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Gerd Gehrmann, Klaus D. Müller: Praxis Sozialer Arbeit. Familie im Mittelpunkt

Cover Gerd Gehrmann, Klaus D. Müller: Praxis Sozialer Arbeit. Familie im Mittelpunkt. Handbuch effektives Krisenmanagement für Familien. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2013. 3., neu bearb. Auflage. 285 Seiten. ISBN 978-3-8029-7465-6. 29,95 EUR.

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Thema

Das Buch beschreibt das seit nunmehr 15 Jahren in Deutschland eingeführte Programm Familie im Mittelpunkt (FiM), bei dem es sich um die deutsche Adaption des US-amerikanischen Programms Families First handelt. Dieses ist auch unter den Bezeichnungen Homebuilders oder Intensiv Familiy Preservation bekannt. Ziel des auf vier Wochen angelegten Interventionsprogramms ist es, in familiären Krisen durch eine intensive und kurz angelegte Krisenarbeit in den Familien eine Fremdplatzierung zu verhindern.

Autoren

Gerd Gehrmann und Klaus D. Müller lehrten beide bis 2011 als Professoren an der Fachhochschule Frankfurt am Main am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Sie wirkten maßgeblich als Initiatoren an der Einführung von FiM in Deutschland und waren u. a. für die wissenschaftliche Begleitung zuständig.

Entstehungshintergrund

Die Autoren verstehen ihre Publikation als Handbuch. Es beschreibt umfassend das FiM-Programm in Theorie und Praxis, stellt bisher gemachte Erfahrungen dar und versucht möglichst genau die Spezifika des Programms zu verdeutlichen. Insofern handelt es sich um eine umfassende Programmbeschreibung, die den aktuellen Stand von FiM in Deutschland benennt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel:

1. Abkürzungen / Vorwort

2. Wie aus „Families First“ „Familie im Mittelpunkt“ wurde

3. Das Programm „Familie im Mittelpunkt“ (FiM)

4. Theoretische und konzeptionelle Grundlagen

5. Die Phasen des FiM-Prozesses

6. Aktuelle Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung: 14 Jahre FiM bei den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern in Hanau und Wetzlar

7. Arbeitshilfen und Instrumente

8. FiM – ein innovatives Programm der Sozialen Arbeit

9. Literaturhinweise/ Stichwortverzeichnis

Inhalt

Nach dem Vorwort bereiten Gehrmann und Müller im 2. Kapitel (Wie aus „Families First“ „Familie im Mittelpunkt“ wurde) (9-27) den Verständnisboden für ihr Buch, indem sie verschiedene Facetten ihrer 15 jährigen Erfahrung mit FiM darstellen. Dafür beschreiben sie den Weg der Praxisimplementierung von FiM in Deutschland, die Struktur der internationalen Vernetzung des FiM in Praxis und Wissenschaft, außerdem gehen sie auf stereotype Argumente in der Auseinandersetzung mit FiM ein und pointieren, welchen Stellenwert FiM im Kontext von Kinderschutz – insbesondere in Familien mit Säuglingen – einnimmt.

Im 3. Kapitel wird dann „Das Programm ‚Familie im Mittelpunkt‘ (FiM)“ (29-56) vorgestellt. Dabei geht es den Autoren zunächst darum, deutlich zu machen, dass es sich beim FiM um ein Programm der Sozialen Arbeit handelt und nicht um eine Methode Sozialer Arbeit. Sie zeigen, dass es einige integrale Bestandteile in FiM gibt, die einerseits eine erfolgreiche Arbeit erst möglich machen und dass andererseits eine handlungsmethodische Engführung von FiM dem umfassenden Charakter des Ansatzes nicht entspricht. Im Rahmen der Vorstellung des Programms pointieren sie die „Werte, Programmcharakteristika, Organisation, Methoden“ (30-31) von FiM und damit den Charakter des verwendeten Programmbegriffs. Dieser wird durch die „Wertevorstellungen“ (31-37) weiter konkretisiert und macht vor allem die grundsätzliche Ausrichtung von FiM deutlich, nämlich:

  • „Die meisten Familienmitglieder fühlen (noch) Zuneigung füreinander und wollen füreinander verantwortlich sein.
  • Familien in Krisen wollen sich verändern. Die Krise ist die Chance für eine positive Veränderung“ (34).

„Der Handlungsrahmen: ‚FiM-Kriterien‘“ (37-47) beschreibt, in welchen Parametern das FiM-Programm agiert und zeigt zugleich auf, dass es sich um ein fachlich anspruchsvolles Programm handelt, das an sich selbst folgende zwingend einzuhaltende Kriterien richtet:

  • Begrenzung auf Kinder, denen Fremdplatzierung droht oder bei denen eine Rückführung ansteht.
  • Unmittelbares Reagieren, d. h. Erstkontakt innerhalb von 24 Stunden.
  • Flexible Arbeitsplanung, d. h. Einsatzbereitschaft 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche.
  • Intensive Intervention, d. h. 5-30 Stunden die Woche.
  • Die Dauer des Programms beträgt 4 Wochen in Ausnahmen 6 Wochen.
  • Die Dienstleitung wird in den Wohnungen der Familien erbracht.
  • Integrierte Dienstleistung, d. h. materielle und psycho-soziale Hilfe.
  • Sozialräumliche und systemische Arbeit.
  • Zielorientierung durch begrenzte und realisierbare Ziele.
  • Verfügungsgeld pro Familie. (37-38).

„Die Rolle der Familienarbeiter“ (47-56) beschreibt dann sehr anschaulich, was von den Fachkräften in der Praxis verlangt wird und macht deutlich, dass es sich beim FiM um ein Programm handelt, bei dem Menschen in Krisen auf hohem Niveau bei ihrer Bewältigung Begegnung und verantwortliche Unterstützung erfahren.

Im 4. Kapitel (Theoretische und konzeptionelle Grundlagen) (57-128) erläutern Gehrmann und Müller die eklektisch zusammengestellten theoretischen Konzepte, auf die sich FiM bezieht. Sie stellen dann angemessen ausführlich ihre Interpretationen der 1. systemischen Orientierung, 2. Des Stärken- und Ressourcenkonzeptes, 3. Des Konzeptes der „Sozialen Ökologie“, 4. des Kompetenzmodells, 5. der sozialen Zugehörigkeit, 6. der Verhaltenstherapie und Lerntherapie sowie 7. der Krisen- und Interventionstheorie dar (59). Dabei greifen sie auf bekannte Autoren zurück und ergänzen dieses mit zum Teil internationalen Bezügen. In dieser Kombination gelingt es Gehrmann und Müller dann auch, ihr eigenes theoretischen Verständnisses der FiM-Praxis deutlich zu machen.

Im 5. Kapitel („Die Phasen des FiM-Prozesses“) (129-163) werden dann die Arbeitsschritte des Programms für die Praxis vorgestellt. Dabei zeigt sich, dass FiM ein stark strukturiertes Programm ist und die Güte der Arbeit gerade in der Einhaltung der Struktur liegt. Die Phasen werden immer wieder mit kurzen Praxisbeispielen veranschaulicht, so dass man beim Lesen ein Bild von der praktischen Arbeit im FiM bekommt. In der Phase „Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern“ (130-136) wird insbesondere auf die Notwendigkeit produktiver Kooperationsbeziehungen hingewiesen. „Die Übernahme einer Familie – Intake“ (136-141) ist insofern ein wichtiges und interessantes Kapitel, weil die genaue Auswahl der für FiM geeigneten Familien ein ganz wesentlicher Faktor für den Interventionserfolg ist. Darüber hinaus verdeutlicht sich, dass FiM ein Kriseninterventionsprogramm ist, welches gewöhnlich eine Anschlusshilfe (z. B. Sozialpädagogische Familienhilfe) benötigt. „Der Engaging-Prozess“ (141-146) beschreibt, wie die Fachkraft in der Krisensituation mit der Familie in Kontakt kommen kann und hebt die Wichtigkeit dieses Schrittes für den Hilfeprozess in familiären Krisen hervor. Für „Die Entwicklung von Zielen“ (147-151) besteht ein differenziertes Modell mit unterschiedlichen Ebenen zur Zielformulierung. „Das Assessment“ (151-152) wird als eine fachliche Einschätzung der Stärken, Ressourcen, der Problemlagen sowie als Ergebnis der gemeinsamen Arbeitsbemühungen verstanden. „Die Krisenbewältigung“ (152-154) ist dann die gemeinsame Umsetzung der Intervention, die die Familie aus der Krise führen soll. „Der Abschluss“ (155-158) wird kurz auf der Inhalts- und Beziehungseben dargestellt und auch die Bedeutung des (Hilfe)Übergangs wird mit einbezogen. Bei der „Evaluation“ (158-163) wird zwischen der formativen Evaluation, die prozesshafte Ergebnisse liefert und die unmittelbar in die Arbeit rückgekoppelt werden sowie zwischen der summativen (Ergebnis-)Evaluation unterschieden; bei letzterer geht es eher um eine breiter angelegte Ergebnisgenerierung im Sinne einer jährlichen Berichterstattung.

Im 6. Kapitel („Aktuelle Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung: 14 Jahre FiM bei den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern in Hanau und Wetzlar“) (165-172) wird die FiM-Arbeit im summativen Evaluationsverständnis dargestellt.

Das 7. Kapitel („Arbeitshilfen und Instrumente“) (173-273) ist zum einen interessant, weil sich über die Arbeitshilfen weiter erschließen lässt, wie die FiM-Praxis – das Arbeiten in Familienkrisen – konkret aussieht. Es ist andererseits ein ausgesprochen großer Pool an Praxistools, die zwar an das FiM gebunden, aber darüber hinaus außerhalb der Krisenarbeit für eine gute aufsuchende Praxis in der Sozialen Arbeit relevant sind. Hier kann man sich also umfangreich Anregung für die Strukturierung der eigenen Praxis holen. Dabei ist ebenfalls interessant, dass auch die Aspekte Psychohygiene der Fachkräfte (256-271) und professionelles Verhalten (271-273) mit aufgenommen sind. Denn Fachkräften sollten sich im Rahmen des Krisenmanagements gut um sich selbst kümmern, da sie mitunter in der Gefahr stehen, eine produktive Haltung für die Krisenarbeit zu verlieren. Das Buch endet mit einer kurzen abschließenden Würdigung der Möglichkeiten von FiM.

Diskussion

Das Buch FiM führt direkt in eine der Schwierigkeiten der deutschen Sozialen Arbeit, in der es mitunter den einzelnen Praktikerinnen und Praktikern selbst überlassenen ist, in welchen Weisen und mit welchen Methoden sie ihre Arbeit gestalten. Dem steht hier ein durchaus als Gegenpol zu verstehendes fundiertes Programm Sozialer Arbeit gegenüber. Gehrmann und Müller zeigen damit, wie eine praktische Soziale Arbeit auf internationalem Niveau aussehen kann und führen zugleich mit, dass es sich um ein stark strukturiertes Programm handelt, das mit seinen umfassenden Tools schnell in der Kritik der Sozialtechnologie stehen könnte. Aber, und das ist das aus meiner Sicht wichtigste Argument für eine Programmorientierung, sie machen auch deutlich, dass eine fundierte Praxis nicht ohne kontinuierliche Forschung und die Definition von fachlichen Standards (z.B. eine Fachkraft arbeitet mit höchstens zwei Familien gleichzeitig) (42) auskommt. Davon ist die Praxis der Sozialen Arbeit mitunter weit entfernt. D. h. die Programmorientierung ermöglicht, fachliche Notwendigkeiten aus der Sozialen Arbeit selbst heraus zu formulieren, die vor mitunter willkürlichen Ressourceneinschränkungen schützen, die unter dem Druck der leeren Kassen in den Kommunen jegliche Fachlichkeit unterlaufen können. Vor diesem Hintergrund scheint es aber auch bedenkenswert, dass die Autoren die Evaluierung der Nachhaltigkeit des FiM-Programms eingestellt haben (168) und damit ihrem eigenen Konzept widersprechen.

Das Buch beschreibt sehr gut und anschaulich, wie eine konkrete und spezifische Praxis, nämlich die intensive Krisenarbeit mit Familien, aussehen kann und was alles berücksichtigt werden sollte, um diese Praxis auf hohem Niveau umzusetzen. Das bezieht Forschung mit ein und ist ein wesentlicher Unterschied zu eher methodenorientierten Büchern der Sozialen Arbeit. Gehrmann und Müller machen deutlich, dass es sich um ein in sich schlüssiges Programm handelt, das aber auch in gewisser Weise geschlossen ist, weil man beim Lesen den Eindruck hat, dass sie bei der Weiterentwicklung ihrer Theorie stecken geblieben sind. So stände es einem Buch, das im Jahre 2013 überarbeitet erschienen ist, durchaus gut zu Gesicht, wenn auch die Literatur auf dem neusten Stand wäre und die Autoren für ihre Argumentationen auch in die neusten Ausgaben der von ihnen verwendeten Literatur geschaut hätten (z. B. Galuske wenigstens die 2003 oder gar die 2011 Version oder Wendt „Das ökosoziale Prinzip“ von 2010). Das ist aber ein kleines Manko eines sehr lesenswerten Buches aus Sicht der Praxis und der Wissenschaft.

Fazit

Das Buch lohnt sich für Fachkräfte, die mit Familien in Krisen arbeiten, die im Kinderschutz aktiv sind, die im aufsuchenden Kontext arbeiten und für Menschen, die sich erschließen wollen, wie ein integriertes Theorie-Praxis-Programm aufgebaut ist.


Rezension von
Prof. Dr. Matthias Müller
Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik, Hilfen zur Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg
Homepage www.hs-nb.de/ppages/mueller-matthias/
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Zitiervorschlag
Matthias Müller. Rezension vom 28.03.2014 zu: Gerd Gehrmann, Klaus D. Müller: Praxis Sozialer Arbeit. Familie im Mittelpunkt. Handbuch effektives Krisenmanagement für Familien. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2013. 3., neu bearb. Auflage. ISBN 978-3-8029-7465-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14830.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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