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Hanns-Stephan Haas, Jörg Verstl (Hrsg.): Stiftungen bewegen

Cover Hanns-Stephan Haas, Jörg Verstl (Hrsg.): Stiftungen bewegen. Ein Perspektivenwechsel zur Gestaltung des Sozialen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 258 Seiten. ISBN 978-3-17-022027-0. 22,90 EUR.

Reihe: Diakonie - Band 12.
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Deutschland ist Stifterland. Das Stiftungswesen erlebt eine Renaissance in Deutschland und auch in anderen Ländern. Die jüngsten Zahlen, auf die aktuell zugegriffen werden kann, sind die des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen aus 2012. Demnach wurden im Jahr 2011 neue rechtsfähige Stiftungen in der stattlichen Anzahl von 817 neu errichtet. Damit besteht die Stiftungslandschaft in Deutschland aus 18.946 Stiftungen zum Jahresende 2011 – ein historisches Hoch! Über die Hälfte davon wurde in den letzten 30 Jahren gegründet. Mehr als zwei Stiftungen gehen tagtäglich in Deutschland „an den Start“ – Sonn- und Feiertage mitgerechnet. Und das sind nur die rechtsfähigen Stiftungen. Daneben existieren mehr als 20.000 Treuhandstiftungen. Diese Zahl ist leider nur eine abgesicherte Schätzung, da diese aufgrund der fehlenden Rechtsfähigkeit in kein Stiftungsregister eingetragen werden. Auch ein (gesonderter) Blick auf die Bürgerstiftungen, deren erste erst 1996 auf deutschem Boden gegründet wurde, lohnt. Davon gibt es nunmehr rund 300 in Deutschland und soeben „knackte“ deren Stiftungskapital insgesamt die Marke von 200 Mio. ?. Die größte Dichte an Bürgerstiftungen in den Bundesländern hat NRW. Und (nicht nur) dort geht es dicht an dicht weiter. Kein Wunder. Sind doch gute Beispiele, an denen man sich orientieren kann, mittlerweile dort in NRW in jeweils unmittelbarer Nachbarschaft zu finden.

Die Entwicklung der Stiftungslandschaft in Deutschland ist innereuropäisch kein isoliertes Phänomen, in allen EU-Staaten lässt sich ein ähnliches Wachstum der Stiftungslandschaft verzeichnen, doch Deutschland ist Spitzenreiter bei der Höhe des Spendenvolumens. Natürlich reicht die europäische Entwicklung nicht an den Stand und Entwicklungen im Stiftungsmusterland Vereinigte Staaten von Amerika heran. Dort tragen Stiftungen die Verantwortung für Aufgaben, die in Deutschland und anderen europäischen Ländern von staatlichen Institutionen getragen werden. Die Gründe für den Stiftungsboom in Deutschland sind zweierlei: Einmal die steuerlichen Anreize. So sind Stiftungen von den Ertragssteuern befreit, wenn sie sie nach Satzung und Stiftungsgeschäft ausschließlich und unmittelbar steuerbegünstigten Zwecken dienen. Auch die Zuwendung von Vermögenswerten an gemeinnützige Stiftungen ist interessant, da der Zuwendende sein zu versteuerndes Einkommen darüber mindern kann. Wenngleich ein Blick auf die Entwicklung der Stiftungsgründungen zeigt, dass die Gesetze zur Förderung der Stiftungen und Stiftungsgründung (2000 und 2007) nur in der unmittelbaren zeitlichen Folge den Gründungsboom beschleunigten, schon bald nach den Novellierungen riss der steile Aufwärtstrend im Gefolge der Gesetzgebung wieder ab. Und zum Zweiten ist die Entwicklung der Vermögenswerte in Privathaushalten mehr als einen Blick wert. Auf rd. 9,4 Bio. ? wird das Vermögen der Privathaushalte vom Deutschen Institut für Altersvorsorge geschätzt. Das Institut rechnet mit einer Größenordnung von 2,6 Bio. ?, die bis 2020 vererbt werde. Ein ungeheueres Potential im Blick auf die mögliche Dynamik auf der Stiftungslandschaft.

Doch nun zu dem vorliegenden Buch der beiden Herausgeber, die in der Stiftungslandschaft vor allem der in Hamburg, die sich durch eine Reihe von positiven Besonderheiten auszeichnet, fest verwurzelt sind. Sie betonen, dass sie kein (weiteres) Handbuch vorlegen wollten, auch keine wissenschaftliche Grundlagenlektüre. Sie haben Mitautoren gesucht, die ihrerseits Akteure in der Stiftungslandschaft sind, die mit ihren „bunten“ Beiträgen die Vielfalt in der Landschaft verdeutlichen sollen und vor allem Anreize geben sollen, damit sich noch mehr tut, in der Stiftungslandschaft Deutschland.

Herausgeber und Mit-Autoren

Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas, Exec. MBA Universität St. Gallen, Direktor und Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg. Dr. Jörg Verstl, Steuerberater und Partner der Kanzlei Asche Stein & Glockemann in Hamburg, sowie ehrenamtlicher Vorstand und Beirat mehrerer gemeinnütziger Stiftungen.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber befassen sich im ersten Kapitelmit der Bedeutung von Stiftungen im heutigen Sozialstaat. Dabei wenden sie sich gegen die Lückenbüßerfunktion von Stiftungen, die vielmehr Motor sozialer Innovationen sind. Sie ordnen Stiftungen in die Zivilgesellschaft ein und grenzen diese von der Bürgergesellschaft mit ihrer zunehmenden Bedeutung ab, deren Kinder die Stiftungen sind. Ferner zeigen sie anhand von Zahlen den Stiftungsboom in Deutschland und (im Vergleich) in Europa nach. Dieser Boom in Deutschland basiert zum Teil auf den gegebenen steuerrechtlichen Anreizen, die weiter thematisiert werden. Es wird dargelegt, welch enorme Beträge in nächster Zeit als Erbmasse verfügt werden können. Weiterhin zeigen die Autoren die neue Verortung von Stiftungen als universalhistorisches Phänomen auf.

Es folgt ein Beitrag von Phillip-Christian Wachs, der Geschichte, Volkswirtschaft und öffentliches Recht studierte und heute nach vielen Funktionen in Stiftungen und bei Regierungen geschäftsführender Vorstand eines gemeinnützigen Bildungsinstitutes in Hamburg ist. Er zeigt eindrucksvoll fast 600 Jahre Stiftungsgeschichte in Deutschland auf. Dieses geschieht mit breitem Blickwinkel von der Fuggerei in Augsburg, über bspw. die Stiftung Bethel in Bielefeld und das Rauhe Haus in Hamburg. Dort lädt er zu einem „Spaziergang“ durch sie Hamburger Innenstadt ein, wo an jeder Ecke Zeugnisse bürgerlicher Stiftertätigkeit zu entdecken sind.

Der nächste Beitrag von Anja Knoop, Rechtsanwältin und Steuerberaterin und ehrenamtliches Vorstandsmitglied einer gemeinnützigen Bürgereinrichtung leistet eine Typologie der Stiftungen in Deutschland. Detailliert und kenntnisreich werden öffentlich-rechtliche Stiftungen, Privatrechtliche, steuerbegünstigte und nicht steuerbegünstigte Stiftungen unselbständige Treuhandstiftungen und selbständige Stiftungen, wie auch Unternehmensstiftungen und Verbrauchstiftungen in ihren jeweiligen Merkmalen erläutert und trennscharf unterschieden.

Lothar Dittmer, promovierter Historikerist als Vorstandsmitglied der Körber Stiftung dort für die Bereiche Bildung, Wissenschaft und Gesellschaft verantwortlich. Er nimmt ehrenamtlich zahlreiche Funktionen in weiteren Stiftungen und Vereinen wahr. Sein Beitrag stellt das Engagement in den Mittelpunkt. Darin zeigt er u. a. auf, dass eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung der Engagierten die Basis alten und neuen Engagements darstellt. Er zeigt anhand von Beispielen auf, wie eine solche Kultur entsteht und wachsen kann. Ferner widmet er sich den Bürgerstiftungen und zeigt auf welche Wege diese künftig gehen müssen. Einen weiteren Fokus richtet der Autor – neben vielen weiteren – u.a. dem Konzept des „Service Learning“ (Lernen durch Engagement).

Florian Asche, Rechtsanwalt, bis 2011 ehrenamtlicher Vorstand der Johanniter-Unfallhilfe e.V. in Hamburg und Mitglied mehrerer Stiftungsvorstände, zeigt mit seinen kritischen Anmerkungen, Fehlentwicklungen im Stiftungswesen auf und welche Schritte der Gesetzgeber gehen müsste, um diesen entgegen zu treten.

Inga Schmidt ist Professorin an der Hamburg School of Business Administration mit dem Schwerpunkt Marketing. Als Fachfrau für Marketing zeigt sie in ihrem Aufsatz auf, wie Stiftungen zu einer attraktiven Marke werden können bzw. müssen. Dazu klärt sie, warum Stiftungen in Markenbildung investieren sollten, stellt dar, wie sich eine Stiftungsmarke entwickelt und liefert eine Projektskizze zur Entwicklung einer Markenidentität. Die Implementierung einer Stiftungsmarke und die Messung des Erfolgs der Markeneinführung runden diesen Beitrag ab.

Markus Baumanns und Torsten Schumacher zeigen in ihrem Aufsatz „Die neugierige Stiftung“ neue Wege für Stiftungen im Zeitalter des Web 2.0 auf. Markus Baumanns ist promovierter Historiker und Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung schumacher & baumanns. Auch er ist Mitglied in Vorständen und Aufsichtsorganen in gleich vier Stiftungen. Torsten Schumacher ist der andere Geschäftsführer der Unternehmensberatung schumacher & baumanns. Er ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und wie Baumanns auchals Autor tätig. Die Autoren zeigen, wie die inhaltliche Arbeit einer neugierigen Stiftung aussieht. Sie stellen klar, welche Bedeutung Social Media als neue Öffentlichkeit zukommt und zeigen Wege mit Tipps für erste Schritte einer Öffentlichkeitsarbeit für Stiftungen im Web 2.0 auf.

Dr. rer.soc. Bertold Broll ist im Vorstand der Stiftung Liebenau (Baden-Württemberg) und in weiteren Stiftungsvorständen tätig. Er zeigt die Besonderheiten und künftigen Chancen kirchlicher Stiftungen auf. Er zeigt deren Traditionen auf und widmet sich den Zukunftsaussichten kirchlicher Stiftungen im Sozialbereich.

Jorg Foitzik ist Diplom-Politologe und geschäftsführender Gesellschafter einer Agentur für Fundraising und Non Profit Kommunikation. Er arbeitet als Berater zahlreicher Stiftungen. Sein Beitrag befasst sich mit aktuellen Trends und Erfolgsstrategien im Fundraising und der Non-Profit-Kommunikation. Hier zeigt er verschiedene Strategien im Fundraising auf und verdeutlicht, dass künftig in der Non-Profit-Kommunikation weniger Tränendrüse, dafür mehr Transparenz, Information und Interaktion gefragt sind.

Der promovierte Jurist und Honorarprofessor für Stiftungsmanagement am Institut für Kultur- und Medienmanagement Marc Gottschald liefert einen Werkzeugkasten vom Stiftungszweck zum Projekt. Er legt dar, wie aus dem Stiftungszweck heraus eine Strategie zu entwickeln ist, wie von dort aus ein Förderschwerpunkt zu entwickeln ist und man von dort aus zum Projekt gelangt.

Jörg Verstl, einer der beiden Herausgeber befasst sich in seinem Aufsatz im Sammelband mit der Kooperation von Stiftungen. Er klärt die Frage, ob es eine Kooperationskultur bei Stiftungen überhaupt gibt, betrachtet rechtliche und steuerliche Aspekte der Kooperation und zeigt ausgewählte Beispiele von Stiftungskooperationen auf.

Der Mitherausgeber Hanns-Stefan Haas widmet sich in seinem Beitrag dem Management einer Stiftung. Dazu wendet er sich den besonderen Kennzeichen von Stiftungen zu und zeigt auf, wie diese Einfluss auf die Managementaufgaben und -verantwortung nehmen.

Marcus Buschka, Geschäftsführer der Haspa Hamburg Stiftung und Andreas Meyer, Direktor der Hamburger Sparkasse und Vorstandsmitglied der Haspa Hamburg Stiftung stellen die Treuhandstiftung als sehr gute Alternative zur selbstständigen Stiftung vor. Sie zeigen die Merkmale einer Treuhandstiftung auf und geben Entscheidungshilfen zur Stiftungsform, selbständig oder unselbständig? Sie erläutern, wie eine Treuhandstiftung errichtet werden kann und weisen darauf hin, was ein Stifter (zusätzlich) wissen sollte.

Diskussion und Fazit

Die Herausgeber stellen zwar heraus, dass sie weder ein wissenschaftliches Grundlagenwerk, noch ein (weiteres) Handbuch zusammen stellen wollten. Dennoch lässt sich das Werk an vielen Stellen, wie ein Handbuch nutzen, da es voller Hinweise, Tipps und nützlicher Strategien ist. Diese Nutzer, die von diesem Buch profitieren könnten, sind selbst im Stiftungsgeschäft tätig, sind Engagierte und Menschen, die sich mit Überlegungen zu einer Stiftungserrichtung tragen. Auch in Stiftungsorganen Engagierte, können von den Inhalten in diesem Buch so manches lernen. Der „bunte Strauss“ an Inhalten ist so vielfarbig und es finden sich so unterschiedliche Stile des Schreibens, Erklärens und Beleuchtens von Zusammenhängen, dass der Leser, der alles „mitnehmen“ will, fast erschlagen ist. Es ist zweifelsfrei so, dass die Herausgeber, in der fast engen Hamburger Stiftungslandschaft, sich die als Mitautoren „herausgepickt“ haben, die nun wirklich zu ihren Fachgebieten und Erfahrungshintergründen etwas zu sagen haben. Ein Dank an die Herausgeber, dass sie diese Crew zusammen gebracht haben. Das Werk zeigt u. a. auf, dass noch viel Potential in der Stiftungslandschaft Deutschland steckt. Potential in den vorhandenen Stiftungen und vor allem auch Potential für neue Stiftungserrichtungen. Sie wollten mit dem Buch anregen, dass die Bürger und noch mehr davon „stiften gehen“. Das trifft sich mit dem Anliegen des Rezensenten. Der Herausgeberband von Haas und Verstl hat Anregungscharakter, da er sehr fundiert ist und mit der Praxis in Stiftungen eng verwoben klärt, Perspektiven schafft und jede Menge nützliche Hinweise enthält.


Rezensent
Prof. Dr. Harmut Bargfrede
lehrt am Studiengang Sozialmanagement der Hochschule Nordhausen u. a. das Vertiefungsgebiet „Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenmanagement und Bürgerstiftungen“


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Zitiervorschlag
Harmut Bargfrede. Rezension vom 14.08.2013 zu: Hanns-Stephan Haas, Jörg Verstl (Hrsg.): Stiftungen bewegen. Ein Perspektivenwechsel zur Gestaltung des Sozialen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-022027-0. Reihe: Diakonie - Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14831.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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