socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Maria A. Wolf, Elisabeth Dietrich-Daum u.a. (Hrsg.): Child Care (Fremdbetreuung)

Cover Maria A. Wolf, Elisabeth Dietrich-Daum, Eva Fleischer, Maria Heidegger (Hrsg.): Child Care. Kulturen, Konzepte und Politiken der Fremdbetreuung von Kindern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 360 Seiten. ISBN 978-3-7799-2848-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Juventa Paperback.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Der Sammelband beschäftigt sich mit historischen Wurzeln und aktuellen gesellschaftlichen Impulsen für die Ausgestaltung der Fremdbetreuung, beleuchtet gleichfalls aber auch die politischen und (erziehungs-)wissenschaftlichen Reaktionen auf diagnostizierte veränderte Bedarfe und gesamtgesellschaftliche Umdenkungsprozesse hinsichtlich der Fremdbetreuung.

Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen sind Mitglieder des Forschungsnetzwerks GENDER, CARE and JUSTICE, das nach eigener Darstellung interdisziplinäre Antworten auf die Frage nach dem Zusammenhang von kulturellen Werten, sozioökonomischen Strukturen und gesellschaftlichen Bevorzugungen bestimmter Lösungsmodelle sucht. Ein Ergebnis dieses fachlichen Austauschs ist der vorliegende Sammelband, der speziell die Fremdbetreuung von Kindern behandelt.

Aufbau

Die Publikation ist im Wesentlichen in drei Teile gegliedert.

  1. Der erste Teil umfasst vier Beträge zu politischen und rechtlichen Konzeptionen der Fremdbetreuung in der Gegenwart.
  2. Im zweiten Teil werden in fünf Artikeln Erziehungs- und Bildungskonzepte der Fremdbetreuung vorgestellt.
  3. Teil drei enthält acht Beiträge, die einen Blick in die Geschichte der Fremdbetreuung werfen und Care-Kulturen aus historischer Perspektive diskutieren.

Im Vorspann der drei großen Kapitel führt Maria A. Wolf quasi ins Thema ein, indem sie einen kurzen Einblick in die dominanten Stränge der aktuellen gesellschaftlichen Sicht auf Fremdbetreuung gewährt, diese Sichtweisen historisch herleitet und ihre Gültigkeit bzw. Schwächen unter Berücksichtigung aktueller Lebenspraxen von Familien hinterfragt.

Zu Teil 1

Im Teil eins erfolgt der Aufschlag durch Eva Fleischer mit einem Beitrag über „Kinderbetreuung in Österreich – rechtliche Grundlagen und Strukturen“. Sehr detailliert, aber nicht überladen werden bundes- und landesspezifische rechtliche Rahmungen der Fremdbetreuung und wiederkehrende Formen der außerfamiliären Kinderbetreuung vorgestellt und in ihren Stärken und Schwächen analysiert.

Erna Appelt diskutiert daran anschließend den „Einfluss der EU auf den politischen Diskurs um Kinderbetreuung in Österreich“ und zeigt Impulse auf, die dazu beigetragen haben, dass sich Österreich seit seinem EU-Beitritt nach ihren Worten vom Schlusslicht ins Mittelfeld insbesondere hinsichtlich der institutionellen Kinderbetreuung der unter Dreijährigen bewegt hat. Karin Beher,

Carmen Klement und Brigitte Rudolph nehmen in ihrem Beitrag „Europäische Annäherung? Betreuungsarrangement von Kindern in Deutschland und Finnland“ einen Ländervergleich vor. Sie stellen die Unterschiede unter Einbezug gesellschaftlich divergierender Herausforderungen in beiden Ländern im 20. Jahrhundert heraus, liefern aber auch interessante Argumente dafür, dass die Länder mindestens in der Vorstellung der Bevölkerungen über die bestmögliche Betreuung von Kindern deutlich weniger voneinander abweichen als allgemein angenommen.

Das erste Kapitel schließt mit einem Beitrag von Anke Spies über „Care in Kooperation“, in dem die Autorin ein kommunales Präventionskonzept (der Stadt Delmenhorst) vorstellt, das sich durch eine Vernetzung von Jugendhilfe, Schule und Gesundheitshilfe auszeichnet und angesichts einer Vielzahl von Praxisbausteinen für Familien mit Kindern aus ihrer Sicht ein gelungenes Beispiel für ein kommunal verantwortetes und interdisziplinär getragenes Care-Netz darstellt.

Zu Teil 2

Im Teil zwei skizzieren Lieselotte Ahnert, Tina Eckstein-Madry und Barbara Supper zunächst sehr gelungen die „öffentliche Kleinkindbetreuung im Blickpunkt moderner Bindungsforschung“. Klassische Grundannahmen zur Bindung werden auch für themenfremde Leser/innen kurz und bündig, aber verständlich präsentiert und aktuellen Befunden der Forschung, auch aus einer eigenen Studie gegenübergestellt.

Berrin Özlem Otyakmaz und Manuele Westphal richten den Fokus auf den Diskurs um „außerfamiliäre Betreuung von Kindern mit Migrationshintergrund“. Dabei wird die Nennung von Familien mit Migrationshintergrund als besonders unterstützungs- und hilfebedürftig angenehm kritisch hinterfragt, und die Autor/innen geben interessante Impulse zur Reflexion der Passgenauigkeit der Betreuungsangebote für die Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.

Tanja Betz liefert in ihrem Artikel über „Ungleichheit im Vorschulalter“ durch einen vertiefenden Blick in die z. T. schwache, z. T. auch widersprüchliche Datenlage Anlass zur Diskussion der Frage, worauf fachpolitische Positionen und Forderungen basieren, die per se von einer Verringerung sozialer und kultureller Ungleichheiten beim Besuch einer Kindertagesstätte ausgehen. Und sie zeigt auf, welche Fragestellungen für weitere Forschung tatsächlich dazu dienen könnten, hier Licht ins Dunkel zu bringen.

Anneliese Bechter, Flavia Guerrini und Michaela Ralser behandeln in ihrem Artikel die Fremdunterbringung im Sinne der Heimerziehung und zeichnen anhand eines historischen Rückblicks in die Geschichte der Fürsorgeerziehung im Tirol der 1960er und 1970er Jahre eindrücklich nach, dass nicht die gesunde Entwicklung junger Menschen handlungsleitend für die Maßnahmen der Jugendwohlfahrt jener Zeit waren, sondern vielmehr „das proletarische Kind und seine uneheliche Mutter als Objekte öffentlicher Erziehung“ vielfältigen Repressalien ausgesetzt wurden, um die bürgerliche Konstruktion dieser Zielgruppen als „unverhältnismäßige Subjekte“ zu untermauern.

Karl August Chassé spannt einen größeren historischen Bogen, skizziert unter dem Titel „Kindeswohl – Lost in care?“ zunächst die wesentlichen Eckpunkte der neuzeitlichen Konstruktion von Kindheit und Kindeswohl und damit einhergehende Widersprüchlichkeiten, bevor er sich der Gegenwart zuwendet, u. a. dem Paradigmenwechsel in der Kinder- und Jugendhilfe und damit verbundener Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung des Hilfeangebots mit seinen Stärken, aber auch Schwächen.

Zu Teil 3

Teil drei beginnt mit einer Analyse des politischen Diskurses um den Kindergarten im Wien der letzten 50 Jahre, verfasst von Julia Seyss-Inquart und überschrieben mit „über Erziehungsobjekte, berufstätige Mütter und fehlende PädagogInnen“. Angelehnt an Foucaults Definition von Diskurs wird demzufolge aufgezeigt, inwiefern sich die Einschätzungen, Vorstellungen etc. von Kindern, Eltern und pädagogischen Fachkräften verändert oder auch lange Zeit stabil gehalten haben, in Wechselwirkung nicht zuletzt mit vorrangigen politischen Interessen.

Michaela Ralser und Benedikt Sauer zeichnen einen „Aufstand der Sitzenbleiber“ am Beispiel der Schülerschule von Barbiana im Italien der 1950er und 1960er Jahre nach, die 1954 von dem Geistlichen Lorenzo Milani für Kinder der armen Bevölkerung gegründet wurde und einem im heutigen Verständnis ganzheitlichen Lernkonzept in mehrfacher Hinsicht mit entsprechend nachhaltigen Erfolgen für die Schülerschaft Raum gab.

Horst Schreiber behandelt im Anschluss die „Heimerziehung in Österreich 1945 – 1990“ und macht einmal mehr ersichtlich, dass und wie Jugendhilfe der Vergangenheit mithilfe des Begründungsmusters, sozial auffälliges Verhalten sei Folge genetischer Faktoren, vorrangig darum bemüht war, junge Menschen, die aufgrund erfahrener Beeinträchtigungen ihres Kindeswohls in ihrem Erscheinungsbild, ihrer Selbstdarstellung und ihrem Verhalten nicht der Norm entsprachen, auszugrenzen und wegzusperren.

Kerstin Dietzel zeichnet im Anschluss mit ihrer Abhandlung über „Fremdbetreuung von Kindern in NS-Fürsorgeheimen“ ein ähnliches Bild bzw. zeigt ähnliche Mechanismen auf für die Situation im Deutschland jener Zeit. Anhand zweier Biografien veranschaulicht sie die Willkür und Grausamkeit gegen Kindern beiderlei Geschlechts, die damals als verwahrlost oder minderwertig eingestuft wurden.

Gudrun Wolfgruber beleuchtet wiederum eine Phase in der Geschichte der österreichischen Jugendhilfe und sucht Antwort auf die Frage, ob in der Jugendwohlfahrt der Ära des Roten Wien „Fremdbetreuung als Schutz?“ gedacht und umgesetzt wurde. Anhand einer Dokumentenanalyse macht sie deutlich, dass der Bau der Wiener Kinderübernahmestelle, einer Art Notaufnahme, in den 1920er Jahren mit der Idee verbunden war, Mädchen und Jungen dort eine ihrem Wohlergehen zuträgliche Ersatzfamilie zu bieten, die reale Praxis indessen dazu führte, dass dort untergebrachte Kinder kaum weniger Schaden genommen haben dürften als im Herkunftssystem.

Susanne Andresen behandelt unter dem Titel „Fremdbetreuung als Emanzipationsprojekt?“ eine Form der Fremdunterbringung in der Vergangenheit, deren Zielgruppe nicht in erster Linie Kinder aus sozial schwachen Familien waren, die sogenannte Landerziehungsheime der Reformpädagogik. Sie stellt gleichfalls Idee und Wirklichkeit gegenüber, und zeigt auf, dass den Befürworter/innen der Landerziehungsheime die Reflexion der eigenen Ansätze und ihrer Wirkung nicht umfänglich gelungen ist.

Nachfolgend richtet Iris Ritzmann den Blick in die Geschichte des südlichen Deutschlands, genauer in die Zeit der Aufklärung. „Aus ‚Jaunerkindern‘ nützliche Bürger machen“ war nach ihrer Rückschau die Zielsetzung einer Ludwigsburger Erziehungsinstitution, die im 18. Jahrhundert Kinder von sozial ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen aufnahm, etwa Kinder von fahrenden Gruppen oder Kriminellen, in der damaligen Vorstellung häufig ein und dasselbe. Auch sie macht deutlich, welche Faktoren dazu beigetragen haben, dass die Zielsetzung angesichts der eingesetzten Mittel und Wege kaum annähernd erreicht werden konnte.

Marina Hilber befasst sich abschließend noch einmal mit der Historie von Tirol und leuchtet die Dimensionen obrigkeitlicher Fürsorgepolitik im 19. Jahrhundert in einem Artikel über die Fremdbetreuung der „Findelkinder“ (vorwiegend Kinder lediger Mütter) der damaligen Zeit aus. Etwas überspitzt ließe sich formulieren, dass hier kurz, aber prägnant der Auf- und Niedergang eines von der Idee her durchaus sinnvollen Schutzkonzeptes für Säuglinge und Kinder skizziert wird inklusive der Gründe, die zum Auf- und Abbau führten.

Diskussion

In dem Band findet sich wieder, was Untertitel und Klappentext ankündigen. Vergangenheit und Gegenwart der Fremdunterbringung von Kindern werden auf der Grundlage aktueller Forschungen umfänglich thematisiert und diskutiert. Die Beiträge gewähren allesamt, aber individuell unterschiedlich gewichtet einen detaillierten Einblick in die Einflussfaktoren, welche die jeweilige fokussierte Praxis determinier(t)en und wirken argumentativ überzeugend im Hinblick auf die Schlussfolgerungen bezüglich der Wirkung der jeweiligen Praxis. Auch werden durchgängig geschlechtsspezifische Differenzen in Konzeptionen und Auswirkungen herausgearbeitet und damit im Sinne eines roten Fadens die Beiträge auch über die Epochen hinweg quasi unsichtbar miteinander verbunden. Die Einbindung konkreter Forschungsergebnisse und im Besonderen von Fallbeispielen in Beiträgen über die Vergangenheit der Fremdunterbringung untermauern die Behauptungen sehr eindrücklich.

Nicht in jeder Hinsicht nachvollziehbar ist die Zuordnung der Artikel zu den einzelnen Teilen. So wären etwa die letzten beiden Artikel aus Teil zwei angesichts der Analyse historischer Aspekte eher im dritten Teil zu erwarten gewesen.

Fazit

Der Band ist empfehlenswert für Fachkräfte und Laien, die sich für das Thema Fremdunterbringung interessieren und ihr Wissen über gesellschaftliche Hintergründe, theoretische Ansätze, Praxiskonzepte und der Wirkung vertiefen möchten. Er gibt vielfältige Anstöße zur Perspektiverweiterung und ist gerade auch angesichts der aktuellen Debatte über die Praxis der stationären Jugendhilfe in der Vergangenheit eine gelungener Beitrag zur genaueren Betrachtung der Wechselwirkung von gesellschaftlichen Verhältnissen und daraus erwachsenden Theorien und Praxismodellen.


Rezension von
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


Alle 13 Rezensionen von Claudia Bundschuh anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 24.12.2013 zu: Maria A. Wolf, Elisabeth Dietrich-Daum, Eva Fleischer, Maria Heidegger (Hrsg.): Child Care. Kulturen, Konzepte und Politiken der Fremdbetreuung von Kindern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2848-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14852.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung