“ sind die nicht sehr bekannten Jürgen Schwab (früheres NPD-Mitglied) und Josef Schüßlburner. In seinem polemisch geschriebenen Beitrag kommt Liebold zu dem Schluss, dass der Freiheitsbegriff der vier Vertreter Gegensätze und Parallelen aufweise (S. 367).

Spannender und aktueller ist der Beitrag von Lazaros Miliopoulos (Universität Bonn). Hier geht es um die Frage, ob und wie sich die Strukturen des linken und rechten Extremismus in Deutschland seit 1990 verändert haben.

Der anschließende, empirisch sehr gehaltvolle Beitrag über das Wählerpotential von Rechts- und Linksaußenparteien stammt von Matthias Dilling (Oxford University) und Viola Neu (Konrad-Adenauer Stiftung).

Udo Baron (Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport) kommt in seinem Beitrag, in dem es um den Vergleich von Links- und Rechtsautonomen geht, zu dem nicht sehr optimistischen, wohl aber sehr zutreffenden Schluss, dass sich die Konfrontationsgewalt und die Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppierungen noch weiter zuspitzen dürften
(S. 451).

Tom Mannewitz untersucht in seinem zweiten Beitrag innerhalb des Bandes die Zwecke, Funktionen und Probleme des „Nazi-Outing“. Damit ist die – vor allem im Internet – stattfindende Veröffentlichung von Namen und Adressen von Rechtsextremisten durch Mitglieder linker bzw. linksextremer Gruppierungen gemeint. Dass mit derartigen Outings die Grundrechte der „geouteten“ Personen verletzt werden, ist nicht zu bezweifeln. Mannewitz schreibt: “ Man stelle sich nur die Reaktionen von Linksextremisten auf ‚Anarchisten-‘ oder ‚Autonomen-Outings‘ durch Rechtsextreme vor“ (S. 468). Eigentlich muss man sich das gar nicht vorstellen, sondern nur aufmerksam die jährlichen Verfassungsschutzberichte lesen. So findet sich z.B. im Bericht aus dem Jahre 2010 ein Hinweis auf gegenseitige Outings von Links- und Rechtextremisten (Verfassungsschutzbericht 2010, S. 57). Dazu passt auch eine Meldung auf ZEIT ONLINE (vom 14.1.2012; aufgerufen am 17.7.2013), in der berichtet wird, dass „Berliner Politiker, Gewerkschafter, Journalisten und linke Aktivisten auf einer rechtsextremen Internetseite bedroht“ werden. „Die Neonazis veröffentlichen in ihrer Hassliste Fotos und private Informationen über die Personen“ (ebenda).

Mit welchen politischen und juristischen Mitteln lässt sich der gewalttätige und nicht-gewalttätige Extremismus bekämpfen? Madeleine Petschke (TU Chemnitz) sucht nach Antworten auf diese Frage und stellt eingangs zu Recht fest, dass die Bedrohung durch den Rechtsextremismus im Unterschied zum Linksextremismus noch immer als größere Herausforderung für die Demokratie gilt“ (S. 471). Zustimmen kann der Rezensent aber ganz und gar nicht, wenn die Autorin schreibt: „Mit Blick auf nicht-gewalttätige Formen des Extremismus ist das Strafrecht allerdings auf dem linken Auge blind“ (S. 485). Der Rezensent denkt dabei auch an den zurzeit ausgesetzten Prozess gegen den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König vor dem Dresdner Amtsgericht.

Im Beitrag von Rudolf van Hüllen (Krefeld) geht es ebenfalls um die wichtige Frage nach den Formen und Chancen von Präventionsmaßnahmen gegen den Extremismus.

Einen Höhepunkt des Bandes bietet aus Sicht des Rezensenten der Beitrag von Eckhard Jesse (TU Chemnitz). Sehr engagiert stellt Jesse zunächst noch einmal das von ihm vertretene Extremismuskonzept vor, um sich anschließend mit einigen Kritikern (Claus Leggewie, Horst Meier und Wolfgang Wippermann) seiner Auffassung auseinanderzusetzen. Es sei, so Eckhard Jesse (S. 526), weniger „Unkenntnis“ als der „Unwille“ der Kritiker, sich auf das Extremismuskonzept und das damit verbundene Konzept der streitbaren Demokratie einzulassen. „Der Bezug zwischen dem Extremismusverständnis und dem Demokratieschutz ist unauflöslich, die Tabuisierung des Extremismusbegriffs daher unangebracht“ (ebenda). Der Rezensent hofft, dass eine solche Feststellung nicht dazu dienen soll, jeglichen wissenschaftlichen und politischen Meinungsstreit um eine „vergleichende Extremismusforschung“ unterbinden zu wollen.

Abschließend folgen noch drei Beiträge, in denen es um Vereinsverbote (Julia Gerlach, FU Berlin), um das Verhältnis der SPD gegenüber der LINKEN (Frank Decker, Universität Bonn) und um „dritte Wege“ (Roland Sturm, Universität Erlangen) geht. Die beiden letzten Beiträge sind interessant, fallen aber etwas aus dem von den Herausgebern vorgesehenen Rahmen des Bandes.

Fazit

Der Rezensent beruft sich gern auf Johann Wolfgang Goethe: „Die Kritik erscheint wie Ate: sie verfolgt die Autoren, aber hinkend“ (Goethe, Berliner Ausgabe, Band 18, S. 628). Der Versuch, einen Band mit 608 Seiten zu rezensieren und dabei den Autorinnen und Autoren gerecht zu werden, muss scheitern. Aber das gilt sicher für die meisten Rezensionen. Nun denn zum Schluss:

Das erste Kapitel („Rechtsextremismus“) ist das Beste im Band und empfehlenswert. Die Beiträge im zweiten Kapitel („Linksextremismus“) fokussieren besonders auf die Partei DIE LINKE. Eine mögliche Vermutung lässt sich dadurch zumindest nicht entkräften; nämlich, dass es nicht nur – wie Jürgen P. Lang (s. o.) meint – „linke Wissenschaftler“, zu geben scheint, sondern auch „konservative Wissenschaftler“, denen eine linke Partei im Bundestag mit relativ großem Wählerpotential suspekt ist.

Die Beiträge im dritten Kapitel über den Islamismus machen vor allem auf Forschungsdefizite in den Sozial- und Politikwissenschaften aufmerksam.

Und das vierte Kapitel liefert etliche Hinweise, um das Potential einer „vergleichenden Extremismusforschung“ beurteilen zu können.

Wer sich also für diese Forschungsperspektive interessiert, ob aus zustimmender oder kritischer Perspektive, dem sei der Band von Gerhard Hirscher und Eckhard Jesse – trotz seines hohen Preises – empfohlen.

Zitierte Literatur:

  • Backes, U. (1989). Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten. Elemente einer normativen Rahmentheorie. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • Butterwegge, C. (2010). Die Entsorgung des Rechtsextremismus. Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 1/2010, S. 12-15.
  • Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) (o. J.). Quelle: http://www.verfassungsschutz.de/de/service/faq (17.07.2013).
  • Decker, O., Brähler, E. & Geißler, N. (2006). Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellung und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
  • Decker, O., Weißmann, M., Kiess, J. & Brähler, E. (2010). Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.
  • Frindte, W., Boehnke, K., Kreikenbom, H. & Wagner, W. (2012). Lebenswelten junger Muslime in Deutschland. Berlin: Bundesministerium des Innern.
  • Neugebauer, G. (2000). Extremismus-Linksextremismus-Rechtsextremismus: Einige Anmerkungen zu Begriffen, Forschungskonzepten, Forschungsfragen und Forschungsergebnissen. In W. Schubarth und R. Stöss (Hrsg.), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Bonn: Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 368.
  • Goethe, J. W. (1972). Berliner Ausgabe. Band 18. Berlin: Aufbau Verlag.
  • Global Terrorism Database. http://www.start.umd.edu/gtd aufgerufen am 06.11.2012.
  • Peters, T. (2006). Der Antifaschismus der PDS aus antiextremistischer Sicht. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Van Dijk, J.J.M., Manchin, R., Van Kesteren, J., Nevala, S., Hideg, G. (2005), The Burden of Crime in the EU. Research Report: A Comparative Analysis of the European Crime and Safety Survey (EU ICS); Quelle: http://www.unicri.it/services/library_documentation/publications/icvs/publications/EUICS_-_The_Burden_of_Crime_in_the_EU.pdf.
  • Verfassungsschutzbericht (2010). Berlin: Bundesministeriums des Innern.
  • ZEIT ONLINE vom 14.1.2012: Quelle: blog.zeit.de/stoerungsmelder; aufgerufen am 17.7.2013.

[1] Die GTD ist eine frei zugängliche Quelle, die vom US-amerikanischen National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorismus (einer Einrichtung des US-amerikanischen Department of Homeland Security) betreut wird und an der University of Maryland beheimatet ist. Die Informationen, auf die sich die Daten der GTD über den internationalen Terrorismus stützen, stammen alle ausschließlich aus frei zugänglichen Quellen, z. B. aus Internetnachrichten, digitalen Archiven, Büchern, Zeitungen und anderen öffentlichen Dokumenten.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 31.07.2013 zu: Gerhard Hirscher, Eckhard Jesse (Hrsg.): Extremismus in Deutschland. Schwerpunkte, Vergleiche, Perspektiven. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0090-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14825.php, Datum des Zugriffs 10.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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