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Christiane Perzlmaier, Birgit Sonnenberg: Patenschaften praxisnah

Cover Christiane Perzlmaier, Birgit Sonnenberg: Patenschaften praxisnah. Herausforderungen und Umsetzung von Kinder- und Familienpatenschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-2093-9. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reihe: Edition Sozial.
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Thema

Das Buch beschreibt, wie Patenschaften, die durch Ehrenamtliche geleistet werden, für Kinder und Familien in schwierigen Lebenssituationen eine wichtige Unterstützung sein können. Dabei wird das Thema Patenschaft sowohl grundsätzlich erörtert als auch im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung beschrieben.

Autorinnen

Die beiden Autorinnen, Christiane Perzlmaier und Birgit Sonnenberg, sind als Dipl. Sozialpädagogin bzw. Dipl. Sozialarbeiterin beim Sozialdienst katholischer Frauen München e.V. beschäftigt. Beide verfügen darüber hinaus über eine grundständige Berufsqualifikation als Erzieherin bzw. Krankenschwester. Beim Sozialdienst katholischer Frauen e.V. sind sie die fachlich verantwortlichen Koordinatorinnen für Patenschaftsprojekte.

Entstehungshintergrund

Der Sozialdienst katholischer Frauen e.V. initiiert als Frauenfachverband in München seit 2008 Kinder- und Familienpatenschaften, um damit belastete und sozial benachteiligte Familien und vor allem deren Kinder zu unterstützen. Die Publikation basiert auf den Erfahrungen und Erkenntnissen zu den Projekten „Patenschaften für Kinder psychisch erkrankter Eltern“ und „Patenschaften für junge Familien“, die 2008 bzw. 2009 durch die Autorinnen ins Leben gerufen wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei große Teile untergliedert.

Teil 1, der mit der Frage „Was bedeuten Patenschaften?“ überschrieben ist, schildert sehr facettenreich, was unter Patenschaften grundsätzlich zu verstehen ist. Dies beginnt mit einer begrifflichen Abgrenzung gegenüber Mentoren und Laienhelfern, wobei das Besondere einer Patenschaft in der Qualität der Beziehung (zwischen Paten und in diesem Fall Familien und deren Kindern) liegt, die durch „Parteilichkeit und Loyalität, Da(bei) sein, Brücken bauen, Freiheit und Unabhängigkeit, Exklusivität und Vertrauen sowie Sinnhaftigkeit und Eigenlogik“ ausgezeichnet sei. Als wesentliche Akteure bei der Entstehung einer Patenschaft werden benannt:

  1. ehrenamtliche Paten,
  2. Familien und deren Kinder,
  3. Fachkräfte in sozialen Diensten,
  4. Koordinatorinnen von Patenschaften und die
  5. Träger entsprechender Projekte.

Die öffentliche Jugendhilfe, also Jugendämter werden nicht explizit benannt. Es kann nur vermutet werden, dass diese im Zweifel den sozialen Diensten angehören, die von den Autorinnen sehr allgemein gefasst wurden.

In Kapitel 2 werden Patenschaften als eine mögliche Methode sozialer Arbeit bezeichnet, wobei die nähere Ausformulierung dieser Idee dem wissenschaftlichen Diskurs anheim gestellt wird.

Danach folgt in Kapitel 3 die Beschreibung der „Situation psychisch erkrankter Eltern und ihrer Kinder“, die eine wesentliche Zielgruppe von Patenschaften darstellen. Zurecht verweisen die Autorinnen an dieser Stelle auf betroffene Kinder als „vergessene Angehörige“, die oftmals nicht oder zu spät in den Blick geraten.

In den verbleibenden drei Kapiteln von Teil 1 folgen dann wieder grundsätzliche Ausführungen zu Patenschaften. So wird in Kapitel 4 die „Bunte Farbpalette von Familienpatenschaften“ geschildert, Kapitel 5 beinhaltet die „Balance von Gewinn und Herausforderung für die Paten“ und Kapitel 6 beleuchtet den Aufgabenbereich von Koordinatorinnen, die Patenschaften erfolgreich zu „jonglieren“ versuchen.

Teil 2 des Buches beschreibt, wie bereits erwähnt, die konkrete Realisierung von Patenschaftsprojekten und einzelnen Patenschaften. Es beginnt mit einem Kapitel zu den Rahmenbedingungen zur Umsetzung von Patenschaftsprogrammen. Dabei wird wenig Hoffnung gemacht, dass hier in naher Zukunft eine für die Träger Sicherheit stiftende Regelfinanzierung stattfinden könnte. Verwiesen wird auf eigene Ressourcen, Stiftungen, Lotterien, Förderprogramme und Spenden. In Einzelfällen, so die Autorinnen, „scheint für sekundärpräventive Patenschaften auch eine Finanzierung nach §§ 27f. (Hilfen zur Erziehung) bzw. 35a SGB VIII (Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder) möglich“.

Im Folgenden wird beschreiben, wie Paten und Familien gewonnen werden, wobei auch Ausschlusskriterien genannt werden, bei deren Vorliegen eine Familie für ein solches Projekt nicht geeignet ist. Genannt werden hier „Krisen, vermutete Kindeswohlgefährdung, sexuelle Gewalt, Vernachlässigung und vielfältige, sich kumulierende Probleme“.

Die weiteren Kapitel beschreiben, wie man Familien und Paten zusammenpuzzelt (Kap. 9), wie die fachliche Begleitung von Patenschaften auszusehen hat (Kap. 10), wie wichtig Anerkennung und Wertschätzung in Patenschaften sind (Kap. 11), wie mit Schwierigkeiten in Patenschaften umzugehen ist (Kap. 12) und welche rechtlichen Aspekte einschließlich des Datenschutzes zu beachten sind (Kap. 13).

Diskussion

Im Kapitel 3 des ersten Teils wird auf die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern eingegangen. Da jedoch hinlänglich bekannt ist, dass das Wohl der Kinder/Jugendlichen in solchen Familienkonstellationen nicht mehr durchgängig gewährleistet ist, fehlt hier der Verweis auf die öffentliche Jugendhilfe und eventuell notwendige Hilfen zur Erziehung, weil ehrenamtliche Paten an ihre Grenzen stoßen oder schlichtweg überfordert sind. Offen bleibt auch, wie die fachliche Einschätzung zum Wohl betroffener Kinder vorzunehmen ist, um mögliche Überforderungssituationen frühzeitig zu erkennen. Hier hilft auch der allgemeine Verweis nicht weiter, dass „Patenschaften immer präventive Hilfen und kein Ersatz für professionelle soziale Hilfen“ seien. Im selben Kapitel 3 wird relativ unvermittelt auf die „Evaluation des Projektes im SkF München“ eingegangen. Das passt nicht zum Aufbau von Teil 1, der Patenschaften allgemein thematisiert, zumal in Teil 2, der sich mit der konkreten Umsetzung von Patenschaften befasst, das Thema Evaluation erneut aufgegriffen wird - und hier wäre der geeignete Platz für dieses Evaluationsbeispiel gewesen. Zudem handelt es sich bei der Münchner Evaluation um keine Evaluation im eigentlichen oder engeren Sinne, da bei den Beteiligten Effekte von Patenschaften und Zufriedenheitswerte abgefragt wurden. Notwendig wäre gewesen, dass die ermittelten Ergebnisse mit klaren und vorab formulierten Zielvorgaben abgeglichen worden wären. Zudem ist es nicht opportun und in der empirischen Sozialforschung verpönt, bei so geringen Fallzahlen die Antworten mit Prozentwerten zu versehen. So liest es sich doch einigermaßen merkwürdig, wenn von einer 100%igen Zufriedenheit berichtet wird, hinter der sich elf Kooperationspartner verbergen. Bei der Frage nach den Ausschlusskriterien (2. Teil) liest sich die Auflistung auf den ersten Blick nachvollziehbar die Begriffe bleiben aber vage im Raum stehen. Offen bleibt, wer hier auf welchem Weg mittels der Überprüfung welcher Merkmale zu welcher Entscheidung gelangt. Unklar bleibt auch, wie es für „ausgeschlossene“ Familien weiter geht. Der Ansatz, „Absagen mit Feingefühl zu vermitteln“, greift hier zu kurz.

Kritisch anzumerken ist insofern, dass das Konzept Patenschaften noch nicht hinreichend präzise konturiert scheint, da die Frage, für welche Familien Patenschaften geeignet sind und für welche nicht und vor allem, wie man fachlich fundiert, z.B. durch entsprechende diagnostische Verfahren, zur jeweiligen Entscheidung gelangt, letztlich unbeantwortet bleibt. Diese mangelnde Präzision kommt z.B. zum Ausdruck, wenn einerseits festgehalten wird, „Familienpaten sind für alle Familien eine wichtige Ressource“, andererseits zu Recht Ausschlusskriterien für Patenschaften formuliert werden. Auch scheinen Patenschaften als „präventive Hilfen“, die von Ehrenamtlichen geleistet werden, überfrachtet, wenn man liest, was sie alles zu leisten im Stande sind und dadurch fast den Eindruck gewinnt, es handelt sich um ein Allheilmittel (bessere berufliche Perspektiven für allein Erziehende, sprachliche Förderung, bessere Bildungsabschlüsse, Eröffnung neuer Erfahrungshorizonte, Integration von Migrantenfamilien, das bessere Erlernen der deutschen Sprache, Hilfestellungen zur Kompensation der Folgen von Armut…).

Fazit

Die große Stärke des Buches liegt in einer umfassenden Darstellung von Patenschaften zur Unterstützung von Familien und deren Kindern. Die Aufteilung, die Idee und das Konzept von Patenschaften zunächst allgemein zu beschreiben, und dann in einem zweiten Teil ausführlich auf die konkrete Umsetzung entsprechender Programme einzugehen, macht Sinn, auch wenn dieser Systematik nicht durchgängig gefolgt wird. Unbestritten und sehr gut nachvollziehbar ist auch, dass mittels Patenschaften vielfältige positive Effekte erzielt werden können, wenn so bedacht und sorgfältig vorgegangen wird, wie es die Autorinnen vorschlagen und durch ein Fallbeispiel illustrieren.

Die Idee, dass Patenschaften ein ehrenamtlicher und zivilgesellschaftlicher Ansatz einer demokratischen Gesellschaft sind, besitzt viel Charme. Dabei sollte die Schnittstelle zur öffentlichen Jugendhilfe dennoch mehr in den Focus genommen werden. Einerseits wegen fachlicher Erwägungen, denn wenn das Wohl eines Kindes nicht mehr gewährleistet oder gar gefährdet ist, ist staatliches Handeln unabdingbar. Darüber hinaus könnte das Innovationspotential von Patenschaften weiter befördert werden, wenn versucht würde, diese in bestimmten Fällen als Hilfe zur Erziehung zu konzipieren, um auch eine angemessene Finanzierung für diese eventuell „neue Methode der sozialen Arbeit“ zu realisieren.


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Burmeister
Homepage www.dhbw-heidenheim.de


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Zitiervorschlag
Jürgen Burmeister. Rezension vom 07.08.2013 zu: Christiane Perzlmaier, Birgit Sonnenberg: Patenschaften praxisnah. Herausforderungen und Umsetzung von Kinder- und Familienpatenschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2093-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14849.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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