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Babara Drinck: Forschen in der Schule

Cover Babara Drinck: Forschen in der Schule. Ein Lehrbuch für (angehende) Lehrerinnen und Lehrer. UTB (Stuttgart) 2012. 443 Seiten. ISBN 978-3-8252-3776-9. D: 29,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Thema

Es handelt sich um ein Lehrbuch zur empirischen Sozialforschung mit dem Fokus auf Schule und Unterricht. Neben den dazu einsetzbaren Methoden aus der empirischen Sozialforschung werden auch Aspekte der Schulentwicklungsforschung und Schulevaluation dargestellt.

Herausgeberin und Autoren/innen

Prof. Barbara Drinck ist Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Universität Leipzig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Schulentwicklungsforschung, Inklusion, Heterogenitätsforschung und Schulabbrecherstudien. Die Autoren/innen sind entweder ehemalige oder aktuelle wissenschaftliche Mitarbeiter/innen am Lehrstuhl.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf einer Ringvorlesung an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Mitwirkende waren in erster Linie promovierende Wissenschaftler/innen. Eine Reihe von externen Gutachter/innen hat die Texte für die Publikation durchgesehen und verbessert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 4 Hauptkapitel:

  • Warum sich Lehramtsstudierende und Lehrkräfte mit Schulforschung beschäftigen sollen?
  • Welche Ziele hat die Schul- und Unterrichtsforschung?
  • Wie können Schule und Unterricht erforscht werden?
  • Was ist der Nutzen von Schul- und Unterrichtsforschung?

Im kurz gehaltenen Kapitel I, verfasst von Barbara Drinck und Doris Flagmeyer, geht es um aktuelle Professionalisierungsansprüche an Lehrerinnen und Lehrer, welche die Politik, Interessenverbände und Wissenschaftler/innen formuliert haben. In erster Linie gelten Lehrerinnen und Lehrer als Experten für Lernen und Unterricht, mit den damit verknüpften Erziehungsaufgaben. Sie sind aber, laut Beschluss der KMK von 2000 (§ VII), auch verpflichtet, an der Schul- und Unterrichtsentwicklung aktiv mitzuwirken (S. 17). Dies gelingt, wenn die Lehrerinnen und Lehrer über Forschungs- und Evaluationskompetenzen verfügen. In diesem Zusammenhang sehen die beiden Autorinnen das Konzept des forschenden Lernens als besonders erfolgversprechend an. „Das Lehrbuch setzt sich das Ziel, das forschende Lernen auch über das Lehramtsstudium hinaus zu fördern. Es beinhaltet eine Anleitung für eine Forschungsplanung und genaue Beschreibungen, wie Daten im gesamten Feld Schule erhoben werden können. Schulische Evaluation allgemein und Unterrichtsevaluationen im Besonderen werden ausführlich behandelt“ (S. 20).

Das Kapitel II hat die Schul- und Unterrichtsforschung zum Gegenstand. Diesem widmen sich vier Beiträge. Barbara Drinck arbeitet die Besonderheiten des Forschungsfeldes Schule heraus. Empirische Forschung vor Ort verfolge vor allem den Zweck der Steuerung der Schulentwicklung. Damit wird sie zur Schulentwicklungsforschung. Von dieser kann die Schulforschung abgegrenzt werden, die allgemein der Grundlagenforschung und der Theoriebildung diene (S. 25).

Ralph Schubert umreißt die Ziele und Aufgaben der Schulentwicklungsforschung und stellt deren Bedeutung auf der Ebene der Einzelschule heraus. Innovationen an Einzelschulen müssen bestimmten Kriterien (vgl. S. 47 f.) genügen, um nachhaltig zu sein.

Im dritten Abschnitt befassen sich Juliane Keitel und Melanie Schmidt mit Qualitätssicherung im Kontext von Schule. Modelle für schulische Qualität und deren Indikatoren werden vorgestellt, ebenso Grundideen des Qualitätsmanagements. Wie schulische Qualität zu evaluieren ist, wird am Beispiel der externen Schulevaluation im Bundesland Sachsen erläutert.

Der vierte Abschnitt, Aufgaben und Kompetenzen von Lehrerinnen und Lehrern, verfasst von Ralph Schubert, greift Diskurse um Professionalisierung und Kompetenzen dieses Berufsstandes auf. Haupttätigkeit der Lehrerinnen und Lehrer ist das Unterrichten, das als „aktives Klassenmanagement“ (S. 87) zu verstehen ist. Dieser Abschnitt verdeutlicht angehenden Lehrerinnen und Lehrern, welche Rolle ihnen als Akteure im Feld, jenseits von Schulentwicklungsforschung und Schulevaluation, zukommt.

Das Kapitel III gliedert sich in zwei Hauptteile, Forschungsvorbereitung (85 Seiten) und Forschungsmethoden (210 Seiten). Der Abschnitt Forschungsvorbereitung umfasst fünf Beiträge: Forschung muss geplant werden (Christian Herfter und Sebastian Rahtjen), Von der Idee zur Forschungsfrage (Sebastian Rathjen), Grundlagen zum Forschungsdesign (Barbara Drinck), Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Grundlagen (Kathleen Herzog) sowie Forschungsethik (Michael Brock und Sebastian Rathjen).

Sehr zu loben ist, dass erkenntnistheoretische und ethische Rahmenbedingungen empirischer Sozialforschung umfassend beleuchtet werden, auf eine Weise, die sich auch Studienanfängern erschließen sollte. Die Schritt-für-Schritt-Anleitungen in den Abschnitten zur Forschungsplanung und zum Finden und Eingrenzen der zentralen Forschungsfrage sind für Anfänger von besonderem Wert. Im wissenschaftstheoretischen Abschnitt wird zwischen qualitativer und quantitativer Forschung unterschieden, dabei auch deren Gemeinsamkeiten hervorgehoben. Der Abschnitt zur Forschungsethik thematisiert Aspekte des Datenschutzes in allen Phasen empirischer Forschung (Datenerhebung, Auswertung, Rückmeldung der Ergebnisse ins Feld).

Der zweite Hauptteil des Kapitel III hat sechs Grundmethoden der empirischen Sozialforschung zum Gegenstand: Beobachtung (dargestellt von Daniel Diegmann), Leitfadeninterview (Franziska Heinze), Fragebogen (Christian Herfter und Michael Brock), Diskursanalyse (Daniel Diegmann), Analyse sozialer Netzwerke (Michael Brock) und Experiment (Christian Herfer). Damit werden auch Methoden präsentiert, die nicht unbedingt zu den gängigen erziehungswissenschaftlichen Forschungsmethoden gehören (Netzwerkanalyse und Experiment). Alle Methoden werden in ihren qualitativen und quantitativen Aspekten umrissen, mit Ausnahme der Diskursanalyse, die ein rein qualitatives Verfahren ist. Viele Beispiele aus der Schul- und Unterrichtsforschung sowie Verweise auf die historische Entwicklung der jeweiligen Methode machen die Beiträge anschaulich. Die Leser bekommen einen Eindruck, wie unterschiedlich die jeweilige Methode gestaltet und eingesetzt werden kann. Insgesamt liegt der Akzent auf der Datenerhebung. Eine vertiefte Darstellung der Auswertung fehlt. Die Autoren beschränken sich in der Darstellung von Datenauswertungen zumeist auf zwei bis drei Seiten. Statistische Formeln oder Verteilungen bleiben außen vor. Es wird nur gesagt, welche statistischen Verfahren sich bei der Auswertung bestimmter Forschungsfragen oder Designs anbieten (etwa der Chi-Quadrat-Test bei Vierfeldertafeln, vgl. S. 379). Verfahren der qualitativen Text- und Inhaltsanalyse werden in kleinen Exkursen, die sich auf eine Seite beschränken, behandelt.

Das vierte und letzte Buchkapitel besteht aus zwei Beiträgen, Aufbau und Verfassen des Forschungsberichts (Melanie Schmidt, Franziska Heinze und Christiane Herfter) sowie Nutzung bzw. Umsetzung von Forschungsergebnissen an Schulen (Melanie Schmidt und Juliane Keitel). Der Artikel zum Forschungsbericht ist detailreich und sicher eine große Hilfe für Studierende und Examenskandidaten. Der zweite Beitrag behandelt die Frage der Verwertung von Forschung in Schulen und greift etliche Aspekte auf, die in den Erziehungswissenschaften die Diskussion um die Theorie-Praxis-Kluft bestimmen, etwa Überlegungen von Chris Argyris oder Georg-Hans Neuweg. Die Praxisrelevanz erziehungswissenschaftlichen Wissens für pädagogisches Handeln an Schulen und für die Schulentwicklung wird insgesamt gut deutlich.

Diskussion

Das vorliegende Lehrbuch zeichnet sich durch eine präzise, klare Sprache aus, die nicht simplifiziert. Es richtet sich an Studierende, die in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen mit empirischer Forschung zu tun haben. Das Buch ist didaktisch gut aufgebaut, so dass es als Grundlage universitärer Lehrveranstaltungen in allen erziehungswissenschaftlichen Studiengängen dienen kann. Sehr zu loben ist, dass der Verwertungszusammenhang von empirischen Forschungsergebnissen ausführlich berücksichtigt wird. Eine unfruchtbare Methodenkontroverse zwischen qualitativen und quantitativen Methoden wird vermieden. Ein Mangel ist, dass Verfahren der Auswertung in der Regel nur angerissen werden. Deren systematische, vertiefende Darstellung hätte aber vermutlich den Umfang des Buches von knapp 450 Seiten auf das Doppelte anschwellen lassen. So müssen Studierende neben diesem Buch sicher immer mindestens ein weiteres zur Statistik oder zur qualitativen Inhaltsanalyse für ihre Forschungsarbeit zu Rate ziehen. Ein weiterer Mangel ist das Fehlen von einem Stichwortverzeichnis und einem Personenverzeichnis.

Fazit

Barbara Drinck schreibt in ihrer Einleitung: „Unser Lehrbuch ist auf dem deutschen Buchmarkt neu, das Besondere ist die fundierte, aber verständlich geschriebene Einführung in das Gebiet der Schulforschung und der Verfahren der Schulevaluation“ (S. 13). Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. Hinzufügen möchte ich, dass es auch das erste Lehrbuch zur empirischen Sozialforschung ist, das die Methoden der Datenerhebung auf die schulische Lebenswelt bezieht und den Nutzen entsprechender empirischer Forschung für die Schulentwicklung verdeutlicht. Für Studierende, die einen Arbeitsplatz in Schulen oder in entsprechenden Aufsichtsbehörden anstreben, wirkt das Werk sehr motivierend, sich mit Forschung im System Schule und den dazugehörigen empirischen Methoden zu beschäftigen. Darin unterscheidet sich dieses Buch von nahezu allen anderen Lehrbüchern zur empirischen Sozialforschung.


Rezensent
Dr. Burkhard Vollmers
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Zitiervorschlag
Burkhard Vollmers. Rezension vom 02.04.2013 zu: Babara Drinck: Forschen in der Schule. Ein Lehrbuch für (angehende) Lehrerinnen und Lehrer. UTB (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-8252-3776-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14841.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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